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Die Wahrheit · 1935-05-24 · Heft 21 (24.5.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 21 (24.5.1935)
Date
1935-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 21 — 24. Mai 1935 DIE WAHRHEIT •} :f <2 M i;i;t! i * i ni j ..f ü ^) H M jf '51 Nl jiPh I\i Mitglieder und Freunde der „Union" ^f^tX Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater Äusstelhmgsstr. (vis-a-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. IllllUlliU England und die Juden. Zum Regierungsjubiläum König Georgs V. *' Mit einer ungeheuren und kaum vorsieilbaren Begeisterung hat am 6. Mai das Volk Englands und aller seiner Dominions und Kolonien das Regieningsjubüaum des englischen Königs Georgs V. gefeiert. Hunderttausende von Menschen wogten in den Straßen der Weltmetropole und nach allen übereinstimmenden Berichten herrschte unter diesen Menschen eine sehr bewegte und begeisterte Stimmung. Im Mittelpunkt der Feier stand die würdige Rede des Souveräns, die durch die Sender nicht nur über das ganze englische Weltreich, sondern auch über eine Reihe europäischer Sender verbreitet wurde. An der Feier nahm auch das englische Judentum und mit ihm die Judenheit der ganzen Welt lebhaften'Anteil. Aeußerlich fand diese Anteilnahme darin ihren Ausdruck, daß verschiedene Würdenträger, darunter auch Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz, offiziell als Vertreter der britischen Judenheit an den Feierlichkeiten teilnahmen, das Judentum des British Empire hielt in allen Synagogen Festgottesdienste ab, an denen auch ein vom Chiefrabbi eigens für diesen Anlaß verfaßtes Festgebet gesprochen wurde. Die Juden Englands und der ganzen Weit haben auch allen Anlaß, das Regierungsjubiläum mitzufeiern. König Georg V., der demokratische König, wird nicht zu Unrecht als „der erste Gentleman von Europa" bezeichnet, in seinem ganzen Wesen und in seiner Regierungstätigkeit hat er die hervorstechenden Eigenschaften des edlen und vornehmen Engländers zur Geltung gebracht und allen Untertanen seines Reiches ohne Unterschied des Glaubens oder der Konfession gegenüber bekundet Die tiefere Gesinnung des englischen Königs und seine Einstellung zu den Juden lassen sich aus einigen Vorfällen bei Kriegsausbruch erkennen. Nach Beginn des Weltkrieges setzte eine starke Deutschenhetze ein, die sich namentlich auch gegen die ursprünglich aus Deutschland stammenden Juden richtete, welche im öffentlichen Leben des Landes eine Rolle spielten. Ziel starker Angriffe waren Sir Ernest Cassel und Sir Edgar Speyer. Der letztere verzichtete daher auf sein Adelsprädikat, doch ließ König Georg durch seinen Ministerpräsidenten Asquith diesen Verzicht zurückweisen mit der Erklärung: „Der König ist nicht bereit, irgend einen Schritt in der von Ihnen vorgeschlagenen Richtung bezüglich der Auszeichnungen zu tun, die Sie in Anerkennung öffentlicher Dienste und menschenfreundlicher Großzügigkeit empfangen haben." Ein anderes Symptom seiner Einstellung zu Juden ist darin zu erblicken, daß König Georg die große offizielle Biographie seines Vaters einem Juden, Sir Sidney Lee, übertrug und ihn bei seiner Arbeit in jeder Beziehung unterstützte. König Georg V. hatte in seiner ganzen 25jährigen Wirksamkeit nur das Wohl des Landes im Auge und wat auf die Förderung aller aufbauenden Kräfte, zu denen er auch das Judentum rechnete, bedacht. Er ist nicht so sehr ein Herrscher, sondern seinem Lande ein weiser Monarch, ein konstitutioneller König und damit loyaler Vollstrecker der freiheitlichen Verfassung Englands, die jedem Tüchtigen und Loyalen die Bahn des Aufstieges eröffne*. Es war daher die logische Konsequenz einer solchen Regierungstätigkeit, daß auch den tüchtigen jüdischen Staatsangehörigen des englischen Reiches die ihnen gebührenden Stellungen im öffentlichen Leben zukamen, die sie sich dank ihrer Fähigkeiten und Leistungen erwerben konnten. Die Söhne des englischen Judentums haben allezeit ihre Pflichten gegenüber ihrem Lande und ihrem König freudig erfüllt. Sie haben auch im Weltkrieg ihr Blutopfer auf den Altar des Landes gelegt. Die englischen Juden haben aber auch im Frieden mitgearbeitet an der Förderung der Wohlfahrt und der Große Englands. Im Wirtschaftsleben, im Parlament, in zahlreichen wichtigen Kommissionen und Arbeitsausschüssen, an verantwortlichen Stellen in der Beamtenschaft, in der Armee und selbst in der Regierung haben die Juden Englands ihren Mann gestellt. Damit haben die Juden Englands dem Lande selbst und der ganzen Welt den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß sie zu den aufbauenden Kräften der Nation gehören, Die Liste der Juden, die im Geschicke des britischen Reiches eine Rolle spielten und die englische Wohlfahrt und Macht mehrten, ist beinahe endlos; wir müssen es uns versagen, den gewaltigen Anteil des englischen Judentums an der englischen Geschichte hier darzustellen, es genügt, nur auf wenige Persönlichkeiten hinzuweisen, um die Bedeutung und Größe dieser Mitarbeit aufzuzeigen. Nach dem großen Vorbild des hervorragenden Premiers D i s r a e 1 i haben auch unter der Regierungstätigkeit Georgs V. Juden als Minister in die Geschicke des Landes bestimmend eingegriffen; Sir Herbert Samuel hat seinem Lande schon 1909 als Postminister und später als Innenminister gedient und war der erste Oberkommissär Englands für Palästina, Lord ReadiHg, einst Rufus Isaacs, hat Indien als Vizekönig lange Jahre mit größtem Nutzen für Großbritannien verwaltet; das sind nur zwei der hervorragendsten Beispiele staatsmännischer Tätigkeit englischer Juden, deren Liste eine ansehnliche Zahl verdienstvoller Persönlichkeiten aufweist. So war u. a. Edwin Montagu (Sohn des Lord Swaythling) schon 1909 Unterstaatssekretär für Indien. In den schweren Kriegsjahren, als Lloyd George sein Konzentrationskabinett bildete, war in dessen erster Kombination Sir Herbert Samuel Innenminister. In der zweiten Zusammensetzung des Kriegskabinettes Lloyd George war Edwin Montagu Finanzminister und Munitionsminister, später Staatssekretär für Indien, Sir Alfred Mond (später Lord Melchett), der große Industrielle, war zu jener Zeit Minister für Gesundhefr-tmd - Arbeitr—Baumls "im Wettkrteg^^vfflfde Lord R ea ding > mit ^mehreren wichtigen Missionen von der englischen Regierung im . Auslande betraut, um nach dem Kriege, in den Jahren 1921—26 Vizekönig von Indien zu werden. Nach dem Rücktritt von Lloyd George (1922) war Sir A. M. Samuel in, mehreren Ministerien tätig, besonders auch als Finanzminister.(1924). Sir Philipp Sassoon, der Privatsekretär von Marschall Haig dm Kriege und parlamentarischer Sekretär von Lloyd George war, .wurde Unterstaatssekretär für Luftwesen, welches Ämt er auch heute bekleidet. In den Labourkabinetten von 1924 und 1929—31 war E m anuel Shinwell Finanzsekretär im Kriegsministerium. In der Nationalen Regierung von 1931 war der M a rquess of Readdng Staatsminister und Sir Philipp Sassoon Luftminister. Leslie Hore-Belisha wurde bald darauf Verkehrsminister, welches Amt er heute noch innehat und in welchem er großzügige Verkehrsreformen verwirklicht. Neben dieser Mitarbeit jüdischer Bürger Englands im öffentlichen Leben ist auch der Anteilnahme der Juden von England in Armee und Marine zu gedenken, die während des Krieges besonders in Erscheinung trat Als bei Kriegsausbruch die erste freiwillige Rekrutierung in England vorgenommen wurde, konstatierte damals die gesamte Presse, daß die Juden in großer Zahl sich als Freiwillige meldeten, insgesamt haben 50.000 Juden im englischen Heere und in der Marine während des Weltkrieges gedient und tapier ihre Pflicht erfüllt. Fünf Juden erlangten die höchste militärische Auszeichnung des Viktoria-Kreuzes, 2000 Juden erhielten andere Kriegsauszeichnungen. Im ganzen sind 334 jüdische Offiziere und 2086 Soldaten für England auf dem Felde der Ehre gefallen. Das englische Judentum hat auch bedeutende Offiziere und Heerführer hervorgebracht; unter ihnen sticht besonders Sir John Monash hervor, der bei Kriegsausbruch Oberst in der australischen Armee, von Zivilberuf Ingenieur war und freiwillig nach Europa in den Krieg zog. Im Jahre 1928 war er zum kommandierenden General avanciert und hatte das Oberkommando über die gesamten australischen Streitkräfte in Frankreich inne. Die englischen Juden haben nicht nur bewiesen, daß die behauptete militärische Inferiorität der Juden nicht vorhanden ist, sondern ihrem Land während des Krieges große Dienste erwiesen, nicht zuletzt auch durch die Schaffung eines jüdischen Expeditionskorps, das an der Eroberung von Palästina durch Feldmarschall A1 e n b y wesentlich mitbeteiligt war. Unter aktiver Mitwirkung des Königs erließ Lord Balfour die seinen Namen tragende, an Lord Rothschild gerichtete Deklaration, welche den Juden die Schaffung einer Heimstätte in Palästina versprach. Dieses Versprechen wurde in der Folge auch verwirklicht und es war sozusagen eine Selbstverständlichkeit, daß das Palästinamandat England übertragen wurde. England hat seine Dankbarkeit und Anerkennung auch gegenüber einzelnen jüdischen Persönlichkeiten zum Ausdruck gebracht durch die Erhebung in den Adelsstand und die Berufung in das englische Oberhaus, so von Lord Rothschild, Lord Melchett (Sir Aiireci Mond), Lord Bearsted, Sir Herbert Samuel, Lord Reading (Rufus Isaacs), Lord Swaythling u. v. a. So blickt das Judentum des englischen Königreiches mit tiefstem Dank auf die 25 Jahre Regierungstätigkeit von König Georg V. zurück. In diesem Vierteljahrhundert erlebte die englische Judenheit eine Zeit der Prosperität, eine Zeit auch der äußeren Anerkennung und der Leistung für England, seine Stellung hat sich innerlich und äußerlich gefestigt. Die Zahl der Juden in dieser Periode (1910—1935) hat sich von 250.000 auf 336.000 erhöht, im ganzen Weltreiche von 360.000 auf 616.000 Seelen. In dieser Zeit hat auch das jüdische Leben stark pulsiert und die englischen Juden haben sich sowohl am Palästinaufbau wie auch am allgemeinen jüdischen Leben aktiv beteiligt. Zahlreiche Institutionen der jüdischen Erziehung und Fürsorge und öffentlichen Wohlfahrt, viele neuerbaute Synagogen zeugen vom jüdischen Sinn der englischen Juden. England ist auch vor einer antisemitischen Bewegung bewahrt geblieben. Das Andenken an Disraeli hat die mächtige konservative Partei gegen den Antisemitismus immun gemacht und das Volk übersieht die gewaltigen Leistungen seiner jüdischen Mitbürger und ihre Loyalität nicht. Nach dem Weltkrieg beschäftigten die „P r o t o k o 11 e d e r Weisen von Z i o n" eine Zeitlang die englische Oeffentlichkeit; sie verschwanden aber rasch in der Versenkung, nachdem die „Times" sie im Jahre 1921 als Fälschung entlarvt hatte. In der faschistischen Bewegung der Schwarzhemden Mosleys schienen eine Zeitlang antisemitische Tendenzen zur Geltung zu kommen, doch sind diese nicht zur weiteren Entwicklung gelangt und die Bewegung selbst scheint zur S t a gna tion verurteilt zu sein, weil das englische Volk mit seinem König und der demokratischen Verfassung zufrieden ist. Lord B i r k e n h e a d hat einmal erklärt, England verdiene gute Juden und „es hat sie im großen und ganzen auch bekommen". Sie haben sich der ihnen gewährten vollen Gleichberechtigung als würdig erwiesen und mit tiefem Dank an das Königshaus feierten die Juden Englands das Regierungsjubiläum ihres Königs. Sie stimmen ein in den einstimmigen Ruf des gesamten englischen Volkes: Long live the King! „Kauft nicht bei Juden!" In der Zeit, in der der Judenboykott im Deutschen Reich wieder einen Höhepunkt erreicht hat, erscheint es von symptomatischer Bedeutung, daß Königin Mary von England am Tage nach der historischen Huldigung im Parlament ihren jährlichen Einkauf in einem kleinen Antiquitätenladen der Oxfordstreet machte, der einem nur sehr schlecht Englisch sprechenden ostjüdischen Emigranten gehört, Moysche Oyscher, der auch als jiddischer Novellist hervorgetreten ist Im Trubel der Jubiläumswoche hatte die Königin die genaue Adresse vergessen und suchte mit ihrer Tochter eine halbe Stunde lang den kleinen Laden. „Es heißt, es geschehen keine Wunder mehr, und* da sucht die erste Frau der Welt in der schönsten Woche ihres Lebens einen kleinen polnischen Juden eine halbe Stunde lang", so schloß Oyscher seinen begeisterten Bericht über den Miniaturuhreneinkauf der Königin in seinem Laden. Nazi-Bescheidenheit. Der Enthusiasmus der englischen Massen — am Jubiläumstag — kann natürlich nicht mit der Begeisterung verglichen werden, womit bei uns der Führer begrüßt wird. Berlinen „Kreuz-Zeitung". Der Verein „6sl Seehospli In Grado" (Präsidentin Sofie Grünfeld) sendet Anfang Juli zarte, zu Katarrhen und Blutarmut neigende Mittelstandskinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, unter ärztlicher und pädagogischer (männlicher und weiblicher) Aufsicht, in sein eigenes Heim nach Grado (Italien). Ein 30tägiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (koscher) kostet S 5.— täglich, Der unter dem gleichen Präsidium stehende Verein „Ferienheim" entsendet in sein eigenes, rituell geführtes Heim nach Düd VÖSlail (Mühlhof) erholungsbedürftige Kinder in obigem Alter, Verpflegskostenbeitrag S 3—4 täglich. Freiplätze in beschränkter Anzahl an Vollwaisen. Anmeldungen im Vereinsbüro, IX., Türkenstiaße 17. von 10—13 Uhr, Tel. R 51-5-63. . :_2ga

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