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Die Wahrheit · 1935-05-24 · Heft 21 (24.5.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 21 (24.5.1935)
Date
1935-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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HIE WAHRHEIT Nr. 21 — 24. Mai 1935 bciie 6 Die Wahlen in der Tschechoslowakei Während immer mehr europäische Staaten vom demokratischen zum autoritären Regierungssystem übergehen, hat die tschechoslowakische Republik am Sonntag ihre Legislative auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts erneuert. Aber dieses unbeirrbare Festhalten an den demokratischen Prinzipien seitens der Staatslenker hat bei den zur Urne gerufenen Volksmassen wenig Gegenliebe gefunden. Der tschechische Faschistenführer G a j d a feiert mit sechs Mandaten seinen Einzug ins parlamentarische Leben und das ist für einen Führer, von dem bisher die Witzblätter mehr Notiz nahmen als die ernste Publizistik, ein ganz schöner Anfang. Das Symbolische dieses Erfolgs wird unterstrichen durch die gleichfalls unverkennbaren Fortschritte der von Kramarsch undStriberny geführten Nationalen Vereinigung, die den autoritären Kurs mit Ausschluß der Deutschen fordert. Zahlenmäßig hält sich freilich auch der Sieg dieser Partei in engen Grenzen und fällt mehr moralisch — als Illustration des Zeitgeistes — denn faktisch ins Gewicht. Während aber das Tschechentum bei dem die politische Mode von heute beherrschenden Faschismus sozusagen nur in unverbindlicher Form seine Visitkarte abgegeben hat, erscheint ihm das Deutschtum mit Haut und Haaren verfallen: Die Sudetendeutsche Partei des Herrn Konrad Henlein aus Asch, die alle durch das Verbot der Hitler-Bewegung obdachlos gewordenen Elemente gesammelt hat, konnte im ersten Ansturm vier Fünftel aller deutschen Stimmen und zwei Drittel aller deutschen Mandate erobern. Herr Henlein ist Turnlehrer und schon durch diesen Beruf symbolisch für jenes Deutschtum, dessen Verherrlichen wenn sie vom nationalen Aufschwung schwärmen, nicht an den Geistesaufschwung denken, sondern an den Bauchaufschwung. Ersterer ist ja jetzt von Hitler als „jüdischer Intellektualismus" in aller Form verfemt worden. Was Wunders, daß sich die Hoffnung aller Hitler-Gläubigen an den letzteren, jetzt als „Wehrsportgedanke" triumphierenden klammert? Die Kräfteverteilung zwischen den beiden Gruppen im deutschen Lager ist durch die Sonntagswahlen anschaulich geworden. Waa irgendwie nach geistiger Orientierung, nach ideeller Gruppierung roch, wurde heillos geschlagen: die deutschen Sozialdemokraten und die Christlichsozialen haben die Hälfte ihres Besitzstandes eingebüßt, sogar die deutsche Agrarpartei liegt zerschmettert auf dem Boden. Herr Henlein aber, der den Wahlkampf mit dem ungeisügen Kraftmeierttim, das für das Teutonentum von Schönerer bis Hitler charakteristisch ist, geführt hat, bietet sich jetzt — wohl vergeblich — in Loyalitätstelegrammen an die Staatslenker als Ersatz für die geschlagenen Volksgenossen in der — Regierung an. Durch diese rasche Wendigkeit hat er sich bereits den Namen eines — Wetterhähnleins erworben, ohne aber die Ueberzeugung wecken zu können, daß er in der jetzt bezogenen Schönwetter-Position die früher deklarierten Eigenschaften eines Sturmhähnleins restlos verleugnen wird. Besonders wir Juden können in dieser Beziehung ein großes Mißtrauen nicht unterdrücken, das durch gewisse Vorfälle während des Wahlkampfes genährt worden ist, wenn auch die Partei offiziell das Bekenntnis zum Antisemitismus ebenso wie alles andere, was formell an das verbotene nationalsozialistische Programm anklingt, vermeidet. Wir Juden haben dem Deutschtum gegenüber das gute Gewissen treu erfüllter Pflicht. Wenn auf schwierigstem gemischtsprachigem Boden wie Prag, Brünn und anderen Kulturstätten das Deutschtum sich nicht nur behaupten, sondern sogar schöpferisch wirken konnte, wie die Literaturgeschichte beweist, so ist dies in erster Linie das Verdienst des Judentums. Andererseits hat der Radikalismus auf antisemitischer Grundlage nicht nur keine wesentliche Bereicherung deutscher Kulturwerte beizusteuern, sondern nicht einmal der Tschechisierung früher rein deutschen Sprachgebietes Einhalt zu gebieten vermocht. Angesichts dieser Tatsachen ist es grotesk, wenn jetzt ausgerechnet den Juden die Schuld an der Verminderung der Gesamtzahl deutscher Stimmen und der Vermehrung der tschechischen Stimmen zugeschoben wird. Die Veranlassung zu dieser eklatanten Ungerechtigkeit gaben die Jüdischnatiönalen. Diese glaubten besonders klug zu sein, als sie im neuentstandenen tschechoslowakischen Staate die Anerkennung einer eigenen jüdischen Nation durchsetzten. Damit wollten sie die Juden in dem nationalen Kampfe zwischen Tschechen und Deutschen neutralisieren. Abgesehen davon, daß eine Neutralität in geistig-kulturellen Belangen ganz unjüdisch ist, haben die Jüdischnationalen ihre eigene Argumentik ad absurdum geführt, indem sie bei der jetzigen Wahl ihre Kandidaten auf die Liste der tschechischen Sozialdemokraten setzten und so tatsächlich zwei Mandate erlangten. Sie haben durch diese Taktik nicht nur die von ihnen selbst früher verfochtene nationale Neutralität gebrochen, sondern ihre Wähler noch obendrein auf ein klassenk ä mpi er isches Programm festgelegt. Und dies nur zu dem edlen Zwecke, damit die Herren Dr. Angelo Goldstein und Dr. Chaim Kugel als Hospitanten der tschechischen Sozialdemokraten eine eigene „jüdische Partei" repräsentieren, deren Notwendigkeit unter isolchen Umständen noch weniger erhellt als früher, wo man durch Aufstellung einer jüdischen Liste tatsächlich ein politisches Alibi für die Juden zu schaffen glauben konnte. Als ob ein noch so geglückter jüdischer Alibibeweis den Antisemiten den Mund stopfen würde! Wir haben isoeben triumphierend die gerichtliche Brandmarkung der „Protokolle der Weisen von Zion" erlebt und sehen, daß die Hakenkreuzler die Desavouierung ihrer wichtigsten Waffe einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Und auch die anderen läßt das eindeutige Prozeß-Ergebnis vollständig kalt. Man stelle sich vor, wenn die geisti- Kleine Tube S —.90 GroBe Tuba 8 1.40 1B2 Hotel Bellevue 322 Pörtschach am Wörthersee Vornehmes Haus unter streng rituelle* Leitung. Herrliche Lage, direkt am See. Schöne sonnige Zimmer mit Fließwasser. Vorzügliche internation. Küche. Volle Pension: Vor- und Nächsaison S 9.— Häupts&ison........S 12.— Seebad und Garage frei. Geöffnet vom Mai bis Oktober VERLANGEN SIE PROSPEKT Ei gen Grundlagen irgend einer sonstigen Partei als Schundliteratur und Unsinn deklariert würden, ob diese Partei ihre Propaganda mit Aussicht auf Erfolg fortsetzen könnte. Hitler kann sich das erlauben und wo der nationalsozialistische Hahn selbst nicht krähen darf, dort begnügt man sich mit einem — Henlein. Die getarnte Nachfolge-Partei der sudetendeutschen Hitlerianer hat nicht bloß die Deutschen für sich entflammt: In Iglau haben 70 Prozent der Wähler für Henlein gestimmt und daraus schließen die „Wiener Neuesten Nachrichten", daß auch — Tschechen die Deutschvölkischen gewählt haben. Fassungslos steht man, wie angesichts der in Bern publik gewordenen Geschäftsverbindungen des nationalsozialistischen Gutachters Fleischhauer, vor dem Paradoxon einer Internationale der nationalen Chauvinisten. Dieser Widerspruch im Begriff löst sich aber zwanglos, sobald man sich die Erfahrung vor Augen hält, daß Bosheit und gemütsroher Sadismus internationale Eigenschaften sind und Brücken des Verständnisses aus einem „nationalen" Lager zum anderen, mag es auch das eines präsumptöven Feindes sein, schlagen. Spanien ruft! Auf die bange Frage, wohin die in unseren Tagen überall zu beobachtende hemmungslose Entfesselung des Judenhasses schließlich führen wird, erhalten wir aus Spanien wirklich erbaulichen Bescheid. Dort hat anläßlich der Schlußsitzung der Maimonides-Feier der Zivilgouverneur von Cordova an die jüdischen Festgäste eine Ansprache gehalten, in der er u. a. sagte: „Meine Herren! Sie sind nicht in Ihrem Namen aHein gekommen, sondern im Namen vieler Tausender Ihres Volkes, die selbst gern herbeigeeilt wären, um an diesen Festlichkeiten teilzunehmen, hätten sie nicht die große Entfernung gescheut. Aber Sie haben uns deren Gruß mitgebracht. Mit einer tiefen Andacht haben wir Ihren Worten gelauscht und waren bis ins Innerste erschüttert, als wirViele vonlhnen in der Sprache unseres Landes sprechen hörten. Wie eine getrocknete Blume, die aber alle Jahre ihr Aroma behalten hat, so haben Sie das Herz des alten Spanien in Ihnen lebendig erhalten, das Herz dieses Spanien, das Sie trotz alledem immer geiliebt und, wie ich hoffe, in Zukunft noch mehr lieben werden. Nach Jahrhunderten sind Sie nun zurückgekommen, meine Herren, in ein Land, das einst auch Ihnen gehörte. Sie waren Zeugen, wie in der Synagoge von Cordova das jahrhundertlange Schweigen durch Ihre Psalmen gebrochen wurde. Und ich als Katholik und Spanier danke auch aus ganzem Herzen, daß Sie für uns gebetet haben, sobald Sie sich in ihrer alten Synagoge versammelt hatten. Wohl schließen wir heute die Maknonides- Woche, aber wir öffnen heute, durch gemeinsame Liebe, alle Wege, die uns geistig und freundschaftlich näher bringen können. Wh* wollen Ihnen alle Wege öffnen zu einer Rückkehr zu uns. Der Franzose sagt: Jeder Abschied ist sozusagen ein Absterben,' Vergessen Sie nicht: Jede Rückkehr ist ein Wiederaufleben! So kommen Sie denn zurück nach Spanien, meine lieben Brüder! Für heute aber gehen Sie! Gehen Sie, aber nehmen Sie unsere freundschaftlichsten Gedanken mit auf Ihren Weg. Sagen Sie der Welt, daß Spanien Sie aufs liebevollste aufgenommen hat! Sagen Sie allen, daß Spanien den letzten Ueberrest der dunklen Vergangenheit ausgemerzt bat. Sagen Sie, daß das Spanien von heute Sie umarmt hat, wie man einen Sohn umarmt, der von einer langen Reise zurückgekehrt ist Erzählen Sie von unserem neuen Spanien, von unseren Zielen und Absichten, und dies möge ein Balsam sein für Israels Leiden. Reden Sie von uns Ihren Frauen, Ihren Kindern, Ihren Bekannten und Ihren Freunden, und sagen Sie alten, daß Spanien seinen jüdischen Brüdern seine Arme geöffnet und innen den Friedensfeuß auf die Stirn gedrückt hat" Wäre Hitler wirklich der Prophet, für den er sich ausgibt, er müßte ahnungsvoll diese spanischen Worte, unter denen besonders bemerkenswert die Anerkennung des Festhaltens der sephardischen Juden an der Sprache ihrer alten Heimat war, als ein Präludium ähnlicher Begrüßungen der jüdischen Rückkehr in allen Ländern erkennen, wo man die Juden ausbürgerte. Es muß nicht überall 400 Jahre dauern, bis sich die Erkenntnis von dem Schaden durchsetzt, den der Judenhaß anrichtet. In unserem raschlebigen Zeitalter wird es vielleicht schneller gehen. Ein Schauspiel für Götter. In Bukarest wurde jüngst ein Sekretär der deutschen Gesandtschaft von exzedierenden anttsernföschen Studenten verprügelt und ins Wasser geworfen, weil sie ihn für einen Juden hielten. Als echter Nationalsozialist wird sich der Mann für seine physischen Schmerzen reichlich entschädigt fühlen durch die seelische Beglückung in der Erkenntnis, wie intensiv die nationaJsoziaHsrJsche Ideenwelt die Geister bereits überall in ihren Bann zieht Auf uns Juden aber wirkt die Erkenntnis tröstlich, daß der exzessive Judenhaß sich am Ende selbst beim Kragen erwischt, um sich auszutoben.

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