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Die Wahrheit · 1935-07-26 · Heft 30 (26.7.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 30 (26.7.1935)
Date
1935-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 40 Groschen II In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" 3-~-.o;ic?nt jeder» Freurap, ffliiillffl«Pi»ll||lill|ll|llllM Redaktion und Administration: Wien iL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postspsrkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 26. Juli 1935 Nummer 30 Trauer um ■ Der gestrige Tag galt in ganz Oesterreich dem wehmütigen Gedenken an den Märtyrer-Kanzler Engelbert Do 11 f u ß. Eis war der erste Jahrestag der grauenvollen Vorgänge im Bundeskanzleramte, die in Oesterreich tiefste Trauer und in der gesamten Kulturwelt schauderndes Entsetzen hervorriefen. Ein paar Stunden lang durfte in dem repräsentativen Palais auf dem Wiener Ballhausplatz, das schon in vielen für die europäische Geschichte bedeutungsvollen Momenten die Augen der ganzen Welt auf sich gezogen hatte, ein Handvoll Desperados jene angebliche Höchstform rassisch geläuterten „nordischen" Edelmenschentums offenbaren, die im Hakenkreuz ihr Symbol gefunden hat. Das Resultat dieser Offenbarung hat Bundeskanzler Dr. Schuschnigg mit Recht eine Volksabstimmung genannt: In seltener Einmütigkeit hat das österreichische Volk jede Gemeinschaft mit den Mordbuben abgelehnt, die den ihren Ambitionen im Wege stehenden Kanzler kaltblütig meuchelten und stundenlang ohne ärztlichen und geistlichen Beistand verbluten ließen, nicht ohne dem Hilflosen die — Brieftasche zu stehlen .... Fürwahr, ein „erhebendes" Beispiel jener höheren „artgebundenen" Kultur, mit der Hitler das ihm als Wohnstätte einer durch vielfache Blutmischung entarteten „Bastardrasse" verhaßte Wien zu beglücken versprochen hatte! Der Abscheu über diese grausige Beglückung sprach sich in allen Bevölkerungsschichten so elementar aus, daß selbst die unentwegtesten Nazi es vorzogen, ihre Hakenkreuze vorerst in die Tasche zu stecken. Daß sie es bis zur Stunde noch nicht wagen konnten, sie von dort wieder hervorzuholen, ist das Verdienst des großen Staatsmannes, den sie hinmordeten, weil er sie zuerst durchschaut und die Warnung vor der Kulturschändung, die das wahre Wesen des Nationalsozialismus ist, seinem Nachfolger als wertvollstes politisches Vermächtnis hinterlassen hat. Die Dollfuß-Mörder haben es den Miterlebenden leicht gemacht, sich über ihre Tat und die aus dieser erkennbaren moralischen Qualitäten zu entrüsten. Schwerer war es, diese Mentalität und die ihr immanente Gefahr für die österreichische Kultur vorher zu erkennen. Wir Juden waren gewarnt und wußten im großen und ganzen, was vom siegreichen Hakenkreuz zu erwarten war. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß Dollfuß aus einem Milieu stammte, in dem der Antisemitismus an sich keineswegs als kulturwidrig galt. Dennoch hat er die Gefahren eines Zusammengehens mit den Hakenkreuzlern rechtzeitig erkannt. Und wenn er auch seine Abneigung gegen den Hitlerismus mit seinem jungen Leben bezahlen mußte, so hat ihn doch seine Idee sieghaft überlebt und sich bisher als die tragfähigste Basis der österreichischen Politik erwiesen: die Idee, Oesterreich durch Selbstbesinnung auf seine ureigenste Kultur zu einem Bollwerk gegen die Barbarei des nationalsozialistischen Blut- und Rassenmythos auszugestalten. Dem Chef des europäischen Dienstes der „New York Times" sagte Dollfuß am 20. September 1933: „Für mich als Christ ist die Seele eines Menschen wichtiger als seine Rasse. Wir müssen die Seele des Menschen als über allen Fragen der Nadi Amerika and Hanada Koschere Küche auf der Majestic 56.000 t Berengaria 52.000 t Aquitania 46.000 t Cunotd Wählte*Siat Repräsentanz: Wien /. Kärntnerring 4 Tel. U 46-0-48 U 42-0-43 Rasiere Dilti gut und billig Ocslerreicliisclies Guaillclfs faDrikül Ueberau erhältlich Rasse und der Nationalität stehend betrachten. Es ist nicht ein Parteikampf, den wir in Oesterreich ausfechten, sondern die Schöpiung einer neuen Lebensanschauung. Ich lade alle Amerikaner, welche irgendwelche Zweifel hegen, ein, nach Oesterreich zu kommen und sich selbst davon zu überzeugen, daß Oesterreich ein Land ist, wo Toleranz über allen Fragen der Rasse und der Religion steht." Da sich Bundeskanzler Dr. Schuschnigg zur selben Anschauung bekennt, hat diese ihre Dauerhaftigkeit als Grundtendenz der österreichischen Politik erwiesen. Pogrom-Deutschland. In den letzten Tagen hat die gesamte Kulturwelt wieder einmal mit entsetzten Augen auf das Dritte Reich blicken müssen. Die gesamte Kulturwelt, Christ wie Jude. Denn beide Konfessionen bekamen in diesen Tagen die Segnungen des Hitlerismus zu spüren. Der preußische Ministerpräsident Goering hat eine offizielle Kriegserklärung gegen den Katholizismus verfaßt, deren Veröffentlichung, sofort die Eröffnung der feindseligen Handlungen gegen die katholische Geistlichkeit und die katholischen Organisationen folgte. Und in Berlin und Breslau, in Dresden und Leipzig, von kleineren Orten gar nicht zu reden, inszenierte die S.-A. schwere Judenexzesse, über deren Grausamkeit die Preisse aller Länder voll Abscheu ausführlich berichtet hat. Zu Lande und zu Wasser, auf dem Kurfürstendamm und in den öffentlichen Bädern tobte sich der „nordische" Heldengeistgegen wehrlose Nichtarier, ja sogar gegen Kinder aus. Schweizerische Zeitungen geben die folgende bezeichnende Episode aus dem Berliner Pogrom wieder: Auf dem Kurfürstendamm hat eine Menge von etwa hundert Nazis einen jüdischen Knaben wie ein Freiwild gehetzt. In seiner Herzensnot schrie der Knabe im Laufen furchtbar. Als die Männer den Knaben eingeholt hatten, packten sie ihn am Rock; der junge schlüpfte aber sogleich aus den Aermeln heraus und lief davon. Die Verblüffung darüber war. so groß, daß die „wackeren Helden" in lieber Wut das Kittelchen Häuserverwaltungen Vermittlungen; Geldbeschaffungen sensal A 48-9-22 R. Wien, II. Bezirk, NordpolstraBe 2/3 Repar.aturkredite Zinsvorsdifisse kulantest des Jungen in Fetzen rissen. Der Knabe war inzwischen in die Nähe eines Autos gekommen, in welchem ein arischer Herr und eine arische Dame saßen. Sie winkten den Jungen heran und das Auto fuhr gleich nach seinem Einsteigen in rasendem Tempo davon . . . Und das „Pariser Tageblatt" meldet: Im S t r a n dbadWannseebei Berlin gingen N a z i b u rschen mit Mistgabeln bewaffnet gegen Juden vor. Es bildeten sich Gruppen, denen Tafeln mit der Aufschrift „Juden werden aufgespießt" vorangetragen wurden. Angesichts dieses vorbereiteten Pogromtreibens verließen die anwesenden Juden das Wannseebad in größter Eile . . . Das sind nur zwei Episoden aus diesen an solchen Unmenschlichkeiten überreichen „Sturmtagen". Eine andere Episode spricht geradezu Bände; Infolge der antisemitischen Unruhen auf dem Kurfürstendamm mußte das Frühstück abgesagt werden, bei dem die Delegierten der Britischen Frontkämpferlegion mit den Vertretern von drei deutschen Frontkämpferverbänden Fühlung nehmen wollten. Offenbar war den Gästen angesichts des genossenen Anschauungsunterrichts in der Kultur des Dritten Reiches der'Appetit vergangen. Das Weltgewissen, das so lange geschlafen hat, regt sich wieder einmal. Wenn man gewissen politischen Informationen Glauben schenken darf, ist das britische Kabinett entschlossen, eine diplomatische Demarche in Berlin zu unternehmen, insbesondere wegen der Verfolgung der Juden. Und in der letzten Sitzung des amerikanischen Kongresses haben mehrere Senatoren und Mitglieder des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten die neuen Judenverfolgungen in Deutschland zur Sprache gebracht und ihrem

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