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Die Wahrheit · 1935-08-16 · Heft 33 (16.8.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 33 (16.8.1935)
Date
1935-08-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 33 — 16. August 1935 Seite 3 Zionisten ..bestellen Nichtzionisten. 99 -Möglichst unauffällig teilt die „Stimme" vom 13. August 1935 mit," daß im Auftrage der Exekutive „die in Betracht kommenden zionistischen Stellen" vor etlicher Zeit Verhandlungen über „die Entsendung einer Vertretung der nichtzionistischen Palästina-Freunde" in den Council der Agency aufgenommen haben. Die „Stimme" schafft neue Diktionen, die in der wirklichen "Konstitution iür die Jewish Agency nicht zu finden sind. Dort ist nicht von nichtzionistischen Palästina-Freunden die Rede, sondern von Zionisten und Nichtzionisten. Der Artikel 4 des Mandates vom 24. Juli 1922 sieht die Jewish Agency als eine öffentliche Körperschaft an, mit der Aufgabe, der Verwaltung Palästinas in wirtschaftlichen und sozialen und anderen Angelegenheiten Rat und Mitarbeit zu gewähren, immer vorbehaltlich der Kontrolle durch die Verwaltung an der Entwicklung des Landes teilzunehmen und zu helfen. Die zionistische Organisation selbst hat die Errichtung einer erweiterten Jewish Agency vorgeschlagen, in welcher den Nichtzionisten eine angemessene Vertretung gegeben werden sollte, um es ihnen zu ermöglichen, gemeinsam mit der zionistischen Organisation an den Rechten und Pflichten der Jewish Agency teilzunehmen. Was unter Nichtzionisten zu verstehen ist, kann nicht zweifelhaft sein. Nichtzionisten sind alle Juden, die parteimäßig oder nicht gegen den nationalen und politischen Zionismus eingestellt sind, die den Aufbau Palästinas auf einer rechtlich gesicherten Grundlage als einer Heimstätte für heimatlose Juden oder von der Gefahr der Heimatlosigkeit bedrohte Juden begrüßen und fördern, die aber die Verstiegenheiten der Schaffung eines souveränen Juden- Staates in Palästina auf nationaler Grundlage verdammen und darin die Verletzung des zweiten Teiles der Balfour-Deklaration erblicken, in der es heißt, „daß nichts getan werden soll, was die Rechte und den politischen Status der Juden in irgend einem Lande beeinträchtigen könnte". Diese ..Nichtzionisten" akzeptieren auch die Formulierung des 1. Zionisten-Kongresses der „Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" ohne die Worte „für das jüdische Volk", weil es ihrer Ueberzeugung nach ein einheitliches jüdisches. Volk mangels gemeinsamer . Sprache, gemeinsamer Kultur, mangels einer gemeinsamen Geschichte in den letzten 2000 Jahren und mangels eines Landes nicht gibt. Eine Heimstätte haben nur jene notwendig, die kein Heim besitzen. Für die große Mehrheit der Juden auf der ganzen Welt, die in der glücklichen Lage sind, seit Jahrhunderten eine Heimat und eine Heimstätte zu besitzen, die Bestandteile der Völker geworden sind, mit denen sie leben, kommt die Schaffung einer neuen Heimstätte in Palästina überhaupt nicht in Frage. Das kann und darf sie aber nicht daran hindern, für ihre unglücklichen Glaubensgenossen,-die einer Heimat entbehren, eine Heimstätte zu schaffen. Deshalb wurde die Mitwirkung der Nichtzionisten in der Jewish Agency von der zionistischen Organisation verlangt. Gegen die Bestellung dieser österreichischnichtzionistischen Vertreter in der Jewish Agency durch das „Zentrale Palästina-Komitee" der B'nai B'rith-Logen, bzw. das „Neutrale Komitee des Keren Hajessod" müssen wir wie schon im Jahre 1931 entschieden Einsprache erheben. Das richtet sich nicht gegen die bestellten Personen, die alle sehr ehrenwert sind und die uns zum Teil nahestehen, sondern gegen die konstitutionswidrige Art ihrer Bestellung. Die Verfassung der Jewish Agency für Palästina schreibt im Punkt 5, Absatz 3, genau vor, wie die Vertreter der Zionisten und Nichtzionisten in den Council zu entsenden sind. Dort heißt es: „Die zionistische Organisation bestimmt ihre Vertreter gemäß ihrer eigenen konstitutionellen Praxis. Die zur Vertretung im Council berechtigten Nichtzionisten der verschiedenen Länder bestimmen ihre Vertreter in einer solchen Weise und für eine solchen Zeitraum, wie es in jedem Einzelfalle den örtlichen Verhältnissen am besten entspricht. Hiebe! wird als leitendes Prinzip anerkannt, daß die Art der Bestimmung soweit als möglich demokratischen Charakter haben soll." Danach kann es keinem Zweifel unterliegen, wer in Oesterreich die nichtzionistischen Vertreter der Jewish Agency zu bestellen hat. Die „Union" hat bei den letzten Kultuswahlen im Jahre 1932 mehr als 10.000 Stimmen auf ihre Kandidaten vereinigt, während die Allgemeinen Zionisten zum Beispiel bei den letzten Wahlen zum 19. Zionistenkongreß knapp 4000 Stimmen aufzubringen vermochten. Die Bestellung der nichtzionistischen Vertreter der Jewish Agency, wenn sie auf demokratischem Prinzip erfolgen soll, muß daher durch die Union besorgt werden. Jede andere Berufung dieser Vertreter ist verfassungswidrig und die Bestetf&g'xiaTier' riiehig. Aber die „in Betracht kommenden zionistischen Stellen" haben immer, je nachdem es ihnen in den Kram gepaßt hat, ein Janusgesicht gezeigt. In der Kultusgemeinde waren ihre Mandatare radikal für die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes, also für die weitestgehende Demokratie, obwohl das aktive Wahlrecht nur von einer Steuerleistung von weniger als einem Schilling pro Jahr abhängig war, nur weil sie sich von dieser Demagogie Wahlvorteile versprachen. Jetzt sind sie entgegen der Konstitution der Jewish Agency für die Bestellung der nichtzionistischen Schmelz, der Nibelange. Vor 25 Jahren gab es in Wien eine sensationelle Theaterpremiere. Das Raimundtheater brachte ein Stück aus dem Studenten-Milieu zur Uraufführung und das Ueberraschende bestand darin, daß dieses Milieu nicht nach dem üblichen Klischee — Marke „Alt-Heidelberg" — als eine sentimentale Stimmungskomponente von Lenz und Liebe gezeichnet war, sondern als eine Keimzelle sinnlosesten Hasses: des Rassenhasses. Der Dichter führte uns in das Kneiplokal der deutschnationalen „Nibelungen". Dort taucht eines Tages ein jüdischer Hausierer auf, wird von den strammen Burschen mit Spott und Hohn überschüttet und rächt sich dafür, indem er in einem der Konkneipanten seinen — des Juden! — eigenen Sohn entlarvt. Selbstverständlich hat dieser — Schmelz, der Nibelunge — als Mitglied der antisemitischen Verbindung, deren Zierde er bis zur Deklarierung seiner jüdischen Abstammung gewsen war, ausgespielt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Stück ausging. Das \yar auch gleichgültig, denn das Aufwühlende der Tragödie lag nicht in dem vom Dichter gestalteten Eiazelschicksal, sondern in der Geißelung der typischen Entwicklung des Studententums in den ragen Schönerers. Die Behandlung einer so hochpolitischen Zeilfrage auf der Bühne galt damals als eine Sensation. Heute ist man derlei aktuelle Diskussionen in dramatischer Form schon gewohnt. Trotzdem wirkt der gerade jetzt publik gewordene zweite Teil des erwähnten Stückes noch viel sensationeller als der längst verstaubte erste Teil. Die Aufsehen erregende Fortsetzung des Dramas stammt nämlich von einem viel größeren und raffinierteren Dichter, dem genialsten Künstler aller Zeiten her: dem Leben selbst. Der Verfasser des alten Bühnenstückes war ein Wiener Gymnasialprofessor namens B r o n n e r, der Held des Satyrspieles, das das Leben diesem Schauspiel jetzt folgen läßt, heißt Bronnen und steht zu Bronner im selben verwandtschaftlichen Verhältnis wie Schmelz, der Nibelunge, zu seinem Entarver, dem Hausierer: Er ist sein Sohn. Bronner war Jude, Bronnen ist Nationalsozialist und folgt ohne Erröten den Spuren Hitlers. Eine Entlarvung durch seinen Vater hat Bronnen, der Nibelunge, nicht zu fürchten. Denn ein Gymnasialprofessor ist, selbst wenn er früher Jude war, diskreter als ein jüdischer Hausierer, der aus Unwillen, weil man ihm seine Zahnbürsten und Hosenträgernicht abkauft, den Leuten seine Familiengeheimnisse aufdrängt. Aber jüdische Abstammung ist nun einmal, sollte man glauben, im Dritten Reiche keine diskrete Angelegenheit, ein Lohengrin, der nicht aus einem Montsalvat, „unnahbar euren Schritten", zu den hellen Berlinern geraten ist, sondern aus der Wiener Leopoldstadt, schien bei den mit allen Salben der Rassenforschung Angeschmierten kein leichtes Spiel zu haben; mochte er ihnen auch nicht geradezu ein X Vertreter durch die B'nai B'rith-Logen, für die Besetzung durch geschlossene Gesellschaften, deren Mitglieder sich bei der Aufnahme einer Ballotage unterziehen müssen, also das Gegenteil einer demokratischen Organisation. Dazu kommt noch, daß in diesen Logen, die veriassungsgemäß unpolitisch und neutral <sind, Zionisten und Nichtzionisten beisammen sind. Im neutralen Komitee des Keren Hajessod sind naturgemäß mehr jüdischnationale Zionisten als Nichtzionisten, und so geschieht es, daß die nichtzionistischen Vertreter der Jewish Agency von den jüdischnationalen Zionisten bestellt werden. So wird auf kaltem Wege ohne Verfassungsänderung das Wort von Nahum Goldmann, das er bei der Sitzung der Exekutive in Jerusalem gesprochen hat, wahrgemacht, „das Prinzip der gleichmäßigen Zusammensetzung des Councils der Jewish Agency aus Zionisten und Nichtzionisten müsse abgeschafft werden". Die Nichtzionisten haben den erheblichsten Teil der palästinensischen Fonds aufgebracht. Durch solche Machinationen werden sie von der Verwaltung und Aufsicht über die zum größten Teil von ihnen beigesteuerten Fonds ferngehalten. Im Jahre 1931 haben wir gegen einen ähnlichen Vorgang, durch welchen Herrn Dr. Moritz Schnabl durch die B'nai B'rith-Logen zum Mitglied des Rates der Jewish Agency nominiert wurde, bei der Jewish Agency in Basel Protest erhoben. Da wir sehen, daß dieser Protest nutzlos war, so begnügen wir uns mit der vorstehenden Feststellung, welche hinreicht, die Demokratie und Veriassungsmäßigkeit der österreichischen jüdischnationalen Zionisten ins richtige Licht zu rücken. für ein U vormachen, sondern bloß ein n für ein r: Bronner — ein Dichter, Bronnen — auch ein Dichter! Wahrlich: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm". Heiliger Günther, ahnst du nicht, von welchem Stamm? Beklommen sah man keinen andern Ausweg möglich als die Wiederholung des tragischen Mißgeschicks von Schmelz, dem unbefugten Nibelungen... Doch das Leben schindet nicht Tragik nach der Schablone, sondern zieht überraschende Wendungen vor: Schmelz, der Judenstämmling, nein, pardon! — Bronnen, der Nibelunge, wurde kürzlich zu des Dritten Reiches Fernseh-Dramaturgen ernannt. Was ist ein Fernseh-Dramaturg und wie wird man das? Der arische Dichter Goethe konnte leicht singen: „Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?" Für Arnolt Bronnen bedeutete das Naheliegende nichts Gutes: Ein jüdischer Vater, der einem die poetische Ader vererbt, aber gleichzeitig auch den Makel des Blutes, das durch diese Ader rinnt, ist für Nazidichter ein Karriere-Hindernis. Da heißt es eben ein bißchen weiter blicken und sich für den Sohn eines arischen Ehebrechers ausgeben. Mit diesem Akt kluger Voraussicht hat Bronnen jeden derzeit möglichen Rekord im Fernsehen geschlagen und sich so für sein neugeschaffenes Amt sachlich und moralisch qualifiziert. Dr. Hugö S p i e g 1 e r.

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