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Die Wahrheit · 1935-08-16 · Heft 33 (16.8.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 33 (16.8.1935)
Date
1935-08-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 33 — 16. August 1935 DIE WAHRHEIT Mitglieder und Freunde der „Union" S^ÄÄd« Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prafer Äusstellungsstr. (vis-ä~vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. Dr. Leo Deutsehländer s. A. Ein Gedenkblatt von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. WIEN II., Praierstraße Telephon n 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Der zum unsagbaren Schmerz Unzähliger vorzeitig Entrissene gehörte zu den in der Menschheit wie im Judentum überaus spärlich vorhandenen „Anavim", d. h. zu jenen nicht etwa bloß äußerlich, sondern seelisch „Demütigen" und „Bescheidenen", die in der Arbeit für die Umwelt ihre Interessen, Ansprüche, ja selbst die eigene Persönlichkeit für gering erachten, sich mit allem bescheiden und einem Dochte gleichen, an dem die Flamme haftet, bis er voll und ganz verzehrt wird. Schon in den Prophetenbüchern und in den Psalmen wird dieser edlen Schichte der „Anavim" Erwähnung getan. Der Talmud selber drückt dies in den Worten aus: „Gott meint: Die ganze Welt wird des Verdienstes meines Sohnes Chananja willen gespeist, er selber aber nährt sich von einem Freitagabend bis zum anderen von einer Handvoll getrockneter Feigen." Als solche wahrhaft Bescheidene bewährten und bewegten sich, obschon ihre Ziele verschiedenartig weit auseinander gingen, auf ein und derselben Linie hier in Wien Dr. Julius Ofner, Popper-Lynkeus und der unvergeßliche Oberrabbiner Dr. Chajes; diesen reihte sich würdig Dr. Leo Deutschländer an. Derselbe besaß eine gewaltige universelle Bildung, die ihn befähigte, ein Goetheforscher zu sein. Ebenso hatte er sich ein beachtenswertes hebräischtalmudisches Wissen angeeignet. Hiezu gesellte sich ein nicht alltägliches Organisationstalent Dies alles aber stellte er demütig anspruchslos in den Dienst seiner glühenden Liebe zum Judentum, und zwar zum religiösen. Worin bestand sein Wirken und sein Werk? Nur durch ein Gleichnis ist dies zu erklären. Man denke sich einen Exporteur, der von seinem schlichten engen Büro aus in fern liegenden Ländern Plantagen anlegt, erweitert, sie von Zeit zu Zeit besichtigt und den reichen Ertrag derselben den armen Bewohnern der Länder überläßt Von Wien, von seiner bescheidenen Arbeitskanzlei aus hatte der Verstorbene nicht weniger als 277 Schulen in Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien, Litauen, Ungarn und selbst in Palästina ins Leben gerufen und beaufsichtigt. Die Anzahl der ständigen Schülerinnen belief sich im letzten Jahr auf 32.820, die in den Fortbildungsgruppen 8600, zusammen mehr als 40.000. Diese Schulen, Beth Jakob genannt, sind nur der Erziehung der jüdischen Mädchen gewidmet. — Weshalb diese Begrenzung, wird wohl mancher fragen? Man dürfte sich aber erinnern, daß vor dem Kriege die jüdische Welt und auch das österreichische Parlament nicht selten von den Nachrichten widerhallte, daß jüdische Mädchen orthodoxer Familien aus dem Elternhause flüchteten, in den Klöstern Aufnahme fanden und diese sie trotz des Bestrebens der Eltern und Einschreiten der Behörden nicht mehr herausgeben wollten. Die Veranlassung dieser traurigen Erscheinung war, daß die orthodoxen Kreise des Ostens ihre Kinder nicht in die öffentlichen Schulen schickten, den Knaben wohl auf den Jeschiboth eine geistige, wenn auch einseitige Erziehung zu Teil werden ließen, die Mädchen aber ohne jede Anregung und Belehrung zu Hause blieben. Diese aber schlugen nicht selten aus innerem Trotz in das Gegenteil um und kehrten dem Vaterhause und dem väterlichen Glauben den Rücken. — Eine schlichte Frau aus Krakau, die während des Krieges in Wien weilte, faßte die Idee, diesem Uebelstand abzuhelfen und gerade für diese weil nicht richtig geleiteten, irregehenden Mädchen eine Schule ins Leben zu rufen. Dr. Deutschländer stellte sich in den Dienst dieses Gedankens, erfüllte ihn mit ebenso modernem wie unerschütterlich religiösem Inhalt, so daß selbst die radikal orthodoxen Rabbiner des Ostens ihm keinen Widerstand leisteten und er wie mit einer lodernden Fackel in den kleinsten Ortschaften das Licht einer jüdischen, tief religiösen Kultur entzünden konnte. Bezeichnend für die Geistesrichtung, die er den Schülern wies, ist das Programm des Lehrerinnen- Seminars in Krakau. Im Mittelpunkt des Unterrichts stehen die hebräischen Gegenstände; aber auch Pädagogik, Literatur, die polnische Sprache, Geographie, Geschichte, Weltliteratur, Turnen und Gesundlieitslehre werden dort doziert Man glaubt einen Weisen des Altertums sprechen zu hören, wenn man in dem von Dr. Deutschländer verfaßten Tätigkeitsbericht den Passus liest: „Besonderer Wert wird auf die sogenannte Mussar-Erziehung gelegt, die Losung ist: Erkenne den Menschen, besonders dich selbst Um die Charakterbildung in diesem Sinne wirksam zu beeinflussen, werden allgemeine Gespräche geführt. Ernst Aufrichtigkeit, Erzeugung einer seelischen Grundstimmung sind populäre Losungen im Seminar." In Wien selber hat es Doktor Deutschländer verstanden, in den Rahmen des bekannten vortrefflichen Dr. Krüger-Heimes sein Beth Jakob-Lehrerinnen-Seminar einzubauen. Nicht weniger als 10 Länder entsenden ihre jüdischen Mädchen in diese Anstalt um daselbst die Lehrbefähigung zu erlangen und sodann zumeist wieder in die Heimat zurückzukehren, woselbst sie im Sinne ihres geistigen Leiters wirken. Ist der ganze Aufbau des Schulwesens als gigantisch zu bezeichnen, eine nicht minder gewaltige Leistung bedeutete, die Erschließung der finanziellen Quellen. Sowohl in Wien als auch in Nord-Amerika, England, Schweiz, Holland, Süd-Afrika hat der Verstorbene Propagandakomitees geschaffen, die für die Erhaltung des Riesenwerkes Sorge trugen und es noch ermöglichten, neue Zweige am Lebensbaum hinzuzufügen, den der Verklärte gepflanzt und groß gezogen hat — Der Talmud meint, daß jeder Mensch 3 Namen besitze. Der eine stamme von den Eltern, den zweiten geben ihm die Mitmenschen und mit dem dritten trage er sich selber in das Buch seines Lebens ein. Der Verblichene hatte von seinen Eltern einen klangvollen Namen erhalten. Seinen Vater, Dr. Nathan Deutschländer, einen der ältesten „Eisenstädter" Jünger unseres gemeinsamen Lehrers und Meisters Dr. Israel Hildesheimer, hatte ich z. B. in Berlin als pädagogisch bewährten Leiter einer Religionsschule kennen gelernt, dessen Vorbild sicherlich den dem Vater nachstrebenden Sohn beeinflußt hatte. Die österreichische Regierung hatte Dr. Deutschländer für seine Tätigkeit während des Krieges den Titel eines Ministerial-Rates verliehen, den er aber nicht benützte. Fortleben wird er unter dem Namen eines reinen Idealisten, als ein „Demütiger", der den Mut besessen hatte, Großes aufzubauen, als ein „Stiller", über dessen Heimgang durch viele Länder der Klageruf laut und anhaltend erschallt Mit Blitzeseile verbreitete sdch am Tischo b'Awim jüdischen Wien die erschütternde Nachricht vom Ableben des im Alter von 46 Jahren verstorbenen Herrn Dr. Leo Deutsch lande r. Um V*10 Uhr abends wurde der Verblichene vom Sanatorium in die Räumlichkeiten der Keren Hathora-Zentrale, der Stätte seiner segensreichen Wirksamkeit überführt. Hierzu fand sich, trotz der späten Nachtstunde und obwohl der Fasttag kaum vorbei war, eine große Zahl von Freunden des Dahingeschiedenen, führenden Persönlichkeiten der Wiener Orthodoxie ein, die in tiefbewegtem Zug dem Wagen, am Dr.- Krüger-Heim vorbei, dessen sämtliche^ Fenster beleuchtet waren, folgten. Mitglieder derirAs:udas Jisroel Jugendgruppe bezogen die Ehrenwache in der Keren Hathora- Zentrale. Das Leichenbegängnis selbst war für Freitag, 11 Uhr vormittags, angesetzt. Lange vorher schon sah man aus allen Richtungen die Menschen herbeiströmen. Der Verkehr mußte aus der Leopoldsgasse abgelenkt werden. Kopf an Kopf standen inzwischen oben in der Keren Hathora-Zentrale die, die Einlaß fanden, und lauschten mit Tränen an den Augen den ergreifenden Hespedim. Herr Wolf Pappenheim würdigte die Verdienste des Heimgegangenen um die Agudas Jisroel im allgemeinen, um den Keren Hathora und um das Beth Jakob-Schulwerk im besonderen. Nach ihm sprach Rabbinatsassessor Schlomo Baumgarten ergreifende Abschiedsworte in Vertretung des ehrw. Herrn Oberrabbiners Fürst. Erschütternd wirkte das letzte Lebewohl, das Herr Rabbiner Moses Blech mit tränenerstickter Stimme m tiefster Wehmut dem Verblichenen gab. Namens des Vorstandes der Adas Jisroel nahm Herr Komm.-Rat Siegmund B o n d i Abschied, indem er Dr. Deutschländers bezwingendes, stets liebenswürdiges und hilfsbereites Wesen schilderte. Herr Schabse Schönfeld würdigte den väterlichen Vorgesetzten, der mehr als das ein opferbereiter Freund war, für alle persönlichen Sorgen des Alltags Rat und Hilfe wußte und dem seine Mitarbeiter ein ewiiges, treues Angedenken bewahren werden. Von einer unübersehbaren Menschenmenge gefolgt, nahm nun der Leichenwagen seinen Weg über die Leopoldsgasse, Krummbaumgasse, an der Schiffschul vorbei, wo Halt gemacht wurde und Herr Isak Thum dm namens des Vorstandes des Badner Waisenhauses der Agudas Jisroel dem Verblichenen für seine Mitarbeit dankte, und Obere Donaustraße bis zur Salz torbrücke. Auch auf dem Zentralfriedhof (IV. Tor) fanden sich ungezählte Freunde und Verehrer des Verblichenen, Delegationen verschiedener Körperschaften und Vereinigungen ein, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Hier sprach als erster Herr Rabbiner Dr. Joel Pollak, der jahrelang ein Wegbegleiter des Herrn Dr. Deutschländer ■war, mit ihm bei der Errichtung und Leitung des Wiener Beth Jakob-Lehrerseminars zusammenarbeitete und sich zum Kreis seiner intimsten Freunde zählte. Meisterhaft ließ er das Bild des unvergeßlichen Toten wiedererstehen, seine aufopferungsvolle Hingabe an sein Lebenswerk, seine grandiosen Erfolge und — trotz alledem — seine bescheidene Zurückgezogenheit und sein liebevolles Sich-Einfühlen in die Nöte und Bedürfnisse seiner „Kinder". Denn Kinder waren ihm die zehntausende Beth Jakob-Lehrerinnen und -Schülerinnen in aller Welt die seinen Namen hinaustragen werden und einen lebenden, jüdisches Leben spendenden Gedenkstein bilden. Ergreifend waren die Abschiedswortei die Herr Rabbiner M. Flesch namens der Stumperschul, deren Mitglied Dr. Deutschländer war, hielt. Dann sprachen noch sehr ergreifend Herr Oberrabbiner Dr. C a r l e b a ch - Baden b. W., Herr Heinrich Eisemann -Frankfurt a. M. im persönlichen Auftrag des Präsidenten der Agudas Jisroel-Weltorganisation, Jakob Rosenheim, der aus äußeren Gründen an der Reise nach Wien verhindert war, im Namen der Exekutive der Agudas Jisroel und im Namen der Familie. Schließlich hielt Komm.-Rat Theodor L a s s n e r in Vertretung der Bne-Brith-Loge „Eintracht" dem Bruder einen -warmgefühlten Nachruf. Ueber eine am Mittwoch abends im Dr. Kr üige r¬ Heim stattgehabte imposante Trauerfeier werden wir in unserer nächsten Nummer berichten. Das Bestattütigswesen. Wir erhalten folgende Zuschrift: In einer an die Redaktion der jüdischen Zeitung „Die Stimme" gerichteten Zuschrift, die in Nr. 474 vom 13. August 1935 dieser Zeitung veröffentlicht wurde, beschäftigt sich Herr Josef H. Waltuch als Obmannstellvertreter der Friedhofskommission mit der von mir an die Redaktion der jüdischen Wochenschrift „Die Wahrheit" in Wien gerichteten Zuschrift. Herr Waltuch bestätigt, daß dem Obmann der Friedhofskommission nur ein Vorschlagsrecht an das Präsidium zusteht, womit auch er unumwunden zugibt, daß dem Präsidium das Recht zusteht, den Vorschlag des Obmannes der Friedhofskommission zu akzeptieren oder abzulehnen. Mehr habe auch ich nicht behauptet. Ich weiß also nicht, warum Herr Waltuch;sich veranlaßt gesehen hat, die von mir vorgebrachten Behauptungen bezüglich des Vorschlagsrechtes „nicht unerwidert zu lassen". Herr Waltuch versucht, meine Tätigkeit als Obmann der Friedhofskornmission in der Weise herabzusetzen, daß er mir den Vorwurf macht, als würde ich nicht den „Willen haben, ins Amt zu kommen und jeden einzelnen Akt gründlich und individuell zu behandeln." Ich fordere Herrn Waltuch auf, durch Anführung konkreter Tatsachen festzustellen, welche Akten von mir nicht erledigt wurden und. bei welchen Akten ich es an der notwendigen Gründlichkeit und an der individuellen Behandlung fehlen ließ. Weiters fordere ich Herrn Waltuch auf, mir mitzuteilen, woher ihm die genaue Kenntnis der Art der Erledigung der Akten durch mich bekannt ist. Keinesfalls kann Herr Waltuch, der sehr selten ins Friedhofsamt kommt, aus eigener Wahrnehmung diese Behauptungen aufgestellt haben. Obwohl ich es nicht notwendig habe, mir von Herrn Waltuch Belehrungen erteilen zu lassen, ob ich die eine oder andere Angelegenheit des Friedhofsamtes telephonisch zu erledigen habe oder nicht, möchte ich doch, um die Kritik des Herrn Waltuch an meiner Arbeit ins richtige Licht zu rücken, der Oeffentlichkeit mitteilen, daß es gerade beim Bestattungswesen notwendig ist, daß der Obmann der Friedhofskommission jederzeit mit dem Amte in ständiger Fühlung ist. Ich habe daher den Amtsleiter und alle Angestellten ersucht, mich zu jeder Tages- und Nachtstunde telephonisch anzurufen, um mit mir alle Angelegenheiten besprechen zu können. Von diesem Rechte wird auch ausgiebigst Gebrauch gemacht. Ich muß aber weiters noch feststellen, daß noch viel häufiger, als ich von den Beamten angerufen werde, icli selbst während des Tages mit dem Friedhofsamt telephoniere, um jederzeit über alles, -was dort vorgeht, genauest informiert zu sein. Ueber meine Tätigkeit a u ß e r h a 1 b der Büros des Friedhofsamtes hat sich Herr Waltuch wissentlich ausgeschwiegen. Warum hat Herr Waltuch meine Tätigkeit nicht kritisiert, die ich dadurch entfalte, daß ich ohne Rücksicht auf die Zeit, auch zu später Nachtstunde in den Wohnungen der Verstorbenen erscheine und die Abholung der Leichen kontrolliere, daß ich die rituellen Waschungen auf dem Friedhofsamte, die Exhumierungen, kurz und

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