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Die Wahrheit · 1935-08-09 · Heft 32 (9.8.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 32 (9.8.1935)
Date
1935-08-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 32 — 9. August 1935 DIE WAHRHEIT DIE Das unsühnbare Verbrethen. Das Schlimmste an den Judenpolitik des deutschen Nationalsozialismus ist nicht die wirtschaftliche Benachteiligung und auch nicht die moralische Aechtung, die wir von Menschen dieser Art tragen können. Die Existenzbasis des Judentums ist nicht seine wirtschaftliche Macht und gewiß auch nicht die Achtung solcher Umweit. Was aber niemals vergessen werden darf, ist jene Taktik, durch .welche das Judentum zu seiner eigenen Demoralisierung gezwungen werden soll. Wie das gesamte Mittelalter, so läßt auch der Nationalsozialismus dem Juden nur eine Beschäftigung frei: den Handel. Der Handel ist innerhalb des gegenwärtigen Wirtschaftssystems gewiß nichts Ehrloses. Er wird aber zur ewig latenten Gefahr, wenn man einer Gemeinschaft jede andere Betätigung versperrt, vor allem die humanen Betätigungen des Lehrberufes, des ärztlichen Berufes und der höheren, verantwortlichen Publizistik. Wir kennen ja die endlose Kette von Wohlstand und Pogrom, die sich durch das ganze Mittelalter zieht: erst zwang man durch Gesetze und Beschränkungen den Juden zum Geld- und Pfandleih, und wenn er dann diese seine einzige Existenzmöglichkeit mit dem natürlichen Daseinstrieb jedes Menschen ausnützte, so schrie man „Wucherer" und mordete und 'beraubte ihn eines Tages. So ist auch gewiß die Handelsfreiheit, die den Juden Deutschlands in einem gewissen Maße vorläufig noch gelassen wird, nichts anderes als ein Reservoir, das zu geeigneter Stunde mit Hilfe irgend eines legalen Aktes ausgeschöpft werden soll. Oder, kurz gesagt: der Jude so! wieder „Handelsjude" werden, damit man ihn eines Tages als „Handelsjuden" behandeln kann. Das wäre schwerer möglich gewesen, solange das deutsche Judentum noch auf einen Einstein oder Ehrlich hinweisen konnte. Deshalb darf es keinen Einstein und Ehrlich in Deutschland mehr geben. Der Jude soll wieder zum Ghetto- Juden werden und durch seine Erniedrigung soll auch seine Selbstachtung vergiftet werden. Das ist der eigentliche Endzweck: moralischer Selbstmord des Judentums. In seiner Seelen- und Leibesnot soll der deutsche Jude, um seine Existenz noch irgendwie vor sich selbst zu rechtfertigen, diesen Zustand auch moralisch erträglich finden. Durch seine Selbst-Entehrung soll er der Verachtung seiner Feinde recht geben. Ganz erfolglos ist dieses Seelen-Experiment nicht geblieben: Dutzende jüdischer Kaufleute aus Deutschland sagen schon heute, wenn sie ins Ausland kommen, statt zu schweigen, jedem, der es Hören wiH, es sei eigentlich so schlimm nicht, wie man im Auslaad überall lese — die jüdischen Geschäfte gingen gut, es lasse sich leben. Nun freilich, der Sohn kann nicht mehr studieren, und wenn, dann mit Demütigungen, die ein Hund nicht ertragen würde. Man hat auch die jüdischen Angestellten entlassen, zuweilen früher, als es unbedingt nötig war. Aber die Geschäfte gehen nicht schlecht, und das sei doch schließlich die Hauptsache .... Wir wollen mit diesen armen Menschen nicht allzuscharf ins Gericht gehen. Jahrelange fortwährende Erniedrigung macht die menschliche Seele niedriger, als sie von Natur aus ist, und der Mensch klammert sich schließlich an das Letzte, was er noch hat Nicht sie werden vor der Weltgeschichte die Verantwortung zu tragen haben. Noch gefährlicher sind die Auswirkungen dieses Systems, was die intellektuellen Berufe, vor allem die literarischen, betrifft. Wir irren sicher nicht, wenn wir annehmen, daß manchem deutschjüdischen Schriftsteller, der sich früher etwa in der Zeitmode des flachen, ästhetischen Großstadtradikalismus erging, die schwere Schicksalswende eine Art seelische Vertiefung gegeben hat, daß sie ihn mit neuen Einsichten, sei es religiöser, sei es sozialer oder humaner Art, beschenkt hat. Gerade diese Werte aber gehen der Allgemeinheit fast ganz verloren, sie erfährt nichts oder fast nichts von dieser Vertiefung und Läuterung. Dies ist es, dessen wir den Nationalsozialismus anklagen. Alles könnte die Weltgeschichte eines Tages vergessen: die Entrechtung, die Zwangsverkäufe und sonstige „Transaktionen", Hohn und Erniedrigung. Dieses aber wird nicht vergessen werden: daß in der Seele einer ganzen Gemeinschaft künstlich das Bessere erdrosselt werden sollte. Jakob Burckhardt sagt in seinem Werk „Die Kultur ^r Renaissance" über die Condottieri: „So wie ihre Herrschaft eine unbedingte, aller gesetzlichen Schranken entledigte, so ist auch das Recht ihrer Gegner ein unbedingtes." Niemals dürfen wir Juden es vergessen, dieses unbedingte moralische Recht des Gegners gegen die Gewaltigen unserer Tage zu üben: das Recht, sie ob dieser Tat zu bekämpfen, redend und schweigend, handelnd und leidend. Es ist das unbedingte Recht, das die Weltgeschichte uns verliehen hat. BAAL-SCHACHARIS von einem großen Wiener Tempel für die hohen Feiertage gesucht. Nur Bewerber, die über eine klangvolle Stimme und gute Referenzen verfügen, wollen ihre Offerte unter Chiffre „Religiöser Lebenswandel" an die Redaktion der „Wahrheit" übermitteln. Neudeutschland ehrt Das Recht, das unverbrüchliche, wahre, ohne Ansehen der Person, die starke Klammer, die Staat und Gesellschaft zusammenhält, ist, so schreibt die „Basler National-Zeitung" vom 26. Juli, gebrochen und aus dem Dritten Reich verbannt Das furchtbarste Delikt der Mord, gilt unter Umständen gar nicht als Mord. Es kann auch als Verdienst und Ruhmestitel gelten. Vor zwei Jahren schon wurde an der Burg Saaleck an der sanftfließenden Saale zu Ehren der beiden Mörder Kern und Fischer des Außenniinisters Walter Rathenau, eines Juden, eine Gedenktafel enthüllt Es gab damals noch Blätter, die sachte zu protestieren wagten. Aber seither ist viel Spreewasser durch Berlin geflossen. Da ist Apolda z. B., 40.000 Einwohner, gelegen zwischen Weimar, wo Goethe lebte, und Naumburg, wo Nietzsche starb. Apolda war bis jetzt bekannt als Stammort einer Hunderasse, der Dobermänner. Seit letzten Samstag kommt noch etwas hinzu. Apolda ist heute im Dritten Reich voran: Sein Magistrat hat als erster, nicht nur in Deutschland, sondern sicherlich in der ganzen Welt gewagt, eine der Hauptstraßen der ihm anvertrauten Stadt auf den Namen eines Mörders zu taufen! Sie heißt zu Ehren des einen der Rathenau-Morder von nun an: „Erich Kern-Straße". Die Notiz erschien auch in der „Frankfurter Zeitung"; da wurde Rathenau an jenem Juni-Samstag anno 1922 freilich nicht mehrermordet sondern nur noch „getötet". Aber wie hatten die Männer gehandelt, die man der Jugend jetzt als Nationalhelden vormacht! Alles war seit Wochen aufs peinlichste vorbereitet, nichts vergessen, Mordauto und falscher Paß bestellt; Helfershelfer in ganz Deutschland standen bereit, um die Mörder, die reichlich mit Geld versehen waren, ungeschoren über die Grenzen im Ausland verschwinden zu lassen. Das Opfer wurde in rasender Verfolgungsjagd, wie am 30. Juni 1934 Schleicher, Klausner, Bose und unzählige andere, natürlich von hinten erledigt, und der fein ausgetiftelte Fluchtplan der Mörder wäre um ein Haar gelungen, hätte nicht ein kleiner Verabredungsfehler alle Finessen zuschanden gemacht: Kern und Fischer flüchteten zur Burg Saaleck hinauf und statt sich der Polizei, die sie umstellt hatte, auszuliefern, richteten sie sich selbst Apolda in Thüringen legt sich eine Erich Kern- Straße zu; aus Mördern, die namenloses Unglück über ein ganzes Volk brachten, werden Nationalhelden. Was für Beispiele und Ideale werden der deutschen Jugend durch den Nationalsozialismus aufgedrängt und was ist von einer Jugenderziehung zu erwarten, die ein solcher Staat in der Gewalt hat! Derselbe Staat aber wirbt obendrein noch um die Freundschaft der Welt, und seine Politiker tun entrüstet daß die Welt unter diesen Umständen von einer Freundschaft immer noch nichts wissen will. Rathenau selbst steht nicht mehr zur Diskussion. Man weiß, wer er war, ein vornehmer Mann von hohem Geisft und hoher Gesinnung. Rathenau war der Organisator der deutschen Kriegswirtschaft, ohne ihn wäre Deutscunerzo. rranenheiibadj Tatzmannsdorfj (Snrgeniand) [ s i Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäurespradelbäder.! | Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Res-; i taurants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung; | Wien L, Kohlmarkt 8 TeLU 25-104 S iNeu: Moorpackungen und Moorkompressen in! | allen Apotheken erbältlich. S land längst vor 1918 zusammengebrochen. Dafür ehrt Neudeutschland jetzt seine Mörder. Das völkische Lied anno 1922 vom „Rathenau, der gottverfluchten Judensau" ist zwar längst nicht mehr aktuell, aber am Pogrom-Abend sangen sie längs des Kurfürstendamms „Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's noch mal so gut". Die Danziger Juden in Gefahr. Die Leitung der Danziger Jüdischen Gemeinde veröffentlicht den folgenden Aufruf an ihre Mitglieder: Am 28. Juli sind auf dem Gebiet der Freisfladt Danzig wiederum höchst bedauernswerte Ausschreitungen vorgekommen. Im Rahmen der Sportfeier der. SA fuhren Autos mit judenhetzerischen Aufschriften durch die Stadt, aus den Autos wurden die Juden beleidigende Aufrufe geworfen. In Zoppot haben die deutschen SA-Formationen mit gezückten Dolchen judenhetzerische Lieder gesungen und im Sprechchor judenhetzerische und die Juden beschimpfende Losungen ausgestoßen. Wir bitten die Mitglieder unserer Gemeinde, überzeugt zu sein, daß die Verwaltung alles tut, um von der Regierung rechtzeitig Schutz gegen Ausschreitungen dieser Art zu erlangen. Die Erfolglosigkeit dieser Bemühungen stammt nicht daher, daß die Mitglieder der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde ihre Pflicht nicht erfüllen, sondern aus dem innerpolitischen Kurs der Regierung. Wir wenden uns an unsere Mitglieder mit dem Appell, sich angesichts solcher Ausschreitungen zu beherrschen und kaltes Blut zu bewahren. Wir müssen immer im Auge behalten, daß jede unserer Handlungen als „Provokation" hingestellt werden wird. Anderseits soll man nicht vergessen, daß auch die Tatsachen ihre Logik haben. Auch die gegenwärtigen Vorkommnisse fallen nicht aus diesem Gesetz heraus. Die Lage der jugoslawischen Juden. Der neue Jugoslawische Ministerpräsident und Außenminister Dr. Milan Stojadinovütsch ernpfing' den Oberrabbhier Dr. Isak Alkalaj und den Präsidenten der Beograder sephardischen Gemeinde Dr. Bukic Pijaide m längerer Audienz. Die beiden Herren hielten dem Ministerpräsidenten Vortrag über die Stimmung im Lande in bezug auf die Juden, die in der letzten Zeit keine freundliche ist, und brachten dem Regierungschef gegenüber die Meinung der jugoslawischen Juden in diesem Punkte zum Ausdruck. Der Ministerpräsident hörte die Ausführungen mit größtem Interesse an und erklärte, daß er mit den ihm gerecht erscheinenden Anschauungen der jugoslawischen Juden übereinstimme und daß er alles unternehmen werde, damit die gerechten Wünsche der Juden des Landes erfüllt werden. Der Empfang der jüdischen Führer durch den Ministerpräsädenten Dir. Milan StojadSnovitsch gestaltete sich sehr freundlich. CBis zum Durchbruch des Hitlerismus waren die Beziehungen zwischen der jugoslawischen Bevölkerung und den Juden des Landes sehr freundliche. Seitdem aber Alfred Rosenberg die Führung der außempoJätischeln Propaganda übernahm, sandte er seine Emissäre auch nach Jugoslawien, die dort eine ausgedehnte Hetztätigkeit entfalteten, die „Protokolle der Weisen von Zion" und andere Hetzschriften in jugoslawischer Sprache verbreiteten. Gewiß ist dies eine „flauptursache des in der obigen Meldung angedeuteten Stimmungsumschwungs gegenüber den Juden in Jugoslawien. Anm. der Red.) Wieder ein Todesopfer des Berliner Pogroms. Wie der J. T. A. aus zuverlässiger Quelle aus Berün gemeldet wird, ist Dr. Kleinfeld, ein Jude, der am 16. Juli bei den antijüdischen Ausschreitungen im Kurfüriitendammviertel im Cafe Heßler überfallen und schwer verletzt wurde, jezt im Krankenhaus gestorben.

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