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Die Wahrheit · 1935-07-05 · Heft 27 (5.7.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 27 (5.7.1935)
Date
1935-07-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Mitglieder und Freunde der „Union" ÄstÄS« Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater Äusstellungsstr. (vis-a-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. Wmmmmi^mmmmmmmm Leben in Palästina. Eine Schilderung von einem akademisch gebildeten Kaufmann. stina lebenden Juden schwanken zwischen"350.000 und 650.000. 75 Prozent der Eingewanderten stammen aus Osteuropa und Rußland, der Rest vornehmlich aus Mitteleuropa und aus allen übrigen Teilen der Welt. Es ist unrichtig, wenn erzählt wird, daß man fast nur deutsch sprechen höre, wenn man durch die Straßen Tel-Avivs gehe. Das vorherrschende Idiom ist Jiddisch, dann Deutsch und an dritter Stelle Hebräisch. Das starke Kontingent osteuropäischer Juden drückt dem Land den Stempel auf. Die so oft bemängelten Fehler der Ostjuden werden hier deutlich sichtbar und erschweren dem Mirteleuropäer das Leben. Undiszipliniertheit und Unordnung rangieren unter den Fehlern an erster Stelle. Die Deutschen, die sich bemühen, diesen Fehlern abzuhelfen, sind sehr unbeliebt und werden geradezu angefeindet. Man kann in deutscher Gesellschaft sehr oft Klagen darüber vernehmen, daß die Deutschen gezwungen sind, nach Palästina auszuwandern, da sie in ihrer Heimat keine Existenzmöglichkeit hätten. Sie waren es, die es durchsetzten, daß z. B. die Straßen Namen erhielten, die Autobusse Nummern und Zielanschriften. Die Die Beweggründe, die mich zur Abreise nach Palästina veranlaßten, waren nicht zionistische. Ich hatte meine Anstellung verloren und konnte trotz aller Bemühungen durch mehr als ein Jahr keine neue finden, so daß ich mich mit dem Gedanken auszuwandern beschäftigte. Die bis ans Märchenhafte grenzenden Erzählungen von Freunden und Bekannten ließen Palästina in einem solchen Lichte der Prosperity erscheinen, daß ich mich entschloß, mir dort unten eine neue Existenz aufzubauen. Zunächst scheiterte der Vorsatz an der Schwierigkeit, eine Einreiseerlaubnis zu erlangen. Durch einen günstigen Zufall gelang es, ohne Erlag der vorgeschriebenen Kaution ein Touristenvisum zu erhalten. Ich hatte die Absicht, mich unten um die Aufenthaltserlaubnis zu bewerben oder schlimmstenfalls illegal im Lande zu bleiben, da man mir hier erzählte, daß es für den Arbeitsuchenden vollkommen gleichgültig sei, ob er mit oder ohne Zertifikat im Lande lebe. Daß dies nur auf „Schwarzarbeiter" (d. s. ungelernte Arbeiter, die in allen möglichen Berufen dilettieren) zutrifft oder Leute, die die Absicht haben, sich als Landarbeiter zu verdingen, erfuhr ich erst an Ort und Stelle. So reiste ich sehr hoffnungsvoll dem märchenumsponnenen Land entgegen. Nach meiner Landung in Haifa fuhr ich sofort nach Tel-Aviv, wo die meisten meiner Bekannten wohnen. Tel-Aviv war ursprünglich als Villenkolonie für die in Jaffa lebende kleine jüdische Gemeinde gedacht Vor zirka 25 Jahren gegründet, war es bis noch vor ungefähr 10 Jahren eine ganz kleine Siedlung, erst dann begann der rapide Aufschwung. Nach Erzählungen von dort seit längerer Zeit Lebenden veränderte sich das Stadtbild in je drei Jahren vollkommen. Waren zuerst die einstöckigen Häuser von Vorgärten umgeben, so riß man diese nieder und verbaute die Ziergärten. Dann ging man daran, zweistöckige Häuser zu errichten, riß diese bei der anhaltenden Einwanderung wieder nieder und setzte an ihre Stelle dreistöckige. Heute geht man daran, zwischen dem eigentlichen Stadtinnern und dem Platze, wo man im Vorjahr die Messestände errichtet hatte, ein neues Stadtviertel zu errichten. Ob nun der Stadtplan als solcher unrichtig oder ob die Verbauungsvorschriften nicht streng genug gehandhabt werden, die Stadt hat weder breite, dem Verkehr entsprechende Straßen, noch einheitliche Häuserfronten: Die einzelnen Straßen verlaufen nicht parallel zueinander, sondern schneiden sich in spitzen Winkeln. Weitblickende Architekten sehen die Gefahr einer stauberfüllten Stadt, in der zu wohnen eine Qual sein wird. Die Entfernung Tel-Avivs nach Jaffa, dem Hafen dieser Stadt, ist ungefähr zwei Kilometer. Es existiert eine einzige Verbindungsstraße, die zum Teil noch die alten Häuser des deutschen und arabischen Viertels aufweist. Die Straße ist keineswegs den Anforderungen, die der starke Lastenverkehr an sie stellt, gewachsen und so kommt es, daß sperrige Güter nicht in Jaffa, sondern in Haifa gelöscht werden müssen, da keine Möglichkeit besteht, diese zwei Kilometer weite Entfernung bei den jetzigen Bau Verhältnissen zu überbrücken. Die erste Frage, die sich dem Neuankömmling aufzwingt, ist die nach der Wohnung. Tel-Aviv verfügt ebenso wie Haifa und Jerusalem über eine größere Anzahl mehr oder weniger guter Hotels, die alle, nach Kategorien geordnet. Einheitspreise haben. So kostet ein Zimmer mit Pension in den Hotels der Kategorie I zirka Pfund 1.— pro Tag und Bett, in Hotels zweiter Kategorie zirka 60 Piaster, d. s. zirka 16 Schilling. Die Zimmer haben alle zwei Betten und muß jedes Bett voll bezahlt werden, also muß auch der Einzelreisende, falls er ein Zimmer allein bewohnen will, Pfund 2.— pro Tag bezahlen. Die Nachfrage nach Wohnungen ist durch die starke Einwanderung sehr groß. Zweizimmerwohnungen sind überhaupt nicht erhältlich. Drei- und Mehrzimmerwohnungen sehr schwer. Bei der Miete einer Wohnung muß der Zins für ein ganzes Jahr im voraus bezahlt werden, die K ü n d i- -gungsfrist beträgt sechs Monate. Die Wohnungen werden meistens nach einem Bauplan gemietet, der Zins sofort bezahlt, obwohl das Quartier erst nach vier bis fünf Monaten zu beziehen ist Der Preis beträgt für Zweizimmerwohnungen zirka Pfund 8.— (d. s. zirka?00 Schilling), für Dreizimmerwohnungen zirka Pfund 11.— (d. s. zirka 290 Schilling), für Vierzimmerwohnungen zirka Pfund 16.— (d. s. mehr als 400 Schill;ng) pro Monat. Die Wohnungen weisen durchwegs Bndezimmer auf. zum Großteil fließendes Warm- und Kaltwasser und Zentralheizung. Auf die Ausstattung der Badezimmer wird größter Wert gelegt, ein Umstand, dedurch die klimatischen Verhältnisse bedingt ir.t. Die Häuser besitzen weder Boden noch Keller, haben auch keine Waschküchen. Es sind durchwegs Betonkonstruktionen, die weder gegen Hjtze noch gegen Kälte den geringsten Schutz bieten. Sie strahlen die große Sommerritze aus und machen die Wohnungen in den naßkalten Wintermonaten ungemütlich. Die Schätzungen über die Zahl der in Palä- Höhenlufl und Höhensonne im Montessori-Sommerheim für 3—15jährige Kirchberg am Wechsel herrliche Villa; Bad, fließendes Wasser, elektr. Licht, W. C. Erstklassige Kinderdiät (rituell). Eigener Nadelwald, Spielwiesen. Ausgezeichnete pädagogische Leitung, Gymnastik, Schwimmunterricht, Schulnachhilfe {Vorbereitung für Aufnahmsprüfungen). Fremdsprachen, Arzt, Apotheke. Anmeldung täglich von 10—12 und 4-6 Uhr ALICE FREISTADT-LEDERER Wien II., Kleine Pfarrgasse 1, Tel. A 41-3-56 Senntag fröh gemeinsame Abfahrt! Organisation der Stadtverwaltung wurde von den Deutschen reformiert. Die größten Chancen im Berufsleben haben gelernte Handwerker, welcher Profession immer sie angehören mögen. Insbesondere alle an Bauten beschäftigte Professionisten, ebenso alle in Straßen- und Brunnen- Bohrarbeiten versierten Kräfte sind gesucht. Die Verdienstmöglichkeiten gelernter Arbeiter sind hoch. Maurer verdienen bis zu 80 Piaster im Tag, d. s. mehr als 20 Schilling, ebenso Tischler, Schlosser und Spengler. Es zeigt sich, daß das Land über viel zu wenig gelernte Handwerker verfügt da die Einwanderer, je nach ihrem Herkunftsland, entweder aus kaufmännischen oder Intelligenz berufen stammen. Die Tätigkeit der Beratungsstellen erstreckt sich zum Großteil auf die Errichtung von Umschulungskursen, in denen Intellektuellen und Kaufleuten die Möglichkeit geboten werden soll, ein Handwerk zu erlernen. Man machte allerdings in diesen Umschulungskursen die Erfahrung, daß auch sehr junge, aus anderen Berufen stammende Leute nur sehr schwer zu richtiger manueller Arbeit zu erziehen sind, teils weil ihnen die körperliche Fähigkeit mangelt, teils weil sie diese Berufe nur als Uebergangsstadium auffassen. Da diese Kurse sechs Monate dauern, können sie von der Mehrzahl der kapitallosen Einwanderer nicht besucht werden. Diese Leute sind daher gezwungen, sich als Scbwarzarbeiter fortzubringen. Sie arbeiten beim Straßenbau, als Hilfskräfte bei Bauarbeiten und in den Oransenplantagen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, daß es außer in letzterer Kategorie durchaus nicht leicht ist, eine derartige Beschäftigung zu bekommen. Die Anforderungen sind sehr große. Die B_auhilfsarbeiter werden zum überwiegenden Teil zum Abschleppen von Betonsäcken verwendet und müssen durch acht Stunden fünfzig Kilogramm schwere Säcke tragen. Die Straßenarbeiter müssen Bastkörbe in einem Gewicht von 40 bis 60 Kilogramm ebenfalls durch acht Stunden tragen. Die Plantagenarbeit besteht in der Auflockerung des zum Teil steinharten Bodens, eine Arbeit, die in knieender Stellung verrichtet wird. Alle diese Arbeiten sind absolut sicherlich schwerer als die, die man von europäischen Hilfsarbeitern verlangt. Dazu kommt, daß sie in sehr raschem Tempo vollführt werden müssen. Rechnet man noch die ungünstigen klimatischen Verhältnisse hinzu, so ist es durchaus verständlich, wenn man MtM bis SslMralairai gibt es eine UebeiTaSdllllltf Wiei iL, Praterstrite ür.33 Fünfundzwanzigjährige sieht, die wie Ende Dreißig aussehen. Jedes Jahr zählt für zwei. Ungünstig ist die Situation für Inteilig enzberufe. EsgibtdnTel-Avivallein 2000 Aerzte toed einer Gesamtbevölkerung von zirka 140.000 Menschen. Dem neuetablierten Arzt kommt man mit großem Mißtrauen entgegen, da ei die spezifischen Klimakrankheiten nicht kennt. Seine Aussichten auf eine zufriedenstellende Praxis sind sehr gering. Die Situation bei Rechtsanwälten ist womöglich noch ungünstiger, da Rechtsvertreter, die nicht über gute Beziehungen zu Behörden verfügen, nicht gesucht sind. Ebenso mißliche ist die Anfangssituation für Architekten, die fast durchwegs als gewöhnliche Bauarbeiter anfangen müssen und nur bei Glück und sehr guten Verbindungen Aussicht haben, sich ihren Kenntnissen entsprechend, nach 2 bis 3 Jahren betätigen zu können. Ach Chemiker haben wenig Chancen, da die großen chemischen Werke zum Großteil in englischen Händen sind, die Juden nur in gerdnger Anzahl oder gar nicht beschäftigen. Ebenso verhält es sich mit kaufmännischen Angestellten, die nur in Unternehmungen allerkleinsten Ausmaßes unterkommen können und deren Anstellung meist von der Beherrschung des Hebräischen abhängt. Die großen Unternehmungen, die in den Händen von deutschen Ariern sind, beschäftigen überhaupt keine, die großen englischen Banken _nur sehr wenige Juden. Die Lage eines Kapitalseinwanderers ist auch nicht besonders vorteilhaft. Es ist unbedingt ein gründliches Studium des Marktes und der Usancen notwendig, um die Gewähr zu haben, daß das mitgebrachte Kapital nicht fehlinvestiert wird. Es ist daher notwendig, zirka sechs Monate zuzusehen, bis eine passende Gelegenheit zu einer Neugründung oder Beteiligung sich bietet. Sehr viele, die sich zu rasch entschlossen, mußten dies mit der Einbuße eines Großteils oder der Gänze des mitgebrachten Kapitals büßen. Die sicherste Kapitalsanlage besteht darin, sich am Lande eine Farm oder Orangenplantagen zi kaufen und diese selbst zu bewirtschaften. Verwendet man hiezu zirka 1000 Pfund, so ist der Ertrag ein ge nügend großer, um bei bescheidener Lebensweise das Drauskommen zu finden. Diejenigen, die ein Riesenvermögen in Palästina erwarben, verdanken dies der Hausse der Grundstückpreise. Grundstücke, die per Dunam (100 m*) vor fünf Jahren noch 100 Pfund kosteten, kosten heute das Zehn- bis Zwanzigfache. Für Grundstücke im. .Weir.hbilde von Tel-Aviv oder Haifa werden Phantasiepreise verlangt und bezahlt. (Die teuersten Plätze kosten bis 20. Pfund per Dunam oder S 500— per Quadratmeter.) In den meisten Fällen bleibt, der effektive Ertrag des investierten Kapitals weit hinter den Erwartungen zurück, Es ergibt sich daraus ein ununterbrochenes Fluktuieren des Kapitals von einer Branche zur anderen. Dasselbe läßt sich übrigens auch von Arbeitskräften sagen. Die Berufe werden ebenso wie das investierte Kapital gewechselt, wodurch das Moment eines systematischen Aufbaues fehlt. Die kollektiven Gemeinschaftswesen, K i bbuz genannt, sind beinahe auf kommunistischer Basis organisiert. Die einzelnen! Mitglieder erhalten keinerlei Entgelt für ihre Tätigkeit sie bekommen das Essen, die Kleidüng, Zigaretten undamSchabbathO) das Fahrgeld, um in die Stadt zu fahren. Die Qualität und Quantität dieser Entlohnung richtet sich nach der Wohlhabenheit des Kjbbuz'. Di© Kinder von Angehörigen des Kibbuz werden als Kinder der Gemeinschaft aufgefaßt und sorgt die Gemeinschaft für sie. Die persönliche Habe des Neueintretenden wird Eigentum der Gemeinschaft, xlie sie ihm auck bei einem eventuellen Austritt nicht zurückerstattet. Diese Art der Siedlung ist vornehmlich für junge Menschen'. Denjenigen, die eigenen Grunii und Boden bearbeiten wollen, wird durch eine Organisation dazu verholten, die ihm bei Nachweis von Erfahrung in der Landwirtschaft Grund zur Verfügung stellt, den er aber nicht verkaufen darf. Alan versucht auf diese Weise der Spekulation Grundstücken entgegenzuarbeiten. Drei landwirtschaftliche Formen können bis ieö unterschieden werden. 1. Orangenplantagen, 2. Hühnerfarm, 3. Gemüsefarm. In Europa hört man viel davon sprechen, daß sid Palästina zum Erzeugerland für den sich industrial Sfrenä T^D SEEFELD (TIROL) 1200 Meter Einzigartiger Höhenkurort, intensivste Höhensonne, Wintersport, Pension Geschwister Schee r, im Höfel Hochalm, bekannt erstklassige Verpflegung, mäßige Preise, Fahrpreisermäßigung-

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