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Die Wahrheit · 1935-06-28 · Heft 26 (28.6.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 26 (28.6.1935)
Date
1935-06-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt den modernen Hochsommer-Anzug für den eleganten Herrn Feine Maßarbeit — Beste Ausführung — Billigste Preise der Zertifikate als dinen plumpen Schwindel, da diese „vermehrten" Zertifikate ausschließlich für Ledige bestimmt sind, so daß trotz der größeren Zahl der ausgegebenen Zertifikate weniger Juden ins Land kommen werden als auf Grund der früheren Zertifikate, die ganzen Familien die Einwanderung ermöglichten. Der sichtlich gut informierte Gewährsmann der „Neuen Freien Presse" kommt ausdrücklach zu dem Schlüsse, daß die Mandatarmacht die jüdische Bevölkerung in Palästina immer in der Minderheit gegenüber den Arabern erhalten will. Das wäre natürlich das Ende der zionistischen Judenstaats-Hoffnungen. Um dieses Fiasko, in aller Form in die Erscheinung treten zu lassen, wird trotz dem energischen Widerspruch der Juden die Einführung eines Legislative Council in Palästina ernstlich erwogen und auch vor det Mandatskommission des Völkerbundes in Aussicht gestellt. Es ist grotesk: Während der Parlamentarismus in Europa immer mehr ausgeschaltet wird, soll er dem Heiligen Lande aufgedrängt werden. Denn er würde den Arabern die Herrschaft über das Land in die Hände spielen. Und das ist um so überflüssiger, als die Araber ohnedies schon die wirklichen Herren im Land sind. Während die Maßnahmen gegen die illegale Einwanderung der Juden immer mehr verschärft werden — neuerdings wird sogar eine Luftflotte, die die Küste mit Scheinwerfern ableuchtet, in den Dienst dieser Sache gestellt — dürfen die Araber unbeanstandet in Palästina einströmen. Auch in Genf hat England diese Tatsache nicht zu leugnen, sondern nur zu bagatellisieren gesucht. Es ist in der „jüdischen Heimstätte" nicht anders wie in der „Galuth". Während das werktätige Volk aus der jüdischen Betriebsamkeit die größten Vorteile zieht, fälschen die Berufspolitiker diesen. Segen in einen Fluch um und schüren den konfessionellen Haß. Bei einer solchen Gelegenheit zur antijüdischen Hetze darf natürlich auch Herr Hitler nicht fehlen. Er hat die Absicht, einen ständigen Sondergesandten nach Palästina zu schicken, der dort wohl dieselbe Rolle spielen soll wie Herr Habicht als Landesinspekteur in Oesterreich. Dabei nützt gerade Hitler-Deutschland die kaufmännische Tüchtigkeit der palästinensischen Juden sehr kräftig aus, indem es die Einfuhr von Palästina-Orangen nur im selben Verhältnis zuläßt, in welchem der Citrus-Börse in Jaffa der Absatz deutscher Waren in Asien glückt. Der Mandatsbericht beleuchtetsehr drastisch, welch glänzendes Geschäft das Dritte Reich, das sonst von allen Seiten wirtschaftlich boykottiert wird, durch die Vermittlung der Palästina-Juden ^MTION IHOTEL <§ ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang in Indien macht, und zugleich, wie undankbar dieses Geschäft für die Juden selbst ist. Dafür genießt Herr Hitler den Triumph, seine Methoden auch in Palästina angewendet zu sehen. Denn wenn die Mandatsverwaltung durch Einschränkung der jüdischen Arbeiter-Einwanderung bei gleichzeitiger Uebers'chwemmung des Landes durch arabische Arbeiter die jüdischen Unternehmer zur Aufnahme nichtjüdischer Arbeiter zwingt, so bildet dies eine sehr merkwürdige Analogie mit der reichsdeutschen Personalpolitik in den jüdischen Kaufhäusern. Herzl dürfte, als er vom „Judenstaat" träumte, an so fatale Ueberetetimmungen zwischen „Alt-Neuland" und einem antisemitischen Zentrum der „Galuth" kaum gedacht haben... I Reg.-Raf Guido Fuchsgelb Die Israelitische Kultusgemeinde Wien hat durch das Hinscheiden des mitten in seiner unermüdlichen Arbeit dahingerafften Regierungsrates Guido Fuchsgelb einen überaus schweren Verlust erlitten. Denn sie verliert mit Fuchsgelb einen Beamten von seltenen Eigenschaften. Fuchsgelb hat stets sein ganzes Wissen und Können, seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der von ihm überaus geliebten Gemeinde gestellt und dies beinhaltete sehr viel. Ueberaus selten sind in einer Person so viele vorzügliche Eigenschaften vereinigt, wie dies bei ihm der Fall war. Vor allem eigneten ihm hervorragende Geistesgaben, wie sie nicht alltäglich Menschen zukommen. Denn bei Fuchsgelb war große Klugheit, überaus rasche Auffassung mit Tatkraft und Initiative gepaart, wodurch es ihm möglich war, in jeder Situation sofort einen Weg zu finden, ihn als den gangbaren zu erkennen und ihn energisch zu betreten. Sein Pflichtgefühlwar -geradezu beispielgebend. Er gönnte sich nicht Ruhe, nicht Rast. Er war stets Caifi Pension Echstein Semmering zur Stelle, stets arbeitsfaereit und arbeitleistend, und selbst dann unermüdlich, wenn ihn schon die physischen Kräfte nahezu aufgerieben haben. Er kannte alle Agenden der Kultusgemeinde. Seine profunde Kenntnis wurde stets angestaunt. Nicht in letzter Linie ist sein Taktgefühl hervorzuheben, welches ihn ganz besonders auszeichnete. In seiner prominenten Stellung hatte er mit vielen Parteien zu tun. Er kam auch oft in die Gelegenheit, die Erfüllung von Wünschen ablehnen zu müssen. Aber er war auch in der Ablehnung stets liebenswürdig. Der Dienst für die Kultusgemeinde war ihm nicht nur Pflichterfüllung. Er war ihm eine heilige Aufgabe, der er sich jederzeit und mit allen seinen Kräften widmete. Diesem, Dienste unterordnete er alles andere. Denn oberstes Gesetz war ihm stets das Wohl der Gemeinde, der er nicht nur erster Verwaltungsbeamter, sondern ein stets treu ergebener Diener war. So war und bleibt sein Schaffen in der Gemeinde und für die Gemeinde vorbildlich! Sein Wirken sichert ihm ein dankbares Andenken nicht nur bei jenen, die ihn am Werke sahen, sondern bei allen, welchen das Wohl der Kultusgemeinde' am Herzen liegt! Dr. Josef Ticho Vizepräsident der Isr. Kultusgemeinde Wien Feuilleton Um ein Siadioa. Der Wilnaer Friedhof ist bedroht Der alte jüdische Friedhof von Wilna soll vernichtet, an seiner Stelle soll ein Stadion errichtet werden, da ein anderer Platz mitten in der Stadt und in solcher Nähe des Wassers nicht zu finden ist. Dieser Plan der städtischen Behörden von Wilna hat unter den polnischen und litauischen Juden eine ungewöhnliche Aufregung und Bestürzung hervorgerufen. Man hat alles mögliche versucht, um die Aufhebung des alten Friedhofs zu verhindern, und neuerdings hat das Warschauer Rabbinat beschlossen, sich mit einer Bitte um Erhaltung des Friedhofs an die zuständigen Ministerien zu wenden. Tatsächlich ist der alte Wilnaer Friedhof eines der wichtigsten und berühmtesten Kulturdenkmäler dieser Art in Osteuropa. Die ersten erhaltenen Grabsteine stammen aus dem Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts. 1831 wurde der Friedhöf geschlossen. Es gibt Gräber von Märtyrern und großen Rabbinern dort, zu denen man heute noch „wallfahrtet". Die Gräber des Gaons von Wüna und des Ger Zedek besonders sind im ganzen Osten berühmt Der „Ger Zedek" war ursprünglich ein Pole, ein Graf Potocki, der um 1700 mit seinem Freund Zaremba in Paris studierte. Dort geschah es, daß Potocki einen alten Juden kennenlernte, der ihm die Lehren des Judentums beibrachte, und beide Freunde gelobten, nach einer ausführlichen Prüfung ihres Glaubens zum Judentum überzutreten. Potocki ging nach Amsterdam und wurde Jude, Saremba vergaß sein Gelübde, aber als er von Potockis Abreise erfuhr, reiste er unter großen Schwierigkeiten nach Palästina und trat dort gleichfalls zum Judentum über. Mittlerweile kehrte Potocki in seine Heimat zurück, ließ sich in einem litauischen Städtchen nieder, wurde von einem Mann, mit dessen Sohn er Streit gehabt hatte, als Üeberläufer zum Judentum denunziert, dem Gericht überliefert und starb am zweiten Schewuottage 1719 den Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen. Seine letzten Worte waren ein Segens1-, spruch: „Gelobt seist du, Gott, der seinen Namen heiligt unter jeglichem Volk!" Beim Anblick der Leiden des Märtyrers wurde eine Frau irrsinnig, die Häuser der Dorfbewohner, die das Holz für den Scheiterhaufen geliefert hatten, brannten ab, ein Jude, der wie ein Christ aussah, rettete Asche und unversehrte Ueberreste des Hingerichteten, die dann auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurden. Seitdem wird jedes Jahr am zweiten Schewuottage in der Wilnaer Hauptsynagoge ein Gebet des Gedenkens an diesen „Gerechten Fremden" (Ger Zedek) eingeschaltet und am neunten Aw, im Monat Ellul und an den zehn Bußtagen wallfahrten die Juden der Umgegend zum Grabe, auf dem nichts zu sehen ist als ein ganz merkwürdig verkrümmter niedriger Baum. Wie um den Ger Zedek hat sich auch um den Gaon von Wilna ein Kranz von Legenden gesponnen. Der Gaon Eldjahu von Wilna, der 1720, ein Jahr nach dem Tode des Märtyrers geboren wurde, war schon als Kind ein Wunder an jüdischer Gelehrsamkeit er soll mit dreizehn Jahren schon solche kabbalistische Erfahrungen gehabt haben, daß er einen Golem zu schaffen begann, und er war jedenfalls als Zwanzigjähriger bereits eine solche talmudische Autorität, daß Jonathan Eibeschütz sich in seinem Kämpf mit Jakob Emden auf ihn berief. Nach seinen Lehr- und Wainderjahren im Ausland blieb er — mit Ausnahme einer Palästinareise — in Wilna, lebte von der Welt zurückgezogen und abgekehrt nur der jüdischen Wissenschaft, so daß er bald wie ein Heiliger galt. Um sich nicht abzulenken, brannte er auch am Tage bei verschlossenen Fensterläden Licht, aö und schlief so wenig wie möglich, trug ständis Tallis und Teffjlh'n... Die ganz unschätzbare Leistung des Gaons, der fast siebzig wichtige Werke verfaßt hat und keines davon zu seinen Lebzeiten erscheinen ließ, besteht darin, daß er trotz seiner ,Weltabgewaridtheit die jüdische Wissenschaft quasi auf den Stand der damals werdenden geistigen Welt hob. Vor allem bekämpfte er den Pilpul, den zur Manier, zum Selbstzweck entarteten Rabbulismus im Talmudstudium, wies den Weg „zurück zur Bibel" und Mischna, kämpfte gegen alle Widerstände für das Recht des hebräischen Sprach- und Grammatikstudiums, das aus mißverstandener Frömmigkeit verpönt war, und befaßte sich auch ausgiebig mit anderen, profanen Wissenschaften. Die Philosophie allerdings lehnte er ab und tadelte darin auch den Maimonides, bekämpfte den Chassidismiis und erscheint überhaupt als ein einseitiger, gegen aridere wie gegen sich selbst überaus strenger Mann, — aber es ist die Einseitigkeit, ohne diia vielleicht keine solche Größe und Unbedingtheit möglich ist. Noch heute ehrt man ihn als einen der Großen.in Israel und würde ei als tiefe Kränkung empfinden, wenn sein Grab vernichtet würde ... um einem Reck, Barreh öder Füßbalitor Platz zu machen. H... ch.

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