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Die Wahrheit · 1935-06-07 · Heft 23 (7.6.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 23 (7.6.1935)
Date
1935-06-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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niE WAHRHEIT Nr. 23 — 7. Juni 1935 Seite 3 HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraßt 28 Telephon U 11-2-72 bringt den modernen Frühjahrs - Ulster und den feinen Maßanzug in prächtigsten Dessins für den eleganten Herrn „ihre Stimme" erheben konnten, um irgend eine „Großtat" als in eigener Regie geleistet darzustellen. Das Haus in der Hebragasse, welches einen Wert von mehr als S 150.000 hat, wurde damals zwecks Schaffung eines jüdischen Kinderspitals von den Eheleuten Gottlieb gewidmet. Mit behördlicher Bewilligung wurde diese Stiftung in eine Stiftung zur Schaffung und Erhaltung eines Erholungsheimes umgewandelt. Ein Teil des Wertes dieses Hauses reicht bereits hin, um das Erholungsheim zu erwerben. Das Haus wird verkauft werden, ein Teil des Kauf-Schillings zur Bezahlung der Kosten der Erwerbung des Erholungsheimes, der andere Teil zinsbringend zum Zwecke des Betriebes des Erholungsheimes verwendet werden. Es handelt sich hier also nicht um eine Großtat der jüdischnationalen Mehrheit, es muß vielmehr bei einer solchen Gelegenheit in Dankbarkeit und in Ehrfurcht jener gedacht werden, die .durch die Errichtung der seinerzeitigen Stiftung der Kultusgemeinde die Möglichkeit geschaffen haben, jüdischen Kindern eine. Erholung zu bieten. Diese edlen Stüter aber hat „Die Stimme" vergessen. Sie kennt nur noch diejenigen, die für das Stiftungsgeld das Heim erstanden haben. Die „Stimme" scheint sich dessen bewußt gewesen zu sein, daß die von ihr gepriesenen „Großtaten" widerlegt, respektive auf das richtige Maß zurückgeschraubt werden. Sie hat daher, ohne die Wirkung ihrer Zeilen abzuwarten, den Dank der jüdischen Bevölkerung Wiens für die „hervorragenden Leistungen" der jüdischnationalen Mehrheit vorsichtsweise schon vorher eskomptiert. Dr. Ernst Feldsberg. Geistige Verwurzelung. Von Hanns H. Aris, Beuthen. Man schilt uns Juden ein unstetes Volk, man wirft uns vor, Heimatlose zu sein, man stellt uns zusammen mit den Zigeunern. Deswegen mag es mir gestattet sein, einmal von der geistigen Verwurzelungutzu sprechen, die uns Juden fest verhaftet hat mit unseren „Wirtsvölkern", die uns das Scheiden aus dem Vaterlande auch dann so schwer machte, wenn wir vertrieben wurden, wie einst in Spanien, oder wenn unsere Existenz erschwert wird, wie jetzt in Deutschland. Spanien von 1492 oder Deutschland von 1933: die scheidenden Juden sind Spanier oder Deutsche geblieben, eingestanden und uneingestanden, sie blieben ihren Vaterländern verwurzelt, geistig verwurzelt. Noch jahrhundertelang haben die vertriebenen Juden und ihre Nachkommen die spanische Sprache gepflegt, die spanischen Gebräuche erhalten, sei es in Holland, England oder Italien. Noch jahrhundertelang klingt uns selbst aus der Jargonsprache der Ostjuden das Mittelhochdeutsch und das mittelalterliche Deutsch der um 1300 und 1350 nach Osten abgewanderten deutschen Juden. Die geistige Verwurzelung der Juden ist eine Tatsache, die sich nur aus der Traditionsneigung des jüdischen Glaubens erklären läßt. Aber man sollte dieser Tatsache eine tiefere Bedeutung beilegen bei allen den Problemen, die gegenwärtig entstehen. Gerade beim deutschen Juden von heute ist die geistige Verwurzelung tief und echt. Es ist keine Assimilation, wie die Nationaljuden behaupten, sondern eine Aufnahme wesentlicher Bestandteile rein deutscher Kultur in den Lebenskreis, den Gedankenkreis und die seelische Einstellung. Ja, es hat ein Austausch direkt oder indirekt stattgefunden, nicht in Deutschland allein, sondern in Europa, in der Welt überhaupt. Direkt durch das immer stärkere Zusammenarbeiten und Zusammenwohnen von Juden und Nichtjiiden, indirekt über die Tochterreligionen des Christentums, denn das christliche Osterfest ist eine Mischung germanisch-europäischer Frühlingsfeiern mit dem jüdischen Passah, das ebenfalls seinen Urgrund im Frühlingsfeste älterer Kulturen hat. Und das Weihnachtsfest ist wiederum nichts anderes als eine Mischung der Wintersonnenwende und des jüdischen Lichtfestes Chanukkah. Anderseits aber haben die Juden eine Vielheit von Gebräuchen und Einstellungen aus den europäischen Kulturkreisen übernommen, ihrem Leben eingefügt, in ihre seelische Einstellung geradezu synthetisch verarbeitet und ihren Gedanken zu eigen gemacht. Wir Juden leben ja zum Großteil nicht in der ersten Generation in den Ländern Europas, sondern unsere Ahnentafeln weisen oft ein jahrhundertelanges Verharren in einem Lande nach, das uns landeseigen gemacht hat, das unsere jüdischen Menschen zu Menschen ihres Vaterlandes werden ließ. Die geistige Verwurzelung offenbart sich in vielen Eigenheiten, deren wichtigste mir das Eindringen der Juden in die landeskulturelle Kunst zu sein scheint. Ein Lied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", von dem Juden Heinrich Heine gedichtet, oder ein Lied „We'r hat Dich Du schöner Wald", von dem Judenstämmling Felix Mendelssohn-Barthokly komponiert, sind keine Zufälligkeiten, sondern eben Zeugnisse der geistigen Verwurzelung. Ergreifend ist die Sehnsucht jüdischer Deutscher in fremden Ländern nach ihrem Vaterlande. Die geistige Verwurzelung ist Herzenssache, und auch in jüdischen Adern fließt das Blut der Länder, die uns Juden zum Vaterlande geworden sind. Wir sehen um uns: m HoteL Bellevue .30 Pörtschach am Wörthersee Vornehmes Haus unter streng ritueller Leitung. Herrliche Lage, direkt am See. Schöne sonnige Zimmer mit Fließwasser. Vorzügliche internation. Küche. Volle Pension: Vor- und Nachsaison - S 9.— Häuptsaison........S 12.— Seebad und Garage frei. Geöffnet vom Mai bis Oktober VERLANGEN SIE PROSPEKTE! hier weist ein Jude mit Stolz auf seinen Stammbaum, der von ihm bis weit ins Mittelalter zurück verfolgt und belegt werden kann, und der uns mit deutschen Juden des Mittelalters wieder verbindet. Dort zeigt ein anderer Glaubensbruder mit Wehmut den Ehrenbürgerbrief seines Urgroßvaters, ausgestellt für seine selbstlose Arbeit im Dienste einer großen deutschen Stadt. Zahllos sind die Familien, welche im Weltkriege einen der Ihren, ja viele ihrer Angehörigen auf dem Felde der Ehre verloren haben. Viele jüdische Vaterlandsverteidiger sind auch in den Kriegen des 19. Jahrhunderts geiallen oder ausgezeichnet wurden: für ihr deutsches, für ihr französisches, für ihr englisches oder ihr amerikanisches Vaterland. Sie fragten nicht nach dem Unterschied der Behandlung, die man damals ihren Angehörigen zuteil werden ließ, die auch sie oft täglich erleben mußten, sie liebten trotz dieser Behandlung eben ihr Vaterland, dessen Sprache sie sprachen, dessen Worte ihre Oedanken erfüllten, dessen Luft sie atmeten, dessen Sorgen sie teilten. Ergreiiend auch empfand man in diesen Tagen die tiefe inneliche Verbundenheit der polnischen Juden mit dem Leide ihres Vaterlands. Sie schluchzten mit dem gleichen Schmerz an der Bahre des Führers Polens, der auch ihr Führer war, zu dem auch sie mit Liebe und Ehrfurcht aufblickten, um so mehr, als sie wußten, daß Marschall Pilsudski auch ihnen Gerechtigkeit werden ließ, daß sein Herz auch für sie geschlagen hat, wenn sie ihrem Vaterlande so dienten, wie man es von jedem Bürger nur erwarten muß. An unseren Augen zogen an diesen Tagen der Trauer in Polen auch alle jene jüdischen Kampfgenossen des großen Marschalls vorüber, die für ihr Vaterland, iür die Idee des freien Polen ihr Leben hingegeaen haben. Deutsche Juden, polnische Juden — gleichviel zu welcher Nationalität sie sich bekennen: sie verwurzelten mit ihren Herzen, mit ihrer ganzen geistigen Existenz in ihrem Vaterlande. Mit Inbrunst und Liebe haben auch die englischen Juden vor kurzem das Silberjubiläum ihres Königs mitgefeiert, erhobenen Hauptes als vollgeachtete, vollberechtigte Söhne ihres Vaterlandes. Ihr „God save the king" klang harmonisch mit im Jubelkonzert der ganzen Nation, und ihr „Right or wrong — my country" wird selbst dann ertönen, wenn die zionistische Spielerei mit einer Autonomie Palästinas gegen die englischen In- Kleine Tube S —.90 GroS« Tube S 1.40 teressen abbiegt, und die englischen Juden werden als erste mit gegen einen jüdischen Nationalstaat auitreten, wenn dieser Nationalstaat im entferntesten die Interessen ihres eigentlichen und einzigen Vaterlandes — England — verletzen köjinte. Um so schrecklicher für die geistig ihrem Vaterlande verwurzelten Juden, wenn wieder eine Zeit herankommt, die sie von diesem Vaterlande trennt. Nun gibt es überhaupt vaterlandsfähige und vaterlandslose Menschen, Individuen, die ihr Ich zugunsten ihrer Gemeinschaft aufgeben können, und Individuen, die vqr allen Dingen ihr Selbstgefühl befriedigen müssen. Juden, die vaterlandsfähig sind, verhafteten mit ihren Empfindungen bedingungslos in ihrem Vaterlande, während jene, die von den Ereignissen rasch zu einem Bruch mit ihrem Vaterlande getrieben werden, eigentlich niemals ein Vaterland gehabt haben. Sie werden auch kein Vaterland in Palästina haben, denn sie haben eben nicht die Fähigkeit, sich innerlich zu verwurzeln in einer Gemeinschaftsidee, ihre ganze Persönlichkeit hin- «ugeben . . . „Geistige Verwurzelung" — man spricht sie uns ab, und da sie sich nur in Gefühlen dokumentiert, können wir nur auf die Juden hinweisen, deren Werke Zeugen ihrer Gefühle sind. Es schmerzt uns wohl, daß man uns „Vaterlandslosigkeit" vorwirft, wie uns jene allzu leichten Urteile schmerzen, die über unser Leid hinweggehen, die uns nicht begreifen können, aber wir lassen uns nicht beirren und tragen unser Leid wie unsere gefallenen Glaubengenossen und alle jene, die ihr Vaterland verteidigen halfen, die vielen Gefahren und die schweren Jahre des Krieges willig auf sich nahmen — für ihr Vaterland . . .! Aus den Briefen unserer Helden des Weltkrieges aber spricht zu uns eine ständige Mahnung: u. £ w. 6. Aufsichtsbeschwerde bei der Landesregierung? In der letzten Sitzung des Wiener Kultusvorstandes, die wir in unserer vorwöchentlichen Nummer ausführlich behandelt haben, unterbrach der Herr Präsident Staatsrat Dr. Friedmann einen Redner, der irrtümlicherweise von „P r of e s s o r" Rath gesprochen hatte, mit dem Bemerken, daß er dies nicht tun möge, da sonst wieder eine Aufsichtsbeschwerde an die Landesregierung wegen unbefugter Führung des Professortitels eingebracht werden würde. Was ist mit dieser Aufsichtsbeschwerde, warum hört man von ihr nur in einer Nebenbemerkung des Herrn Kultuspräsidenten? Und wieder Moses Rath. Apropos Rath. Die Kultusgemeinde besitzt eine Bibliotheks-Kommission, an deren Spitze einer der hervorragendsten österreichischen Fachleute auf dem Gebiete des Bibliothekswesens, der langjährige Direktor der Wiener Universl;täts-Biblk>rhek, Bundeskutorrat Hofrat Prof. Dr. S. Frankfurter steht. Entspricht es den Tatsachen, daß die jüdischnationale Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes es nicht für notwendig fand, vor der durch sie vorgenommenen Besetzung des Postens durch einen ihrer Parteigenossen ein Gutachten des Obmanns der B i b i i o t h e k s k o mm i ssion der Kultusgemeinde, bezw. der Kommission selbst einzuholen?

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