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Die Wahrheit · 1935-06-14 · Heft 24 (14.6.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 24 (14.6.1935)
Date
1935-06-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die tÜahrheit In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Besch eint jeden Freitag m_iL ijmmmmsmmjm Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 14. Juni 1935 Nummer 24 Geistige Zusammenarbeit Vier Jahrhunderte konnte die österreichischungarische Monarchie trotz der sprachlichen Divergenzen ährer Einwohner wachsen, blühen und gedeihen, „denn /Vorwärts' ist ungarisch und böhmisch", wie Grillparzer sagte. Erst als die Nationalitätenfrage von findigen Politikern in aller Form zum Staatsproblem erhoben wurde, ging das Reich rapid zugrunde. Aehnlich steht es mit der konfessionellen Frage. Das Toleranzedikt Kaiser Josef II. hat den edlen Wettbewerb aller Geisteskräfte von unsachlichen Hemmnissen befreit und dadurch einen früher ungeahnten wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung des Reiches angebahnt, der in der liberalen Aera einen stolzen Gipfel erreicht hat. Es war eine friedliche Zeit, in der Juden und Christen neben- und miteinander wirken konnten, ohne das geringste Bedürfnis nach „Regelung" ihres gegenseitigen geistigen und politischen Verhältnisses zu verspüren. Dieses „Bedürfnis" ist eine moderne Erfindung berufsmäßiger Hetzapostel. Sie beunruhigen die Bevölkerung mit Statistiken, die zwar schamhaft verschweigen, wieviele Erwerbszweige in Oesterreich immer die judenreine Domäne der Arier waren und noch heute sind, dagegen die zwangsläufige Folge davon: die Zusammendrängung der Juden in anderen Berufen als schwere Gefährdung der Christen hinstellen. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, wenn die Behandlung dieser Frage von geistig und sittlich ernst zu nehmenden Persönlichkeiten den Demagogen entrissen und in seriöser Weise einer für alle Teile gedeihlichen Lösung zuzuführen versucht wird. Eine solche Persönlichkeit ist ohne Zweifel der Volksbildungs-Referent der Stadt Wien, Professor Dr. Lugmayer, der jüngst einem Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur seine Ansichten über dieses Thema kundgab. Seiner langjährigen Erfahrung als Lehrer an einem Leopoldstädter Realgymnasium verdankt er, seiner eigenen Erklärung gemäß, die Erkenntnis, daß von einem ungünstigen Einfluß der jüdischen Kinder auf die nichtjüdischen keine Rede sein kann. Folgerichtig hält er die Einrichtung der jüdischen Parallelklassen ohne jüdische Lehrer für unzweckmäßig. Wenn er trotzdem grundsätzlich einem autonomen jüdischen Schulwesen das Wort redet, so zeigt sich offenkundig der verhängnisvolle Einfluß der jüdischnationalen Schulpolitik, initiiert durch die Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes. Die Konsequenzen dieser Politik erstrahlen durch Prof. Lugmayens Ausführungen in lehrreich groteskem Lichte: Er verlangt die Ausdehnung des autonomen jüdischen Schulwesens von der Volksschule bis zur Universität. Da es ihm aber klar ist, daß sich Oesterreich aus finanziellen und politischen Gründen keine eigene jüdische Universität leisten kann, meint er, daß es genüge, eine solche in einem Staate für ganz Mitteleuropa zu schaffen. Angesichts der politischen Verhältnisse im heutigen Mitteleuropa käme als einziger Staat hiefür wohl nur die Tschechoslowakei in Betracht. Gerade diese dürfte aber am allerwenigsten von der Notwendigkeit eines jüdischen Schulghettos zu überzeugen sein. Auch hat sie schwerlich das Bedürfnis, die Sprachenfrage, die als Erbe aus der Monarchie diesen Staat genug belastet, noch künstlich um das Problem zu vermehren, in welcher Sprache an der jüdischen Universität doziert werden solle. Noch viel verhängnisvoller würde sich aber das Problem der internationalen Anerkennung der Diplome dieser jüdischen Hochschule auswirken. In einer Zeit, in der die jüdischen Akademiker schon den größten Schwierigkeiten bei der Fruktifizierung inländischer Universitätsdiplome gegenüberstehen, wäre die Vorweisung eines ausländischen Diploms, noch dazu, von einer offiziell jüdischen Anstalt, wohl das. sicherste Mittel der vollständigen Selbstausschaltung aus dem Wirtschaftsleben. Gerade das will aber Prof, Lugmayer vermeiden. Er tritt im Gegenteil für eine Ausdehnung der jüdischen Berufstätigkeit auf die gewerblichen und landwirtschaftlichen Berufe ein, verwirft aber den Z w a n g zu dieser Berufsumschichtung durch Erschwerung des Studiums. Auch betont er: „Die Staatsbürgerrechte der Juden sind ebenso wie die der Christen unantastbar und daher außer Diskussion." Wie will also Prof. Lugmayer die Katze über dieses tiefe Wasser bringen? Er sieht im Judentum eine religiöse Gemeinschaft, „die wahrscheinlich so lange existieren wird wie die christlichen Gemeinschaften", und setzt seine Hoffnung auf eine Aussprache zwischen den geistigen Vertretern der Juden und Christen, die er sich auf folgender Basis vorstellt: „Es kann sich nicht um gegenseitige Bekehrungsversuche handeln. Die Aussprache soll bloß dahin führen, daß die Juden und die Christen der Jetztzeit sich gegenseitig verstehen und nicht auf Grund geschichtlicher Rekriminationen einander Vorwürfe machen." Indem jedoch Prof. Lugmayer hier anführt, was er vermieden wissen will, deklariert er selbst die Gefahren einer solchen Disputation. Wer soll diese Aussprache führen? „Die Stimme" ist mit der Antwort rasch zur Hand: „Die Stelle, mit der Besprechungen dieser Art geführt werden, ist gegeben. Es ist die Leitung der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Sie ist die vor dem Gesetz und dem Gewssen verantwortliche Führung des Judentums in Oesterreich." Dem muß entschieden widersprochen werden: Die Leitung der Kultusgemeinde hat ganz andere Aufgaben als die Führung von Diskussionen zwischen den geistigen Vertretern der religiösen Gemeinschaften. Die jüdischnationalen Politiker, die heute die Leitung der Wiener Kultusgemeinde innehaben, würden freilich mit größtem Vergnügen in parlamentarischen Debatten mit den Vertretern der Gegenseite ihren Geist leuchten lassen. Denn dieses Vergnügen kennzeichnet ja die Hauserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen ssnsal A 48-9-22 R. TAUBM/INN Wien, II. Bezirk, NordpolstraB« 2/3 Reparaturkre dite Zinsvorsdiflsse kulantest Basiere Dldi gut und billig Ocsferreldilsclies QuaiHäls faDrihaf Ueberau erhältlich Politiker auf der ganzen Welt. Man weiß aber auch, was dabei herauskommt: Ueberau, wo die Politiker miteinander debattieren, zündelt die Kriegsgefahr in die Höhe, während die Volksmassen, deren Interessen die Politiker angeblich vertreten, sich in Friedenssehnsucht verzehren. Die Volksmassen empfinden auch die Judenfrage gar nicht so brennend wie die Politiker. Wer antisemitisch fühlt, konnte schon in der liberalen Aera jüdischen Privat- und Geschäftsverkehr vermeiden, und die toleranten Christen haben niemals geistige Diskussionen nötig gehabt, um in einem erträglichen Verhältnis mit Juden zu leben. Im Dritten Reiche werden Judenfreunde angeprangert, was aber nur beweist, daß es noch immer solche gibt. Persönliche Sympathien entwickeln sich nicht auf Grund theoretischer Vorbesprechungen. Aus Diskussionen entwickelt sich vielmehr immer nur Zank und Streit, also Entfremdung. In einer Ansprache, die der österreichische Bundeskanzler, Dr. Kurt Schuschnigg, in Eisenstadt bei einer vaterländischen Kundgebung in den letzten Tagen gehalten hat, gab er u. a. folgende auch vom jüdischen Gesichtspunkte beachtenswerte Erklärungen gegen die konfessionelle Verhetzung ab: „Laßt euch nicht durcheinanderbringen, laßt euch nicht verhetzen! Eines ist gefährlich, wenn man anfängt, die Hetze auf das konfessionelle Gebiet zu tragen. Dort, wo man glaubt, den einen gegen den anderen ausspielen zu können, dort ist keine konfessionelle Frage mehr, sondern eine politische, und politische Fragen auf diesem Gebiet sind ausgeschlossen. Gerade weil wir in unserem Lande überzeugte Katholiken sind, gerade darum wissen wir, daß wir den Bruder zu achten haben, auch wenn er anderen Glaubens ist. Aber der den Glauben nur vorschützt, der nur zündeln will, möge wissen, daß wir keinen Spaß verstehen." Noch immer braune Friedhofsschön-- düngen. In der Nacht zum 28. Mai sind auf dem jüdischen Friedhof in Oldenburg zahlreiche Grabdenkmäler umgeworfen und zertrümmert worden. Unter den von den bereits ermittelten Tätern heimgesuchten Gräbern befindet sich auch der Gedenkstein des Kriegsgefallenen Peter de Vries, eines Patenkindes des verstorbenen Großherzogs von Oldenburg, Nikolaus Friedrich Peter, der seinerzeit die Ueberführung der Leiche des Gefallenen aus dem Felde nach Oldenburg veranlaßte.

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