Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 22 (31.5.1935)
- Date
- 1935-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064576--20221-3085443- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
preis dieser Nummer 40 Groseben Jüdische Die bÜanrheif In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Bifsi-c nf jeden Freitag fflHnnmnitfff'"T'mn»'""'niimiiiiimniniinniimii Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 31. Mai 1935 Nummer 22 Diskriminierung und Wehrhaftigkeit. Die Rede, die Hitler vor seinem ad hoc einberufenen Reichstag gehalten hat, und die internationale Diskussion darüber, bewegen sich in dem schon gewohnten Geleise. Während auf der einen Seite der Argumentik des deutschen Reichskanzlers kräftig beigepflichtet wird, begegnet sie aui der anderen Seite ebenso energischer Ablehnung. Das Qroteskeste aber ist, daß beide Teile Recht haben. Objektiv beurteilt ist alles, was Hitler gegen die Diskriminierung des deutschen Volkes durch seine Entmachtung und versuchte Wehrloshaltung vorbrachte, was er über die Unehrlichkeit der Abrüstungstendenzen seitens der Entente-Mächte sagte und auch das, was er zu Gunsten des Selbstbestimmungsrechtes der Völker ins Treffen führte, durchaus zu billigen. Aber die Sache bekommt sofort ein ganz anderes Gesicht, wienn man die Frage aufwirft, ob der nationalsozialistische Osaf, der rücksichtslose .Gleiichschaiter des deutschen" Volkes inner- und außerhalb der Reichsgremizen, subjektiv zu solcher Kritik und den daraus resultierenden Forderungen berechtigt erscheint. Von diesem Standpunkt aus enthüllt sich die Hitler-Rede, man mag welchen Punkt immer aus ihr herausgreifen, weniger als ein aus verletzter Menschenwürde ausgestoßen©* Sehnsuchtsschrei nach Gerechtigkeit denn als deren zynische Verhöhnung. Ja, man hat beinahe die Empfindung, daß der Redner unter der Maske eines Anklägers anderer eine furchtbare Abrechnung mit sich selbst gehalten hat. Wenn es Hirtäer z. B. als „n a i v e M e i n u n g" qualifiziert, „daß der wirtschaftliche Vorteil eines europäischen Staates am besten gefördert wird durch die wirtschaftliche Vernichtung eines anderen", so braucht man iwr die Worte „eines europäischen Staates" durch die -eines deutschen Volksteils" zu ersetzen, um die vernichtendste Kritik von Hitlers Judenpolitik zu erhalten. Dasselbe gilt von seinem der Planwirtschaft gemachten Vorwurf, „daß sie nur zu leicht die harten Gesetze der wirtschaftlichen Auslese der Besseren aufhebt oder zumindest einschränkt zugunsten einer Garamttierung der Erhaltung auch des minderwertigsten Durchschnitts auf Kosten der höheren Fähigkeit, des höheren Fleißes und Wertes". Wenn es Hitler mit dieser Ansicht ernst ist, dann muß er schleunigst! an Stelle seiner Rassen-Planwirtschaft wieder die wirtschaftliche Auslese der Besseren und Fleißigeren zur Geltung bringen. Auch die Mittel und Wege fiiezu kann eti seiner eigenen Rede entnehmen, besonders jene* Stelle, wo er die Vergeblichkeit aller Versuche feststellte, „einte wirksamere Minderung gewisser Spannungen zu erreichen, solange nicht durch geeignete Maßnahmen einer Vergiftung! der öffentlichein Meinung der Völker durch unverantwortliche Elemente in Wort und Schrift, Film und Theater erfolgreich vorgebeugt wird". Hitler hatte dabei wohl nur die zwischenstaatlichen Beziehungen im Auge, es wäre aber bestimmt eine unverdiente Herabsetzung seiner staatsmännischen Weisheit, wollte man die zwingende Kraft ihrer Logik nicht auch für die deutsche Innenpolitik anerkennen. Es ist absujrd, dJe Ausschaltung unverantwortlicher Hetzer aus der Außenpolitik zu verlangen und gleichzeitig die seelenvergiStende Tätigkeit eines Streicher im eigenen Lande offen zu protegieren. Hitlers Hinweis auf die „Gefahr, daß m Ländern mit Regierungen, die nicht vom allgemeinen Vertrauen ihres Volkes getragen sind, innere Erhebungen von interessierter Seite nur zu leicht auf äußere Einmischung zurückgeführt werden können", ist zwar ins verletzender Weise auf Oesterreich gemünzt, hat übrigens wie manche andere arrogante Stelle der Rede die gebührende Zurückweisung -durch; Bundeskanzler Dr. Schuschnigg erfahren-, brandmarkt aber in seiner allgemeinen Fassung ebenso gut die naive Bemühung, alle ■ innerdeutschen Vorgänge von einst und jetzt auf die Einmischung der „W eisen von Zion" zurückzuführen. Auch hierin könnte der deutsche Rachskanzler und Führer seine theoretischen Mahnungen sehr leicht auf wirkungsvollste Art praktisch illustrieren und durch eine Remedur der verlogerten innerdeutschen Politik der internationalen Weltpoihik ein ideales Vorbild schaffen. Nichts ist symptomatischer für die Verlogenheit dieser neudeutschen Politik als das neue Wehrgesetz. Derselbe Hitler, der die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht m Deutschland mit der Notwendigkeit begründete, der dem deutschen Volke mit seiner im VersaiHer Friedensvertrag verankerten Wehrlosmachung zugefügten Diffamierung ein Ende zu setzen, mißbraucht das neue Wehrgesetz zu einer neuen, ungeheuerlichen Diffamierung der Juden, indem er sie vom Heeresdienst ausschließt. Nichtarier, die zumindest einen airischen Großerterrrteil besitzen, können ihre Aufnahme ins Heer erlangen, wenn sie auf jede Beförderung verzichten. Sie dürfen also trotz aller Tapferkeit nicht einmal die Gefreiten-Charge erreichen, die Hitler in der Schützengrabenferne seines Stabsordonnanzdienstes im Weltkrieg erlangt hat. Wenn trotzdem angenommen wird, daß ihnen die Aufnahme in die Armee im Ernstfälle erstrebenswert erscheinen wird, dann kann man sich eine Vorstellung von dem Schicksal machen, das den reinrassigen, vom Heere unbedingt ausgeschlossenen Juden im Kriegsfall vorbehalten wird ... So sieht das Wehrgesetz in seinen offenen und geheimen Bestimmungen aus, das Hitler der Weit als einen bloß vom Gerechtigkeiitswiüen diktierten Protest gegen Diffamierung deutet ... - „New York TSmes" schreibt: „Ist Hitler würdig, am einer Gemeinschaft der Nationen teilzunehmen? Nein, denn er besitzt nicht die Eigen- HSuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen sbnsai. A 48-9-22 R. Wim, II. Bezirk, MordpolstraB« 2/3 Reparaturkredite Zinsvorscbflsse kulantest Rasiere DHU gut und billig OeslcrrelcDlsclics QuaiifäfsrabiUcol Ueberau erhältlich schaft, die für eine Gemeinschaft unbedänigt erforderlich* ist, nämlich den Sinn für Gegenseitigkeit. Dar Führer ist unheilbar einseitig." Hitler darf freiilich diese Einseitigkeit als ein triumphales Symptom seiner glorreichen Emanzipation vom jüdischen Geiste werten. Denn die Gegenseitigkeit ist ja die Grundtendenz des Judentums, dessen beherrschendes Prinzip Hillel in dem Satz formuliert hat: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu!" Indem Hitler sich im Großen wie im Kleinen zum entgegengesetzten Standpunkt bekennt, beweist er seine absolute Freiheit vom jüdischen Geiste. Ob das ein moralischer Fortschritt ist, kann dem Urteil dej Nachwelt überlassen werden. Das Hofbräuhaus gefährdet. Die von der Münchener Polizeidirekt i o in anläßlich der dortigen pogromartigen Ausschreitungen veröffentlichte, mit der Unterschrift des Innenministers Adolf Wagner versehene Bekantmachung, in der es u. a. heißt: „Die Schuldigen sind festgestellt bzw. verhaftet; ihnen wird wegen Landfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung und Beamtenbeleidigung, ohne Rücksicht auf Person und Parteizugehörigkeit, der Prozeß gemacht werden", hat überall sensationelle Ueberraschung ausgelöst. Wie der J. T. A. nun aus Berlin telegraphiert wird, gehen die Maßnahmen gegen die judenfeindlichen Demonstrationen in München auf die direkte Anweisung des bayerischen ReichsstaHthalters General von Epp zurück, an den sich die am Fremdenverkehr interessierten städtischen Kreise beschwerdeführend gewandt hatten. Diese Kreise waren, nachdem auch Ausländer angegriffen worden waren, um den Ruf Münchens als Fremdenstadt besorgt. Es fällt auf, daß der Innenminister Adolf Wagner, der sich wiederholt stolz als Schüler Julius Streichers bekannt hat und dessen öffentiiehe Ansprachen gegen die Juden im Stile Streichers gehalten sind, seine Unterschrift unter die polizeiliche Warnung gegeben hat Anschlag gegen die Lemberger Kuhusgemefade. Am 23. Mai abends haben bisher unbekannt gebliebene Täter in das Gebäude» der jüdischen Kultusgemeinöe m Lemberg eine mit einem starken Explosivstoff gefüllte Petarde geschleudert Die Petarde explodierte und demolierte die Räumlichkeiten des Gebäudes. Die Behörden haben eine Untersuchung eingeleitet. Z. T. A.