Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 32 (9.8.1935)
- Date
- 1935-08-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 32 — 9. August 1935 DIE WAHRHEIT Die Wahlen zum 19. Zionisten-Kongreß in Palästina. Niederlage der Allgemeinen Zionisten und der Judenstaatspartei. Die Wahlen zum Zionisten-Kongreß in Palästina endeten mit einer niederschmetternden Niederlage der Allgemeinen Zionisten, gleichgültig ab sie unter dem Namen der Weltvereinigung oder des Weltverbandes Kandidaten aufgestellt hatten. Noch schwerer ist die Niederlage der Judenstaatspartei, die in ganz Palästina nur ein Mandat erhalten konnte. Sieger blieb die Palästinensische Arbeiterpartei (Mapai). Der „Davar", das Organ der zionistischen Arbeiter, bezeichnet den Ausgang der Wahlen zum 19. Zionisten-Kongreß als einen großen Sieg der Arbeiterbewegung und des konstruktiven Zionismus. „Das jüdische Palästina", so schreibt der „Davar" am 28. Juli 1935, „hat durch eine große entscheidende Majorität sein Vertrauen zu der zionistischen Arbeiterpartei bewiesen und durch seine jetzige Abstimmung anerkannt, daß die Arbeiterbewegung Palästinas geeignet ist, die Führung der zionistischen Bewegung in der Hand zu haben. Der Sieg des Arbeiterflügels bei den Kongreß-Wahlen ist nicht plötzlich gekommen, eine zweijährige starke und fruchtbare Arbeit der heutigen zionistischen Exekutive hat die öffentliche Meinung vorbereitet und das Ergebnis dieser fruchtbaren Tätigkeit sind die Wahlen zum 19. Zionisten-Kongreß. Die Behauptung eines gewissen Teiles der palästinensischen Presse, daß sich Tausende von Schekelzahlern an den Wahlen nicht beteiligt hätten, ist nicht ernst zu nehmen. Die Wahlbeteiligung betrug 81% (von 110.000 Schekelzahlern sind 90.000 an der Wahlurne erschienen)." Dagegen meint der „Doar Hajom", das Organ der Allgemeinen Zionisten, „daß die Beteiligung an den gegenwärtigen Kongreßwahlen nicht groß gewesen sei, da 40.000 Schekelzahler nicht an der Wahlurne erschienen seien, weil der Kongreß sie einfach nicht interessiere. Für die palästinensische Arbeiterbewegung sei der Kongreß nicht nur eine Prestige-Angelegenheit, sondern eine Lebensfrage. Ihre wirtschaftliche Existenz sei von den Fonds und denjenigen, die diese Fonds leiten, abhängig. Die übrigen Teiie deis Jischuw leben nicht vom Zionismus. Der Zionismus sei eine Parteiangelegenheit geworden und habe aufgehört, die Herzen der jüdischen Welt zu entf 1 ammen". Die jüdischnationale Arbeiterpartei triumphiert, indem sie mit Rücksicht auf das Wahlresultat darauf hinweist, daß die fortschrittlichen Zionisten (lies Marxisten) die Majorität bilden und daß sie die „Allgemeinen Zionisten" sind. (!) Die Niederlage des rechten Flügels von den „Judenstaatlern" bis zum „Weltverband der Allgemeinen Zionisten" ist ein neuer Beweis dafür, daß der Zionismus seinem Wesen nach eine fortschrittliche Bewegung (lies sozialistische Bewegung) ist. (!) Die erneuerte allgemein-zionistische Bewegung ist dazu berufen, beim jetzigen Kongreß eine große Rolle zu spielen. Im ganzen Lande wurden 85.000 Stimmen abgegeben. Auf die Palästinensische Arbeiterpartei entfielen 58.554, auf die yemenitischen Arbeiter, die der Mapai angeschlossen sind, 2000 Stimmen, so daß die Anzahl der Mapai-Stimmen beinahe 70% ausmacht; auf die Liste der Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten (Gruppe A) entfielen 6000, auf den Weltverband der Allgemeinen Zionisten (Gruppe B) 3500 Stimmen, auf den Hapoel Hamisrachi (religiöse Arbeiterpartei) 8721 Stimmen, auf die Misrachi selbst zirka 3000, auf die Judenstaatspartei im ganzen 925 Stimmen. (!) Die Zahl der Mandate für den Zionisten- Kongreß werden sich nach diesem Wahlergebnis wie folgt verteilen: Die Arbeiterpartei (Mapai) 62 Mandate, die Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten 6, der Weltverband der Allgemeinen Zionisten 5, Hapoel Hamisrachi 9, Misrachi 2, Misrachi Hawatik 1, Yemeniten 3 und die Judenstaatspartei sage und schreibe 1 Mandat. Abgesehen Von der fürchterlichen Niederlage der bürgerlich-konservativen jüdischnationalen zionistischen Parteien spiegelt das Wahlresultat die beklagenswerte Zersplitterung in diesen Kreisen wieder, die als sechs oder sieben verschiedene Parteien . in den Wahlkampf eintraten. D a s Wah l e rge bn i s ha t w i e ä e r eineJ3ehauptung von uns bestätigt, daß Iiie große Majorität der palästinensischen Juden eher das Erbe Karl Marx' als Theodor Herzls vertreten will. H. O. ..Dr. Krüger-Heim" Zentralanstalt für Mädchenerziehung und Fortbildung Telephon A 48-0-77 Wien II., Malzgasse 7 Volks- und Hauptsdiule für Mädchen. Dreijährige' Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe. Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung. Beth Jacob Religionslehrerinnen-Seminar. Zweijährige Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt. Einjähriger praktischer Fortbildungskurs für Maturantinnen. Prospekt auf Wunsch. Internat. Streng relig. Hanshalt» Aus der braunen Hölle. Goebbels Rolle im erneuten antijüdischen Kampf. Auf dem Parteitag der NSDAP, in Essen hielt Reichspropagandaminister Dr. Goebbels eine Rede, die klar enthüllte, daß das Propagandaministerium selbst eine hochaktive Rolle im erneuten antijüdischen Kampf einnimmt Er kündigte ein Verbot der Eheschließungen zwischen Juden und Nichrjuden an und griff mit außerordentlicher Schärfe die Vertreter der Auslandspresse an, denen er vorwarf, daß sie sich in der Saure-Gurken-Zeit Sensationen über Judenverfolgungen aus den Fingern gesogen haben. Wenn es sein soll, sagte er, würde Deutschland ohne die Auslandspresse und sogar gegen sie fertig werden. In Pressekreisen beurteilt man die Worte Goebbels' als eine offene Kampfansage an diel ausländischen Pressevertreter, man erwartet gewisse Maßnahmen gegen die Berliner Auslandskorrespondenten. Ueber die jüdische Frage sagte Goebbels wörtlich: „Wir haben mit schafsmäßiger Geduld die Ueberheiblichkeit der Juden in den letzten zwei Jahren geduldet Wenn die Juden auf dem Kurfürstendamm schreien, dann ist es von London bis Schanghai zu hören. Es hilft den Juden aber nichts, wenn sich die ausländische Presse für sie einsetzt. Wir kennen die Juden, wir kennen sie sowohl als Kommunisten wie auch als Bankiers und kennen daher auch alle ihre Tricks. Außerdem sind ..wir die . Herren in unserem eigenen Haus. Ich bin froh, hier verkünden zu können, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis die Heirat zwischen Deutschen und Juden verboten werden wird und diese Rassenmischuhg, die schon als große Last auf der gegenwärtigen Generation lastet, aufhört." Nach Goebbels sprach Reichsinnenminister Dr. Frick. Er wandte sich auch gegen die vom Ausland erhobenen Vorwürfe gegen Deutschland wegen der Judenverfolgungen und erklärte, die Judenfrage werde langsam, aber sicher so gelöst werden, wie es das Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei vorsieht; sie werde vollkommen legal gelöst werden. Gleichzeitig warnte Dr. Frick vor „schädlichen, den Enderfolg gefährdenden Einzelaktionen". Ausschreitungen in Stettin. Die Stettiner Juden stehen seit einer Reihe von Wochen unter schärfstem antijüdischeri Terror, die Boykottaktion gegen die jüdischen Geschäfte hat in Stettin noch nicht dagewesene' Formen angenommen. Fünf der angesehensten jüdischen Firmen Stettins hatten sich vor einigen Tagen entschlossen, ein vorsichtig abgefaßtes Telegramm an das Reichswirtschaftsministerium zu senden, da sie hofften, daß Reichswirtschaftsminister Schacht, der gegen Diskriminierungen auf wirtschaftlichem Gebiet ist. auch in Stettin mildernd eingreifen werde. Das Telegramm hatte folgenden Wortlaut: „An das Reichswirtschaftsministerium Berlin. Saisonschlußverkauf jüdischer Geschäfte durch judenfeindliche Maßnahmen sehr behindert. Postenstehen, Patrouillen, Flugzettelverteiler, Transparente, Straßenaufläufe,' Beschimpfungen der Käufer hindern das Geschäft. Ohne Heiroien?? Den idealen jüdischen Lebensgefährten finden Sie schnell und sicher durch Die Jüdische neira.szei.iing Prag xix., soDorshü a, csn. Weiteste Verbreitung im In- und Ausland. Reichste Auswahl an Ehegesuchen, Einheiraten etc. Prospekt nur geg. Rückporto, neueste Probenummer Kc 4.—, Ausland 2 internation. Antwortscheine sofortige durchgreifende Abhilfe ernste Gefahr für die Wirtschaft." Dieses Telegramm nahm der „Völkische Beobachter" in seiner Berliner imd Reichsausgabe zum Anlaß einer scharfen antijüdischen Hetze. Er beschuldigte die Stettiner jüdische Kaufmannschaft, die Bevölkerung „frech" herausgefordert zu haben, und forderte die Widerrufung des Telegramms an das Reichswirtschaiisministerium. Auf dieses Signal des „Völkischen Beobachters"' hin veranstaltete die Kreisleitung der NSDAP Stettin am 2. August abends eine Kundgebung, an der 30.000 Menschen teilnahmen. Die jüdischen Kaufleute wurden gezwungen, ihr Telegramm zu widerrufen. Von amtlicher Seite wird erklärt, daß an den in den letzten Tagen vor jüdischen Geschäften abgehaltenen Kundgebungen, über die sich die jüdischen Kaufleute beschwerten, „mehrere dem Kommunismus nahestehende Elemente und sogar Juden" beteiligt waren: dies sei bei den Zusammenrottungen festgestellt worden. Die Polizei erklärt, daß „in keinem Falle Mitglieder der Partei an diesen Kundgebungen beteiligt waren". Es seien 30 Personen, frühere Marxisten, verhaftet worden, da sie „bei den Ruhestörungen als Provokateure tätig" gewesen seien. Der „Völkische Beobachter" weist auf diese amtlichen Mitteilungen hin und schreibt, daß „angesichts der erwähnten Teilnahme von jüdischen Hetzern an den Kundgebungen die Beschwerde der jüdischen Kaufleute eine freche Herausforderung an die Bevölkerung" darstelle. Das Deutsche Nachrichtenbüro teilt aus Stettin mit, daß der Protest der jüdischen Firmen sich gegen die „gesetzliche Propaganda der NS-Hago" richtete; es ist dies die nationalsozialistische Handels- und Gewerbeorganisation, die der Partei angeschlossen ist und deren Stettiner Ortsgruppe nach der Darstellung des DNB. für die Vorkommnisse verantwortlich ist. Die Chefs der jüdischen Firmen, die das Telegramm an das Reichswirtschaftsministerium absandten, wurden zum Stettiner Polizeipräsidenten zitiert und mußten das Telegramm sofort widerrufen. Unterschrieben war das Telegramm vonden Warenhäusern Gebrüder Karger, Naumann & Rosenbaum, den Schuhgeschäften Otto Lindner und Max Kurnik, sowie der Firma Herrmann & Froitzheim. ' „Bärinherzigkeit für die Juden." " Der „Völkische Beobachter" weist darauf hin. daß in den Berliner Evangelischen Kirchen Gebete um „Barmherzigkeit für die Juden" gesprochen werden, und schreibt: Man sollte glauben, daß jetzt, im dritten Jahr des nationalsozialistischen Regimes, sich keiner mehr zum Narren machen und auf eine bessere Behandlung der Juden hoffen sollte. Zwangsverband jüdischer Kulturbünde in Deutschtand. Der Geschäftsführer der Reichskulturkammer Hans H i n k e 1 hat den künstlerisch und kulturell tätigen Vereinigungen jüdischer Staatsangehöriger zur Aufgabe gemacht, sich bis zum 31. August 1935 im Reichsverband jüdischer Kulturbünde zusammenzuschließen. Von; dieser Maßnahme ausgenommen sind die jüdischen Schulen und die Kulturgemeinden religiöser Art. Zuzug reichsdeutscher Juden nach Berlin gesperrt. Unter Bruch der verfassungsmäßig garantierten Freizügigkeit für deutsche Bürger hat die Stadt Berlin den Zuzug von Juden aus dem Reiche nach der Reiclishauptstadt gesperrt. Das Deutsche Nachrichtenbüro meldet: „In letzter Zeit ist beobachtet worden, daß trotz den erschwerenden Umständen ein sehr starker Zuzug von ortsfremden Personen, und zwar in der Hauptsache von jüdischen Elementen, nach Berlin stattgefunden hat. Der Berliner Magistrat erläßt eine Warnung vor dem Zuzug von Nichtariern nach der Reichshauptstadt, da dieser Zuzug in jeder Hinsicht unerwünscht ist. Künftig wird für neu nach Berlin zugezogene hilfsbedürftige Juden jede Unterstützung in offener Fürsorge versagt werden, sie werden vielmehr ehestens wieder abgeschoben werden." Hierzu teilt die Städtische Presse- und Propagandastelle noch mit: Da der Zuzug von Nichtariern nicht nur unerwünscht ist, sondern auch den Maßnahmen der Reichsregierung widerspricht, wird künftig für neu zugezogene hilfsbedürftige Juden.— auch für Familien — die Fürsorge durchweg und ohne Ausnahme auf Anstaltspflege beschränkt und jede Unterstützung in offener Fürsorge versagt. Diese Hilfsbedürftigen werden grundsätzlich dem städtischen Obdach zugewiesen und dort nur mit dem Notwendigsten versorgt, um alsdann schnellstens wieder abgeschoben zu werden. Es wird also vor dem Zuzug von Nichtariern nach Berlin auf das dringendste gewarnt. '; ■;