Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 23 (7.6.1935)
- Date
- 1935-06-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr! 23 — 7. Juni 1935 DIE WAHRHEIT j Mitglieder und Freunde der „Union" ÄÄÄd« Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater Ausstellungsstr. (vis-ä-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. der Fürsorge-Agenden, die ihm bisher als Obmann der Fürsorgekommissjon zustanden, auch weiter zu behalten, und zwar jene Agenden, die mit dem Rothschild-Spital in Verbindung stehen? Befürchtet die jüdischnationale Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes nicht, durch ein Eingehen auf diesen ganz unberechtigten Wunsch des Herrn Dr. Klaber ein Anschwellen jener Gerüchte herbeizuführen, die von einem besonderen persö im liehen Interesse dieses Herrn fÜT das Rothschild-Spital wissen wollen? Klaber als Erzieher. Und noch eine Frage, die auch im Zusammenhange mit dem Fall Rath steht. Die durch das Ausscheiden dieses Herrn auj3 dem Kultusvorstand freigewordene Stelle des Obmanns der U nterrichtskommission wurde mit dem Jüdisclmationalen Dr. Klaber besetzt, während dessen Stelle ab Obmann der Fürsorg ek o in m i s s i i. ü von nun ab Herr Dr. Leo Landau einnimmt. Entspricht es den Tatsachen, daß Herr Dr. Klaber die Absicht hat, einen Teil Nachdem der Vorsitzende Sektionsrat Doktor Scheinpflug und Seine Exzellenz Don Garcia Comin herzlichst für die genußreiche Stunde gedankt hatten, entspann sich eine lebhafte Debatte über Judentum und Christentum, in der der frühere Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Ornstein das Wort zu einer mutigen und flammenden Rede gegen die Verunglimpfung und Diskriminierung des Judentums ergriff. Seine Ansprache machte auf die Versammlung gleicherweise wie der vorausgegangene philosophische Vortrag einen nachhaltigen Eindruck. Die Petition der Danziger Juden. Wie vorauszusehen war, hat die Petition der Juden bei den Danziger Nationalsozialisten einen wütenden Entrüstungssturm hervorgerufen und das Organ der Partei und des Senats, der „V o rposten", konnte schon am Tage des Bekanntwerdens der jüdischen Petition seinen Lesern das Geheimnis verraten, daß es sich hierbei um eine „internationale all jüdische Aktion" handle. Zwei Tage später schrieb das gleiche Blatt: „Die sorgfältige Ausarbeitung und der alles umspannende Inhalt der Judenpetition zeugt davon, daß nicht nur Danziger Rechtsanwälte, sondern die jüdischen Schriftgelehrten ganz Europas federführende Sachbearbeiter einer Angelegenheit sind, die sich zuletzt doch nur gegen den Nationalsozialismus richten soll", womit es den paar Leuten, die die Petition in Wirkliclikeit bearbeitet haben, ein glanzvolles Zeugnis ausstellte und zugleich die an Größenwahn grenzende Einbildung der Danziger Nationalsozialisten bewies. Die Herren sollten ihre Künste besser in der Wirtschaftspolitik bewähren, die jetzt vor einem furchtbaren Bankrott steht. Das Organ der Danziger Juden, das „Danziger E c h o", nimmt in seiner letzten Nummer Stellung zu den obigen Ausführungen des nationalsozialistischen Organs und erklärt, daß eine „internationale alljüdische Aktion" nicht nötig ist, um die Rechte der jüdischen Bevölkerung in Danzig zu schützen. „Die Danziger Judens auf sich selbst gestellt, können allerdings mit einem internationalen Faktor rechnen und dieser ist kein Synhedrion der „Weisen von Zion", deren „Protokolle" das Gericht in Bern offiziell als Schundliteratur bezeichnet hat; dieser Faktor ist auch nicht jenes „Alljuda", gegen das Herr Streicher und neuerdings auch sein gelehriger Danziger Lieblingsschüler Albert Forster einen — wäre er nicht tragisch — lächerlich zu nennenden Windmühlenkampf, fechten; sondern es ist das Gerechtigkeitsgefühl und die Sympathie der Welt für diejenigen, die gegen übermächtige Gewalten um Ehre und Existenz kämpfen." Natürlich versäumten es die Nationalsozialisten nicht, um sich die Angriffe gegen die jüdische Petition zu erleichtern, auch ein paar kleine Fälschungen vorzunehmen. So erklärten sie, daß die Petition dem Danziger Senat eine Verletzung des Versailler Vertrages vorwerfe, während in Wahrheit in dem ganzen Schriftstück dieser Vertrag mit keinem Worte erwähnt ist. Dies sollte offensichtlich dem Zweck dienen, die Juden als Verteidiger des verhaßten Versailler Vertrages hinzustellen und (Staden bei Wien ROLLETGASSE 7 / HERMINE EICHNER Sehr nette Zimmer, mit und ohne Pension, streng rituelle Küche, Zentralheizung, fließendes Kalt- und Warmwasser, billige Preise, ganzjährig geöffnet. damit gegen sie und ihre Petition Stimmung zu machen. Die in . der jüdischen Petition ausgesprochene Forderung nach einem Gesetz zum Schutze gegen Kollektivbeleidigungen, das natürlich nicht nur auf die Juden, sondern allgemein auf Personengesamtheiten Anwendung finden soll, wurde von den Nationalsozialisten so dargestellt, als handle es sich um einen besonderen Ehrenschutz für die Juden, also um ein Ausnahmegesetz. Dabei verschwiegen sie natürlich sorglichst, daß ja gerade die Nationalsozialisten ein solches Ausnahmegesetz für ihre Anhänger eingeführt haben und daß daraufhin sogar der erste nationalsozialistische Danziger Senatspräsident, Dr. Rauschning, die Notwendigkeit eines solchen allgemeinen Gesetzes erkannt und es auch bereits zugesichert hatte, daß aber diese Zusage von dem jetzigen Präsidenten Greiser wieder zurückgezogen wurde. Ein für die Einstellung der gegenwärtigen Regierung besonders charakteristischer Schritt, der die Berechtigung der jüdischen Beschwerden um so schlagender beweist. Jüdischer Vortrag in der Leo-Gesellschaft. Rabbiner Dr. Armand Kaminka spricht über Maimonides. Mittwoch, den 29. v. M. hielt Rabbiner Doktor Kamiuka über Einladung der katholischen Leo - Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst einen Vortrag über Maimonides' Stellung in der Geschichte des menschlichen Denkens. Unter den Gästen befanden sich Seine Exzellenz der spanische Gesandte Don Eduardo Garcia Comin und der Sekretär der Gesandtschaft, was dem Vortragenden Anlaß gab, auch an dieser Stelle der spanischen Regierung den Dank auszusprechen für die Zuvorkommenheit, mit der er und alle auswärtigen Teilnehmer an der staatlichen Maimonides-Feier in Cordova empfangen wurden. Dr. Kaminka gab nun einen Ueberblick über die griechische Philosophie seit Anaxagoras und die arabische seit Avicenna, soweit die großen Denker sich einerseits mit dem Problem der Einheit im Kosmos, anderseits mit der Frage des Zwecks im Dasein und der sittlichen Aufgabe des Menschen befaßten, und wies nach, wie Maimonides' Argumente gegen Aristoteles Anschauung von der Ewigkeit der Materie für die katholische Philosophie des Mittelalters, namentlich für Albertus Magnus und Thomas von Aquino wichtig wurden und in manchen Punkten, wie bei der Providenz, Thomas nur durch ein Mißverständnis von Maimonides abweicht. Es konnte daher Papst Nikolaus IV. im Jahre 1290 eine Kundgebung erlassen, daß Maimonides' Schriften, obwohl er das Christentum als Jude ablehne, eine Stärkung der Basis aller monotheistischen Religionen darstellen. Sehr feinsinnig wurden die Zusammenhänge zwischen Maimonides Optimismus und Leibnitz T h e o d i c e e gezeigt, in welcher „More Nebuchim" eingehend zitiert wird, ferner zwischen der Ueberschrift des zweiten Teiles seines Religionskodex „Buch von der Liebe" und bedeutsamen Gedanken von Hillel und Rabbi Jochanan ben Sakkai, die eine frappante Ergänzung finden im Hymnus auf die Liebe bei Apostel Paulus. Preisgekrönte Schriften über Maimonides. In dem von der Akademie zu Cordova ausgeschriebenen Maimpnides-Wettbewerb wurden u. a. Arbeiten der Maimonides-Biographie von Dr. Max G r u n w a 1 d (Baden b. W.) und Dr. Georg Sachs (Madrid) preisbedacht. Betrachtungen zum Schwuotfest Von Josua Horowitz. Das jüdische Volk feiert das Schwuotfest als Fest des geistigen Aufstieges. Der Auszug aus Aegypten hatte die Juden physisch und materiell befreit. Als freie Menschen verließen sie Aegypten, um nach Kanaan zu wandern. Die Krönung dieses ganzen Werkes sollte aber erst eintreten durch" die geistige Befreiung aus der Vorstellungswelt und Denkart der heidnischen Antike, durch die Offenbarung am Berge Sinai. Die Erlösung aus Mizraim war nicht Zweck, sondern Mittel und sollte sich jetzt auch eine neue Schöpfung in der geistigen Welt gestalten; fliehen sollte die finstere Nacht des Wahnes, zusammenstürzen das Reich des Unglaubens; die Menschheit in Unwissenheit versunken und von eitlen Träumen betört, sollte Licht sehen, die Stimme der Wahrheit vernehmen und ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens sollte sich auf Erden gründen. Beim Auszuge aus Aegypten standen die Juden aui einer solch tiefen Stufe der geistigen Entwicklung, daß eine noch geraume Zeit vergangen wäre, bis sie ein entsprechend höheres Stadium erreicht hätten. Unsere Weisen lehren, daß sie viele Entwicklungsstufen übersprangen, daß also hier eine mehr „revolutionäre" Entwicklung Platz gegriffen habe. Bei der Offenbarung erging an das Volk der Befehl: -Seid vorbereitet!" Hier griff vielmehr die Evolution ein, eine stetige Entwicklung bis zur höchsten Stufe der Gotteserkenntnis. Das jüdische Gesetz ist das einzige, das nicht aus dem Volke hervorgegangen ist. sondern zum Volke kam. Und darin liegt auch das Eigentümliche dieser Lehre. Alle übrigen Religionen sind aus dem Schöße der Menschheit hervorgegangen und diesen Lehren hafien naturgemäß die Schwächen und Mängel ihrer Schöpfer an. Die größten Gesetzgeber hängen mit ihrer Zeit zusammen und können auch den Einflüssen ihrer Zeit nicht entgehen. Die am Sinai geoffenbar.ten Bestimmungen waren hingegen von Anbeginn etwas absolut Giltiges und Vollkommenes; die am Sinai gebotenen Lehren tragen das Kennzeichen der. Universalität an sich: s;s eignen sich für alle Staatsverfassungen für alle Länder und Himmelsstriche und sind auch nicht abhängig von der Individualität des Volkes. Zehn Worte erschallten von der Bergspitze, von Gott seinem Volke selbst mitgeteilt. Dieser denkwürdige Tag hatte für die Ewigkeit gesorgt, hier wurde der Grmiclsteh für das Reich der Sittlichkeit und Menschenwürde gelegt. DJe tiefen Wahrheiten von einem bildlosen, geistigen Gotte. einem Gotte, der sich der Geknechteten und Gedrückten annimmt, von der Pflicht der Hochachtung den Eltern gegenüber, die Lehren der Achtung des Menschenlebens, der Keuschheit und des Eigentums, der Wahrhaftigkeit der Menschen gegeneinander, die tiefsinnige Institution eines Ruhetages sind am Sinai für alle Zeiten offenbart worden. Die zehn Gebote lehren und zeigen das richtige und ideale Verhältnis des Menschen zu Gott, Familie und Gesellschaft. Sd ist das Wochenfest, an dem die zehn Säulen und Pfeiler des großen Temnfls der menschlichen Wohlfahrt errichtet wurden, das Fest der geistigen Befreiung, der Tag, an dem der Menschheit ideelle und ethische Werte gegeben wurden. Am Realgymnasium für Mädchen, II., Novaragasse 30, beginnen die Aufnahmsprüfungen in die 1. Klasse am 24. Juni. Einschreibungen und Auskünfte täglich von 9—12 und 13—16 Uhr. Schulgeld entsprechend den Einkommensverhältnissen der Eltern abgestuft. Die jüdisch-religiösen Vorschriften werden berücksichtigt. E. Der Verein „Ost Seehospiz in örado (Präsidentin Sofie Grünfeld) sendet Anfang Juli zarte, zu Katarrhen und Blutarmut neigende Mittelstandskinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, unter ärztlicher und pädagogischer (männlicher und weiblicher) Aufsicht, in sein eigenes Heim nach Grado (Italien). Ein 30tägiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (koscher) kostet S 5.— täglich. Der unter dem gleichen Präsidium stehende Verein „Ferienheim" entsendet in sein eigenes, rituell geführtes Heim nach BadVÖSlQU (Mühlhof) erholungsbedürftige Kinder in obigem Alter, Verpflegskostenbeitrag S 3—4 täglich. Freiplätze in beschränkter Anzahl an Vollwaisen. Anmeldungen im Verekisbüro, IX., Türkenstraße 17. von 10—13 Uhr, Tel. R 51-5-63.