Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 24 (14.6.1935)
- Date
- 1935-06-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 24 — 14. Juni 1935 DIE WAHRHEIT Nachklänge zum Jabotlnskv-Vortrag. Wladimir Jabotinsky, der zweite Moses. L/mil^ \*JJr"U4T U ttaUU \| Wladimir Jabotinsky, der separatistisch eingestellte Führer der Revisionisten, hat in Wien am 2. Juni einen Vortrag gehalten, der die letzten Realitäten des jüdischnational - zionistischen Programms fallen ließ, der die phantasievollen Ziele des politischen Zionismus, die ohnedies ans Utopische grenzen, ins Ueberdimensionale erweiterte, indem er erklärte, daß der Inhalt des Begriffes „Zionismus" sich in Laufe der letzten Jahre bedeutend erweitert hat. Das Ziel sei nicht mehr die Schaffung eines „Zentrums" für das in der Welt zerstreute Judentum, das Ziel habe sogar den Rahmen der Schaffung eines Judenstaates überstiegen. Der eigentliche Inhalt des Zionismus sei der „Exodus", die Evaluation der jüdischen Massen aus denjenigen Ländern, in denen ihre Existenz objektiv unmöglich geworden ist. Ob dies in der Zukunft nur „einige" Länder bleiben werden oder bald vielleicht „alle" Länder der Diaspora, ob es sich um die Evakuierung von einem Drittel, der Hälfte oder einer noch größeren Proportion handeln wird, das mag dahingestellt bleiben. Aber unter allen Bedingungen ist es Exodus, Evakuation, Abschaffung der Diaspora. Man muß sich wirklich an den Kopf greifen, daß es möglich ist, daß ein so vernünftiger Mann, der die realen Verhältnisse genau kennt, auch im Feuer der Leidenschaft der Propaganda für seine politischen Ziele so weit gehen kann, daß er bewußt aktuelle Möglichkeiten ausmalt, die selbst bei gleichbleibender Entwicklung nicht einmal in 150 oder 200 Jahren eintreten können. Von den 16 Millionen Juden der Welt wohnt mehr als die Hälfte in Amerika und Rußland, Gebieten, für welche eine Auswanderung nach Palästina gegenwärtig und hoffentlich auch zukünftig nicht in Betracht kommt. 3 Millionen Juden leben in Polen und zirka 1 Million in Rumänien, den einzigen Ländern, die möglicherweise, wir wollen es nicht wünschen, für eine Massenauswanderung in Frage kommen könnten. Die englischen und französischen, die italienischen, holländischen, belgischen und auch die große Masse der österreichiischen Juden lehnen eine Auswanderung nach Palästina, überhaupt einen Exodus aus ihrer Heimat unter allen Umständen entschieden ab. In zehn Jahren, von 1925 bis 1935 sind in Palästina 150.000 Juden eingewandert, zum allergrößten Teile Juden östlicher Herkunft. Die westlichen Juden der Welt fördern die Auswanderung nach Palästina nur vom karitativen und religiösen Standpunkt aus. Sie lehnen die Errichtung eines mehr oder weniger selbständigen politisch-nationalen Judenstaates ab, sie fürchten mit Recht, daß dadurch ihre einwandfreie Zugehörigkeit zu den Nationen, unter denen sie aufgewachsen sind, schweren Schaden leiden könnte, der darin seinen Ausdruck fände, daß sie zuerst als Fremdkörper empfunden und dann als solcher auch behandelt werden. Das wichtigste Argument in dem Munde der Gegner der Emanzipation der Juden war immer das, daß sie, durch fremd-nationale Bande zusammengehalten, einen Staat im Staate bilden würden. Die letzten 150 Jahre haben bewiesen, daß diese Befürchtung unbegründet war. Gerade durch die Emanzipation wurde bewirkt, daß die Juden mit den Nationen, unter denen sie leben, verwachsen sind und daß sie nichts von ihnen unterscheidet als die Religion, die auch für die nichtjüdischen Mitglieder der Nation nicht einheitlich ist. Die künstliche Schaffung einer jüdischen Nation muß diese im Westen vollendete Entwicklung gefährden und durch diesen gefährlichen Keil des Nationalismus die religiöse Gemeinschaft der Juden spalten. Das war auch nicht die Absicht der Balfour- Deklaration, die der damalige türkische Außenminister Talaat-Pascha „une blague" genannt hat, „um die Sympathien der Juden der ganzen Welt für die Entente einzulangen". Was mit den mehr oder minder mystischen Worten der Balfour-Deklaration — der Begriff „Heimstätte" kommt im Völkerrecht nicht vor — „Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk" gemeint war, wird am klarsten von dem Freunde des Palästina-Werkes Mr. Justin Godart, ehemaliger Minister, französischer Senator und Präsident des France-Palästina-Comitees, zum Ausdrucke gebracht, indem er sagt: „Die in der Welt zenstreuten Juden sind in zwei Schichten geteilt: In Glückliche und Unglückliche, Begünstigte und Enterbte, solche, die ein Vaterland haben, bürgerliche Rechte besitzen und andere, die heimatlos, rechtlos sind. Die zivilisierten Nationen haben beschlossen: Palästina soll das Vaterland derjenigen Juden werden, denen bisher ein Vaterland versagt war. Sie sollen in ihrem jüdischen Lande Freiheit und Glück finden, ihr Haupt möge sich wieder erheben und ihr Geist entfalten." An einen Exodus, an eine Evakuation der jüdischen Massen, eine Abschaffung der Diaspora haben Balfour und die Regierungen der Entente, mit deren Einverständnis die Baliour- Deklaration am 2. November 1917 erschienen ist, wahrlich nicht gedacht. Aber auch Lord Rothschild, an den die Balfour-Deklaration adressiert ist, der hundertprozentige Engländer englischer Nationalität, hat einen derartigen Mißbrauch des zionistischen Gedankens, wie ihn nun Wladimir Jabotinsky versucht,, nicht erwartet. Er hätte sonst sicher, so wie die große Mehrzahl der englischen Juden, seine Hand aus dem Spiele gelassen. » Ganz anders ist der Vortrag Jabotinskys dort zu werten, wo er seine phantastisch-fanatischen politisch-nationalen Ziele außer Betracht läßt und von der Wirtschaft und den wirtschaftlichen Verhältnissen in Palästina spricht. Da ist seine Kritik beachtenswert, eine ernste Warnung, die von der Palästina-Verwaltung und der zionistischen Organisation beherzigt werden sollte. Was einige objektive Beobachter der zionistischen Bewegung oft mehr intensiv empfunden und gesagt haben, wiederholt der besondere Kenner der Verhältnisse Jabotinsky: „Die zionistische Organisation wird von einer Partei beherrscht, die den Klassenkampf innerhalb der jüdischen Pal äs tin a-Wir t/sch-af t fördert. Die zionistische Organisation hält die gegenwärtige wirtschaftliche Lage Palästinas für eine „P r o s p e r i t y". In der Tat han- Cai€ Pension Echsfein Semmering delt es sich um eine gefährliche Situation, da die verhältnismäßig sehr großen Investitionen nicht zu produktiven Zwecken vorgenommen werden." Jabotinsky führt Ziffern und Zahlen an: „Bloß 2Yi Prozent aller jüdischen Kapitalsinvestitionen wurden im Jahre 1934 in Ackerbau angelegt, nur 4H Prozent in neuen Industrien. Die sogenannte „Prosperity" drückt sich hauptsächlich im Bau von Häusern aus, welche keine permanente Erwerbsquelle für die Massen darstellen. Ein Teil des Kapitals wurde zum Ankaufe von Orangengärten verwendet, welche jedoch zu 90 Prozent von Juden bei andern Juden gekauft wurden. Es gibt 100.000 HOTEL Q ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwano neue Einwanderer, die zirka 80 Dollar monatlich verbrauchen. Woher sollen diese 100 Millionen Dollar jährlich genommen werden? Die Bevölkerung hat sich in den letzten Jahren um 50 Prozent vermehrt, der Bodenbesitz nur um 6 Prozent. 8 Millionen Pfund werden für Import von Waren ausgegeben, die in Palästina produziert werden könnten. Spekulation ist heute das geläufigste Wort in Palästina." Trotzdem hält die zionistische Organisation diese Lage für befriedigend. „Sie ist", wir zitieren Jabotinsky, „blind, idiotisch oder verbrecherisch." Jabotinsky hält die wirtschaftliche Lage für katastrophal und verlangt eine entscheidende Weltmassenaktion der Judenschaft, um eine gründliche Reform der palästinensischen Gesetze durchzusetzen, die durch Agrar- und Zollreformen und durch Erschließung des Ostjordanlandes die jüdische Wirtschaft in Palästina sanieren soll, bevor die drohende Krise, die jetzt noch durch den starken Kapitalszufluß der Einwanderung maskiert wird, einsetzt. Diese wirtschaftlichen Ansichten Jabotinskys sind sehr vernünftig und folgerichtig. Da die Gesamtheit der Judenschait an Palästina irgendwie beteiligt ist, so liegt es in unser aller Interesse, das Palästina -Werk vor einer Katastrophe zu bewahren. Deshalb müssen wir wünschen, daß die Warnung Jabotinskys bei der Palästina-Verwaltung und der zionistischen Organisation die verdiente Beachtung findet. An die englische Palästina-Verwaltung appellieren wir, weil wir die Rückwirkung einer wirtschaftlichen Katastrophe in Palästina auf die Juden der ganzen Welt befürchten müssen. In der Balfour-Deklaration heißt es aber: „Daß nichts getan werden soll (d. h. es muß auch alles vermieden werden), wasa die Rechte und politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte." Die jüdischnationalen Zionisten wollen von diesem Teil der Grundlage des Aufbaues Palästinas keine Kenntnis nehmen. Erklärte doch zum Beispiel der verewigte Oberrabbiner Prof. Doktor Chajes, daß dieser Satz „nicht unbedingt nötig war, denn sein Inhalt ist selbstverständlich. Der Passus wurde nur deshalb in die Kundgebung aufgenommen, um die Aengstlichen und Besorgten zu beruhigen". Wir gehören zu diesen Aengstlichen und Besorgten. Der Inhalt dieses Satzes darf nicht bagatellisiert werden, wenn eine solche Einstellung nicht die ganze Balfour-Deklaration treffen soll. Die Mandatsmacht England hat dafür zu sorgen, daß dieser Satz, der den Schutz der Juden, die sich anderen Nationen zurechnen, beinhaltet, insbesonders von der zionistischen Organisation respektiert werde. Dr. Hermann Oppenheim. Nazi-Judenhetze in Mmerikm. „Amerika, du hast es besser? . . ." Nein: auch in Amerika treibt die Nazi-Judenhetze ihre Blüten. Allerdings wird in diesem Lande der Demokratie alles getan, um der Rassenverhetzung Herr zu werden; aber bereits die Aussagen vor dem Dickstein-Komitee haben bewiesen, daß die Nationalsozialisten mit allen Anstrengungen versuchen, die Theorien des Dritten Reiches in die Neue Welt zu verpflanzen. Charles Angoff hat im Anschluß an die Verhandlung vor dem Dickstein-Komitee die Nazi-Judenhetze in Amerika analysiert und unterbreitet sein dokumentarisches Material der Weltöffentlichkeit. Gewiß ist, wie man aus dem Material ersieht, der Anhang der Nationalsozialistischen Liga zurückgegangen, aber, mit ungeheuren Mitteln gespeist, arbeiten die Nazis weiter und verbreiten über die ganzen Vereinigten Staaten eine Schlammflut von Pamphleten, die nicht davor zurückschrecken, mit den Argumenten des „Stürmer" und „Judenkenner" auch hier vorzugehen. Man wendet sich an die zwanzig Millionen Deutschamerikaner und versucht, ihnen die Nazidoktrinen zu vermitteln. Der erste Offizialvertreter der Nazipartei war ein gewisser Kurt Georg Wilhelm L ü d e c k e. Er benutzte seine Position als Reisevertreter eines deutschen Handelshauses, um dahinter seine Propaganda in den Vereinigten Staaten zu betreiben. Die für die Naziideen geworbenen Amerikaner schlössen sich in einer Gruppe zusammen, die sich später die „Freundedes Neuen Deutschland" nannte. Heinz Spank nobel trat als zweiter offizieller Delegierter der Nazis auf. Er versuchte, die deutsch-amerikanische Presse in seine Hände zu bekommen, die Behörden machten seinem Treiben ein Ende. Ueberhaupt zeigten sich bald Differenzen innerhalb der „Freunde des Neuen Deutschland", der radikalere Teil gründete die „Amerikanische Nationalsozialistische Liga", in der ein gewisser Anton H ä g e 1 e die führende Rolle spielt, hinter den Kulissen aber Lüdecke die Drähte zog. Von diesen beiden Organisationen aus wurde eine organisierte Hetze gegen die Juden eingeleitet. Lüdecke, der in New York unter dem Namen Fischer lebt, sandte an einen Vertrauensmann Walter in New Jersey einen Brief, aus dem War. hervorgeht, was die obengenannte Liga will. Er spricht von den Erfolgen seiner Organisation und davon, daß die „Freunde des Neuen Deutschland" nicht jene Teile der Mitgliedschaft befriedigen konnten, die „Taten, nichts als Taten" wünschten. „Die wachsende liberale Haltung in der Judenfrage erzeugte eine Situation, in welcher Anton Hagele richtig und sofort gehandelt hat. Wir . . . sind stolz