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Die Wahrheit · 1935-08-09 · Heft 32 (9.8.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 32 (9.8.1935)
Date
1935-08-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 32 — 9. August 1935 DIE WAHRHEIT I tl aast da meinen Jaden, hau ich deinen Jaden! Da der letzte, noch immer nicht ganz abgeklungene Tobsuchteanfair des Nationalsozialismus in Deutschland auch die katholische Kirche schwer bedrohte, sah sich die Wiener „Reichspost" gezwungen, der Hitler-Bewegung die Leviten zu lesen. Ihre Kritik wendet sich aber nicht gegen die Prinzipien, sondern bloß gegen die Taktik der braunen Machthaber. Sie tadelt, durchaus nicht etwa die Bestialität an sich, die unterdem Hakenkreuzbanner Orgien feiert, sondern nur die Ungeschicklichkeit, des Nationalsozialismus, „sich auch dort ins Unrecht zu setzen, wo er ohne; nennenswerte Schwierigkeiten Recht behalten könnte". Sie wirft ihm nicht sittlichen Defekt, sondern nur Mangel an — Klugheit vor, „die ihm wahrscheinlich den Beifall weiter Kreise zuführen würde". Das Blatt versichert Herrn Hitler des tiefen Verständnisses für seine .■ „Abwehr des Bolschewismus" und der „Ausräucherung des Kultur-- bolschewismus", „bei der jeder mittun möchte ..." Und damit nicht jemand auf den Gedanken verfallen "kann, unter Kulturbolschewismus jene kulturfeindliche Politik zu verstehen, die geistig Schöpferischen aus rassischen und konfessiondien Gründen die Entfaltung und Produktivierung ihrer intellektuellen Fähigkeiten verbietet, so beteuert die „Reichspost", daß sie kein. Wort darüber .verlieren würde, „wenn einer im Zeitalter des Liberalismus und Marxismus allzu weit, mitunter bis zur Bevormundung, ja bis zur Monopolstellung gediehenen „Uebeirfremdung" weiter! Gebiete des nationalen Kultur- und Geisteslebens vernünftig und gerecht entgegengewirkt würde, die am meisten von den ihrer Eigenart sich bewußten und darauf stolzen jüdischen Mitbürgern selber als Aergernis empfunden und bedauert wird". Neben Herrn Hitler ernten da also auch die Jüdischnationalen Anerkennung wegen ihrer Schützenhilfe im antisemitischen Kampf gegen jene „Ueberfremdung", die darin besteht, daß jüdische Aerzte christlichen Krankenkassienpatienten Zähne ziehen oder Geburtshilfe leisten und daß jüdische Rechtsanwälte angeklagte Diebe verteidigen, während das Dritte Reich soeben daran ist, beide Berufe: den der Rechtsanwälte und den der Diebe zu arischen Monopolen auszugestalten. Hinsichtlich der Rechtsanwälte weiß man das schon seit zwei Jahren, bezüglich der Diebe hat es jetzt Hitlers Polizeipräsident Daluege angekündigt An all dem hat die „Reichspost" nicht das Mindeste auszusetzen. Ihre Einstellung gegen den Nationalsozialismus ist nicht vom Hasse prinzipieller Gegensätzlichkeit inspiriert! Die Geschichte dieser Gegensätze ist tragischer als ' alles, was die Romandichtari auf dem : Gebiete bisher ersinnen konnten. Am Anfang machte die . „Reichspost" Herrn Hitler bloß die Priorität der Erfindung des Antisemitismus streitig, jetzt muß sie sich schon dagegen wehren, daß sich diese Erfindung gegen die von ihr verfochtene christliche Weltanschauung kehrt und der Hakenkreuz-Antisemitismus, „wo immer er sich geistig,-gebärden will, kein anderes Objekt für seinen Tatendrang ■» zu finden weiß als das Christentum, das-er teils zu .entjudaisieren' und der .nordischen Gorterkenntnis' anzugleichen, teils als jüdischer Herkunft zu ächten trachtet". „ .Die „Reichspost", deren. Lieblingsargument im Kampfe gegen Liberalismus und Sozialdemokratie "die'„Verjudung"" dieser Parteien wir; hat es sich nicht träumen, lassen, daß sich das Christus-Wort: „Mit welchem Maße Ihr messet, mit dem werdet Ihr-wieder gemessen"; eines Tages so wörtlich an ihr erfüllen werde. Aber sie weiß sich zu helfen. Sie erinnert sich an. die von Peter Hebel erzählte Anekdote von den zwei Postillons, deren Postkutschen, jede von einem jüdischen Passagier besetzt, einander in einem engen Hohlweg begegneten, wo kein Ausweichen möglich war. Ergrimmt über das Verkehrshindernis schlug der eure Postillon auf den Fahrgast des andern ein, was diesen Braven so erzürnte, daß er ausrief: „Haust5 du meinen Juden; hau ich deinen Juden!" und den Worten die Tat folgen ließ. Die „Reichspost"/sehr erbost über die nationalsozialistischen Hiebe auf die jüdische Abkunft der christlichen Glaübensapostel und somit der christlichen Lehre, holt zum Gegenhiebe auf die — jüdische Essenz des Nationalsozialismus aus. Sie ist „dahintergekommen, daß das meiste, worin sich -dier Nationalsozialismus von anderen zeitgenössischen Ismen, wie er glaubt, zu seinem Vorteil unterscheidet, also gewissermaßen seine Essenz, aus alttestamentarischer Quelle geschöpft ist". Wie das? Man höre und staune: „Der scharfe Trennungsstrich, den der Nationalsozialismus zwischen dem eigenen Volk, Cafe Pension Echstcin Semmering IHOTEL ELISABETH HOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang zwischen der eigenen, atiserwählitien nordischen Rasse und den anderen Völkern und Rassen zieht, ist, doch zweifellos dem mosaischen. Gesetz entnommen, das den Juden, als" sie nach langer'erzieherischer Wüstenwanderung vom .gelobten Land Besitz ergriffenj in den _ strengsten-Worten jede Verbrüderung, Vermischung und Verschwägerung mit den Bewohnern dieses Landes und seinen Nachbarvölkern untersagte. Und ganz wie nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft unter Esra die Juden, Laien' und' Leviten, die sich ihre Frauen aus fremden Völkerngeholt hatten, dazu verhalten wurden und sich dazu bewegen ließen, die schwere Verfehlung gegen Mosis Gesetz durch Entlassung dieser Frauen wieder rückgängig zu machen — eine der ergreifendsten Episoden in der Geschichte des Alten Bundes — betreibt der Nationalsozialismus im Dritten Reich die Auflösung - .rasseschänderischer' Verbindungen, gegen die er sich ein Gesetz zurechtgelegt hat, das solch© Verbindungen bis zur Unmöglichkeit erschwert und gegebenenfalls unerbittlich durch brutale Züchtigung der Sünder rächt". Die „Reichspost" ist sachverständig genug, um das Gewagte, dieser -Vergleiche zu empfinden. Sie gibt zu: „Freilich, es ist ein reichlich miß verstandenem Mosaismus, den der Nationalsozialismus, gewissermaßen als sein geistiges Landesprodukt, zur Schau stellt, aber unverkennbar auch in seiner Verzerrung ... Es istfe ein Mosaismus mit umgekehrtem Vorzeichen: Hatte die scharfe Umgrenzung des auserwählten Volkes, aus dem der Erlöser hervorgehen sollte, den Zweck, es vor der Abgötterei und den Lastern der Heidenvölker zu bewahr e n, so scheint die Sorge der Propheten des Nationalsozialismus darauf gerichtet zu sein, seine Bekenner durch die Absperrung fremder Blutzufuhrl auch von der zweitausendjährigen Beeinflussung durch das ,verjudete' Christentum wieder frei und für die Wiederannahme der artgemäßen nordischen Religion der Urväter des Germanentums reif zu machen." Schon aus dieser Gegenüberstellung* geht hervor, daß hier Inkommensurables miteinander verglichen wird. Wenn die „Reichspost" Ereignisse aus Feuilleton Kaiser Franz Josefund die Juden. Franz JoSef-Ausstellung . .. . Ein Ausflug in die Jugendzeit ist es! Man fühlt noch die scheue Ehrfurcht vor der Historie, die man als Kind hatte, wenn man durch das Tor hereinschrirt und dachte, wie Napoleon 1809 hier eingezogen war, man spürte förmlich das Mitleid mit den armen Wienern von damals, hatte man doch als Kind noch Leute gekannt, die von der Franzosenzeit aus eigener Erfahrung wußten. Und dann geht man in die Ausstellung das Judentum suchen, das in diesen 68 langen Regierungsjahren immer zur Stelle war, immer begeistert, wie eben Juden begeistert sein können, die stets hingebungsvolle Staatsbürger waren, wie es ja schon der Prophet Jeremias seinem in die Verbannung wandernden Volk als Mahnung mitgibt, „Fördert den Frieden, das Wohl des Landes, in dem ihr lebt". Bevor man noch die Schwelle überschritten hat, sieht man vor seinem geistigen Auge die eigene Großmutter, die geborene Oesterreicherin aus dem kultivierten Ghetto Mantuas, die kaiserliche Beamtenwitwe, wie sie schluchzend bei der Türe hereinkam, die erste Nachricht über das Drama von Mayerling bringend. Man war ein ganz kleines Mädel, aber man fühlte, jetzt ist ein großes Unglück geschehen, so daß die Erwachsenen weinen müssen. Und da erinnert man sich auch, wie man als Kind in Schönbrunn „unsern Kaiser" sah, der gerade ausfuhr, und wie man wichtig grüßte, man war jeder Zoll ein treuer, kleiner Untertan und man liebte die legendäre Gestalt mit dem schönen Bart. Man war ihr doch auch näher, als die andern Kinder, war doch die eigene Mutter als reizendes, vierzehnjähriges Mädchen in der Audienz gewesen, sich dafür bedanken, daß sie auf Kosten seiner Majestät im Konservatorium zur Pianistin ' ausgebildet worden war. Dieser Stiftplatz war der kaiserliche Dank für treue Dienste gewesen, die der Großvater dem unglücklichen Kaiser Maximilian von Mexiko geleistet hatte. Von Kaiser Max selbst hatte er noch den Guadelupe-Orden erhalten. Ueberhaupt die Episoden aus dem Leben des Großvaters, wie er am Schlachtfeld von Novara die Tapferkeitsmedai'le erhielt und am Schlachtfeld von Solierino 'zum Offizier befördert wurde, wie er nach der Schlacht bei Gaeta von Papst Pius IX. als einziger Jude in Audienz empfangen wurde und die päpstliche Tapferkeitsmedaille eingehändigt erhielt. Am Como-See wurde er dann von Garibaldianern gefangen genommen, da er wichtige kaiserliche Depeschen geschmuggelt hatte. Garibaldi verkündete ihm selbst das Todesurteil, und er verbrachte bange Tage im Kerker, nicht mehr auf Rettung hoffend. Die Judengemeinde von Como hatte von seinem Schicksal erfahren, und es gelang, ihn in letzter Minute gegen einen wichtigen italienischen Kriegsgefangenen auszutauschen. Und da ist man schon im ersten Stock vor einem wunderbar lebendigen Altersbildnis Franz Josefs, von dem großen, jüdischen Porträtmaler Horowitz. Der erste Teil der Ausstellung ist der Persönlichkeit und der Familie Franz Josefs gewidmet, da ist das entzückende Aquarell, der kleine Erzherzog „Franzi" auf den Knien des schönen Herzogs von Reichstadt, unter Glas die Stundeneinteilung des 16jährigen Schülers, man geht durch das Audienz- Zimmer, das Arbeitszimmer mit dem Glasparavent, damit der alte Herr vor Zugluft geschützt ist, in Vitrinen liegen die kleinen, menschlichen Dinge, Brille, Pfeife, Zigarrenetui, man kommt in das Sterbezimmer von 1916 mit dem historischen Eisenbett und dem Mangel an modernen Einrichtungen, man geht an vielen bezaubernden Bildern der schönen Kaiserin vorbei, momentan interessiert ein Gemälde ven Schrotzberg, „Die Kaiserin in der Volksküche". Dann sind Bilder des unglückseligen Kaisersohnes, ein Handschreiben von ihm, und prägnant für seine freie Gesinnung gerade eines an seinen Vertrauten, den jüdischen Journalisten Moritz Szeps. Das Schreiben enthält Mitteilungen über die bekannte Entlarvung des Spiritistenschwindels. Es kommen die großen historischen Persönlichkeiten Ungarns, die Zeitgenossen auf den Thronen Europas, mit denen der Kaiser in persönlichen Beziehungen stand, darunter unvergleichlich und nur mehr Geistigkeit atmend das Bild von Leo XIII. in ganz hohem Alter. Und dann ist man mitten im großen Saale „Franz Josef als Herrscher". Das Sturmjahr 1848 braust auf! Zeitgenössische Lithographien von Barrikaden und Aufruhr, die brennende Jägerzeile, Revolte im Prater, die Erschießung Messenhausers. Das undurchdringliche, liebenswürdige und ach so kluge Diplomatengesicht von Klemens Metternich. Ein Bild von Dr. Fischhof, der ..edelste Demokrat", nicht nur. einer der Ersten von 1848. sondern auch ein klarer Seher, der in einem vertraulichen Brief von 1878 wörtlich schreibt: „denn die nationale Kluft wird dereinst das Grab der Monarchie sein", und weiter über die Verfassung, „welche nicht Kitt, sondern Keil ist zwischen den Völkern" und dann noch mancherlei Betrachtungen „wie schmerzlich, wie tief schmerzlich ist dies alles". Echte Demokratie in jüdischem Herzen wehmütig empfunden, denn1 von vielen und auch hochgesinnten Demokraten ist dieser vorauszusehende Zerfall sicher nicht schmerzlich empfunden worden. Interessant sind die Archivstücke. Ein staatspoldzeilicher Bericht über die politische Verdächtigkeit von Redakteuren aus dem Jahre 1851, und! da heißt es über Moritz Saphier, er sei ein zu schwankender und leichtsinniger Mensch, um Politiker sein zu können, und als weitere Notiz1 noch „Schwachkopf". Ein Aufruf „zur Bildung eines Vereines zur Unterstützung und Ausspeisung Arbeitsloser" vom Jahre 1S50, und wir sehen unter anderem zustimmende Zuschriften von Dr. med. Romeo Seligmann, Ernst Figdor, Mautner, Josef Wertheimer, Dr. Ofenheim. Sehr interessant ist auch das Tagebuchblatt des Polizeiministers Kempen über das Attentat von Libenyi. Ein kaiserliches Handschreiben aus dem verhängnisvollen Jahre 1866 an den Sohn zum Geburtstag. Schicksalsschwer heißt es wörtlich: „Daß Du einst bessere Zeiten erlebest als sie mir beschieden waren." Wie tragisch, denn wie viel Schwereres, fast Uebermenschliches kam noch nach Königgrätz und wurde in eisiger, undurchdringlicher Ruhe erduldet, bezwungen von dem großen, biblischen Gedanken der unbedingten, restlosen Pflichterfüllung. Man freut sich über jlie Ritterstandsverleihung an den Hofburgschauspieler Adolf Sonnenthal vom 19. November 1881, welche unter den Archivalien liegt. Der arme jüdische Schneidergeselle aus Budapest, der arbiter elegantiarum des Wiens von 1870, gottbegnadeter Künstler, in seinen großen Glanzrollen wie Nathan der Weise oder Wallenstein eindringend in die letzten Geheimnisse des Daseins, seine große jüdische Seele hingebend bis zum Letzten seiner Kunst. Man sieht die Genehmigung des Adelsprädikates „Semper- Verus" durch Seine Majestät, und man ist stolz, daß ein so von des Schicksals Gunst verwöhnter Mensch in sein Testament schrieb: „Ich habe als Jude gelebt und will als Jude sterben." Für uns, die wir die Luegerzeit miterlebten, die Demütigungen, die sie uns Juden gebracht, und die traurigen Lächerlichkeiten, ist die kaiserliche Bestäti-

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