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Die Wahrheit · 1935-05-31 · Heft 22 (31.5.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 22 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 22 — 31. Mai 1935 DIE WAHRHEIT Das Schulghetto der Jüdisch-Nationalen. Also am 27. Mai wurde der zweite Akt aufgeführt. Diesmal in öffentlicher Sitzung. Ueber die Frage, w o die neue jüdische Volksschule errichtet werden soll. Der erste Akt, der ungleich wichtigere, über die grundlegende Frage, o b sie überhaupt errichtet werden soll, wurde bekanntlich in vertraulicher Sitzung gespielt. In einem meiner Abwehrartikel habe ich die Behandlung eines derartigen Politikums allerersten Ranges in vertraulicher Sitzung kritisiert. Prompt wurde nun die Frage,, w o eigentlich dieses Produkt jüdisch-nationaler Landespolitik seinen Sitz haben soll, auf die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung vom 27. Mai gesetzt und bei dieser vom Präsidententisch aus verlautbart, die Vertraulichkeit der ersten Sitzung sei nicht in der Absicht des Präsidiums gelegen gewesen, sie sei auf ein Versehen zurückzuführen, die Tatsache der Vertraulichkeit sei mit Recht inkriminiert worden. Wem dieses Versehen zur Last fällt und wer mit Recht inkriminiert hat, wurde allerdings nicht erwähnt, auch nicht, warum dieses Versehen nicht sofort korrigiert und dieser Punkt einfach von der Tagesordnung der vertraulichen Sitzung abgesetzt wurde, was doch in die ausschließliche Befugnis des Vorsitzenden fällt. Auch Herr Oberbaurat S t r i c k e r, der Führer der Judenstaatspartei und des Jüdischen Volbsbundes, meinte, auch er bedauere, daß die prinzipielle Frage nicht in öffentlicher Sitzung behandelt worden sei und daß er gerne die Argumente grundsätzlicher Natur der Gegenseite gehört hätte. Dieses Bedauern ist etwas verspätet gekommen,' er, der Einflußreichste in der jüdisch-nationalen Majorität, der Einflußreichste, weil der stärkste Oppositionsmann in deren Rahmen, hätte doch leicht die Absetzung von der Tagesordnung der vertraulichen Sitzung und die Verlegung au? die Tagesordnung einer öffentlichen Sitzung erwirken können. Wir von der Minorität selbstverständlich nicht. Die Argumente grundsätzlicher Natur der Union österreichischer Juden sind ihm übrigens aus der „Wahrheit" vom 5. April und aus den Ausführungen der unionistischen Redner in der vertraulichen Sitzung bekannt; auch in der öffentlichen Sitzung nahm Kollege Dr. Mai er hierzu das Wort. Aber gerade die Erörterung der Frage des Standortes beleuchtete ungewollt die Richtigkeit der Besorgnis der Mandatare der Union österreichischer Juden, daß es sich den Jüdischnationa- $euittetom Schabbath in Jerusalem. Schabbath — so muß man unbedingt sagen. So heißt der Tag im Munde der Mehrheit und Schabbath Schalom sagen auch wobl die meisten. Es pulsiert so das Loben beim Gros um diesen Tag, nicht weil er von ihnen geheiligt und gehalten wird, sondern weil dies der üblichste Name geworden ist, er hat sich eingebürgert. Daß ihm wenig religiöser Charakter anhaftet erkennt man vielleicht daran, daß sein Rüsttag jom haschischi — höchst selten erew Schabbath — heißt Ein solcher Schabbath gibt Gelegenheit, das bunte Bild der Menschen und der Arbeit zu beobachten. Hören und sehen kann man unendlich viel, unendlich Interessantes, unendlich Erfreuendes und auch mancherlei Betrübendes. Hören: das Einblasen des Schabbath am Freitagiiachinittag: die Betriebe werden still, die Läden schließen, in den Häusern werden eiligst die letzten Vorbereitungen getroffen, man rüstet sich für das Haus, den Tisch, sein Minjan. Wer wüßte nicht, daß man nur sein Minjan besuchen kann. Eine wirklich große, schöne, neue Synagoge hat die Heilige Stadt nicht. Die mehrere hunderte Jahre alte größere Synagoge, die „Churba" liegt in der — von Juden sehr verlassenen — Altstadt und kann nur schwer die öffentlichen Andachten aufrecht erhalten. Die neueren Bestrebungen, Besucher zu gewinnen, die sich für bestimmte Sabbathe verpflichten, haben bisher keinen durchgreifenden Erfolg gehabt Das Straßenbild wird lebhaft und doch ruhiger, die letzten Autos bringen Geschäftsleute und Arbeiter von ihren Arbeitsstätten in ihre Wohngegenden, was vergessen wird, wird noch rasch geholt Mahnungen werden laut, man wird auf das erneute und wiederholte Einblasen des Schabbath aufmerksam gemacht; man sieht schon die Menge in ihre Betstätten eilen, die Alten vielfach mit dem Streimel. die Kinder in sauberer sabbathlicher Kleidung, die Jugend urtd die Mannschaft 'befreit von der Tracht des Alltags. Und man kann sich des Anblicks leicht weiden,, es gibt ja bekanntlich keine Dämmerung, plötzlich, spät erst wird es dunkel, wenn die Naoht mit Macht hereinbricht. Kehrt man am mondhellen Abend heim, so bewundert man die Pracht dieses Gestirns und glaubt —.wohl mit Recht — draußen den Mond in solcher Schönheit, mit soicher Leuchtkraft nicht gesehen zu Jiaben. Ist der Abend dunkel, dann strahlen dem Fußgänger die Sablen nicht um die Errichtung einer jüdischen Schule schlechthin, sondern in Wahrheit um die Errichtung einer jüdisch-nationalen Schule handelt. Unser Mandatar Geza K1 i n g e r, der buchstäblich Tag um Tag viele Stunden im Dienste der Wiener Judenschaft opfert und tagtäglich schon in den frühen Morgenstunden sich dem Fürsorgewesen und den Kultusangelegenheiten unserer Kultusgemeinde widmet, ein Mann voll tiefstem religiösen Gefühl, machte noch einen Versuch, den jüdischnationalen Charakter dieser Schule zurückzudrängen zugunsten des jüdisch -religiösen Charakters; er (stellte den Antrag, die Schule außer dem Schulamte auch dem Rabbinate zu unterstellen, damit dieses die religiöse Haltung der anzustellenden Lehrer beaufsichtige. Und gegen diesen Antrag, dessen Annahme die Besorgnisse der unionistischen Minderheit mindestens gemildert hätte, nahm kein Geringerer Stellung als der jüdisch-nationale Präsident der Kultusgemeinde selbst! Unser Geza Kling er besorgte weiter infolge der räumlichen Nähe des Standortes der neuen Schule, die in den demnächst leer werdenden Räumen des Chajes-Gymnasiums untergebracht werden soll, eine Beeinträchtigung der bereits seit fünfundachtzig Jahren in Ehren bestehenden und seit achtundsechzig Jahren das Oeffentlichkeitsrecht genießenden Talmud-Thora- Schule und beantragte folgende Resolution, die zur Würdigung durch jeden Juden im Wortlaute wiedergegeben sei: „In voller Würdigung der anerkannt ausgezeichneten Lehr- und Erziehungserfolge der Talmud-Thora-Schule faßt der Vorstand nachstehende Entschließung: Durch die Errichtung der neuen Volksschule beabsichtigt der Vorstand keinerlei Beeinträchtigung oder Hintansetzung der bestehenden Talmud- Thora-Schule. Im besonderen hat die Subventionierung des diese Schule führenden-Vereines im Verhältnis zum Aufwände für die neu© Volksschule unter Berücksichtigung der Klassen_und Schülerzahl an den beiden Anstalten zu erfolgen." Cafd'pensiin Echsfei'n Semmering bathkerzen aus allen Zimmern und Wohnungen entgegen, er sieht die verlassenen Autos, die noch keine Garage haben, sondern an einem Straßenrande den Tag der Ruhe verbringen; man hat' seine Freude an den zumeist gereinigten Treppen, an den grüßenden Freunden und Unbekannten, die gelegentlich einmal in ein anderes Minjan hineingeguckt haben, vielleicht in ein sefardisches, dessen eintönige, ernste Weise andachterweckender zu sein scheint als die Lebendigkeit der aschkenasischen Betschulen. So überkommt den Juden in Jerusalem die Sabbathstimmung; mit doppelter Freude feiert er den Sabbath, denn er denkt, so'wird heute überall gefeiert und weil man zu Hause feiert, muß zwangsläufig auch die Straße feiern. Aber weit gefehlt, leider weit gefehlt. Die Türen der Kinos stehen offen, die Menge drängt sich durch sie, die Parteizimmer warten der Diskussionen, und wie viele lenken ihre Schritte dorthin! Verspätet und keineswegs schmerzerfüllt kommen in Autos die Sabbatlibesucher von außerhalb; von den Möglichkeiten, sich durch einen kühlen Trunk den Abendspaziergang angenehmer zu gestalten. Wird nicht selten Gebrauch gemacht und die Zigarette oder Zigarre findet an diesem Abend mitleidige Benutzer, die straßauf, straßab ziehen. Man hat schon manchmal die Tournee durch die Synagogen gemacht! Sie wären.doch alle 'gut besucht, vielleicht überfüllt! Und nun etwa dieselben Menschen wieder hier auf den Straßen, in den Kinos usw.! Aber weit gefehlt! Das sind alle diejenigen, die den Schabbath als einen Ruhe- und Vergnügungstag betrachten. Sie fallen mehr im Straßenbilde und im Betriebe des Schabbath auf, als sie etwa meinen. Ja, sie bringen in diesen Tag der Ruhe die Unruhe und verletzen oft durch Provokation, meistensohne böse Absicht in Lässigkeit und Unachtsamkeit das Wohlempfinden der Andersdenkenden, wie man in politischer Sprache sich auszudrücken beliebt. Sie geben am Abend und am Tage dem arabischen oder englischen schoter — Polizisten — Beschäftigung, der an der Straßenkreuzung den^nicht geringen Verkehr zu regeln hat. In den Straßen, die diese Stätten des Vergnügens und der Abwechslung nicht besitzen, wird es zeitig still, es sei denn, daß eine Chupnah am Nachmittag stattgefunden hat und nun die eigentliche Chatunah gefeiert wird. Zeitig wird es wieder lebhaft auf den Straßen. Die Besucher der Frühandachten locken den Blick auf sich. Daß die Alten mit wohlgepflegten Peies, mit Streimel, auch schon mit Taleth umhüllt zum Beten gehen, gibt ein so buntes Bild, wie die Frauen, die zumeist schon BADGASTHN IHOTEL % ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kern Mahlzeitenzwang Auch gegen diesen Antrag sprach niemand Geringerer als der jüdisch-nationale Präsident der Kultusgemeinde. Gegen die Unterstellung der Schule auch unter das Rabbinat verwies er auf § 37 lit. c) des Statutes. Aber dieser Paragraph spricht bloß von der Mitwirkung des Rabbinates bei der Bestimmung des Lehrprogrammes für den Religionsunterricht und von der Teilnahme an der Beaufsichtigung des: selben, insoweit ihm solche Agenden vom Kultusvorstande zugewiesen werden. Geza K1 i n g e r wollte mehr, wollte, daß die Schule im Ganzen neben dem Schulamte dem Rabbinate unterstellt werde, wollte hiemit die Sicherung des Charakters der Schule als einer jüdisch-religiösen. Der Herr Präsident aber entgegnete, die jüdische „Gemeindeschule", er vermeidet gerne, wie jeder Jüdisch-Nationale das Wort jüdische Kultusgemeinde und spricht regelmäßig von jüdischer „Gemeinde", der nucleus der ersehnten „Volksgemeinde", der Herr Präsident entgegnete also, die jüdische „Gemeindeschule", werde „so geführt werden, wie die Majorität es für wünschenswert ansehen wird". Da sei doch zunächst die Frage erlaubt: Wer ist die Majorität? Sie besteht doch aus lauter Splittern, die immer wieder auseinanderstreben, vielfach gegeneinander stehen und nur insoweit zusammenstehen, als sie die Unionisten nicht ausstehen. Sind die Majorität die „Allgemeinen Zionisten" unter Führung des Herrn Präsidenten? Aber diese zählt der Führer der Judenstaatspartei überhaupt nicht zu der zum jüdisch-nationalen Programm stehenden Judenschaft. Oberbaurat S t r i kker zählt zu letzterer bloß die Judenstaats-Zionisten, Revisionisten, Misrachisten und „andere volksbewußten Juden". Die „Allgemeinen Zionisten" und die „radikalen Zionisten" zählt Herr Stricker überhaupt nicht mit. Diesem wieder werfen die „Allgemeinen Zionisten" seine berühmte „Verständigung von Volk zu Volk" vor, meines Erachtens mit vollem Recht. Woraus besteht also diese Majorität? Aus einem Sammelsurium von Splittern, die sich gegenseitig nicht ausstehen und für einander nur einstehen, wenn, sie uns gegenüberstehen. Und jeder in reiferem Alter mit ihren dicken Büchern, ihren bunten Tüchern, ihren sauberen, schmucken Kleidern den Wes dorthin finden, oft auch schon sehr früh, die auf dem Heimwege etliche Male stehen bleiben, um einen guten Suhabbes zu wünschen, die Frauen, die schon Mendelc moicher seforim trefflich gezeichnet hat die mit unnachahmlicher Inbrunst die Mesusoth und die ferne Thorah, ja selbst die Türen ihrer Beträume küssen, die — in Ueberfülle — glücklich sind, vom Osten her über Amerika den Weg hierher in das für sie Heilige Land gefunden zu haben. Den ganzen Vormittag sieht man sie so strömen, von und zum Beten, immer bunte Bilder, zur Abwechslung Kinder mit Peies und Streimel, oder die sefardisohen Jüdinnen mit ihren prächtigen Kleidern, ihren schillernden Farben, jetzt im Sommer vielfach am Straßenrande auf Steinen oder Stühlen, daneben die Kinder spielend, spazierend, singend, im Genüsse, aller Freiheit in fast nur jüdischer Umgebung. Aber zur gleichen Zeit, da sich eine innige Gemeinde zu religiöser Feier vereinigt und das Thoragesetz von neuem hört, sieht man gar viele zu den Sammelplätzen gehen, von denen die Tjjulim — die Ausflüge — zu Fuß in die nähere oder weitere Umgebung einsetzen, die sich bisweilen über den. ganzen Tag hin erstrecken und die Jungen von Haus und Familie trennen., oder es sammelt sich eine vielhundertköpfige Menge in einem großen Kino, um dort am frühen Vormittas einen Vortrag oft literarischer, meist politischer Natur zu hören; oder gar große Autobusse warten — etwas abseits — auf Studenten, die botanische oder ähnliche Ausflüge unternehmen, nutzlos alle Proteste von Professoren, Verbänden, Einzelpersonen. Immer dieses Doppelbild. Am frühen Nachmittas beginnen die Lehrvorträge in den Minjanim — miparschath .haschawua —, meist in Jiddisch gehalten oder die Oneg Schabbath-Veranstaltungen — später natürlich — man beginnt vielleicht mit einem Minjan von Zuhörern und kann mit dem Vielfachen schließen. Man geht zur Kotel — den interessanten Weg durch die Altstadt und den arabischen Schuk, um hier wieder dieselben Typen zu treffen, unter ihnen allenfalls noch Touristen, und man fühlt mit diesen verwaschenen und abgeküßten Steinen ein Stück Geschichte, Hoffnung, Mut, Sicherheit. Aber indessen sitzt man mehr als täglich in den Kaffeehäusern und Restaurants, die mehr als nötig ofien sind, die mehr als berechtigt ihr Schild mit Kaschei tragen. Der Tag kühlt ab. Da setzt ein bewegtes Leben auf der Jaffastraße ein; ein Hin und Her von alt und neu.

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