Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1935-06-07 · Heft 23 (7.6.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 23 (7.6.1935)
Date
1935-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064555-3064577--20230-3085453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Preis dieser Nummer 40 Groschen IDoch 0 In Deutschland verboten! ens chri Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint jeden Freitag BMillll»"»!"'»!™^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 7. Juni 1935 Nummer 23 Die Zertrümmerung der Steintafeln. Betrachtungen zum Feste der Offenbarung. Als Michelangelo den Plan faßte, eine Moses- Statue zu schaffen, suchte er sich den tragischesten Moment in dem innerlich und äußerlich so reichbewegten Leben des größten Propheten in Israel zur Gestaltung aus: Jenen Moment, in dem der begnadete Mittler zwischen dem Ewigen und seinem Volke sich anschickt, die Steintafeln zu zerschmettern, die er vom Sinai als kostbarste Besieglung des Bundes zwischen den Juden und ihrem Qotte herabgebracht hatte. Welch tragische Ironie: Während er — vierzig Tage ohne Speise und Trank — sich mühte, die Gebote des Ewigen auf den Steintafeln in Menschenschrift zu fassen, hatte sich Israel einem fremden Gotte zugewendet, den es aus Gold gegossen hatte. Und statt in Ehrfurcht vor dem Erlösungswerk der göttlichen Offenbarung zu erschauern, tanzte das Volk um das goldene Kalb. Da hatte Verzweiflung seine Seele gepackt — Zweifel an der Erlösungsfähigkeit und Erlösungswürdigkeit der Massen," und er schleuderte die Tafeln, die die Dunkelheit, in der sie sich offenkundig wohl fühlten, hatten erhellen sollen, zu Boden. Und als sie klirrend barsten, da meinte er, auch das Klirren seines eigenen brechenden Herzens zu hören, das sein Lebenswerk nicht überleben mochte. Das ist der tragische Moment, in dem uns Michelangelo seinen gigantischen'Moses darstellt. Als der geniale Meister der italienischen Renaissance lebte und wirkte, waren die Scheiterhaufen der heiligen Inquisition noch in Tätigkeit. Und es ist wahrscheinlich, daß Michelangelo in der biblischen Gestalt des Moses einen der Kirche unverdächtigen Repräsentanten jener menschlichen Tragik künstlerisch gestalten wollte, die den Lohn schöpferisch inspirierter, aber durch äußere Widerstände an der Vollendung ihrer Lichtbringer-Mission gehinderter Geister bildet. So ist diese Moses-Statue auch ein Symbol jener Tragik, die Hitlers Vernichtungsfeldzug gegen die Steintafeln des jüdischen Geistes über die deutschen Juden heraufbeschworen hat. Seit zwei Jahren läßt sich Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes eine Massenvernichtung geistiger Werte angelegen sein, die nur in der Einäscherung der größten und wertvollsten Bibliothek des Altertums nach der Einnahme Alexandriens durch den Kalifen Omar ein Gleichnis findet. „Kein Anlaß, darüber zu jubeln, daß Omar in unserem Alexandrien die Bibliothek nicht verbrannt hat. Er hat sie nur noch nicht verbrannt!" hatte Jakob Wassermann in seinem Roman „Etzel Andergast" hellseherisch in bezug auf Deutschland verkündet. Inzwischen ist diese Prophezeiung in größtem Umfawg eingetroffen . . . Es fehlt aber auch nicht an einem grotesken Gegenstück der vergeltenden Nemesis: Das Berner Prozeßurteil, das die „Protokolle der Weisen von Zion" als Fälschung, Plagiat, Schundliteratur und Unsinn deklariert, hat eine Steintafel nationalsozialistischer Geistesoffenbarung zertrümmert. Allerdings scheint der Antisemitismus eine Unterhöhlung seiner geistigen Fundamente weniger tragisch zu empfinden. Alfred Rosenberg, einer der viejen Herausgeber und geschäftlichen Nutznießer der „Protokolle", wagt es sogar, noch jetzt für das in den Augen der gesamten Kulturwelt gebrandmarkte Machwerk Reklame zu machen. In Deutschland selbst hat er das nicht mehr notwendig, da das Pamphlet dort Schullektüre ist und bleibt, wodurch eine genügend große Auflage gesichert erscheint. Darum mißbraucht Rosenberg seine Stellung als Leiter des nationalsozialistischen Parteiamtes für Außenpolitik, um den Absatz des verleumderischen Schundes im Ausland zu heben. So erklärte er einem Sonderberichterstatter des „Echo de Paris", die Judenfrage sollte auch die anderen Nationen beschäftigen. Er glaube beweisen zu können, daß Nach Amerika and Kanada -^sf^ Koschere Küche auf der Maje9tic 56.000 C Berengaxia 52.000 t Aquitania 40.000 t Cunacd lüfute^Siac Repräsentanz: Wien I. Kärntnerring 4 Tel. U 46-0-48 U 42-0-43 viele politische Maßnahmen des Auslandes nicht durch die internationale Interessen inspiriert, sondern durch jüdische Gruppen und jüdischen Einfluß veranlaßt wurden. Wer sich für diesen Beweis interessiert, der wird eben die „Protokolle der Weisen von Zion" kaufen müssen. Diese „Protokolle", die einen Verschwörungsplan zwecks Aufrichtung einer jüdischen Weltherrschaft enthalten, 'sind bekanntlich nach der Auffassung der Hakenkreuzler die echten Sitzungsprotokolle des ersten Zionistenkongresses. Um so erstaunlicher ist es, daß Rosenberg im selben Atem, in dem er auf die Beeinflussung der ausländischen Politik durch die „Weisen von Zion" hindeutet, dem Pariser Journalisten erklärt: „Der Zionismus ist eine ausgezeichnete Sache. Es ist nur schade, daß nicht alle Juden nach Palästina zurückkehren." Wenn es Rosenberg mit diesem Bedauern ernst ist, dann kann er als außenpolitischer Be- Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen sensal A 48-9-22 R. TAUBMANM Wien, II. Bezirk, NordpolsfraB« 2/3 Reparaturkredite Zinsvorschfisse kulantest Rasiere Dich gut und billig Oesferrelchisches QuaiHälsfabrlhül Ueberau erhältlich rater Hitlers gerade jetzt, wo Herr Ribbentrop als vertraulicher diplomatischer Propagandist für das Dritte Reich in England weilt, sicherlich auf die Macht, die das Mandat über Palästina ausübt, seinen Einfluß zwecks erhöhter Zulassung deutscher Emigranten in der „jüdischen Heimstätte" geltend zu machen suchen. Wenn ihm dies glückt, wird er auch den Boykott des deutschen Marktes, über dessen Gelingen er sich bitter beschwert, mildern können, weil die aus dem Dritten Reiche nach Palästina auswandernden Juden durch das bekannte Transfer-Abkommen gezwungen sind, ihr Vermögen bloß in Form deutscher Wirtschaftsprodukte mitzunehmen. Da dies momentan fast der einzige Weg ist, deutsche Waren auszuführen, hätte Rosenberg alle Ursache, den deutschen Juden für ihren Durchbruch des antideutschen Boykotts dankbar zu sein, statt ihnen mit der Präsentierung der Rechnung für den Schaden aus diesem Boykott zu drohen. Während also Rosenberg in diesen Belangen tatsächlich Remedur schaffen könnte, wenn er ernstlich wollte, steht sein Bemühen um stärkeren Absatz der „Protokolle", der ihm wirklich am Herzen Hegt, unter weniger günstigen Auspizien. Sieht sich doch sogar die katholisch-antis,dnnitische Zeitschrift „Schönere Zukunft" gezwungen, schweren Herzens, aber doch eindeutig von dem gerichtlich bloßgestellten Machwerk abzurücken. Sie schließt ein Referat „Zum Berner Gerichtsurteil über die Protokolle der Weisen von Zion" in ihrer Nummer 2f> vom 2. Juni mit der bezeichnenden Feststellung: „Wir selbst haben zu dem Fall folgendes zu sagen: Die Protokolle dürften tatsächlich eine reine Konstruktion, eine Dichtung sein, eine Erfindung im Interesse der Judenbekämprung. Aber es ist sofort hinzuzufügen: Se non e vero, e bene trovato. Denn tatsächlich hat das ghettobefreite, von der Synagoge abgefallene, gottlose und christenfeindliche Judentum im vorigen Jahrhundert in Europa und Amerika so gehandelt, ist es derart in einer Front gegen alle konservativen Werte und heiligen Güter des christlichen Abendlandes gestanden, daß das, was in jenen Protokollen von einer ceheimen weltrevolutionären Leitung des Gesamtjudentums und dessen innersten Weltbeherrschungstendenzen zu lesen steht, wahrscheinlich gemacht wurde." Dieses alberne Rückzugsgefecht wird als solches schon durch die historische Tatsache gekennzeichnet, daß dieselben Kreise, die heute in der „Schöneren Zukunft" ihren Haß gegen das Judentum ablagern, bereits in der für sie noch schöneren Vergangenheit, als die Juden noch nicht ghettobefreit waren, die damals durchwegs streng Synagogentreuen ihrer christlichen Mitwelt verdächtig zu machen suchten, und zwar durch Verleumdungen, die denen der „Protokolle" an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.