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Die Wahrheit · 1935-06-07 · Heft 23 (7.6.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 23 (7.6.1935)
Date
1935-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 23 — 7. Juni 1935 DIE WAHRHEIT HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang „W a Ii r s c h e i n 1 i c h k e i t" glichen. Die Ritualmordbeschuldigung wirkt ja noch heute auf gewisse Kreise „überzeugend". Anderseits müßte das angebliche Streben der Juden nach Weltherrschaft vor allem, wenn überhaupt, dort einen Schimmer von „Wahrscheinlichkeit" gewinnen, wo Juden wirklich politisch einflußreiche Stellungen innehaben. Merkwürdiger Weise zeigt sich aber diese Folge nicht einmal im Dritten Reiche, wo der von Schacht mit der wichtigsten Funktion in der staatlichen Devisenwirtschaft betraute Jude Wohlfahrt von Goebbels vertraulich ein patriotisches Wohlverhaltungszeugnis erhielt: und der rassejüdische Berater Goerings, Herr M.i.1 c h, von diesem sogar auf die Hochzeitsreise mitgenommen wurde, wenn auch vielleicht hauptsächlich aus zarter Rücksicht, damit sich Goerings Frau, bekanntlich eine geborene Sonnemann, rassisch nicht ganz vereinsamt fühle . . . Schließlich kann es den streng katholischen Mitarbeitern der „Schöneren Zukunft" nicht entgangen sein, daß die aggressivste und schlagkräftigste Einheitsfront gegen das Christentum und dessen Kirchen nicht von den Juden, sondern von den im nationalsozialistischen Lager gesammelten Antisemiten, die das Christentum bloß als ein Mittel zur Errichtung der — jüdischen Weltherrschaft werten, gebildet wird und daß Katholizismus und Protestantismus schon heute, wo dieser Kampf erst in den Anfangsstadien tobt, ärger in ihrer Existenz bedroht sind als in sämtlichen früheren Epochen, die im Antisemiten- Jargon als „Judenherrschaft" qualifiziert wurden. Diese Erkenntnis ist es denn woh! auch, die die endgültige Stellungnahme der „Schöneren Zukunft" zu den „Protokollen" in die Formulierung kleidet: „Auf der anderen Seite ist freilich auch mit nicht geringerem Nachdruck zu sagen: Wer kämpft, soll mit sauberen Waffen, mit stichhältigen Argumenten kämpfen. Fälschungen, auch wenn sie noch soviel Wahrscheinlichkeit für sich haben, sind nur geeignet, Kämpfer zu kompromittieren und auch in solchen Fällen Mißtrauen gegen sie zu erwecken, wo ihre Argumente an sich hiebfest sind." Wenn schon so offenkundig mit den Nutznießern der „Protokolle" sympathisierende Judenfeinde nicht umhin können, dieses Machwerk als unsaubere Waffe abzulehnen, dann kann dessen Argumentik doch nicht gar so „hiebfest" sein, und es erscheint in den Bereich der Möglichkeit gerückt, daß das mit so ungleichen Kräften geführte Duell zwischen Judentum und Hakenkreuz am Ende doch so ausgeht wie das Gottesurteil in der Kleist-Novelle „Der Zweikampf", wo der scheinbare Sieger an einer anfangs unterschätzten Wunde stirbt, während der zuschanden gehaute Gegner geheilt und rehabilitiert wird. Die jüdische Geistigkeit in Deutschland teilt, zuschanden geschlagen, die Tragik des Großen vom Sinai, der seine Steintafeln zertrümmerte, weil er seine Zeitgenossen für den Geist dieser Tafeln nicht empfänglich glaubte. Aber das Werk der Offenbarung ging nicht unter. Auf göttliche Inspiration hin verfaßte Moses die Gesetzestafeln noch einmal — diesmal für dfe Ewigkeit. Die Erinnerung an dieses symbolische Ereignis, die das Wochenfest in uns heraufbeschwört, bedeutet einen sehr vielsagenden Trost für alle, die in der traurigen Gegenwart leidtragend an der Bahre des Geistesscjiaffens der deutschen Juden stehen. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Coie Pension Echsfein Semmerlng „Zwei Großtaten der jüdischen Gemeinde". Unter diesem Titel behandelt „D i e S t i m m e" vom 31. Mai zwei Beschlüsse des Kultusvorstandes, welche in de!r Plenarsitzung vom 27. Mai gefaßt wurden'. Wir würden uns mit diesem Artikel nicht beschäftigen, wenn derselbe nicht so viel Unrichtigkeiten enthielte, daß er nicht widerspruchslos hingenommen werden darf. Bejvoir „Die Stimme" die „zwei Großtaten" im einzelnen behandelt, muß sie selbstverständlich in gewohnter Weise die Tätigkeit der früheren Kultusvorstände herabsetzen, um hiedurch die der jetzigen Mehrheit desto mehr ins Licht stellen zu können. Es würde hier zu weit führen, darauf hinzuweisen, was alles von den früheren Kültusvorständen geleistet wurde, daß alle Anstalten und Institutionen! der Kultusgemeinde, ihre monumentalen Tempel, das) Spital,: das Versorgungshaus usw., ihre Entstehung und ihren Bestand den früheren nichtjüdischnationalen Kultusvorständen zu verdanken haben und daß die Jüdischnationalen heut© lediglich mit den Steuergeldern aller jüdischen Steuerträger diese Institutionen in ihrer Art verwalten. Hier soll nur betont werden, daß keine dieser Taten der früheren Kultusvorstände, die wirklich Großtaten waren und diesen Namen verdiene», in einer solchen Weise in Szene gesetzt wurden, wie die angeblichen „Großtaten" der jetzigen Mehrheit. „Die Stimme" spricht im Geiste ihrer Differenzierungstaktik davon, daß der frühere Religionsunterricht vernachlässigt worden sei, daß erst durch die zionistische Mehrheit tausende Kinder auf Kosten der Gemeinde einen zusätzlichen hebräischen Unterricht erhielten und daß sie ihnen darüber hinaus ein eigenes jüdisches Schulwerk schaffe. Dieses eigene jüdische Schulwerk soll die „eine Großtat" darstellen. „Die Stimme" scheint zu glauben, daß die Wiener Judenschaft im Laufe von zwei Jahren vergessen hat, wer die zahlreichen Bibelschuien geschaffen hat, wer es den Kindern ermöglicht hat, außer dem Religionsunterricht zusätzlich hebräischen Unterricht zu genießen. Unter dem Regime der früheren Mehrheit und insbesondere durch den früheren Obmann der Schulkommission, den derzeitigen Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Josef T i c h o, wurden die Bibelschuien teils geschaffen, teils wesentlich erweitert, die. den Kindern den Ergänzungsunterricht ermöglichten. Ein Netz von Bibelschulen wurde in Wien 'geschaffen, um ja nur jedem Kinde in möglichster Nähe seiner Wohnung die Möglichkeit zu bieten, sich im jüdischen Unterrichte fortzubilden. Hiebei darf Dr. Ticho für sich das Recht in Anspruch nehmen, vor allem darauf gesehen zu haben, daß die Kinder im Religionsunterricht unterwiesen werden, daß aur das Lesen der heiligen Schrift und daß auf deren Uebersetzung und Interpretation im religiösen Sinn vor allem Bedacht genommen wird, denn es ist der Zweck der Kultusgemeinde, den Religionsunterricht, nicht aber einen Sprachunterricht zu fördern. Was die frühere Majorität und wieder der seinerzeitige Obmann der Schulkommission, Herr Dr. Ticho für die Ausgestaltung und Erweiterung des Jugendgottesdienstes getan hat, ist allen, nur scheinbar nicht der „Stimme", in frischer Erinnerung. Die jüdischnationale Mehrheit hat dieses besonnene Werk — es kann das nicht oft genug erwähnt werden — auf Kosten aller Steuerträger mit einem parteipolitischen Einschlag fortgesetzt. Das jüdische Scluilwerk in Wien, die Bibelschulen, der Ausbau des Jugendgottesdienstes werden mit dem Namen Dr. Josef Ticho immer verbunden bleiben, m)ph wenn „Diel S/trmme" diese Leistungen gerne vergessen lassen möchte. Und nun zu der „einen Großtat" der Jüdischnationalen, der neuen „jüdischen" Volksschule. Der Präsident der Kultusgemeinde, der nicht Präsident der Mehlrheit sein soll und der überdies anläßlich seiner einstimmigen Wahl die Erklärung abgegeben hat, daß er im Geiste seiner Vorgänger die Objektivität des Präsidenten jederzeit wahrem werde, hat gegenüber dem Antrage unseres Geza Kiinger auf Unterstellung der neuen Schule unter die Aufsicht des Rabbinates erklärt, daß die Schule in dem Geiste geführt werden wird, der der jüdischnationalen Mehrheit des Vorstandes genehm ist. Diese Antwort ist das einzige, was als denkwürdig von der Plenarsitzung vom 27. Mai 1935 hervorgehoben werden muß. Denkwürdig deshalb, weil unseres Erachtens noch niemals von einem Präsidenten der Kultusgemeinde erklärt wurde, daß eine von der Kultusgemeinde zu schaffende Institution nach den Grundsätzen der jeweiligen Mehrheit (also derzeit nach jüdisch-nationalen Grundsätzen) und nicht nach Grundsätzen geführt werden soll mit welchen alle, auch diejenigen, welche mit der Schaffung der Institution nicht einverstanden sind, einverstanden sein müssen. Denn es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß zu allen Institutio- Ilaren Bttdierbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung - Antiquariat HEttPMNN TD CBN ER, in Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Uebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! nen, also auch zu der neuen Schule, alle Kultus- Steuerträger beitragen. Der Präsidenit der Kultusgemeinde mag auch Parteimann sein. Trotzdem aber dürfen die Institutionen der Kultusgemeinde nicht in dem Geiste geführt werden, der nur der Mehrheit genehm ist, sondern in dem Geiste, derdem gesamten Wiener Judentttme entspricht, das ist ausschließlich in religiösem Sinne. Und nun zur „zweiten Großtat". Auch hier wird in gewohnter Weise die Tätigkeit der jüdischnationalen Kultusvorsteher vor allem in den Vordergrund gestellt. Es wird von dem mustergültig geleiteten Fürsorgewesen der Kultusgemeinde gesprochen und weitete erzählt, daß es möglich gewesen sei, eine große Villa um S 77.000 zwecks Errichtung eines Kindererholungsheimes zu erwerben. Bei diesem Anlasse wird dem vorbildlichen Finanzreferenten Herrn Dr. Löwenherz der Dank dafür abgestattet, daß es ihm in dieser 'schwierigen wirtschaftlichen Zeit möglich war, über das Gleichgewicht im Budget hinaus ein segensreiches Werk für die armen jüdischen Kinder zu gründen. Und da das stete Lob der nationalen Kultusvorsteher immer verbunden sein muß mit einer beleidigenden Herabsetzung der früheren Mehrheit, so wird sogar hervorgehoben, daß der Führer deir Opposition bei der Budgetberatung im Jahre 1933 erklärt hätte, „er hoffe zu Gott, daß es den Zionisten nicht gelingen wird, ihr Programm durchzuführen", und „Die Stimme" ist empört übeir diese „Blasphemie". Es wird ihm also so nebenher der Vorwurf eines quasi verbrecherischen Verhaltens gemacht, was gewiß von jedem gerecht Denkenden nicht genug scharf zurückgewiesen werden kann. Vor allem sei festgestellt, daß die Aeußerung, so wie sie „Die Stimme" anführt, niemals gefallen ist. Aber selbst wenn der Hoffnung Raum gegeben worden wäre, daß es den Zionisten nicht gelingen wird, ihr Programm durchzuführen, "so wurde keinesfalls Gottes Beistand dafür angerufen, daß die Finanzen der Gemeinde in Unordnung geraten sollen. Selbst „Die Stimme" kann nicht behaupten, daß eine derartige Bemerkung gefallen ist. Wozu also diese Bemerkung, hat es einen Zweck, Beleidigungen vorzubringen, deren Grundlosigkeit handgreiflich ist? Will „Die Stimme" vielleicht behaupten, daß die Erwerbung des Erholungsheimes durch die Jüdischnationalen allein erfolgt ist? Haben nicht die unionistischen Mitglieder der Fürsorgekommission, insbesondere Herr Geza K1 i n g e r und vor allem der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. Ticho, in dessen Ressort die Fürsorge fällt, zur Erwerbung dieses Heimes mindest die gleiche Tätigkeit gesetzt? Haben diese nicht wiederholt ganze Tage geopfert, um das Heim und übrigens auch andere Objekte zu besichtigen, die Unterhandlungen geführt, den Abschluß getätigt und die Verträge geschlossen? Wenn aber „Die Stimme" die Sache so darstellen will, als ob die Mittel zur Erwerbung dieses Heimes aus dem laufenden Budget beschafft worden wären, daß dies dem Finanzreferenten der Kultusgemeinde gelungen wäre und daß es ihm „nicht nur möglich war, das Gleichgewicht im Budget zu halten, sondern darüber hinaus ein so segensreiches Werk für die armen jüdischen Kinder zu begründen", so ist diese Berichterstattung ganz und gar den Tatsachen widersprechend und überdies irreführend. Die Mittel zur Erwerbung dieses Heimes wurden selbstverständlich nicht aus der laufenden Gebarung beschafft, sondern durch mit behördlicher Bewilligung erfolgte Umwandlung der Gottlieb-Stiftung. Diese bestand schon vor dem Kriege, also jedenfalls in einer Zeit, als die Jüdischnationalen noch nicht

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