Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 22 (31.5.1935)
- Date
- 1935-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 22 — 31. Mai 1935 Seite 3 aus diesem Sammelsurium versteht unter „jüdischem Geist" etwas anderes. In Wahrheit sind die Mandatare der Union österreichischer Juden die Majorität, wenn sie auch, alle anderen mechanisch zusammengerechnet, aber auch nur mechanisch, in der zahlenmäßigen Minderheit sind. Aber die Unionisten sind geschlossen, in allen Fragen einig und vertreten den richtigen, den jüdischen Geist der Wiener Judenschaft. Auch Herr Dr. Plaschkes sprach und meinte, es handle sich bei dieser Schule, „die unserer Weltanschauung entsprich t", um eine „zionistische Existenzfrage". Bedarf es da noch weiterer Beweise, daß es sich den Herren um eine jüdisch nationale Schule handelt und nicht um eine jüdisch religiöse? Sie entrüsten sich über die Absonderung der jüdischen Kinder durch den Parallelklassenerlaß, mit "vollem Rechte und in voller Uebereinstimmung mit uns. Aber im gleichen Momente wollen sie die Absonderung petrifizieren. durch Errichtung jüdisch nationaler Schulen für die jüdischen Kinder. Selbstverständlich haben die Herren die Anträge unseres Geza Klinger abgelehnt. Richtiger, sie haben sie nicht abgelehnt, sie sind vielmehr darüber einfach zur Tagesordnung übergegangen. Aber der dies beantragte, war der Herr Präsident selbst, der zugleich Referent war, natürlich ohne den Präsidentenstuhl zu verlassen und ohne einem Vizepräsidenten den Vorsitz zu übergeben. Es ist doch schön jetzt in unserer „Gemeinde" ... Dr. Maximilian S t i g 1 i t z. Die Paria-Existenz der deutschen Juden. Leonard G. Montefiore leitete den letzten Bericht des Londoner Joint Foreign Comm i 11 e e (der vom Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association gemeinsam gebildeten Kommission für die Rechte und Interessen der Juden im Ausland) mit einer Ansprache ein, in der er u. a. feststellte: Wie sich jeder noch erinnern wird, wurde in der Anfangszeit des Nazi-Regimes behauptet, die antijüdischen Maßnahmen hätten das einzige Ziel, das Ueberhandnehmen des jüdischen Einflusses und das jüdische Uebergewicht in gewissen Berufeii zu beschränken. Ungeheuerlich klingende Mitteilungen wurden! in die Welt gesetzt, wonach Horden von Juden aus Osteuropa Deutschland überschwemmten. Alle diese Mitteilungen sollten dile Illusion erwecken, als ob die gegenüber den Juden verfolgte Politik lediglich eine Verteidigungsmaßnahme sei. Ausländische Beobachter wurden aufgefordert, sich zu überzeugen, mir welcher Mäßigung und Zurückhaltung die deutsche Regierung hierin vorgeht und wie großmütig die Bestimmungen des Arierparagraphen angewendet werden. Diese deutsche Propaganda hatte zweifellos eine gewisse Wirkung; viele Menschen auch in England glaubten, daß das öffentliche und Berufsleben in Deutschland wirklich durch eine jüdische Invasion ernstlich bedroht war. In Deutschland von jung und reif, vorbei an den geschlossenen Läden und Häusern, den Festtagscharakter zeigend und frei von der Bürde des täglichen Lebens. Mehr als es wirklich den Tatsachen entspricht, kann man hier von den Gesichtern lesen: unser ist das Land und alle Ungezwungenheit des Seins findet hier ihren Ausdruck. Eine magnetisch wirkende Stimmungjiegt über allem, ein Fluidum strömt aus und spricht mit Befriedigung von den Errungenschaften des Schabbathjn diesem Lande. Aber wieder muß die andere Stimme laut werden: die den Schabbath heiligten, ihnen ward immer diese Seele am Schabbath, und die ihn nicht heiligten und nicht heiligen, nun sie sprechen zwar von Schabbath, aber sie meinen den Tag der bürgerlichen Ruhe, die ülückliclierweise der Sozialismus gebracht hat. Und daß er in die Schule des Judentums gegangen ist, wird gern vergessen. Es wird später, es wird dunkel, man eilt im allgemeinen nicht, den Sabbath zu verabschieden. Immer zahlreicher wird die Menschenmenge auf der Jaffastraße, man genießt den Abend und die Auswirkungen dieses Tages der Ruhe. Die neu geöffneten Kaffeehäuser füllen sich mit dürstenden Gaumen, die missadoth — Speisenänser — mit hungrigen Kehlen. Neue Zeitungen — auch hebräische, wann wurden sie gedruckt? — werden ausgerufen, die Kinos nehmen die Gäste auf, mancher neschef — Abendunterhaltung, auch im besten Sinne — setzt ein, der Duft des Schabbath hält lange an. Und "morgen ist wieder Jeder an seiner Stelle, Jeder bei seiner Arbeit, deshalb müssen ihn die Autos schon oft vor Sabbathausgang fortbringen, und er wartet, besetzt ungeduldig das Auto an der Straße» das so unseiähr pünktlich etwas vor Nacht seine Räder wieder in Bewegung setzen wird. * Man muß es bedauern: das Straßenbild täuscht eine Ruhe vor, die in ihrer echtjüdischen Art dem Schabbath hier noch nicht gegeben ist. Bei aller Hochschätzung und Achtung vor den aufbauenden Händen und den arbeitenden Kräften des Landes Israel kann man seine Augen nicht verschließen vor dem reinen Ruhecharakter, der Arbeitsfreiheit, den dieser Tag nach europäischem Muster und sozialistischer Stilisierung hier gefunden hat. Und daß die zionistische Organisation diesen Gedanken huldigt, daß ihre Föhrer nicht die Träger des "eiligen Schabbathgedankens sind, kann man leider nicht leugnen! Erlösung kann dieser Zionismus nicht bringen! Dr. A. P., Jerusalem. 70/0 selbst schlössen sich Tausende der Nazipartei nur aus dem Grunde an, weil sie hofften, die durch Depossedierung von Juden vakant gewordenen Posten besetzen zu können. Diesel Hoffnungen mußten natürlich enttäuscht werden. Auch nach den ungeheuerlichen Judenaustreibungemi haben sich die Aussichten, m den freien Berufen unterzukommen, nicht wesentlich gebessert. Es waren nicht viele jüdische Posten zu besetzen, dagegen Posten demokratischer Beamter, die sofort von den Nazi-Gauleitern eingenommen wurden. Zu diesen Revolutionsgewinnlern sind auch die 669 Reichstagsmitglieder zu zählen, die je 500 Pfund jährlich und ständige freie Fahrt I. Klasse in ganz Deutschland haben, nur weil sie jährlich einmal zusammenkomme«, um zwei Stunden zwanzig Minuten lang eine Rede Hitlers anzuhören. Zeichnung der ARBEITS ANLEIHE SICHERT Zinsnutzen van rund und GOLDWERT des Kapitals sowie des Zinseneinkommens. Devisen- und Steueramnestie Nach zwei Jahren Hitlerherrschaftist es nun klar geworden, daß die Nationalsozialistische Partei sich keineswegs damit zufrieden gibt, den jüdischen Einfluß, der kaum vorhanden war, zu beschränken; sie hat nicht nur jüdische Lehrer und Studierende aus Schulen und Universitäten ausgemerzt und jüdische Schauspieler und bildende Künstler auf die Straße geworfen, sondern' sie verfolgt das klare Ziel, aus allen denjenigen, die jüdisches Blut in den Adern haben, eine Klasse von Parias zu schaffen. Diese im 20. Jahrhundert durch die Regierung eines sozusagen zivilisierten Landes geschaffene Paria-Klasse genießt weit weniger Rechte als sogar die Parias in Indien. Das einzige, was sie mit den übrigen Einwohnern verbshdet, ist die Steuerleistung. Sie sind aus allen öffentlichen Diensten einschließlich des Heeres- und Mariniedienstes ausgeschlossen. Sie haben nicht einmal die Möglichkeit, die Weit über das ihnen zugefügte Unrecht zu unterrichten. Kleine Tube S —SO Große Tube S 1.40 Bei Erwägung des zukünftigen Kurses der englischen Außenpolitik ist es durchaus nicht unvernünftig zu verlangen, dieses Merkmal der deutschen Innenpolitik sorgfältig zu studieren; denn diese deutsche Innenpolitik zeigt, wie aus einer angeblichen Defensivmaßnahme sich die unbarmherzige Degradierung einer halben Million Juden und einer weiteren Viertelmillion Halbjuden entwickelt hat. Z. T. A. ... und heute Ins Schweden-Kino: DER GESTOHLENE MILLIONÄR Lily Damita Henry Garat Eine Erich Pommer-Produktion der Fox 99 Haltet den Dieb!" Man wird es nicht für möglich halten: Die jüngst im Berner Prozeß vor der ganzen Welt bloßgestellten Antisemiten, der famose Gutachter Obstlt. Fleischhauer und der Beklagtenvertreter Dr. Ursprung wagten es kürzlich, sich in einer Freiburger Versammlung als die — Sieger aufzuspielen. Angesichts der Tatsache, daß der Gerichtsvorsitzende bei der Fällung seines Urteils dem Gutachter ausdrücklich sein Mitleid wegen der bedauernswerten Rolle, die dieser im Prozeß gespielt habe, ausgesprochen hat, wird man diesem preußischen Offizier eimi erstaunliches Maß von Kühnheit nicht absprechen können, wenn er jetzt von einer Niederlage der — Juden faselt und dies mit der geringen Strafe begründet, die die wegen der Verbreitung der als Fälschung erwiesenen „Protokolle" in der Schweiz Angeklagten erhalten haben. Wie erinnerlich, sind diese Irregeführten nur deshalb so glimpflich davongekommen, weil die Kläger selbst an ihrer Bestrafung kein Interesse zeigten. Den Juden ging es bloß um die Diffamierung der „Protokolle" selbst und dieser Zweck wurde auch erreicht. Das Pamphlet wurde bekanntlich als sittenvenrohende Schundliteratur und Unsinn gerichtlich gebrandmarkt. Ueber diese beispiellose Anprangerung der geistigen Fundamente des Deutschland beherrschenden Nationalsozialismus hinaus auch noch die strenge Bestrafung der unreifen Berner Platzvertreter des antisemitischen Weltgeschäfts durchzusetzen, hätte eine ähnlich unfaire Taktik bedeutet, wie sie die Hakenkreuz- Führer in München jetzt ihren eigenen Handlangem gegenüber einschlugen, die sich 14 Tage lang gegen Juden und Kathotöken ungehemmt austoben durften, nunmehr aber plötzlich von „oben" als „verbrecherische Elemente" bezeichnet und mit Strafen bedroht wurden, während die weltbekannten Anstifter der Pogrome unbehelligt bleiben. Es wäre wohl naiv, hierin eine Wandlung zum Besseren in der reichsdeutschen Judenpolitik erblicken zu wollen. Es liegt vielmehr nur ein neues Beispiel für den heuchlerischen Widerspruch zwischen Wort und Tat vor, der die gesamte Politik des Dritten Reiches kennzeichnet. „England und die Juden". Der in unserer letzten Nummer unter diesem Titel veröffentlichte Aufsatz war der „J ü d i s c h e n P r e ß z e n t r a 1 e" Z ü r i c h entnommen. Der diesbezügliche Vermerk ist bedauerlicherweise infolge eines Uebersehens weggeblieben. .