Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 25 (21.6.1935)
- Date
- 1935-06-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064579--20253-3085478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 2× ep/1044655
OCR text
Seite 6 Nr. 25 — 21. Juni 1935 DIE WAHRHEIT Für die Hit$lieder der „Union österreichischer Juden" Beratungsstelle für kaufmännische, gewerbliche, Steuer- und Versicberungs- Angelegenbeiten. Leiter: Konun.-Rat Alexius Salz er* Eingehende lnformationen für jedes Mitglied der »Union" unentgeltlich, und zwar bis auf weiteres Wien I„ Kohlmarkt 8, 1. Stock, Tür 4. täglich (mit Ausnahme von Samstag) von 10—12 Uhr vormittags. Ein Jude Erbauer der „Normandie" Einer der Passagiere der Jungfernfahrt des französischen Dampfers „Nor mandie", des größten, luxuriösesten und — wie sich bei der ersten Fahrt gezeigt hat — schnellsten Schiffes der Welt, war sein Erbauer Andre Levy, Generaldirektor der Penhoet- Schiffswerften. Er ist 57 Jahre alt und liat schon eine Reihe großer Dampfer erbaut. Er begann als Ingenieur in der französischen Marine und bekleidet jetzt den Rang eines Chef-Ingenieurs. Der Palestine and Orient Lloyd hat für die „Normandie" eine Thorarolle gestiftet. Auf dem Dampfer wurde ein eigener Raum zur Abhaltung jüdischer Gottesdienste eingerichtet. Ferner besitzt das Schiff eine große judaistische Bibliothek und vorbildliche Einrichtungen für rituelle Verpflegung. Z. T. A. Streichers Stellung im Dritten Reich wird im Ausland gelegentlich als erschüttert bezeichnet. Vor kurzem zum Beispiel wurde von einem Auftritt zwischen Streicher und dem Reichskriegsminister Blomberg berichtet, der von dem Nürnberger Pogromhäuptling die Einstellung des „Stürmer" gefordert, ihm schließlich die Ungnade der Armee verkündet und unverblümt sogar das Schicksal Roehms angedroht haben soll. In der Tat ist es wahrscheinlich, daß den Reichswehrgenerälen, wie überhaupt allen konservativen Stützen, Nutznießern und Drahtziehern des Hitler - Regimes die rassisch - pornographische Hetze des. „Stürmer" schon mit Rücksicht auf das Ausland ein Greuel ist Aber daß es zwischen der Reichswehr und dem Individuum Streicher jedenfalls noch weit vom offenen Bruch ist, zeigte sich am vergangenen Sonntag auf einer Nürnberger Gautagung der NSDAP. Unter dem Titel „Der Entscheidungskampf gegen das Weltjudentum" berichtet der „Völkische Beobachter", daß an dieser Tagung, um „die enge Verbundenheit von Bewegung und Staat" zu bekunden, neben anderen Behördenvertretern auch Vertreter der Wehrmacht teilgenommen hätten, insbesondere „der verantwortliche Führer des Reichsheeres in Franken, General Ritter von Schober th". Streicher unterließ es nicht, den demonstrativen Charakter dieses Besuches zu unterstreichen: „Er begrüßte zunächst General Ritter von Schoberth, der unter dem lauten Beifall der Tausende mit erhobenem Arm für die Ehrung dankte." Aus dem weiteren Bericht ergibt sich, daß die Anwesenheit des Generals Herrn Streicher keineswegs zähmte. Er setzte seinen Zuhörern auseinander, daß Deutschland in seinem „Entscheidungskampf gegen das Weltjudentum" keineswegs schwach werden dürfe. Der „Völkische Beobachter" zitiert wörtlich, durch fetten Druck hervorgehoben: „Wir stehen im Endkampf mit einem Volk, das vor zweitausend Jahren einen Jesus Christus ermordete. Wir stehen im Endkampf mit einem Volk, von dem dieser gemordete Christus sagte: Der Vater dieses Volkes aber ist der Teufel." Die Reichswehrgeneräle scheinen bei Streichers Endkampf mit den Teufelssöhnen vorerst also noch wacker mit Hand zu erheben. Stockholm. Wie „Dagens Nyhetex" erfährt, hat der als führender Neu-Kantianer zu Weltruf gelangte Philosoph Ernst Cassierer, dem als Juden das Lehramt In Deutschland entzogen worden ist, eine Beruftingan die Universität Gotenburg in Schweden erhalten. Der eigens für ihn geschaffene Lehrstuhl wurde durch eine Sammlung inkulturell interessierten Kreisen zunächst auf fünf Jahre gesichert Cassierer ist 61 Jahre alt. Schreckenstage in Düsseldorf Das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" erhält folgenden vertraulichen Sonderbericht von arischer Seite: In den letzten Wochen des Mai hat die Jude nhetze auch in Düsseldorf, wie in anderen rheinischen Städten, einen Umfang angenommen, den man nie für möglich gehalten hätte. Seitdem Streicher hier speziell die Hitlerjugend gegen die Juden aufgewiegelt hat, vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwelche Belästigungen stattfinden. Die Juden können nirgends mehr in Cafes usw. sitzen, ohne angepöbelt zu werden. Neben diesen „spontanen" Ueberfällen wird aber seit einiger Zeit der Boykott der Geschäfte systematisch organisiert. Am Donnerstag, den 23. -Mai, standen plötzlich vor den beliebtesten jüdischen Spezialgeschäften Düsseldorfs Posten, die jeden, der in den Laden hineingehen wollte, mit den Worten zurückhielten: „Zu den Judens . . . gehen nur Vaterlandsverräter". Als dies auf einen Teil der Bevölkerung nicht den richtigen Eindruck machte, sondern sich sogar Mutige fanden, die sich die Belästigung durch Hitler-Jungen verbaten, gingen die Beauftragten Streichers dazu über, die Läden zum Schließen zu zwingen. Die Schaufenster wurden teilweise mit so gemeinen Inschriften versehen, daß man sich geniert, sie zu wiederholen. In anderen Läden warf man die Scheiben ein, plünderte die Auslagen. Wenn ein Ladenbesitzer sich wehren wollte, wurde er verprügelt, bei Beschwerden drohte man „S c h u t z h a f t" an. i: Es sollen tatsächlich einige jüdische Besitzer verhaftet worden sein. Am Montag darauf wurde plötzlich verlangt, daß alle Läden wieder zu öffnen seien, daß aber trotzdem Posten davorstehen sollten. Beamte trauen sich schon lange nicht mehr, in jüdischen Geschäften zu kaufen, aber speziell die Arbeiter wollen sich nicht einschüchtern lassen. Unter anderem ging auch ein Engländer in ein jüdisches Schuhgeschäft und kam mit einem Paket heraus, das er stolz im Arm trug. Als der Posten eine freche Bemerkung machte, forderte er ihn in gebrochenem Deutsch auf, die Beleidigung zurückzunehmen. Der Hitler-Junge wurde noch frecher, worauf der Engländer ihn niederboxte. Er wurde verhaftet, und der englische Konsul hatte Mühe, ihn wieder freizubekommen. Selbstverständlich hat diese Hetze der jüdischen Bevölkerung viel Schaden zugefügt Auch sind wieder Itaren Bttiiierbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung - Antiquariat HEPMANN TDCHNER, in Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! verschiedene Gewälttaten zu verzeichnen. Wie lange bei diesem Zustand die Geschäfte noch bestehen können, ist zweifelhaft Denn die Zahl derer, die sich in die „nichtarischen" Geschäfte hineintrauen, wird immer kleiner; viele gibt es, die sich nur auf Umwegen die Sachen ins Haus bringen lassen. Da man aber Denunzianten sehr fürchtet, nimmt auch dieser Umsatz ab. Die künftige griechische Judenpolitik Förderung der Assimilation im Interesse Griechenlands. Bei den am 9. Juni durchgeführten Wahlen zum neuen griechischen Parlament hat die Regierungspartei von insgesamt 300 Mandaten 287 erobert. Die Wahlbeteiligung war außerordentlich stark. Ueber die künftige Judenpolitik der griechischen Regierung hat der Innenminister Michael Kyrkos am Vorabend der Wahl in einer von der jüdischen Sektion der Regierungspartei einberufenen Versammlung Erklärungen abgegeben. Der Innenminister, der Regierungskandidat im Wahlkreis Saloniki war, hob die Eigenschaften der jüdischen Bevölkerung lobend hervor. Die Juden seien ein für den Staat nützliches und wertvolles Element In dieser Erkenntnis habe die gegenwärtige Regierung, als sie die Macht übernahm, dafür gesorgt, daß den jüdischen Gemeinden die für die Erfüllung ihrer wichtigen Aufgaben notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Der Minister versprach, daß nach der Wahl die Subventionen für die jüdischen Gemeinden verdpppelt werden würden. Auch werde das Problem der Unterbringung jener Tausende jüdischer Familien, die nach dem großen Brand des Jahres 1917 und dem Pogrom im Salonikier Campell-Viertel im Juni 1931 obdachlos geworden waren, nach der Wahl gelöst werden. Für das jüdische Schulwesen werde die Regierung eine Million Drachmen bewilligen und die jüdische Gemeinde Saloniki für die im Juni 1931 geschehenen Ausschreitungen entschädigen. Der griechische Innenminister Kyros hat während seiner Anwesenheit in Saloniki auch die von Juden bewohnten Stadtviertel Cala Maria und Aya Paraskevi besucht und äußerte dabei seine tiefe Betroffenheit über das Elend der jüdischen Bevölkerung dieser Stadtviertel. Er beschloß, zur Linderung der entsetzlichen Wohnverhältnisse sofort 100.000 Drachmen für schnelle Hausreparaturen zu bewilligen. Ferner bewilligte er 50.000 Drachmen für den Bau einer jüdischen Schule in Aya Paraskevi und gab bekannt daß die Regierung sehr bald weitere Hilfsmaßnahmen zur Besserung der GROSSFLEISCHHAUEREi KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHR1NGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfurKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den bi 1 ligsten Marktpreisen Lebensverhältnisse der Judenschaft in diesen Stadtvierteln ergreifen werde. Der Landwirtschaftsminister Theot o k i s hat in Athen den Chefredakteur der jüdischen Zeitung „Action" empfangen und ihm gegenüber erklärt: Ich hege viel Sympathie für die jüdische Bevölkerung von Saloniki. Die Juden sind intelligente und kultivierte Menschen, würdige Söhne jener Salonikier Gemeinde, die im Mittelalter das Hauptkulturzentrum des Orients, vielleicht der Welt, war. Ich kenne die Geschichte der jüdischen Gemeinde Salonikis und verfolge mit Sympathie die Vorgänge unter der sephardischen Judenheit Immer wenn ich in meinem Geburtsort Korfu weile, suche ich meinen Freund Rabbi Nehama, den Oberrabbiner von Korfu, auf. Man muß zugeben, daß die Judenheit Salonikis im Abnehmen begriffen ist aber ich bin überzeugt daß diese Abnahme eine nur zeitweilige ist. Sie ist die Folge der allgemeinen W e 11 w i r r n i s, die auf dem Balkan besonders heftig gespürt wird. Die venizelistische Periode in Griechenland hat die Lage der Juden gewiß schwierig gestaltet; diese Periode gehört jetzt der Vergangenheit an. Unter der Tsaldaris-Regierung genießen die Juden gleiche Behandlung und Ruhe. Sie dürfen optimistisch in die Zukunft schauen, dürfen sich in Griechenland zu Hause fühlen. Mit Freude beobachte ich, wie sich die Juden Griechenlands dem Leben in unserem Lande anpassen, leb bin überzeugt, daß die Juden von Saloniki in wenigen Jahren die von ihren Vorfahren ererbten glänzenden Eigenschaften in der hellenistischen Kultur bewähren werden. Das Programm unserer Regierung ist es, die Assimilation der Juden in jeder Weise zu fördern. Das liegt in unserem eigenen Interesse. Ich weiß, was Spanien durch Austreibung der Juden verlor, und ich weiß auch, welchen Gewinn Griechenland davon hat, daß es seine Juden hält. Die antijüdischen Exzesse in Polen Wie nachträglich bekannt wird, ist es der Grodnoer Judenheit gelungen, das Begräbnis des während der antijüdischen Unruhen ermordeten 21 jährigen Israel Berezowski eindrucksvoll zu gestalten, unbeschadet der Anordnung der Polizei, das Begräbnis in der Dämmerstunde vorzunehmen, damit nicht durch Ansammlung weitere Unruhen entstehen. Die jüdische Bevölkerung von Grodno versammelte sich am 11. Juni bei Morgengrauen auf dem jüdischer. Friedhof. Während der Leichnam in das Grab gesenkt wurde, brachen. viele Tausende in Weinen aus. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde hielt die Trauerrede, in der er u. a. sagte: „Was will man von uns? Tun wir nicht alles für das Wohl des Landes? Warum gibt man uns Steine statt Brot? Wir aber wollen nicht verzweifeln. Unser Blut und unsere Tränen werden die Welt erzittern machen. Hier am offenen Grabe im Angesichte des Opfers rufen wir unser altes „Höre Israel" in die Welt hinaus." Hierauf sprach er im Namen der Jüdischen Gemeinde das Kaddisch-Gebet Zum Zeichen der Trauer waren am Vormittag des 11. Juni sämtliche jüdischen Läden der Stadt geschlossen, es wurde eine Trauerwoche proklamiert. Die Jüdische Gemeinde von Grodno hat bisher etwa 300 Namen von Juden registriert die durch die Unruhen materiellen Schaden erlitten haben. Die wegen Teilnahme am Selbstschutz verhafteten Judenwurden freigelassen. Der Zustand der schwerverletzten Juden hat sich so - wejt gebessert, daß bei keinem derselben mehr. Lebensgefahr besteht _ Der Verein „Ost Seehospiz in tirado" (Präsidentin Sofie Grünfeld) sendet Anfang Jnli zarte, zu Katarrhen und Blutarmut neigende Mittelstandskinder im Alter von 6 bis 14 Jahren» unter ärztlicher und pädagogischer (männlicher und weiblicher) Aufsicht, in sein eigenes Heim nach Grado (Italien). Ein 30tägiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (koscher) kostet S 5.— täglich. Der unter denVgleichen Präsidium stehende Verein „FCTlennclin" entsendet in sein eigenes, rituell geführtes Heim nach BaUVOSlUU (Mühlhof) erholungsbedürftige Kinder in obigem Alter,,Verpflegskostenbeitrag S 3—4 täglich. Freiplätze in beschränkter Anzahl an Vollwaisen. Anmeldungen im-Vereinsbüro, IX., Türkenstraße 17, von 10—13 , Uhr, Tel. R 51r5-63.