Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 31 (2.8.1935)
- Date
- 1935-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 31 — 2. August 1935 Seite 3 Die Tragödie der deutschen Juden* Erklärungen Leonard G. Monteftores in der Anglo-Jewish Association. In der jüngst abgehaltenen Sitzung der Anglo- Jewish Association hielt der Präsident der Association Leonard G. Montefiore eine Ansprache, in der er einen Vergleich zwischen dem Fall des eben verstorbenen Alfred Dreyf us und der Tragödie der deutschen Juden zog und weiter ausführte: Als Mtejhieirj Junge; lauschte ich mit größter Spannung den Gesprächen der Erwachsenen über die Aussichten des Dreyfus-Plrozesses in Rennes. Mit Dankbarkeit und Rührung wurden die Namen der braven Männer wie Zola, Oberst Picquart und anderer genannt, die ihre Karriere aufs Spiel setzten und ins Gefängnis kamen, um der .Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Denn es ging nicht allein um Dreyfus; die ganze Fälschungsfabrik, dte damals geschaffen wurde, war nicht aHein zur Diffamierung Dreyfus' da. Aber nach zehn Jahren war auch Dreyfus Gerechtigkeit widerfahren. Das heutigei Deutschland setzt, wenn es einen Sündenbock braucht, nicht einen Marm, sondern glejich eilne halb© Million Menschen auf die Anklagebank. Es besteht eine sehr große Verwandtschaft zwischen dem gefälschten „bordereau" und den „Protokollen der Weisien von Z i o n". In seiner Ansprache im Parlament über auswärtige Angelegenheiten appellierte Sir Samuel Höare an den gesunden Menschenverstand, an Toleranz und Güte. Für diese Eigenschaften aber ist im heutigen Deutschland kein Platz. Güte ist mit Konzentrationstager schwer vereinbar. Ebenso wenig hat die Absetzung eines Bürgermeisters, nur weil er bei einem Juden eingekauft hat, mit gesundem Menschenverstand etwas zu tun. Und wer wird in den berüchtigten Ansprachen des Dr. Goebbels etwa Toleranz finden? Alle diese Eigenschaften gelten im heutigen Deutschland als Ueberbleibsel des diskreditierten Liberalismus; an deren Stelle werden nun Härte, Rücksicht slosSgk ei t und Brutalität kultiviert. Es ist möglich, daß Sir Samuel Hoare, als er auf gewisse Phänomeflel im heutigen Deutschland hinwies, an den Geist der Intoleranz dachte, der dort herrscht; sicher hat er auch die Rassentheorie im Sinne gehabt, die den Angelpunkt des heutigen inneren Regimes in Deutschland! bildet. Kein Gegenstand wird in den deutschen Schulen und Universitäten gründlicher studiert als die Rassentheorie. Aber wenn die Juden auch (Be ersten und hauptsächlichsten Opfer dieser Theorie sind, so werden die durch dieselbe hervorgerufenen Verwicklungen weitere Kreise ziehen. Denn die deutsche Politik zieht die 25 Millionen Auslandsdeutschen In den Bereich ihres Einflusses; es wird keine Mühe gescheut, um diese Millionen mit nationalsozialistischem Geist zu durchdringen. Und das bedeutet schon mehr als nur Verfolgung der Juden. Man kann nicht daran zweifeln, daß diese deutschen Minderheiten als Vorspann dazu dienen, um Deutschlands Einfluß in Südosteuropa und anderswo zu stärken. Unbeschadet der Luft- und Flottenpakte wird Deutschlands Politik in Osteuropa immer drohender werden. Ich habe, fuhr Leonard G. Montefiore fort, aufzuzeigen versucht, daß die Behandlung der Juden durch die Nationalsozialisten symptomatisch ist für die gesamte heutige deutsche Politik. In diesem Zusammenhang soll auf die Diskrepanz zwischen den für das Inland und den für das Ausland bestimmten Reden hingewiesen werden. Vor einigen Tagen hat ein großer Nazifunktionär, der Direktor des Rassenamtes der NSDAP, Dr. Groß, bei seinem Besuche in England eine Rede gehalten, in der er dte Stirn hatte zu erklären, es sei eine plumpe Lüge, wenn behauptet wird, daß die deutsche Regierung die Juden aus ihren Positionen hinaustreibt. Dieser selbe Dr. Groß hielt in Deutschland zahlreiche Ansprachen, in denen er es als ein nationalsozialistisches Gebot hinstellte, die Juden ihres gesamten Einkommens und Eigentums zu berauben. Wenn nun so hoch gestellte Funktionäre des heutigen Deutschland mit solchen Fälschungen arbeiten, so kann man schwerlich, auch was die sonstige Außenpolitik der deutschen Regierung betrifft, den Reden der Naziführer Vertrauen entgegenbringen. Entgegen den Londoner Behauptungen des Dr. Groß soll hier festgestellt werden, daß den Juden in Deutschland bei der Erlangung von Arbeit unüberwindliche Schwierigkeiten entgegengestellt werden. Wenn ein Handwerker einen jüdischen Lehrling aufnimmt, wird sein Name angeprangert und sein Geschäft ruiniert. Die 6000 jüdischen Kinder, die jährffich in Deutschland die Schule verlassen, haben keine Aussicht, in Deutschland einen Beruf zu erlernen. Die berufliche Erziehung dieser Kinder ist eine der Hauptaufgaben, die wir zu erfüllen haben. Auch dürfen wir der Flüchtlinge hier und in anderen Ländern nicht vergessen. Heiraten?? Den idealen jüdischen Lebensgefährten finden Sie schnell und sicher durch Die Jüdische neirafszeltang Prag XIX.. Sonors*« 8, CSU. Weiteste Verbreitung im In- und* Ausland. Reichste Auswahl an Ehegesuchen, Einheiraten etc. Prospekt nur geg. Rückporto, neueste Prqbenummer Kc 4.—, Ausland 2 internation. Antwortscheine Montefiore schloß: Als man Dreyfus nach der Teufelsünsel deportierte, war das Weltgewissen erschüttert. Seit 1914 sind wir gegenüber den Leiden Unschuldiger hartherziger geworden. Und dennoch: laßt uns daran denken, daß Dreyfus von der Teufelsinsel zurückkehrte und das Urteil revidiert wurde. Hoffen wir, daß auch, über das Schicksal der deutschen Juden das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Elkan A. Adler erinnerte an seine Gespräche mit dem verstorbenen Baron Edmond de Rothvschild zur Zeit der Dreyfus-Affäre. Der Baron war verzweifelt: „Es ist die Armee", sagte er. Die einzige Stärke der HMer-Partei ist auch die Armee. Ich hoffe, schloß Adler, daß sich auch das Schicksal der deutschen Juden wenden wird, daß sie wieder geachtete Bürger Deutschlands werden. ff Sensationsberichterstattung"? Die Auslandspresse zu den Ausschreitungen gegen die Juden in Deutschland. Die „Neue Zürcher Zeitung" bringt in ihrer Abendausgabe vom 19. Juli eine Betrachtung über „Die antisemitischen Ausschreitungen im Berliner Westen". Die führende Schweizer Zeitung schreibt: „Die Berichterstattung der ausländischen Presse über die antisemitischen Ausschreitungen im Berliner Westen erregt das Mißfallen der Nationalsozialisten. Die deutschen Blätter klagen über .Sensationsberichterstattung' und holen auf ein offizielles Stichwort hin zu' einem propagandistischen Gegenschlag, aus». Die Vo-cfä Ue &nv Ku.riii.ns-tendamm werden als geringfügig dargestellt und die ausländische Presse wird bezichtigt, bei diesem Anlaß böswilligerweise eine Stimmungsmache gegen Deutschland entfesselt za haben. Der .Völkische Beobachter' behauptet, daß z. B. ein Teil der englischen Presse über die paar zerbrochenen Fensterscheiben in Jud'encafes am Berliner Kurfürstendamm vollständig die Vorgänge in Belfast vergesse. . . während die P a r iser Presse. . . die Vergewaltigungen und Mißhandlungen der jüdischen Einwohner in Constantine ebenfalls vergessen habe .... Die Vorwürfe, die in diesen Aeußerungen gegenüber der ausländischen Presse in Bausch- und Bogen und gegen die Presse einiger Länder insbesondere erhoben werden, sind so schwerer Art, daß man sie wohl etwas näher betrachten darf. Die Nationalsozialisten werden kaum viel daran ändern können, daß" antisemitische Ausschreitungen in Berlin in der Welt mehr Aufmerksamkeit erregen und: als ernsteres Ereignis gewertet werden wie ein Judenpogrom in Nordafrika. Dabei Kleina Tube S —.90 Große Tube 3 1.40 wird es wohl bleiben, solange die Stadt Constantine in Algier liegt und Berlin seinen Standort nicht wechselt. Die Ehre, ein großes Volk mitten in Europa zu regieren, ist für die Nationalsozialisten eben verbunden mit der unbequemen Aufmerksamkeit, welche die Umwelt ihrer Politik widmet. Es steht nicht in ihrer Macht, dieses natürliche und legitime Interesse abzulenken nach Irland, und es ist auch keineswegs überraschend, daß die Unruhen in Belfast der Welt weniger symptomatisch erscheinen als die organisierte Jagd auf die Juden im Berliner Westen, die in einem so offenkundigen Zusammenhang mit der Radikalisierung der nationalsozialistischen Bewegung und den letzten Reden und Drohungen Dr. Goebbels steht. Die Behauptung, daß die .Sensationsberichterstattung' den Zweck habe, das sich anbahnende Verständnis für Deutschland in anderen Ländern wieder zu zerstören, steht mit bekannten Tatsachen im Widerspruch. Gerade in England wird die Propaganda für die Verständigung mit Deutschland von den liberalen und Labourkreisen und ihrer Presse in erster Linie getragen. Diese Kreise vor allem bedauern und mißbilligen den Antisemitismus des nationalsozialistischen Regimes." Die „Neue Zürcher Zeitung" spricht dann von der Hoffnung dieser englischen Kreise auf eine Aenderung des nationalsozialistischen Verhaltens gegenüber Juden und anderen religiösen und politischen Minderheiten und schließt ihren Artikel: „Als diese etwas weltfremde Erwartung durch die letzten Ereignisse von neuem enttäuscht wurde, da waren es gerade diejenigen englischen Blätter, die der Verständigung mit dem Reich das Wort reden, welche die von der deutschen Propaganda beklagte .Sensationsberichterstattung' über die Vorgänge am Kurfürstendamm veröffentlichten und mit den schärfsten Worten den nationalsozialistischen Antisemitismus mißbilligten." Jüdische Kulturstelfe. Wien L, Franz-JoSefs-Kai 3, Telephon R 28-2-26. Die „Jüdische Kulturstelle" hat ihre neuen Räume bereits bezogen. Karten für das Theater in der Josefstadt stehen den Mitgliedern zur Verfügung. : PUÖKIX