Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 30 (26.7.1935)
- Date
- 1935-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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J! Herzn. franenlietlDadj \dS& Tafzroannsdorfi fJSsifc (Bnrfleolond) : Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder. I S Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Res-; taurants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung : Wien L, Kohlmarkt 8 Tel. U IS -104; JNen: Moorpackungen und Moorkompressen in- S allen Apotheken erhältlich. S Abscheu über die neue antijüdische Hetzkampagne Ausdruck gegeben. Senator K i n g brachte einen Antrag ein, in welchem der auswärtige Ausschuß aufgefordert wird, die Berliner Vorfälle zu untersuchen, und beantragte sogar einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland, falls das Ergebnis der Untersuchung dies rechtfertigen würde. * Der Berliner Polizeipräsident von Levetzow, der den Deutschland bloßstellenden Skandalen resolut ein Ende machen und die Pogromisten verhaften wollte, mußte diese Kühnheit mit seiner Abberufung büßen. Zu seinem Nachfolger wurde Graf Helldorf ernannt, der zu Rausch haschono im Jahre 1931 den Tempel in der Fasanenstraße gestürmt und dadurch seine Eignung zu einem beamteten Schützer von Ruhe und Ordnung bewiesen hatte. Allerdings geriet Helldorf später infolge verschiedener Affären einigermaßen in den Hintergrund, aus dem er erst jetzt hervortreten durfte, vielleicht, weil es an anderen Bewerbern fehlte. Hat doch der blamable Pogrom im vornehmsten Teil von Berlin sogar den „Stürmer'-Streicher kopfscheu gemacht und er suchte seine Leser durch die Versicherung zu beschwichtigen, daß' die Juden keine größere Sehnsucht haben, als verprügelt zu werden, und daß Leute, die ihnen diesen Gefallen erweisen, keine Antisemiten seien. Leider hat dieser komplizierte Gedankengang die geistige Fassungskraft der „Stürmer'-Leser überstiegen und die Leute ließen es sich nicht nehmen, die Exzesse zu wiederholen. So kam es zu viehischen Ausschreitungen gegen Juden auf jener Prachtstraße, die durch ihren Namen an den Großen Kurfürsten erinnert, der im 17. Jahrhundert die von Kaiser Leopold I. aus Wien vertriebenen Juden liebevoll aufnahm und zur Gründung der Berliner jüdischen Gemeinde veranlaßte. Jetzt sitzt der Oesterreicher Du mußt es dreimal sagen. Ich bin eben ein vergreister Assimilant und zitiere den deutschen Dichterfürsten trotz Nationalsozialisten und Jüdischnationalen, die in ach so vielen Dingen des jüdischen Lebens und der jüdischen Entwicklung einander berühren. Ich muß eben wiederholt schon das Schicksal erleiden, den Jüdischnationalen, soweit sie durch die „Stimme" repräsentiert werden, es dreimal sagen zu müssen. Die „Stimme" versucht eine Widerlegung meines letzten Artikels über das Ergebnis der Kongreßwahlen und gibt ihrem Artikel die UebeTSchrift „Getrübte Wahrheit". Sie hat ganz recht: sie trübt die Wahrheit meines Artikels. Dieser war ja .doch ausschließlich auf die Ziffern aufgebaut, die die „Stimme" selbst gebracht hat. Die Konklusionen, die ich hieraus gezogen habe, sind der „Stimme" selbstverständlich nicht recht; aber sie sind wahr und das ist das Entscheidende. . Um darüber hinwegzukommen, offenbart oder spielt die „Stimme" 'eine Naivität, die geradezu erstaunlich ist Die Wahlbewegung anläßlich der Kongreßwahlen hat nichi nur eine beispiellose Verbitterung, Zerrissenheit und Zerfahrenheit. unter den einzelnen Gruppen der Jüdischnationaten gezeigt. Weit mehr noch ist zutage getreten eine solche Verschiedenheit der Grundauffassung in den wichtigsten jüdischnationalen Fragen, daß von einer einheitlichen Weltanschauung der Jüdischnationalen gar nicht mehr gesprochen werden kann. Gibt es keinen anderen Unterschied zwischen den Allgemeinen Zionisten des eben erst in Krakau zu¬ Adolf Hitler auf dem Throne des Großen Kurfürsten und bemüht sich, dessen „Versündigungen" gegen das Deutschtum gut zu machen. Das Deutsche Statistische Reichsamt teilt mit, daß im Zeitraum vom 30. Juni 1933 bis zum L Juli 1934 in Deutschland 13.121 Personen, in der Hauptsache Nichtarier, ausgebürgert wurden. Obies jene Staatsmänner, an die dereinst die Aufgabe herantritt, die Versündigungen des Hitlerismus :am Deutschtum gut zu machen, auch so leicht haben werden? * ■ Daß Hitler höchstpersönlich die judenfeindliche Politik, die jetzt die Reinigung Berlins von den jüdischen Flüchtlingen aus der Provinz .erstrebt, protegiert, bewies er dieser Tage selbst, indem er eine Konfiskation des „Stürmer" noch am selben Tage außer Kraft setzte. Sie wurde dann doch — wenn auch „so diskret wie nur möglich"— durchgeführt. Auch wird folgendes aus Berlin als verbürgt berichtet: Bei einer Sitzung der deutschen Wirtschaftsführer, an der auch,.Hitler teilnahm, äußerte Geheimrat Bosch von den Boschwerken, daß es notwendig sei, im'Lnteresse des deutschen Exports die Judenverfolgungen zu mildern. Hitler erhob sich darauf und verließ, grußlos während Boschs Rede den Saal. Der Versammlung ließ er durch einen Diener mitteilen, daß er erst wieder erscheine^n' werde, wenn Bosch den Saal verlassen habe. Bosch ging darauf. Angesichts solchen ^Vorbilds, das der oberste Führer des Reiches gibt*ist es natürlich kein Wunder, daß auch die Unterführer ihre politische Agilität in erster Linie gegen die Juden entfalten. So kommt es zu grotesken Pikanterien, wie daß just in dem Moment, da ein notorischer Störer der öffentlichen Ordnung zudrjgferliner Polizeipräsidenten avancierte, wie vorher schon der Fememörder Heines Polizeipräsident c von Breslau; geworden war, der 'Befehlshaber der/deutschen Polizei, Generalleutnant Daluege, einen verleumderischen Vortrag über die Kriminalistik unter den — Juden hielt, daß, während das deutsche Volk Mangel am Notwendigsten hat, gleichzeitig ein. Verbot erlassen werden muß, über die Rieseneinkünfte der Nazi- Bonzen zu diskutieren, unä daß wegen ,der immer deutlicher werdenden .§|&ljt> d/r^deutschen ~Be~ völkerung,- den ganzea-Natioaalsozialismus ^aufs Eis zu legen, die jüdischen Eisdielen vorzeitig zusperren müssen. . . « . . i ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■i Cai€ Pension Echstein Sentmering (■■■■■■■■■■■■■■■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ sammengekrachten Welt Verbandes, den Radikalen Zionisten der neu geschaffenen Welt Vereinigung, der Judenstaatspartei, den unter dem Namen „Arbeitendes Palästina" verkappten ehemaligen Poale-Zionisten, den Misrachisten und den Revisionisten, gibt es, frage ich, unter all diesen Parteien keinen anderen Unterschied als den der Person? Geht es da .wirklich um nichts anderes als darum, ob gerade Herr Dr. Oskar Grünbaum oder Herr Dr. Plaschkes oder Herr Oberbaürat Stricker oder Herr Dr. Sokal usw. die im übrigen geeinten und geschlossenen Jüdischnationalen beim Kongreß vertreten soll? Wem will die „Stimme" dies einreden? Der Kampf um die Mandate zum Kongreß, "ist er ein Kampf der Personen oder ist er nicht vielmehr ein Kampf der Ideen, deren Träger eben die Personell sind, die um die Mandate so heiß gekämpft haben? Und sind diese Ideen die gleichen oder nicht vielmehr in den wichtigsten Fragen grundverschieden und einander vielfach diametral gegenüberstehend? Die „Stimme" stellt es aber in köstlicher Naivität so dar: Es kommt vor* sagt sie wörtlich, daß fnan in der Familie za nk t und sich dabei übernimmt; doch wenn ein Außenstehender sich einmengt, ist man rasch ernüchtert und macht gegen ihn Front. Die Gruppe, für die sie spricht, kann, fügt sie Wörtlich hinzu, „mit ihrem zentralen Charakter gleichsam als Vater der zionistischen Familie gelten." Also: Alles ist eitel -Freude und Freundschaft, die ganze jüdischnationale Familie sitzt einträchtig um einen Tisch herum, Kind neben Kind, -und •der Vater der Familie, von "wegen „seines zentralen Charakters" selbstverständlich der Allgemeine Zio- BÄPöÄSTIIDINI IHOTEL & ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang nist der „Stimme", sitzt obenan. Plötzlich kommt die Kongreß wähl und die Harmonie ist zu Ende. Also war das alles nichts als ein Familiengezänke, ein Zank, der zwischen den Kindern entstanden ist und an dem, wie schrecklich, der eigene Vater mit seinem zentralen Charakter teilgenommen hat; teilgenommen hat, nicht um den Zank zwischen den unartigen Kindern zu schlichten, sondern um trotz seines zentralen Charakters selbst mit seinen eigenen Kindern zu zanken. Und „ü hernimmt" sich dabei. Es war also kein Kampf um die Durchsetzung einer Weltanschauung, kein Kampf um die Frage, welche Wege einzuschlagen sind, die Juden aus ihrer vielfach so überaus ernsten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation herauszuführen: es war ein kleinerFamilienzank. Jetzt sind die Wahlen vorüber, jetzt seien wir wieder Du und Du. Bis zum Kongreß dauert es ja auch noch einige Wochen, dann werden wir uns zwar wieder in die Haare fahren, ich, der Vater mit dem zentralen Charakter, und ihr, meine lieben Kinder, aber ein Kongreß dauert ja auch nur einige Tage und dann können wir wieder Du und Du sein. So stellt sich die „Stimme" alles dies vor, weil, nun weil sich ein Außenstehender einmengt, was sie raich ernüchtert und gegen ihn Front machen läßt. Meine sicherlich ganz objektive und maßvolle Würdigung der Ergebnisse der Kongreßwahl nennt die „Stimme" Einmengung eines Außenstehenden. Als ob Vorgänge des öffentlichen Lebens nur von Parteigenossen gewürdigt werden dürfen. Die Ernüchterung der „Stimme" dürfte eine andere Ursache haben: einmal den aufliegenden Mißerfolg der Allgemeinen Zionisten bei dem „Weltkongreß" in Krakau, der von ihnen wahrscheinlich deshalb so benannt wird, weil sie fast von aller Welt verlassen wurden; zum anderen den,, auf liegenden? Mißerfolg, bei der Kongreßwahl. Sie können doch nicht leugnen, daß sie weit mehr „Schekel z a h 1 e r" aufgebracht haben als „Schekel- Wähler". Dies läßt doch nur die Deutung zu, daß die Allgemeinen Zionisten Wiens vermöge ihrer persönlichen Beziehungen und vermöge der Macht, die sie nunmehr in der Kultusgemeinde haben dank der Majorität, die ihnen die anderen jüdischnationalen Gruppen verschafft haben, viel mehr Leute aufgebracht haben, die ihnen für den Schekel die zwei Schillinge gezahlt, als Leute, die gewählt haben. Mir selbst ist es ja passiert, daß ein Herr in meinem Bureau erschienen ist,, um mich wegen Abnahme eines Schekels anzugehen, und daß tags darauf eine Frau mich in gleicher Sache antelephonierte. Es ist nun nicht jedermanns Sache, in einem derartigen Fall, es handelt sich um sage zwei Schilling, gleich ein politisches Glaubensbekenntnis abzulegen. Er zahlt also die zwei Schilling, geht aber nicht zur Wahl. Der Vergleich mit den Wiener. Kultuswahl e n, den ich gemacht habe, paßt der „Stimme" nicht. Bei diesen haben die Jüdischnationalen ganz zweifellos den letzten Mann zur Urne gebracht. Es ging doch für sie um außerordentlich Hohes, die Erringung der Macht in der Wiener Kultusstube. Bei den Wiener Kultuswahlen 1932 haben also alle jüdischnationalen Gruppen zusammen rund 16.000 Stimmen erhalten von rund 50.000 Wahlberechtigten, also kaum ein Drittel. Jetzt, bei der Kongreßwahl inganzOesterfeic h, nach zweieinhalb Jahren Machtausübung, im Besitze aller Macht in der Kultusgemeinde und trotzdem schon 18jährige Jünglinge und Mädchen das Wahlrecht hatten, ein Rückfall auf insgesamt rund 12.100 Schekel w ä h- 1 e r von rund 17.200 Schekel z a h 1 e r n. Wobei auf die' A11 g e in e inen Z'i o n i s t e n der heutigen Kuftusgefneindeniajörität;die meisten Schekeizanler, die nicht gewählt haben, entfallen! Der Schützenhilfe der Wizo allein haben sie es zu verdanken, daß ihnen die Anhänger Strickers nicht den Rang" abgelaufen haben. Die „Stimme" vermeint; die Kultuswahlen-1932 und die diesmaligen Kpngre&wahlen seien inkommensurableGrößen, könnten miteinander nicht verglichen werden unddie; Gegenüberstellung, erinnere an die spaßhafte Frage an A-B»C-Schützerii wie viel ein Apfel und eine Birne zusammen ergeben. Noch einmal: Nachklänge zur Kongreßwahl