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Die Wahrheit · 1935-05-31 · Heft 22 (31.5.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 22 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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■Seite 6 Nr. 22 — 31. Mai 1935 DIE WAHRHEIT Für die Mitglieder der „Union österreichischer Jaden" Beratungsstelle für kaufmännische, gewerbliche, Steuer- und Versicherungs- Angelegenheiten. Leiter: Komm.-Rat Alexius Salz er* Eingehende Informationen für jedes Mitglied der .Union" unentgeltlich, und zwar bis auf weiteres Wien I., Kohlmarkt 8, 1. Stock, Tür 4, täglich (mit Ausnahme von Samstag) von 10—12 Uhr vormittags. Es handelt sich für mich nicht um eine Mensur mit einem achtbaren, ebenbürtigen Gegner, sondern um eine Säuberung. Ein Besen aber ist keine Waffe, sondern ein Werkzeug; — mein Werkzeug. Ich weiß mir weder Haß noch Ruhmsucht, sondern nur Rettungspflicht gegen geistige und sittliche Stickgase. Notwehr also! Ich beanspruche weder Vorteile noch Ehre, sondern Reinlichkeit. Ich erstrebe klare Luft und Sonne nicht für mein, sondern für das Leben der kommenden Geschlechter, der heranwachsenden Jugend, der Menschheit von morgen und übermorgen. Mitbürger, Schweizer, Menschen! Rettet euch, so lange es noch Zeit ist, vor der Verdämmerung alles dessen, was des Menschen Dasein lebenswert gestaltet Laßt Wahrheit, Güte, Schönheit, Recht nicht zugrunde gehen! Laßt uns, wenn nicht uns selbst, so doch unsern Kindern leben! Deutsche Flüsterwitze. Die politische Satire ist im „Dritten Reich" auf den Wortwitz beschränkt, der trotz polizeilicher Verfolgung der Witze-Verbreitung alle Rassen- und Klassengegensätze überspringt und auch die „Deutschen Volksgenossen" im Banne seiner Lachwirkune vereint. Mit Genehmigung der Verlagsanstalt „Graphia in Karlsbad entnehmen wir der soeben erschienenen Sammlung „Deutsche Flüsterwitze" von Jorg Willenbacher die folgenden Proben: Am Sitz der SA.-Feldpolizei. der SA.-Kaserne in der General Pape-Straße, die der Schauplatz fürchterlicher Mißhandlungen an verhafteten Marxisten und Juden gewesen ist hat jemand folgende Verfügung angeschlagen: „Um Mißverständnissen vorzubeugen, wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß das gesetzliche Schächtverbot sich lediglich auf das Schlachten von Tieren bezieht" * Einmal hätte Goebbels um ein Haar vergessen, daß er am selben Abend noch auf einer Kundgebung in einem Vorort Berlins zu sprechen hatte. Er wirft sich also in aller Eile in ein Taxi und saust ohne jede Begleitung — dem Versammlungslokal zu. Kaum aber hat er die ersten Schritte in dem überfüllten Raum getan, als sich ihm die Pranke eines SA.-Mannes auf die Schulter legt und eine Stimme ihm in die Ohren brüllt: „Kannst du Itzig nicht lesen, daß hier Juden der Eintritt verboten ist?!" * Der inzwischen verstorbene Max Liebermann war von einem ausländischen Verehrer gefragt worden, wie er sich im Dritten Reich so fühle. Darauf Liebermann: „Ach, man kriegt gar nicht so viel zu essen, als man kotzen möchte." * In einer deutschen Stadt ist aus einem dort gastierenden Zirkus ein Bär ausgebrochen. Tagelang entrinnt er allen Nachstellungen. Der Schaden, den er anrichtet wird immer größer. Schließlich setzt die Behörde demjenigen eine ansehnliche Belohnung aus. der den gefährlichen Bären niederschießt. Zwei Juden lesen diese Bekanntmachung. Erschrocken sagt der eine: „Es ist das beste, wir fliehen!" „Warum?" frägt der andere. „Du bist kein Bär, ich bin kein Bär." Worauf er die Antwort erhält: „Nu, wenn schon, aber geh' du hin und beweise es ihnen!" * „Was für ein Band tragen Sie da im Knopfloch?" fragte ein Ausländer .einen Angehörigen des Dritten Reiches. „Das ist das Band der Eisernen Kreuzes." „Wofür haben Sie das bekommen?" „Für Tapferkeit vorm Feinde." „Und warum tragen Sie es jetzt?" „Aus Angst vor meinen Landsleuten." * Ein Pariser, ein Wiener und ein Berliner unterhalten sich über Frauen. Der Pariser sagt: ,3ei uns schätzt man am meisten die reife, mondäne Frau." „Bei uns in Wien", entgegnete der Oesterreicher, „hat man die jungen, feschen und reichen Maderl am liebsten." Darauf sagt der Berliner: „Und bei uns im Dritten Reich ist die begehrteste Frau augenblicklich die arische Großmutter." * Goebbels wird eines Tages zufällig unerkannter Zeuge einer SA.-Razzia. Tief befriedigt sieht er dem Schauspiel zu. Endlich erfüllt sich sein Wort: Die Rache Ist ein Gericht, das man kalt genießen muß. Plötzlich flipft ihn jemand verstohlen am Rock und flüstert: „Mensch, Jude, mach' Beene, hier ist dicke Luft!" Darauf entrüstet sich Goebbels: „Erlauben Sie mal, ich bin Dr. Goebbels!" Da fängt der andere an zu lachen: „Dat ist doch zu doli! Eben hat die SA. schon einen andern Juden laufen lassen. Der sagte ooch, er wäre Goebbels!" Vor Neuwahlen in Griechenland Die griechische Regierung hat bekanntlich die Neuwahl der Deputiertenkammer ausgeschrieben. Die Ausschreibung der Wahl steht im Zusammenhang mit der durch die letzte Revolte und ihre Niederschlagung geschaffenen politischen Lage. Nach dem neuen Wahlgesetz, das auf Grund einer Notverordnung in Kraft getreten ist, wurde die besondere jüdische Wahlkurie in Saloniki abgeschafft. Die jüdischen Wähler werden gemeinsam mit ihren christlichen Mitbürgern zur Wahlurne schreiten. Die Regierungspartei hat beschlossen, nur zwei jüdische Kandidaten in die Wahlliste aufzunehmen, obwohl darauf hingewiesen worden war, daß die jüdische Bevölkerung ihrer Zahl entsprechend auf etwa fünf Abgeordnete Anspruch hätte und obwohl der neue Innenminister und ehemalige Generalgouverneur von Mazedonien, Perikles Rhallis, die jüdischen Forderungen nachdrücklich unterstützte. Die jüdischen Gemeinderäte von Saloniki haben in einem Telegramm an Ministerpräsidenten Tsaldaris die Aufstellung eines dritten jüdischen Regierungskandidaten verlangt, ihr Wunsch blieb unberücksichtigt, die Regierungspartei hat in die Liste ihrer Kandidaten endgültig die ehemaligen Abgeordneten Peppo Mal Iah und Daniel A11 a 1 o u f aufgenommen. Als die gegenwärtige Regierung vor zwei Jahren ans Ruder kam, war Abg. Peppo M a 11 a h vom Ministerpräsidenten Panaghis Tsaldaris aufgefordert worden, ein Mini s t e rp o r te f eujl 1 e zu übernehmen, hatte dies aber abgelehnt. Die von Metaxas geführte Monarchistenpartei hat zwei jüdische Kandidaten, den ehemaligen Abgeordneten Leon Gattegne und den früheren Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Saloniki Daout Levy, aufgestellt. * Die patriotische Haltung der griechischen Juden. Die griechische Presse veröffentlicht ein Schreiben des Generalissimus Papasos an den Oberrabbiner von Saloniki, Dr. Zwi Koretz, in welchem der General der patriotischen Haltung der jüdischen Bevölkerung öffentlich Anerkennung zollt General Papagos war der geistige Führer der Regierungstruppen bei der Niederringung des venizelistischen Aufstandes. In dem Schreiben werden insbesondere die Verdienste des jungen Juden Henri Ezratty hervorgehoben, der 1932 aus Paris kam, um im Heer zu dienen, bei der letzten Revolte sich als Freiwilliger meldete und besonders gefährliche und wichtige Aufgaben an der Kampffront löste. * Antisemitische Zeitungen bleiben verboten. Die radauantisemitischen Salonikier Zeitungen „Makedonia" und „Elevtheros", die nach der Unterdrückung des Venizelos-Aufstandes gleich den anderen oppositionellen Zeitungen; nicht erscheinen durften, bleiben laut Verfügung decRegierung dauernd verboten, während die übrigen oppositionellen Zeitungen nunmehr wieder erscheinen dürfen. Die Redakteure der genannten antisemitischen Zeitungen befinden sich im Gefängnis und werden wegen Teilnahme am Aufstand vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Z. T. A. Saarbrückener Rabbiner vom Freitagabendtisch weg verhaftet. Die von uns in der letzten Nummer mit Vorbehalt gebrachte Meldung, daß der Saarbrückener Rabbiner Dr. Lothar Rothschild, früher Rabbiner in Basel, von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Haft gemommen worden ist, hat sich bestätigt. Das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" teilt hierzu mit: „Nach privaten Informationen, die uns zugegangen sind, wurde Doktor Rothschild, zusammen mit dem Führer des Jugendvereins, vom Freitagabendtisch weg verhaftet, weil er angeblich beim Jugendverein über die dauernde Verfolgung des jüdischen Volkes gesprochen habe. Die Bemerkung sei an die Gestapo gelangt. Es werden die lebhaftesten Bemühungen gemacht, um seine Freilassung zu erreichen." Der Wiener Jüdische Gesangverein veranstaltet am Mittwoch, den 12. Juni, einen Volksliederabend im Festsaale des Hotel Continental, II., Taborstraße. Leitung: Chormeister Israel Brandmann, am Klavier Kapellmeister Rudolf Beck. Die Eintrittspreise sind sehr niedrig gehalten, Karten sind erhältlich bei allen Ausschußmitgliedern des Vereins, in der Bücherstube M. Rath, II., Taborstraße 20a, Papierhandlung Seliger, IL, Praterstraße 23. fll^SS? den 7. und 8. Juni Pfingsten & und 10. Juni 1935 im schönen Baden bei Wien in der gutrenommierten Jüdischen Restauration David Schey, Anna9B«e 23 Pension bestehend aus: Frühstück: Kaffee, Topfenbäckerei. Mittagmahl: Suppe, Fleischspeise (event. 'It Huhn), Beilage, Mehlspeise. Nachtmahl: Fleischspeise (event. % Huhn), Beilage für 4 Tage S 28.— per Person Einbettige Zimmer von S 2.50, zweibettige von S 4.— per Tag aufwärts. Speisen ä Ia Carte zu mäßigen Preisen. Schöne Speisesäle Herrlicher Garten Anmeldungen erwünscht. Telephon 319 GROSSFLEISCHHAUERE! flEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für HeUanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen „Fidelio" unter Weingartner. Seit seiner neuerlichen Berufung zum Operndirektor dirigierte Felix v. Weingartner am 19. d. M. zum erstenmal den „Fidelio", diese einzige Oper von Ludwig v. Beethoven, in welcher wir das größte Vermächtnis der Musikliteratur besitzen. Als Beethoven- Dirigent zeichnete sich Weingartner ganz besonders aus und erntete in dieser Eigenschaft sowohl beim Publikum als bei der Kritik großen Beifall. Nicht so freundlich wurde die von ihm zum Teil vorgenommene musikalische Neueinteilung des Werkes aufgenommen. Die Ansetzung der großen Leonoren- Ouvertüre vor der Oper und mithin die Aufgabe der sogenannten Gustav Mahlerschen Fassung, welche seit drei Jahrzehnten nicht nur bei uns, sondern fast überall im Auslande in Verwendung steht und, in der Aufführung der Leonoren-Ouvertüre im zweiten Akt, zwischen der Kerker- und Schlußszene, gipfelt, wurde fast ausnahmslos abfällig beurteilt. Seinen Standpunkt äußert Weingartner am 26. d. M. in einem Artikel in der „Neuen Freien Presse", in welchem es diesbezüglich heißt: „Die im zweiten Akt des „Fidelio" zu erschütternder Wirkung gesteigerte Handlung darf nicht durch eine Konzerteinlage mit den üblichen Applaussalven unterbrochen werden." Dieser Argumentation steht, als Angelpunkt der Kritik, die des Prof. Reitler in der „Neuen Freien Presse" vom 21. d. M., gegenüber, welche ungefähr lautet: „Die ganze Frage wird zu einem Problem des musikalisch dramatischen Gleichgewichtes. Zwei Ouvertüren (nach Weingartners Anordnung werden ja die Leonoren-Ouvertüre und die des ersten Aktes nacheinander gespielt) vor dem Aufgehen des Vorhanges, vor einer Singspielszene — das ist eine untragbare Ueberbelastung." Wir wollen uns eher mit Weingartners Auffassung befreunden, zumal dieselbe mit den Anordnungen des Komponisten wenigstens zum Teil übereinstimmt. Es wäre nur zu wünschen, daß die Absonderung der Leonoren-Ouvertüre von der Oper nicht nur „in der Ankündigung", sondern tatsächlich zum Ausdruck kommen soll. Zu diesem Zwecke schlagen wir vor, zwischen der Leonoren-Ouvertüre und dem Beginn der Oper eine Pause von ungefähr zehn Minuten einzuschalten. Stimmen wir im Meritorischen mit Weingartner überein, so wäre es uns sehr angenehm, wenn wir im scheinbar Nebensächlichen dies ebenfalls tun könnten. Dies ist uns aber leider unmöglich, da wir den Schlußnassus des obgenannten Artikels Weingartners, welcher lautet: „Sowohl aus „Fidelio", wie auch aus einzelnen Wagner-Vorstellungen muß Wesens- und Artfremdes allmählich ausgeschaltet werden, wollen wir zu dem diesen Weitenwerken würdigen Stil gelangen", nicht verstehen. Daß Mahler, der geniale Musiker, Beethoven nicht wesens- und artfremd sein konnte, ist selbstverständlich. Gelten am Ende diese Worte Mahlers Abstammung? Schließlich muß es ja Weingartner bekannt sein, daß selbst Richard Strauß, der doch schon als Musikgewaltiger des Dritten Reiches etwas von Artlehren verstehen muß. an der Mahlerschen Fassung des „Fidelio" nichts auszusetzen hatte. Gemeindetfkvonifc. Aus dem Wiener Kulfusvorsfand. In der öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 27. d. M., deren wichtigsten Punkt — die Schulfrage — wir an anderer Stelle ausführlich besprechen, wurde in dem von Amtsdirektor Reg.-Rat G. Fuchsgelb zum Vortrage gebrachten Präsidialberichte u. a. folgendes ausgeführt: Unter den in diesem Jahre vom Kultusvorstande in Angriff genommenen Reorganisationsmaßnahmen nimmt die des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis eine wichtige Stelle ein. Die Durchführung hat einen erfreulichen Erfolg gezeitigt. Aus den vorliegenden Monatsberichten geht hervor, daß im Monate Jänner an 57 Erwachsene (24 männliche, 2 weibliche) und 25 Jugendliche (hievon 13 männlich, 12 weiblich) Stellen vermittelt wurden, im Monat Februar an 51 Erwachsene (28 männlich, 23 weiblich) und 21 Jugendliche (14 männlich und 7 weiblich), im Monat März an 67 Erwachsene (26 männlich, 41 weiblich) und 20 Jugendliche (10 männlich und 10 wiblich), im Monat April an 68 Erwachsene (22 männlich, 46 weiblich) und 15 Jugendliche (3 männlich, 7 weiblich). Von Erfolg war auch jene Aktion begleitet, durch die eine Kooperation des Vereines Seudat Sabbat mit dem Jüdischen Volksküchenvereine herbeigeführt wurde. Die diesfalls getroffenen Maß-

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