Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 33 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-Seite 2 Nr. 33_— 16. August 1935 DIE WAHRHEIT HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang höchster Kulturgüter, die oft von ihm ausgeht, das häufige unerfreuliche Siehbreitmachen, in allen möglichen-Bereichen, an der Börse,' im Theater, im Zeitungswesen usw. — alles das, was man doch nicht einfach leugnen kann, und was ja gerade bei ums, vor allem in Wien, so massiv in die Erscheinung tritt", ist leicht zu widerlegen: Was er als „Machtstreben" auffaßt, ist das natürliche Streben jedes Menschen, seine Fälligkeiten auf dem Gebiet zu entfalten, auf das sie ihn hinweisen. Ein „Breitmachen" in irgendwelchen Berufen wäre den Juden unmöglich, wenn ihr Wirken nicht auch von Nichtjuden als nützlich, ja segensreich empfunden würde und sogar im Dritten Reiche zum größten Verdruß seiner intransigenten Haßapostel mit Bedauern vermißt wird. Wenn die künstlerischen Verdienste des Halbjuden Hofmannsthal und des Ganzjuden Reinhardt in der Festrede des Bundespräsidenten anläßlich des fünfzehnjährigen Bestehens der Salzburger Festspiele einen breiten Raum einnehmen, so gereicht solches „Breitmachen" den Juden nur zur Ehre, mögen sich auch gewisse Publizisten darüber ärgern. Dieser Aerger aber ist das Perpetuum mobile der „Judenfrage". Ein Mann — ein Wort! Im nächsten Jahr wird nach einem vierjährigen Intervall wiederum die Olympiade, die großzügigste aller internationalen Sportkonkurrenzen, veranstaltet werden. Als Ort wurde zu einer Zeit, da Deutschland noch eine demokratische Republik war, Berlin bestimmt. Nach der Installierung der Diktatur des Dritten Reiches jwurden in einigen Ländern, vor allem in Amerika, Bedenken laut, ob dieser Beschluß nicht einer ernstlichen Prüfung unterzogen werden müsse, da sonst keine Gewähr gegeben sei, daß in Berlin die olympische Fairneß eingehalten werde. Durch die Olympiaden sollen die sportlichen Spitzenleistungen auf unserem Erdball ermittelt werden; es muß also allen Menschen, unterschiedslos allen, die Möglichkeit 'geboten werden, ihr sportliches Können unter Beweis zu stellen. Alle Grenzen und Abgrenzungen, alle Sonderwertungen und -Stellungen müssen hier verschwinden. In dieser Hinsicht hat bisher das Olympische Komitee, die Veranstalterin dieser großen Sportschau, noch niemals irgend welche Sorgen gehabt Der Grundsatz der Gleichstellung aller Sportler schon während der Auslese in den einzelnen Ländern für die Olympiade galt als so "selbstverständlich, daß niemals darüber auch nur ein Wort verloren werden mußte. Erst als das zum Schauplatz für die kommende Olympiade auserkorene Berlin Hauptstadt des Dritten Reiches wurde und das Rassenwertungsprinzip zur obersten Staatsmaxime erhoben, als hier fortab in brutaler Form das erste olympische Gesetz der Gleichwertigkeit aller Menschen verletzt wurde, beschäftigte sich das Olympische Komitee noch einmal nachträglich mit der Frage des Tagung^ ortes. Der deutsche Reichssportführer von Tschammer und Osten begann zu beschwichtigen: Der Ausschaltungsprozeß der Juden in Deutschland werde auf sportlichem Gebiete keine Anwendung finden; den Juden werde ebenso wie den Ariern die freie Ausübung sportlicher Betätigung ermöglicht werden; sie sollen auch weiterhin Sportplätze, Turn- und Schwimmhallen zur Verfügung gestellt bekommen, sich mit arischen Vereinen auf sportlichem Boden messen können; und vor allem werde bei der Auswahl der deutschen Olympiamannschaft nur auf sportliche Qualitäten und nicht auf arische Großmütter Wert gelegt werden. Das Olympische Komitee gab sich mit dieser "Zusicherung des Reichssportführers zufrieden und stellte damit die Frage des Tagungsortes der OljTnpiäde außer Diskussion. Seither sind fast zwei Jahre verstrichen, von der Olympiade selbst trennt uns kaum noch ein Jahr. Das deutsche Reichspropagandaministerium versucht diese große internationale Veranstaltung zu seinem nächstjährigen Saisonschlager auszugestalten, am deutschen Büchermarkt sind bereits die ersten „Führer durch die Berliner Olympiade" erschienen. Und doch ist gerade heute die Frage, ob Berlin die Olympiade beherbergen dürfe, wieder höchst aktuell geworden. Es hat sich nämlich gezeigt, daß nichts von dem, was seinerzeit Herr von Tschammer .und Osten dem Olympischen Komitee versprochen hatte, eingehalten worden ist Da war doch die Rede von freier Ausübung des jüdischen Sportes. In Wirklichkeit sind jedoch zahlreiche Makkabivereine und Sportabteilungen des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" verboten und in ganz Bayern die Tätigkeit dieser beiden Vereine überhaupt unterbunden worden. In der Regel werden jüdische Sportfeste verhindert, das Training gestört und wiederholt ist es zu Ueberfällen auf jüdische Sportler gekommen. Von einer freien Betätigung der jüdischen Sportler in ihren eigenen Verbänden ist keine Rede mehr; Polizeischikanen bedrohen auch den Rest des noch verbliebenen jüdischen Sportbetriebes. Herr von Tschammer und Osten versprach auch noch die weitere Beistellung von Sportplätzen, Turn- und Schwimmhallen. Entgegen diesen Versprechungen verweigert man jedoch den jüdischen Sportvereinen die Benützung der städtischen oder staatlichen Trainingsstätten. Die jüdischen Sportvereine betreiben darum ihren Sport auf abgelegenen Aeckern oder auf vollkommen ungeeigneten Grundstücken. Man turnt in Kellern oder hygienisch unzureichenden Fabriksräumen, wodurch allein. ischon eine Reihe von Unfällen hervorgerufen wurde. Die Schwimmhallen und Badeanstalten sind fast zur Gänze für den Schwimmsport der Juden gesperrt. cäir'pc n sVö^ Semmering «■■■■■■■■■■■■■■■*■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Herr von Tschammer und Osten versprach auch die Zulassung von Spielen gegen arische Vereine. Unter Bruch dieser Zusage ist es den arischen Vereinen verboten, mit Juden in welchen Sportverkehr auch immer zu treten. In einzelnen Fällen, in denen arische Vereine gegen jüdische Sportvereine gestartet sind, wurden die betreffenden Mitglieder der ersteren mit Ausschluß bestraft. Herr von Tschammer und Osten erklärte damals auch, daß keine Bedenken gegen die Teilnahme der jüdischen Sportler in Deutschland an den Olympiade-Kursen, in denen die Mitglieder der Deutschland-Delegation ermittelt und vorbereitet werden sollen, vorhanden seien. In Wirklichkeit jedoch wurden die jüdischen Kandidaten von diesen Kursen ferngehalten. In den ganz wenigen Ausnahmsfällen, in denen sie zugezogen wurden, geschah dies unter so entehrenden Umständen, daß ihre Teilnahme aus leicht begreiflichen Gründen unmöglich wurde. Wahrlich ein Rekord an Wortbrüchen! In Deutschland sind in der Zwischenzeit noch eine Reihe anderer Rekorde erzielt worden: Ueberfüllte Konzentrationslager, Juden- und Christenverfolgungen, wirtschaftlicher Boykott auf rassischer Grundlage und unter behördlicher Anleitung, Schaustellungen von sogenannten „Rassenschändern", Straßenjagden auf jüdisch: aussehende Passanten; pogromartige Ausschreitungen ohne Ende, offizielle Einengung des jüdischen Existenzraumes, „Erschießungen auf der Flucht" usw. Das internationale Olympische Komitee, das ansonsten ganz auf Rekorde eingestellt ist, wird wohl durch diese neue Sorte von Rekorden und nach der Ueberprüfung der seinerzeitigen Zusagen des deutschen Reichssportführers zu dem Schlüsse kommen müssen, daß es heute keinen ungeeigneteren Ort in der ganzen Welt für eine Olympiade mehr gibt ais die Residenz Streichers und Helldorfs. Werden nun auch die Herren des Olympischen Komitees, die von den Sportlern ein Maximum an Kraftaufwand und Wagemut for- BftDG ASTEIN KURHOTEL BRISTOL1 RESTAURANT T^D Thermalbäder, fließendes Wasser Nachsaison Pensionspreis von S 12.— dem, die nötige Entschlußkraft aufbringen, um die selbstverständlichen Konsequenzen aus der <so geänderten Situation zu ziehen? h. I. * Das „Pariser Tageblatt" veröffentlicht die folgende Liste jüdischer Sportler, die während der Hitler-Herrschaft von den Ranglisten gestrichen wurden: Erich Seelig, deutscher Meister im Mittel- und Halbschwergewicht, Professionalboxer (lebt jetzt in Paris); Harry Stein, deutscher Meister im Fliegen -und Federgewicht, Professionalboxer (lebt jetzt in Prag); Helene Meyer, früher Offenbach, deutsche Meisterin im Fechten, Olympiasiegerin 1928 in Amsterdam, Olympiakämpierin in Los Angeles, jetzt amerikanische Meisterin; ihr Bruder, einer der bekanntesten Fechter in Deutschland, wurde ebenfalls von der Rangliste gestrichen; Vollweiler-Ulm, repräsentativer Spieler als süddeutscher Mittelstürmer, offizielles Spielverbot (lebt jetzt in Frankreich); Stadtländer, brandenburgischer Weltergewichtsmeister der Amateure; Levy-rlamburg, hervorragender Sprinter bei den Leichtathleten; . . Nathan-Berlin, Mitglied der Weltrekordstaffel des Sportklubs Charlottenburg über 4mal 100 Meter, (lebt "jetzt in London); Prenn, deutscher Meister im Tennis, vielfacher Davis-Cup-Vertreter (lebt jetzt in London); Dr. Bergmann, früherer Frauensportwar^; der Deutschen Sportbehörde; r'-rir Dr. Erwin Frankel, früherer Vorsitzender des südostdeutschen Leichtathletikverbandes; -K Frau Friedleben, Tennismeisterin, zweite deutsche Rangliste (startet nur im Ausland); Leucht-Nürnberg. Olympiasieger 1928 in Amsterdam im Ringen, Leichtgewicht; Martha Jacob-Berlin, deutsche Meisterin im Speerwerfen. Die vielfache Tennismeisterin Frau Neppach-Berlin beging 1933 Selbstmord, um ihrem Mann, „Arie r", Architekt bei der Ufa, keine Schwierigkeiten zu machen. Der zensurierte Bundespräsident. Salzburg hat Sonntag den fünfzehnjährigen Bestand der Festspiele gefeiert. Bundespräsident M i k 1 a s hat bei diesem Anlaß eine sehr schöne Rede über dieses künstlerische Ereignis gehalten, das er als einen Höhepunkt des kulturellen Lebens unserer Zeit bezeichnete. Der Bundespräsident sprach von der ersteh Aufführung des uralten Spiels vom „Jedermann" und sagte wörtlich: „Ein gottbegnadeter ö ster r eiichis.ch er Dichter hat dieses Spiel neu gestaltet und späterhin hat es Max Reinhardts Kunst unter Mitwirkung prominenter Repräsentanten deutscher Schauspielkunst auf dem stimmungsvollen Domplatz in Szene gesetzt." Im weiteren Verlauf seiner Rede hat der Bundespräsident nochmals die Verdieniiste Hugo von) Hofmannsthals hervorgehoben. Ein einstmals christlichsoziales Wiener Montagblatt berichtete selbstverständlich über die Feier in Salzburg und auch über die Rede des Bundespräsidenten, aber alles, was der Bundespräsident über Hofmannsthal und Reinhardt gesagt hat, ist peinlich sauber herausgestrichen. Hugo von Hofmannsthal ist für das Montagblatt keineswegs ein gottbegnadeter österreichischer Dichter, sondern ein Halbjude — von Max Reinhardt ganz zu schweigen. Es versteht sich, daß auch aus der Rede des Landeshauptmannes Dr. Rehrl, der gleichfalls Hugo von Hofmannsthals als eines repräsentativen Dichters Oesterreichs und Max Reinhardts als des genialen Spielleiters gedacht hat, diese Worte gestrichen wurden. Kann man eigentlich noch mehr an Gleichschaltung verlangen? 600 Jahre jüdische Gemeinde in Homburg. Am 5. August jährte sichzum 600. Male der Tag, an dem man das Bestehen der jüdischen Gemeinde in Homburg v. H. zurückführen kann. An diesem Tage wurde nämlich durch Erlaß des Kaisers die Ansiedlung von zehn Juden in Homburg gestattet. Die Gemeinde Homburg erlebte alles geschichtliche Geschehen der Juden in Deutschland; Aufstieg und Abstieg lösten sich ab. Die heutige Synagoge wurde im Jahre 1866 eingeweiht.