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Die Wahrheit · 1935-08-09 · Heft 32 (9.8.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 32 (9.8.1935)
Date
1935-08-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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JLv.ÄIM!^ .'^SaiTZ^T i»?*La(f -J sWtiHI* OSE WAHRHEIT Nr. 32 — 9. August 1935 Seite 3 HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt den modernen Hochsommer-Anzug für den eleganten Herrn Feine Maßarbeit — Beste Ausfährung — Billigste Preise der ältesten Geschichte der Juden mit solchen aus den jüngsten Tagen des Dritten Reiches gleichstellt, so erhellt schon hieraus, daß es sich bei den Juden um den Anfang einer sittlichen Höherentwicklung, bei den Deutschvölkischen aber um einen Rückfall in barbarische Lebensformen, die man für längst überholt halten durfte, handelt. Auch wurden die Rassengesetze von den Juden im Altertum keineswegs mit jener Inüransigenz durchgeführt, wie sie! heute Herr Streicher propagiert. Beweis dafür sind die Bücher Ruth und Esther, die von vollzogenen Mischehen in ganz anderem Geiste und in ganz anderem Ton© erzählen, als beispielsweise die soeben erschienene „Rassenschänder-Sondernummer" des „Stürmer". Und der Nachkomme der Moabiterin Ruth, König David, durfte trotz seiner nichtjüdischeri Ahnfrau in Jerusalem residieren, während dieser Tage der deutsche Generalkonsul von Jerusalem zurücktreten mußte, weil man entdeckt hatte, daß seine Gattin „teilweise" von Nichtariern abstammt. (Auf welche Teile der unglücklichen Frau diese Entdeckung zutrifft, wird wohl der. hiefür kompetente „Stürmer" ausführlich darlegen.) Auch hat man nichts davon gehört, daß Esra die Durchführung seiner Rassiengesetze dadurch erzwang, daß er Widerspenstige öffentlich an den Pranger stellte und in Konzentrationslagern prügeln ließ. Dazu war die damalige Zeit zu rückständig und es bedurfte erst der erzieherischen Einwirkung nachfolgender Jahrtausende, um die edeln Formen des nationalsozialistischen Kampfes von heute gegen die Rassenschande reifen zu lassen. Wir Juden haben vom messianischen Zeitalter ganz bestimmte, von unserem Propheten ererbte Vorstellungen. Wir erwarten die Erlösung der ganzen Menschheit von der Stunde, „da der Wolf weidet mit dem Lamm und der Löwe Gras frißt mit der Kuh". Von' solchen Symptomen wahrer und dauerhafter Befriedung aller Erdenbewohner konnten wir in den letzten zwei Jahrtausenden nichts bemerken und können es heute weniger als je. Das ist nicht unsere Schuld, aber unser Schade. Denn wir haben nun einmal die Erfahrung, daß die Friedlosigkeit der Welt sich in erster Linie gegen das Judentum und die Judenheit austobt, wobei es ganz gleichgültig ist, ob sich der Antisemitismus „in Roheitsexzessen verausgabt", die den Tadel der „Reichspost" finden, oder in raffiniert ausgeklügelten Gesetzen, die, ohne formell die Juden zu erwähnen, ihnen praktisch die materielle Existenzmöglichkeit und die staatsbürgerliche Würde abgraben. Zu unserem Tröste wissen wir, daß unsere Friedenssehnsucht von immer breiteren Massen außerhalb unserer Glaubensgemeinschaft geteilt wird. Hierin akzeptieren wir gern den Standpunkt der „Reichspost": „Die zur Mode gewordene Schwärmerei für das Nordisch-Heidnische vermag daran nichts zu ändern. Wie der jüngst veröffentlichte Jahresbericht der preußischen Hauptbibelgesellschaft ausweist, wurden im Vorjahr, also im zweiten Jahr der nationalsozialistischen Revolution, doppelt so viele Bibeln abgesetzt als Jahre vorher. Das Alte Testament erweist sich als stärker als der mit allem Druck des Machtapparates vertriebene neue „Mythos", dessen Geheimnis, Verzerrung und Mißverstand zu sein, einmal gelüftet, allen Zauber einbüßt." Hiermit wird uns von christlicher Seite bescheinigt, wie Recht wir haben, unsere Hoffnungen auf die Zukunft zu konzentrieren, die uns nach göttlichem Ratschluß im Sinne der uns verkündeten messianischen Verheißungen für die Enttäuschungen der Vergangenheit und Gegenwart schadlos halten wird. *m Hotel Bellevue 3E3 Pörtschach am Wörthersee Vornehmes Hans unter streng ritueller Leitung. Herrliche Lage, direkt am See. Schöne sonnige Zimmer mit Fließwasser. Vorzügliche internalion. Küche. Volle'Pension: Vor- und Nachsaison S 9.— Hauptsaison .....S 12.— Seebad und Garage frei. Geöffnet vom Mai bis Oktober VERLANGEN SIE PROSPEKTE! Kleine Tube 3 —SO Qroöa Tube 8 1.40 „Bedauerlicher Irrtum" Wie der JTA. aus Berlin telegraphiert wird, war der am vergangenen Montag abends in der Nähe des Romanischen Cafes im Berliner Westen erschossene „jüdisch aussehende Mann" Arier, nicht Jude. Es handelt sich um einen leitenden Angestellten in einem Berliner Herrenkonfektionsgeschäft namens Werner Neu haus atis Elberfelde. Als er die Kneipe Schütte in der Budapesterstraße verließ, wurde er von einem jungen Mann angerempelt, der ihm „verdammter Jude" zurief. Der Angerempelte setzte sich zur Wehr. In diesem Augenblick hörte man den zornigen Ruf „Da hast du, du dreckiger Saujude!" und schon fielen vier Schüsse rasch hintereinander, von denen drei trafen. Schwer verletzt durch einen Kopf-, einen Lungen- und einen Leberschuß lag das Opfer bewußtlos am Boden. Als die Menge auf den Schützen eindrang, rief er: „Laßt mich los, ihr versteht ja nicht, worum es sich handelt!" Inzwischen war das Ueberfallkommando eingetroffen, mit den Worten „Gott sei dank" ließ sich der Schütze in den Wagen bringen. Es stellte sich heraus, daß der Schütze ein Kriminalbeamter der Geheimen Staatspolizei war. Neuhaus verstarb am nächsten Tag im Krankenhaus in der Achenbachstraße. Die Polizei sucht jetzt die Sache so darzustellen, als ob der Kriminalbeamte, der die Schüsse abgab, angegriffen worden wäre. gung .interessant, die ja zuerst dreimal verweigert war, und so heißt es: „Ich finde der Wahl des ersten Vizebürgermeisters Dr. Karl Lueger zum Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt meine Bestätigung zu erteilen". Daneben ein Dankschreiben an den Kaiser ..von 4000 dankbaren Luegerwählern aus der Katharinenhalles', dieirdamafögen Hochburg dest Antisemitismus. Die handschriftliche Sanktion des allgemeinen Wahlrechtes vom 26. Jänner 1907 — schwer erkämpft. Zwischen den großen, repräsentativen Bildern von Dr. Lueger und Dr.Weiskirchner der Charakterkopf von Dr. Victor Adler. Sehr schön berichtet der ehemalige Unterrichtsminister Dr. Hussarek, wie er Seiner Maiestät über den Führer der Wiener Sozialdemokraten referierte: ,JJer Monarch gab sich keiner Täuschung über die Bedeutung und die Endziele der österreichischen Sozialdemokratie hin, aber er nahm ohne eine Bemerkung die von mir zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung der Charakterfestigkeit, Selbstlosigkeit und politischen Urteilskraft von Dr. Adler zur Kenntnis. Es ist etwas Besonderes um den jüdischen Arzt. Unendliche Kräfte an Größe und Güte, an absoluter Selbstlosigkeit sind oft in ihm, bei Fischhof und Adler sehen wir die Kräfte in bestimmter, aber immer idealer Richtung sich restlos hingeben." In diesem Saal ist auch das Bild des großen ■Juristen Dr. Josef Unger, der den Glauben seiner Väter verließ. Die nächste Abteilung ist 1914 bis 1918, eine Welt steht in Brand! In tiefster Erregung liest man die entscheidenden Telegramme vom Juli 1914. Man eilt durch die dem Weltkrieg gewidmeten Prunksäle und denkt an die jüdischen Toten und Krüppel, an die Witwen und Waisen, an die Hilfsbereitschaft der Daheimsebliebenen, an allen Tribut, den die Juden in allen kriegführenden Ländern zollten, wie sie im Eastend von London und in den deutschen Synagogen, in Paris «nd im kleinen polnischen Bethaus zum einigen, einzigen jüdischen Gott um Beistand in Kriegsnot flehten i;nd um den endlichen Sieg. Wir flüchten aus dieser Abteilung mit dem innigen Gebet: möge es nie wieder über die Menschheit kommen. In der Abteilung Kunst und Theater sind die zwei bekannten Bilder aus dem Museum der Stadt Wien, das Innere des alten Burgtheaters mit porträtcetreuen Besuchern und Namensverzeichnis derselben, darunter viele jüdische Namen von Klang, ohne welche die Wiener Gesellschaft von 1888 nicht ganz vollständig wäre. Die Bronzebüste des großen jüdischen Hofburgschauspielers Emmerich Robert, dem überwältigenden, geheimnisvollen Darsteller des Todes im Meister von Palmyra, erinnert daran, wie unvergeßlich der Eindruck war, den dieser Schauspieler auf die Jugend der vorigen Generation machte. Von der berühmten jüdischen Sängerin Pauline Lucca ist das lebensgroße Bild aus den städtischen Sammlungen zu sehen, die kleine pikante Photographie aus dem Bundestheatermuseum fehlt, Bismarck, gerade kein Freund der Juden und doch bezwungen von jüdischer Frauenanmut und gottbegnadetem Künstlertum, mit der schönen Sängerin auf einem Bilde! Was v/erden die pommerschen Krautjunker dazu gesagt haben und was Stöcker und Ahlwardt — aber der kaiserliche alte Herr selbst soll ja, natürlich in allen Ehren, von der Künstlerin entzückt gewesen sein — so flüstert man in Berlin und Wien. In der Theaterabteilung ist auch ein großes Porträt des alternden Sonnenthal. Ein Jude im Reiche der so flüchtigen Schauspielkunst — flüchtig wie das Lächeln, das über das Gesicht eines Menschen huscht Die große berühmte Wiener medizinische Schule ist repräsentativ nur durch die bekannte „Sitzung des medizinischen Professorenkollegiums" von Olga Prager vertreten, man sieht die Professoren Oser, Zuckerkandl, Gaertner. dann von derselben Künstlerin eine Sitzung der Akademie der Wissenschaft unter Vorsitz von Erzherzog Rainer und Minister Koerber, da sieht man an durchgeistigten jüdischen Köpfen Philipp Gomperz, Adolf Lieben. Guido Goldschmidt. Bezeichnend für die Abteilung Dichtung im allerletzten, ein wenig armen Raum der Ausstellung sind die Worte im Katalog: „Der Kaiser gewährte der Dichtung, ohne daß ihre Atmosphäre die seine gewesen wäre, anteilnehmend seine Gönnerschaft". Ein Bändchen Rilke, ein Bändchen Hofmannsthal, dazu die bezaubernd lebendige Bronzebüste des Dichters, ein Manuskript, echtester Peter Altenberg, tier Schöne Roman „Am Wege sterben" von dem schon vielfach vergessenen jüdischen Dichter I. I. David und von Ludwig August Frankl ein kleines „Lieder- und Heldenbuch". Ludwig August Frankl von Hochwart. Sekretär der Wiener Israelitischen Gemeinde und beschwingter deutscher Dichter. In dieser Ecke der Ausstellung muß man sich der Worte von Ludwig August Frankl erinnern, aus den seinerzeit so berühmten „Tragischen Königin". Da hieß es — „und Sterblichkeit ist jeden Daseins Last" — und man denkt, wo sind die wenigen Auserwähltesten, denen man die schlichten Worte nachsagen kann, die Grillparzer für die Grabrede Beethovens fand — „er mußte sterben, um unsterblich zu werden" —. An der allerletzten Wand dieses letzten Saales ist ein ergreifendes Schnitzler-Bildnis aus den letzten Lebenstagen. Der sehr gealterte Dichter sieht ins unendliche „weite Land", oder sinnt über die ihm in allen seinen Schriften immer so vertraute „Flucht in die Finsternis", wie ja sein letztes Buch auch hieß. Man ist in die Franz Josef-Ausstellung gegangen, das Judentum von sieben Jahrzehnten suchen, seine restlose kaisertreue Hingabe, sein Nieversagen bei jeder WoMfätigkeitsaiktion, seinei großzügigen Gründungen, seine Anteilnahme an Handel und Industrie, seine Beteiligung an Wissenschaft, Dichtung. Musik, Malerei und Schauspielkunst. Man gedenkt der großen jüdischen Mäzene, die den Aufschwung, den Kunst und Kultur im Zeitalter Franz Josefs nahmen, mit ermöglichten, ihre Unterstützungen ohne Unterschied der Konfession in großherzigster Weise gewährten. Man gedenkt der unendlichen Kulturarbeit des jüdischen Bürgertums in dieser Epoche, und wir wissen daß Franz Josef in seiner fernen, einsamen Höhe sich wiederholt äußerte, wie sehr er die Treue und Anhänglichkeit, den Familien- und Wohltätigkeitssinn der Juden schätze. Als man Franz Josei den grausamen Tod seiner Gattin meldete, sagte er „nichts ist mir erspart geblieben" und! doch ist ihm das Allerletzte und Ailerschmerzlichste erspart geblieben. das endgiltige Scheitern seiner Ideen und den Zerfalt des Reiches, den Verlust von Thron und Krone zu erleben. Mit solchen Gedanken belastet, steht man wieder vor den Toren des Schlosses, die Heckenrosen an dem Spalier des Kammergartens sind schon verwelkt, und eine Ahnung von Vergänglichkeit liegt in der Luft des heißen Scmmertages. Eine vergangene Welt hat man besucht, auch ein Ausflug in die eigens Jugend war es. aber dri'ben fahren schon die klingelnden Wagen der Elektrischen zur Stadt in den trüben Kampf der Gegenwart, und nun bleibt Schönbrunn in seiner stummen Barockpracht spRinxhaft zurück, erbaut von jener zeitgemäß nicht eben judenfreundlichen Kaiserin, welche sich von dem vornehmen, mit allen Rechten versehenen jüdischen Baron D'Aguüar Geld zu dem Bau verschaffen ließ. Die große Kaiserin Maria Theresia, welche im allgemeinen mit Juden nur hinter einem Wandschirm sprach und deren vertrauter Ratgeber — paradoxes Judenschicksai — der faszinierende getaufte Jude Josef von Sonnenfels war. der Befreier von Tortur und Folter. Hermine Krüger.

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