Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 33 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! I Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 16. August 1935 Nummer 33 Worin besteht die Judenfrage? Diese bange Frage wirft Johannes Ilen iti der Wochenschrift „Der christliche Ständestaat" vom 11. August auf. Er hält sie für „brennend." und verlangt nach einer Lösung, aber er ist so erfreulich offenherzig, zuzugeben, daß er gar nicht weiß, worin sie besteht. „Ist die Judenfrage ein völkisches Problem? — warum hat sie dann ein so völlig anderes Aussehen als irgendein anderes auf der Reibung zwischen verschiedenen Völkern beruhendes Problem? — Ist sie eine Rassenf rage? Auch hier fällt die Judenfrage aus dem Rahmen der sonst in dieser Sphäre anzutreffenden Probleme, was schon daraus hervorgeht, daß die modische deutsche Rassenideologie praktisch nur bei der Judenfrage in Aktion tritt und die Juden in ihr tatsächlich nicht die Rolle einer Rasse unter anderen Rassen 'spielen. Faßt man die Judenfrage als religiöses Problem auf, so zeigt sich auch hier wieder die völlige Sonderstellung: Es gibt der religiösen Gegensätze viele, wie aber kommt es, daß das religiös so lau gewordene Abendland gerade hier noch kämpferisch ist, während es sonst das Zeitalter der Religionskriege längst hinter sich hat? Ist die Judenfrage ein Problem der Gesellschaftsstruktur, ein wirtschaftlich-soziologisches Problem? Auch hier zeigt sich wieder eine besondere Verwickeltheit und Außerordentlichkeit, insofern die jüdische Bevölkerung soziologisch keineswegs einen einheitlichen Körper in der Qesellschaftsstruktur darstellt. — Schließlich: Ist die Judenfrage eine geistig-kulturelle? Aber der sogenannte „jüdische Geist" stellt sich bei näherem Zusehen als etwas derartig Schillerndes, Uneinheitliches dar, daß es auch hier nicht gelingen wird, die Frage auf einen klaren Nenner zu bringen und den „jüdischen Geist" mit jener relativen Präzision zu fassen, wie man etwa den englischen oder russischen Geist fassen kann. Und wenn nun schon die einzelnen Seiten des Problems jedesmal eine aus dem üblichen Rahmen fallende Außerordentlichkeit zeigen, so potenziert sich die Verwicklung, wenn man alle diese Einzelprobleme zusammennimmt und nach ihrer inneren Ordnung fragt. Wo Kegt der eigentliche Kern der Judenirage — sind die kulturellen Seiten des Judenproblems Auswirkungen der soziologischen? Die religiösen Auswirkungen der rassischen? — Wie Hegt das alles zueinander?" Herr Johannes Ilen kommt in seinem Aufsatz zu keiner positiven Antwort auf die von ihm gestellte Frage. Wir wollen ihm daher gern mit unseren Erfahrungen auf diesem Gebiet unter die Arme greifen und seinen Erkenntnistrieb zu befriedigen trachten. Theoretischen Erörterungen weichen wir dabei lieber aus, da Herr Ilen sein Mißtrauen gegen solche eindeutig zum Ausdruck bringt: „Hier gibt es fast nur Parteigänger und das Schlagwort beherrscht das Feld, jegliche Bemühung, aus der Verkrampfung der Schlagworte herauszukommen, wird sogleich verdächtigt, einem parteiischen Motiv zu entspringen." Wir können und wollen nicht leugnen, daß wir in bezug auf die Judenfrage Partei sind, und ziehen deshalb der Argumentik mit ideellen Schlagwörtern, von denen schon Goethe sagte, daß sie den Gegner nur so eit überzeugen können, als er selbst den Willen hat, sich uberzeugen zu lassen, die Anführung charakteristischer Tatsachen vor, die sich nicht leugnen lassen und jedem zu objektiver Kritik überhaupt Befähigten die Augen entsprechend öffnen müssen. Herr Ilen wird dann wahrscheinlich auch begreifen, warum, wie er feststellt, es nicht die Schlechtesten sind, die die ganze Judenfrage amliebsten umgehen . . . Zu den Leuten mit entgegengesetzter Vorliebe gehört der Erfurter Oberstleutnant a. D. Fleischhauer, der sich im Berner Prozeß, in dem die „Protokolle der Weisen von Zion" als Fälschung und üble Schundliteratur deklariert wurden, als antisemitischer „Sachverständiger" unsterblich blamiert hat. Trotz dieser Bloßstellung vor der ganzen Welt denkt Herr Fleischhauer nicht daran, die ganze Judenfrage zu umgehen, da er in der buchhändlerischen Fmktifizierung dieser Frage seinen Erwerb findet. Auch sein Berner Gutachten, das ihm das — Mitleid des Gerichtsvorsitzenden eingebracht hat, ließ er in seinem U-Bodung-Verlag erscheinen. Das geistige und moralische Niveau dieses Pamphlets erhellt aus folgendem wörtlichen Zitat daraus: „In der jüdischen Zeitschrift „Die Wahrheit" vom 24. November 1922, dem Organ der „Union öserreichischer Juden", schreibt der Jude Stricker, Mitglied des großen Aktionskomitees des Zionismus: „Ein alljüdischer Weltkongreß, eine Zusammenfassung aller wirtschaftlichen und sozialen Kräfte der ganzen jüdischen Gesellschaft muß absolutes Bestimmungsrecht haben, muß höchste und letzte Instanz sein, muß das Recht haben, alle Fragen bindend für alle zu lösen." Hieran knüpft Fleischhauer folgende Bemerkung: „Stricker verlangt somit eine höchste Stelle, die unter Ausschaltung der staatlichen Gesetze (!) für die jüdischen Staatsbürger aller Länder Entscheidungen treffen soll, eine oberste jüdische Regierung, unabhängig von allen Staatsregierungen. Das wird nicht von uns behauptet, sondern es wird nur die jüdische Quelle von uns an das Tageslicht gezogen. Deshalb sind wir aber Antisemiten und jeder, der uns am Aermel berührt, wischt sich nachher den Schmutz von den Aermeln." In Wirklichkeit hatten Strickers Ausführungen gegen den jüdischen Weltkongreß folgenden Wortlaut: „Meine Stellungnahme gegen einen alljüdischen Weltkongreß für die Palästinasache ist auf die Ansicht gegründet, daß die Zionistische Weltorganisation und ein alljüdischer Palästinakongreß nebeneinander nicht bestehen können. Für mich lautet die Frage: Jüdischer Weltkongreß oder Zionistische Weltorganisation. Weil ich den Fortbestand der Organisation im Interesse des jüdischen Nationalheimes, im Interesse Palästinas für unbedingt nötig erachte, bin ich gegen den Kongreß. Ein alljüdischer Weltkongreß, eine Zusammenfassung aller wirtschaftlichen und sozialen Kräfte der ganzen Gesellschaft muß absolutes Bestimmungsrecht haben, muß die höchste und letzte Instanz sein, muß das Recht haben, alle Fragen bindend Rasiere Dldi gof und billig OesferrelcMsclics Qaairtäls Fabrikat Ueberau erhältlich für alle zu lösen. Ein Weltkongreß, dessen Wirkungskreis und Rechte vor der Einberufung etwa von der Zionistischen Organisation festgestellt und eingeschränkt, dessen Anordnungen und Funktionen dauernd von der Zionistischen Organisation kontrolliert würden, wäre eine unmögliche Sache. Keine außerhalb der Zionistischen Organisation stehende Gruppe oder Persönlichkeit, die sich achtet, könnte an einem Kongreß teilnehmen, dessen Beschlüsse und Handlungen dem Diktat einer anderen, ihrem Umfang nach beschränkteren Organisation, in diesem Falle der Zionistischen, unterworfen sind. Unter solchen Umständen würde bestenfalls eine Versammlung hinkommandierter Zionisten und wohlhabender Neugieriger zustande kommen. Ein alljüdischer Weltkongreß gewiß nicht." Wie man sieht, richteten sich die Bedenken Strickers nicht gegen die Abhängigkeit vonstaatlichenGesetzenundStaatsregierungen, sondern gegen das Diktat der zionistischen Organisation. Diese grobe Fälschung charakterisiert den antisemitischen „Wahrheitsucher". Auch hat Herr Stricker sein eigenes Organ, „Die Neue Welt", und es daher nicht notwendig, seine Meinung in gegnerischen Blättern zu äußern. Wenn wir, seine erklärten politischen Antipoden, seinen Ausführungen Raum geben, geschieht dies meist, um sie zu widerlegen. In bezug auf die obige Stellungnahme zum Weltkongreß haben wir allerdings ausnahmsweise unsere sachliche Uebereinstimmung mit Strickers Bedenken zum Ausdruck gebracht. Auch wir wandten uns damals gegen die Beeinflussung des Kongresses durch die zionistische Organisation, wenn auch aus anderen Gründen wie Herr Stricker. Daß dieser aber zu unserem Mitarbeiter gestempelt wird, ist eine sachlich nebensächliche, indes moralisch sicherlich bezeichnende Angelegenheit. Sie beweist, wie sehr die antisemitischen Nutznießer der „Judenfrage" der Wahrheit im Großen wie im Kleinen behutsam aus dem Wege gehen. Wo dies nicht aus sachlichen Gründen erfolgt, dort ist eben der Instinkt dieser „Sachverständigen" leitend. Daraus resultieren alle eingangs zitierten Widersprüche, die Herr Ilen bei seinem Versuche, die Judenfrage irgend einem Gebiete einzugliedern, aufgedeckt hat. Auch das, was er selbst dem Judentum mißbilligend ankreidet: „sein nicht zu leugnender unheilvoller Einfluß (natürlich immer Ausnahmen abgerechnet) in der wirtschaftlichen, geistigen, kulturellen Sphäre, sein hemmungsloses Machtstreben, die zersetzende Tendenz bezüglich