Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 23 (7.6.1935)
- Date
- 1935-06-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DTE WAHRHEIT Nr. 23 — 7. Juni 1935 Seite 5 Die Juden in Rumänien. Von Bernhard R i p p e 1 (Bukarest). So unglaubwürdig es auch klingen mag, so zählen dennoch die Juden zu den ältesten Bewohnern unseres Heimatlandes. Nach einwandfreien historischen Berichten kamen die ersten Juden schon unter dem mächtigen König Decebalus nach Dazien, als Titus Jerusalem zerstört und die Juden aus Palästina vertrieben hatte. Zum Wohnsitze wies ihnen der König die Stadt Thalmus unweit des Rotenturm-Passes an. Sie wurden hier, auf rumänischem Boden also schon in den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung ansässig. Vor dem Weltkriege war ihre Bevölkerungszahl eine verhältnismäßig unbedeutende. Dieselbe stieg erst mit der Vereinigung der okkupierten Provinzen mit dem Mutterlande, wobei die in jeder Provinz ansässig gewesenen Juden die rumänische Staatsangehörigkeit erlangten. Derzeit zählt die gesamte Judenschaft Großrumäniens etwa 900.000 Seelen. Trotzdem die jüdische Bevölkerung aus vier Provinzen mit verschiedener Kultur, verschiedenen Sitten und Bräuchen sich zusammensetzt, hat sie, treu der jüdischen Tradition, sich den allrumänischen Staatsgedanken zu eigen gemacht, indem sie vom aufrichtigen Gedanken des Patriotismus und der unerschütterlichen Anhänglichkeit an das Vaterland und den Monarchen beseelt ist. In diesem Sinne sind die Juden rumänische Patrioten, welcher Umstand erfreulicherweise auch in den maßgebenden Kreisen entsprechende Würdigung findet. Wie in vielen anderen Ländern betätigen sich auch hier die Juden vor allem in den freien Berufen, in Handel, Industrie und Gewerbe, welche Erwerbsquellen aber, auf ein tiefes Niveau gesunken, heute nur schwer Existenzmöglichkeiten bieten. Denn die Wirtschaftskrise der letzten Jahre, die Einschränkung der Einfuhr von Waren und Rohmaterialien sowie Halbfabrikaten, die Verschärfung im Devisenverkehr und andere Beschränkungen im Verkehre des freien Handels haben keineswegs zur Belebung des internationalen Verkehres, am allerwenigsten aber zur Verbesserung der Verdienstmöglichkeiten beigetragen. In kultureller und sozialer Beziehung bewegt sich das jüdische Leben im eigentlichen Sinne zumeist in den Städten. Eine dominierende Stellung nimmt insbesondere die Residenzstadt Bucuresti mit ihren ungefähr 100.000 jüdischen Einwohnern ein, welcher sich die Städte Czernowitz, Chisinau, Jassy mit ihren kompakten jüdischen Massen würdig anreihen. Zwar haben auch die transsylvanischen Städte eine beträchtliche jüdische Einwohnerzahl aufzuweisen, allein ihr Gefüge ist nicht derart wie jenes in den vorgenannten Zentren. Was die allgemeinen jüdischen Interessen betrifft, werden solche zumeist durch Interventionen seitens der seit Jahrzehnten im Abwehrkampfe bewährten Union rumänischer Juden wahrgenommen, zumal diese Partei eine bodenständige im Altreiche ist und durch die prominentesten jüdischen Persönlichkeiten die besten Beziehungen zu den führenden Politikern und den Regierungskreisen unterhält. Ueberdies ist der Präsident der Union, Dr. F i 1 d e r m a n n, einer der erleuchtetsten Köpfe der rumänischen Judenschaft, und selbst die nichtjüdischen und sogar nationalistischen Kreise bringen ihm Achtung und Wertschätzung entgegen. Um nicht den Gegnern Pulver für die Geschoße des Antisemitismus zu geben, hat esDr. Filderman sogar abgelehnt, ein Ministerportefeuille zu übernehmen. Im allgemeinen ist den Juden die volle Gleichberechtigung gesetzlich gewährleistet und die gegenwärtige Regierung der Nationalliberalen bekundet auch das Bestreben, bei den jüdischen Bürgern keinerlei Ausnahmen gelten zu lassen. Hiebei muß insbesondere auf den Umstand hingewiesen werden, daß die häufigen Angriffe der antisemitischen Deputierten gegen die Juden stets von der Ministerbank energische Zurückweisung erfahren, wobei die antisemitischen Auslassungen in der Regel ein Fiasko erleiden. In diesem Zusammenhange sind die im laufenden Jahre 1934/35 im Parlament gehaltenen Ministerreden geradezu klassisch. Freilich fehlt es auch nicht an politischen und jugendlichen Hitzköpfen, 1III1IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1II1II1IIIU1IIIII111 IEPHRUSSI & CoJ H Gegründet 1856 =| I BanhtfesdiaUe aller Art jj f§ Abteilungen für Wertpapiere und Devisen §j Wien IX., Wasagasse Nr. 2 W llilHIIIillHIIIIIIIIUlM sowie bankrotten Geschäftemachern, welche bei jeder Gelegenheit den Antisemitismus predigen, um sich entweder in den Vordergrund des öffentlichen Interesses zu drängen oder aber von ihren Gebrechen und Fehltritten die Aufmerksamkeit abzulenken, und 'so ihrem unersättlichen Eigennutz weiter fröhnen zu können. Diese Gesellschaft, insbesondere ihr studentischer Anhang macht sich in letzter Zeit wieder sehr stark bemerkbar, das rumänische Volk, die eigentliche autochthone Bevölkerung ist aber friedliebend, tolerant und gastfreundlich und weiß auch stets das richtige Urteil über die Hetzer gegen die Juden zu fällen. Zur Frage der jüdischen Arbeitslosen. Von Dr. A. S (Aus einem Wie hoch ist die Zahl der Arbeitsuchenden im Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis? In den fünf Monaten dieses Jahres werden 1766 Arbeitslose neu angemeldet, so daß unter Berücksichtigung der Anmeldungen des Vorjahres die Gesamtzahl der derzeit vorgemerkten Arbeitslosen 4020 beträgt. Und der Arbeitslosenanstieg nimmt kein Ende. Wie beim Steinwurf ins Wasser, dessen Wellen immer weitere Kreise ziehen, so erfaßt die Erwerbs- und Arbeitslosigkeit immer mehr Schichten der jüdischen Bevölkerung. Infolge schlechten Geschäftsganges bauen jüdische Unternehmer Angestellte und Arbeiter ab oder lassen ihre Betriebe auf. Es erscheinen dann auf dem Arbeitsmarkt, bzw. im Arbeitsnachweis nicht nur entlassene Angestellte, sodern auch Unternehmer mit ihren Familienangehörigen. Leider ist die Erscheinung symptomatisch, daß sehr viele Kauileute und Gewerbetreibende im Alter von 40 bis 70 Jahren angesichts der Unmöglichkeit der Berufsumstellung, infolge der durch die Gewerbeordnung getroffenen Maßnahmen, als Arbeitsuchende ihre willigen Arbeitskräfte anbieten. „Jede Arbeit nehme ich an", lautet die Wehbitte dieser unslücklichen Menschen, denen man die Qualen des Hunsers, die körperliche Ermattung und seelische Verstreue orth. JUNGE MSDCHEN Streng orthfinden ab 1. Juli idealen Sommeranfentliaif in sioloh am Plattensee (Ungarn) unter Leitung zweier staatlich gepr. Lehrerinnen. Geselligkeit, Sport, gemeins. Ausflüge, 5 reichliche Mahlzeiten, Klavierunterricht, Sprachen. Pauschalpreis Ittr einen Monat S 220.- rahrtaeäunsllgungen Auskünfte und Anmeldung bei Fr. Mlml Schiff, Wien iL, Schiffamtsgasse 17/8 Restaurant Hotel Stefanie vormals Opersr II.. Taborstraoe 12, Tel. R 46-5-5? ■>m4« Ausgiebige Brafen-Menüs S 1.60 WjJ „ Genüget- „ S 2.20 \W3 Vorzügliche Zubereitung — Schwechater Biere — Naturweine Schöner staubfreier Garten ch m e r 1 e r. Gespräch.) zweiflung anmerkt. Es fällt auf, daß es vorwiegend Menschen des jüdischen Mittelstandes sind (Aerzte, Juristen, Bankbeamte, Geschäftsführer, Buchhalter, Kontoristen. Verkäufer, Kaufleute, sowie manuelle Gewerbetreibende, wie Schlosser, Spengler, Ledergalanteriearbeiter, Installateure, Elektriker, Automechaniker, Chauffeure usw.), die ohne Arbeit und ohne tägliches Brot rat- und hilflos vor dem Nichts stehen. Wie hoch ist die Zahl der im Monat erlangten Stellen? Kaum 80 bis 90. Gering! in Bezug auf die Zahl der Arbeitslosen, aber ein Erfolg in Ansehung der vorligenden Schwierigkeiten. Hievon entfällt die eine Hälfte auf gewerbliche und die andere auf kaufmännische Arbeitsuchende, wobei die weiblichen Arbeitslosen einen höheren Anteil an den erlangten Stellen aufweisen. Es würde wohl im Interesse der Krisenbekämpfung und WirtschaftsbeLe.bung liegen, daß vorwiegend männliche Arbeitskräfte angefordert werden, denn der männliche Arbeitsuchende gründet gewöhnlich nach Erlangung einer Existenz einen Haushalt, der denknotwendigerweise zu Bestellungen, Adaptierungen, Anschaffungen usw. führt, und die weibliche Arbeitsuchende erhält dadurch die schönste soziale. Berufung, das ist die Stelle als Frau. Erlangen auch Jugendliche Lehrstellen? Durchschnittlich werden derzeit monatlich 20 Jugendliche Lehrstellen zugeführt, wobei auch hier die Zahl der gewerblichen und kaufmännischen Arbeitsplätze die gleiche ist. Allerdings drängt die Jugend gemäß den Umschichtungsbestrebungen — um ihren Ausdruck zu gebrauchen — nach „produktiven" Berufen: sie wollen Arbeitsbildung und keine Bildungsarbeit. In erster Reihe will jeder eine Stelle bei einem Mechaniker, Elektriker. Schlosser. Baumeister usw. und im Nichterlangungsfalle eine solche bei anderen Handwerkern zugewiesen erhalten. Die Kinder fürchten geradezu, kaufmännische Berufsstellen anzutreten. Der bevorstehende Schulschluß stellt die Leitung des Vereines vor außerordentlich schwere Auigaben. Im Hinblick auf das Berufsbildungswesen der Jugendlichen handelt es sich um das Problem der Berufs- und der Arbeitsbeschaffung, sowie um Einordnung des arbeitenden, jugendlichen Menschen in d.en Arbeitsprozeß und in die Gemeinschaft. Sind gelernte oder ungelernte Arbeiter besser gestellt? Es kann gesagt werden: Die Durchschnitts- Arbeitskraft ringt sich leichter durch. Denn der Arbeitnehmer mit langjähriger Praxis und Qualifikation ist infolge der hohen Kollektivlöhne, bzw. Gehalte eher im Nachteil als im Vorteil. Kein Unternehmer ist gewillt, einen Angestellten mit 15- bis 20jähriger Praxis zu beschäftigen. Die jüdischen ungelernten Arbeiter finden auifallenderweise auch in der Privatwirtschaft keine Beschäftigung, obwohl sie infolge ihrer Verläßlichkeit, Seriosität und Arbeitswilligkeit als Geschäitsdiener, Transportbegleiter, Hausbesorger usw. Verwendung finden könnten. Im allgemeinen ist das Schicksal der ungelernten jüdischen Arbeiter ein sehr trübes und beklagenswertes, weil die Arbeiten der öffentlichen Hand sich hier nicht auswirken. Werden die Lästert der Fürsorgezentrale der Wiener Kultusgemeinde durch die Zuweisung von Arbeitsstellen an Arbeitsbuchende verringert. Mit Rücksicht darauf, daß es sich vorwiegend um Handelsangestellte und Handwerksgehilfen handelt, die die soziale Fürsorge der Kultusgemeinde nicht in Anspruch nehmen, wird durch Erlangung von Arbeitsplätzen nicht diese, sondern der staatliche Arbeitslosenfonds entlastet. Wird der Verein seitens der jüdischen Bevölkerung hinsichtlich der Anforderung von Arbeitskräften unterstützt? Jüdische Arbeitgeber sehen allzu oft nicht in ihren Groß-, Mittel- und Kleinbetrieben das Unglück, das Darben, den Zusammenbruch und die an Hoffnungslosigkeit grenzende Verzweiflung der jüdischen Arbeitsuchenden, die dem Untergang preisgegeben sind und für die ein Arbeitsplatz ein Stück trockenes Brot für sie und ihre hungernden Kinder bedeutet. Es bleibt nichts anderes übrig, als an die noch vorhandenen Sympathien und die tätige Mitarbeit der jüdischen Unternehmer mit der Bitte zu appellieren, den jüdischen Arbeitnehmern Gelegenheit zur Arbeit zu geben. * Jüdische Unternehmer, erfasset den Ernst der Zelt, fördert die Arbeitsbeschaffung zugunsten der jüdischen Arbeitslosen und iordert den Bedarf an Angestellten und Arbeitern beim Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien L, Kohimessergasse 4, Tel. U 27-0-65 an. 100 prozentiger antideutscher Boykott in Kalifornien. Der antideutsche Boykott in Kalifornien umfaßt nahezu 100 Prozent der Bevölkerung. Der Verband der Importeure in San Diego, der größten Hafenstadt Kaliforniens, beschloß den Boykott deutscher Waren; die Hafenarbeiter weigern sich, die Ladung deutscher Schiffe zu löschen. Der Industrieverband Kaliforniens annullierte alle Abmachungen mit dem Norddeutschen Lloyd. (Die Juden in Kalifornien machen weniger als 3 Prozent der Bevölkerung aus.) Schauermärchen. Die im Schundroman „Biarritz" des Antisemiten Goedsche beschriebene mitternächtliche Versammlung auf dem alten Prager Judenfriedhof ist bekanntlich ein Bestandteil der, wie gerichtlich nachgewiesen, aus lauter Fälschungen sich zusammensetzenden „Protokolle der Weisen von Zion" geworden. Der vom Antisemiten Leonhard redigierte „Volksbund" in Basel hat Qoedsches Schauermär vor einigen Monaten aufgegriffen. Es walr dort zu lesen von der Rede eines Rabbiners Reichhorn am Grabe des Großrabbiners Simeon ben Jehuda aus dem Jahre 1869. Auf eine Anfrage der Jüdischen Gemeinde in Veves'- Montreux hat nun die Jüdische Gemeinde in Prag folgendes Schreiben gesandt: „Die im Archiv unserer Gemeinde und die bei der jüdischen Beerdigungsbrüderschaft in Prag eingeleiteten Nachforschungen haben ergeben, daß im Jahre 1869 kein Rabbiner Simeon ben Jehuda in Prag gestorben oder beigesetzt wurde, so daß auch keine Grabrede auf dem jüdischen Friedhofe gehalten werden konnte. Weiter wurde festgestellt, daß weder im Jahre 1689, noch überhaupt im ganzen neunzehnten Jahrhundert ein Rabbiner namens Reichhorn in Prag gewirkt hat und nicht einmal dem Namen nach in Prag bekannt ist. Ebenso wurde festgestellt, daß weder in dem Archiv, noch in der Bibliothek der jüdischen Ge-