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Die Wahrheit · 1935-07-19 · Heft 29 (19.7.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 29 (19.7.1935)
Date
1935-07-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 29 — 19. Juli 1935 DIE WAHRHEIT IHOTEL W ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. . Kein Mahlzeitenzwang zu animieren, gegen die Juden vorzugehen. Die Bevölkerung wird zu /Taten' aufgefordert und es ist zu befürchten, daß es wirklich zu weiteren Gewalttaten und vielleicht auch zu Blutvergießen kommen wird. (Die Red© wurde vor den Berliner Pogromen gehalten. D. Red.) Der neue Rassenglaube in Deutschland schmäht das Andenken vieler tausender Juden, die im Weltkrieg in der deutschen Armee Seite an Seite mit ihren deutschen Mitbürgern gekämpft haben. In die Herzen der Schulkinder wird die Saat bitteren Hasses gegenüber ihren unschuldigen jüdischen Mitschülern gesät. Die Presse sucht fortwährend die Leidenschaften der Leserschaft zu entfachen. Keine auch noch so niedrige Form des Angriffes wird verschmäht. Wann wird dieser Wahnsinn aufirören?" Zur Regierungsbahk gewendet rief Äbgeördfceter Janner: „Deutschland Verlangt: für sieh gereckte und gleichberechtigte Behandlung. Wehn aber Deutschland Gleichheit für sich fordert, muß man ihm entgegenhalten, daß es seinerseits auch ändere als Gleiche behandeln muß. Die Forderung flach Gleichheit kann man nur erheben, wenn man selbst in dieser Beziehung reine Hände hat Ich hoffe, daß, falls es zu Verhandlungen zwischen den Führern Großbritannien?, und Deutschlands kommen wird, die Engländer,; die Deutschen wissen lassen werden, daß Hakfflühgen .von der Art, wie ich sie geschildert habe4, das englische Volk mit Abscheu erfüllen und daß DeutscTi- Jand das Prinzip der Gleichheit, dessen Erfüllung es von uns fordert, auch anderen gegenüber auwenden muß." Die Abscheu ist vorhanden, aber zum Ausdrucke wird sie schon lange nicht mehr gebracht. Und wir fürchten sehr, daß auch die diplomatischen Interventionen, die durch die schwere Mißhandlung einer ganzen Reihe von Ausländern gelegentlich der Berliner Ausschreitungen ausgelöst wurden, im Sande verlaufen und mit einigen höflichen Entschuldigungen erledigt sein werden. Man' wird den diplomatischen Vertretern jenes Märchen aufzutischen versuchen, das man jetzt schon der entsetzten Welt einzureden versucht, daß es nämlich „dunkle Elemente" waren, die die schweren Berliner Pogrome inszenierten. „Dunkle Elemente"? Ja, ihre Kleidung war dunkel, denn braun gehört nicht zu den hellen Farben, und dunkel war auch ihr Trachten, so wie ihr Gemüt düster war. Denn düster ist die_ Stimmung der Massen im gesegneten Dritten Reich. Der neue antisemitische Feldzug, dessen trauriger Höhepunkt bisher die Berliner Ausschreitungen wären, steht offensichtlich im engsten Zusammenhang mit den zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Dritten Reiches. Die Preise steigen ständig, die Löhne können nicht erhöht werden, es mangelt an Rohstoffen und an gewissen Lebensmitteln und selbst die Fortsetzung der getarnten Inflation gelingt nicht mehr ohneweiters. Die nationalsozialistischen Führer suchen das Volk von diesen Erscheinungen abzulenken, darum — und das ist der zweite Grund — die neue Judenhetze, darum die Berliner Ausschreitungen, von denen man ruhig behaupten kann, daß sie zur Ablenkung der unruhigen Stimmung in den Massen von der Nationalsozialistischen Partei bestellt wurden. Das passive Verhalten der Polizei bewies.dies ebenso wie die Hetzarbeit des „Völkischen Beobachters" und des „Angriff". 99 Drangsalierungen"? In Krems bat es jüngst einen gemütlichen Abend gegeben. Veranstalterin war die Vaterländische Front, zur Diskussion stand die •judenfrage und als Redner fungierte Pro- Icessor Czermak, der sich bekanntlich andauernd damit beschäftigt, „Ordnung in die Judenfrage" zu bringen. Wir hatten uns schon wiederholt mit diesen fragwürdigen Versuchen zu befassen. Diesmal mußten die Kremser daran glauben. Wenn die Vaterländische Front, die organisatorische Zusammenfassung aller österreichischen Patrioten, eine Diskussion für nötig hält, die nicht die Festigung des österreichischen Zusammengehörigkeitsgefühls über alles Trennende hinweg zum Ziel hat, sondern das Gegenteil: die Hervorhebung des Trennenden, die Errichtung künstlicher Scheidewäliäe 'zwbchen den Bürgern des Staates, dann ist; das, wie man meinen sollte, eine bluternste Sache jind eine schwere Belastungsprobe des patriotischen Verantwortungsgefühls der Veranstalter. Aber wer so denkt ist ein fader Spaßverderber. Die „Kremser Zeitung", der wir die Kenntnis der ganzen Sache Cal€ Pension Eckstein Semmering Herzh. rraaenheUbani Taizmannsdorii (Onrgenland) ■ Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudelbäder.: S Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. Zwei rituelle Res- : taurants. — Auskünfte und Prospekte: Generalvertretung! ■ Wien L. Kohlinarkt8 Tel. U 25-104: : ■ s ■Neu: Moorpackungen und Moorkompressen in: ■ allen Apotheken erhältlich.; verdanken, beurteilt die Veranstaltung viel fideler: „Der Abend vereinigte die Kursteilnehmer zu einer gemütlichen Zusammenkunft. Der L e h r s a a 1 wurde in ein sauberes Restaurant verwandelt, statt Notizblocks sah man Krügel schäumenden Bieres, die Bleistifte wurden mit frischen Salzstang ein vertauscht." Salzstangel schmecken zwar recht gut, sind aber allein doch ein allzu frugaler Genuß für einen, richtigen Bierabend. Die eigentliche Würze erhielt dieser erst durch ein kräftiges Judenfressen. Herr Gzermak erwies sich als geschickter Koch und verstand es nach dem Zeugnis der „Kremser Zeitung", seinen Zuhörern das Vorgesetzte schmackhaft zu servieren, so daß sie gar nicht merkten, daß er ihnen größtenteils bloß alten Kohl aufwärmte. Allerdings sparte er auch nicht mit originellen Zutaten und wir wollen uns vor allem mit diesen beschäftigen, da ja alles andere nur zur Wiederholung von oft und längst Gesagtem verleiten würde. Originell ist es jedenfalls, wenn ein „Kurs"- Leiter einen wissenschaftlichen Vortrag über „Christentum und Judentum" iflft dem Geständnis beginnt, daß er die Mäterie^ seiner Untersuchung gar nicht beherrsche: „Die Juden kennen uns durch und durch, aber wir nicht die Jude n", stellt Herr Czermak fest. Daß er die Juden nicht kennt, wollen wir ihm ohne weiteres glauben, er bewies es ja durch alles, was er bisher über sie sagte. Seine Ansicht, daß aber die Juden desto besser ihn kennen, erweist sich leider als starke Uebertreibung. Hat es doch im zionistischen Lager nicht an Naivlingen gefehlt, die den Herrin Czermak als seriösen Verhandlungspartner bei Aussprachen „von Volk zu Volk" werteten. Erst jetzt setzt sich auch bei diesen Optimisten die Erkenntnis durch, wie 'sehr sie bei der Einschätzung dieses „Ordners der Judenfrage" in die Irre gegangen wären. Würden sie ihn, wie er ihnen zumutet, ,idurch und durch kennen", daiin wären ihnen so blamable Korrekturen der Qualifikationen, die sie ihm zubilligten, erspart geblieben. Sein Kremser Vortrag müßte allerdings selbst dem blindesten Bewunderer seiner sachlichen Zu- Feuilleton ßehäbiiitattöiL*) 12. Juli 1906. 12 Uhr mittags. Der .große Saal des Kassatiorishofes. Das Gericht tritt ein. Die roten, hermdtoverbrämten Roben geben den ächtfaridvierzig Richtern, die jefet zum letzten Male über Dreyfus' Schuld beraten habend etwas ungemein Hohertsvolles. Durch den Mund des Chefpräsidenten ßallot-Beaupre, des höchsten Richters Frankreichs, werden sie jetzt das letzte Urteil in dieser Sache sprechen. Der ganze Saal ist aufgestanden, erwartet in tiefstem Schweigen die Woirtte, die den schönsten 5ieg menschlicher Gereefetigkeit über ihr «genes Irren uMd Wirren ^ver- Jcünden sollen. Ballot**Beaupre> liest" über eine fetunde lang "das Urteil. Nöcheinmal zieht die ganze Xleschichte des Falles yer' Säen Zaniörern vorbei, ihr Auf und Ab, rr^jpsclie Verwicklung find Lösung des Knotens. Die Fällung zweier Uritunden zuungunsten öreyfas' wjrd^ansdrurAäicn' 'festgestellt Das kriegsgeridhrtl&e ' Ufte* muß a!sb aufgenoben werden. AtJer das<Ge1Scl8: verweist dieses Mal, die Sache nicht züfficfci es «ftsääelfieit selbst feds Rechtstmd T^&i&tjen Achtem es jäte Veröaehtsgrunde bis «Ts TileirSfe Imtersuc&V 1fr. Baß festerhazy ,idas Bordereäu geschrieben hat, wird ausdrücTefeeh festgestellt^ In ieierEctten Worten *wSrd die Unschuld des Dreyfus verkündet, nichlt ^) Aus dem Dreyfus-Buche vorubr„ Brtmö Weil, Be'rlia. (Siehe den Aufsatz: „Alfred Dreyfus ees¥öVT>eri aus Mangel an Beweisen, öffentlich wird seihe Schuldlosigkeit erklärt: „Das Gericht annulliert das Urteü des Kriegsgerichtes von Reimes, das am 9. September 1899 Dreyfus zu zehn Jahren Festungshaft und zur militärischen Degradation verurteilt hat. Es erklärt, daß nur infolge eines Irrtums und zu Unrecht diese VerurteEuhg ausgesprochen worden ist Es bestätigt Dreyfus, daß er auf die Geidehtechädigung Verzichtet, die das Gesetz ihm 2u gebeii erlaubt. Es befiehlt "daß das gegenwärtige Urteü in Paris unld Rehrtes öffentlich angeschlagen wird, daß es im Journal officiel einT gerückt wird, ebenso im fünf ^Zefttmgen Jnafch der Wahl Dreyfus*. Es autorisiert Dreyfus, auf Kosten ■ des Staateschatzes es in 50 Zeitungen von Paris und der Provinz .nach seiner Wahl veröffentlichen zu lassen." Dreyfus ist seit sieben Jährten frei, in diesem Augenblick ist er freigesprochen. Rehabilitiert nach zwölf Jahren voller Luiden, Kampf, Not und Entbehrung und do&h auch voller großer Augenblicke. n Die Welt hätte vom L^rm der Dreyfus-Affäre in allen ihren StadiÖB widergehallt Die endgültige EnfecäieSiüng erregte nur "mehr weit geringeres Interesse. Für die Welt war ÜSe Unschuld pr^yrus' längst erwiesen, ehe der Fr$sjJruch verlcöndet wan Reimes war der Höhepunkt gewesen. Dieses Urteil von 1906 nur ein Abfeesäng. Schon äm Tage darauf werden zwei Spezlälee^^^jerlässenj.. ifreyfus wird zum Schwadronschef Jjefcräert Pfcquäri wird; zum Brigadegeneräl ernannt, pie Kammer ...spflcfct. ,mä5t, gegen 8c? Stimmen ihren Dank den Vorkämpfern der Wiederaufnahme aus, säe „brandmarkt die Urheber der Verbrechen, die im Urteil des Kässa-: tiöhshöfes aufgeführt sind." Am 20. Juli wird Dreyfus zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen, auf öffentiiehfem Platz, vor versammelter Mähnschaft, an der gleichen Stelle, "an der er — fast zwölf Jähre; zurück — 'die grausame Entehrung der Degradation hat über sich ergehen läsäen müssen: jetzt kommt er ah in großer Uniform, schwarzer Öoi'mah, vier Streifen als Major. Trohipetensighäl. Die Truppen treten zur Parade an. Artillerie. Zwei Schwadronen Kürassiere. Säbel in der Faust. Dreyfus zieht seiden Degen. Er allem bleibt „Stillgestanden!", auch als das „Rührt euch!" befohlen wird. Was geht in diesem Äugenblick in ihm vor?..Klingt das Schreien der Menge ,jÄ mort!" noch in seinem Öhre? Sieht er den .zerbrochenen Degen zu seinen Füßen liegen)? Galons,. Streifen,. Sterne? - Der Brigadegeneräl Giflain, hoch zu Pferd, in. Paradeuniform. Dreimal schmettern die Trompeten ihren klaren Ruf. ,;Im Namen. des Präsidenten der Republik Herr. Major Dreyfusi, schlage ich Sie zum Ritter der Ehrenlegion." Dreimal berührt, der Degen des Generais seine Schultern. Dann heftet er. das Kreuz auf den Dolman, küßt ihn auf .beide Wangen:. „Sie haben einmal.in .meiner Division gestanden-; ich bin. glücklich,, daß man gerade mir die Mission des heutigen Tages; übergeben hat." Nochmals Trompetensignal; Die Zeremonie ist zu Ende. An einem der Fenster steht preyfus4 Frau Lucie. Sie weint. Am anderen P^cquart, der General. ,fHöeh Picquartf" ruft mäh. „ftein", antwortet er, „breyfusr

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