Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 20 (17.5.1935)
- Date
- 1935-05-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 20 — 17. Mai 1935 DIE WAHRHEIT HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt den modernen Frühjahrs - Ulster und den feinen Maßanzug in prächtigsten Dessins für den eleganten Herrn Mitglieder und Freunde der „Union" Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater Ausstellungsstr. (vis~ä~vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. \orzugung einer Person, noch dazu eines derart prominenten Parteigenossen und Kultusrates, zum Schaden alier anderen, die im Besitze höchster Qualifikation sehnsüchtig nach einem derart hohen Posten blicken. Die jüdischnationale Mehrheit des Kultusvorstandes hält die Vorlage einiger Zeugnisse von zumeist orthodoxen Rabbinern zur Berufung auf die Stelle des Bibliotheksdirektors, also aui einen der höchsten wissenschaftlichen Posten der Kultusgenieinde. für genügend. Die unionistische Minderheit hält dagegen für diesen Posten die denkbar höchste wissenschaftliche Qualifikation für erforderlich, die durch keine Protektion ersetzt werden darf. Das ist der Unterschied zwischen jüdischnationaler Kulturauffassung und der der Union österreichischer Juden. Bei der jüdisclinationalen Mehrheit entscheidet für die Besetzung eines derartigen höchsten Wissenschaft- Uli liehen Postens die Parteizugehörigkeit, bei der .Union österreichischer Juden das Maximum an Wissen. Dies ist der weitere Unterschied zwischen ihnen und u n s. Bei der jüdischnationalen Mehrheit trat an Stelle sachlicher Begründung tödliches Schweige«. Kein einziger von ihnen hat trotz dringender Aufforderung des unionistischen Sprechers bei der gegenständlichen Sitzung auch nur den Mund aufgetan. Nie war Schweigen beredter. Bloß der radikale Zionist Dr. Plaschkes hat mit anerkennenswertem Mut seine Parteigenossen zu überzeugen versucht. Vergebens. Sie haben auch ihn angehört und geschwiegen. Die ..Stimme" erzählt noch manches andere über Herrn Moses Rath, das eine Erwiderung erfordern würde. Ich will darauf verzichten. Ich führe keinen Kampf gegen eine Person, sondern gegen ein System. Qegen das System der jüdischnationalen Mehrheit im Kultusvorstande, das schon zum Trennungsgesuche der Orthodoxen geführt hat und die Kreise der Union österreichischer Juden immer mehr verbittert. Wohin soll dies führen? Die Führer der jüdischnationalen Mehrheit tragen eine ungeheure Verantwortung. Das sollten sie sich mehr vor Augen halten. Mit Präsidieren und Abstimmeulassen ist es nicht getan. Dr. Maximilian S t i g 1 i t z. Welche Bezeichnung verdient die „Stimme" und ihr Anonymus? Der Artikel in der „Stiintne\ der den vergeblichen Versuch unternimmt, die Bestellung des Herrn Moses Rath zum Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien ohne Konkursausschreibung zu rechtfertigen und der sachlich in den vorstehenden Ausführungen des Herrn Dr. Maximilian Stiglitz beantwortet wird, schließt mit folgendem Absatz, der niedriger gehängt zu werden verdient: „Wir haben der Besprechung der Angelegenheit mehr Raum gewidmet, als ihrer Bedeutung angemessen ist Aber es war notwendig zu zeigen, in welch hemmungsloser Weise die „Union" an dem künstlich angefachten Feuerchen einer „Affäre" ihre armselige politische Bettelsuppe zu wärmen versucht. Oder hängt dieses Verhalten mit dem „Kampfgeist" des neuen Chefs der „Union" zusammen, der zur unliebsamen Ueberraschune der weitesten jüdischen Kreise ohne Unterschied ihrer sonstigen Einstellung aus jener Versenkung wieder aufgetaucht ist, die er bei etwas mehr Geschmack und weniger Ueberheblichkeit nie hätte verlassen dürfen? Mit dem Treiben dieses Herrn werden wir uns allerdings zufolge seiner unerträglich gewordenen Provokationen sehr bald und sehr ausführlich beschäftigen müssen." Ich frage nun, welchen Namen verdient das Verhalten eines Menschen, der seine schnöden Angriffe gegen mich als den „Chef" der „Union" aus dem Hinterhalte redaktioneller Anonymität richtet? Wie soll man ihn dafür nennen, daß er, um den „Kampfgeist" der „Union" zu schwächen, sich der nicht weniger schnöden Drohung mit weiteren Angriffen bedient? Und ich frage weiters: Welchen Namen verdient das Blatt, das solchen Schmähungen Raum gibt? Welche Bezeichnung verdient sein Verhalten, das sich nicht einmal damit begnügt, sondern sich so weit vergißt, die Nummer der „Stimme", die diesen Artikel enthält, meiner Tochter zuzusenden, die Mitglied der Jugend-Union ist. (Selbstredend war sie nie Abonnentin der „Stimme" und hat bis dahin auch das Blatt niemals erhalten.) Die Anschrift, unter welcher diese Zusendung erfolgt ist, wird hier photographisch wiedergegeben: Frau Lisi Oppenheim, I.Reichsratstr. 9 1210 Die Beantwortung dieser Fragen wird allen anständigen Menschen überlassen. Dr. Hermann Oppenheim. Zannatelier samt Wohnung im Zentrum von Graz, an jungen jüdischen Arzt, dem dadurch Möglichkeit zu einer Existenz gegeben ist,tbüligst zu verkaufen. Eilanträge unter „Zahnarzt" an die Administration dieses Blattes. Parteihader unter den Juden in Deutschland. Von den katastrophalen Heimsuchungen, denen die Juden in Deutschland seit dem Beginn der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ausgesetzt sind, durfte man sich wenigstens in einem höheren Sinne eine Regeneration des Judentums als Idee erhoffen. Während die Fahnenflüchtlinge, die Täuflinge und ihre Nachkommen bis ins zweite Geschlecht, durch die Ariergesetze plötzlich zwischen zwei Stühle zu sitzen kamen, fühlten sich die glaubenstreuen Juden wie in allen Zeiten der Bedrängung von außen zur Vertiefung ihres religiösen Empfindens, zu innigerem Zusammenschlüsse und zu gegenseitiger Hilfsbereitschaft angeeifert. Ja, zur selben Zeit, da sich die christlichen Kirchen infolge der neuheidnischen Bewegung leeren, erleben die jüdischen Gotteshäuser einen Ansturm gläubiger Scharen wie kaum jemals zuvor seit dem Falle der Ghettomauern. Die Juden, plötzlich vereinsamt im deutschen Vaterlande, besannen sich auf sich selbst und suchen emsig das edle Geistesgut. das sie ererbt von ihren Vätern hatten, im Goetheschen Sinne zu „erwerben, um es zu besitzen". Ihre Aechtung durch die irdischen Machthaber lenkte ihre Hoffnung zurück zur Allmacht Gottes und das gemeinsame Leid aller jüdischen Schichten machte sie innerlich und äußerlich wieder zu einem einheitlichen Volk von Brüdern und Schwestern. Während aber die jüdischen Massen eifrig beflissen sind, die unzeitmäßig gewordenen Scheidewände sozialer und sonstiger Gegensätze abzutragen, sehen wir gewisse Führer mit umso größerem Eifer am Werke, diese Gegensätze lebendig zu erhalten und die von ihnen künstlich Getrennten mit verderblichem, angesichts der jüdischen Gesamtlage geradezu verbrecherischem Parteifanatismus zu erfüllen. Just den Augenblick, in dem die Judenfeinde zu einem vernichtenden Schlage gegen die Jahrtausende alte Verwurzelung der deutschen Juden in der deutschen Scholle ausholen, halten die Zionistenführer für geeignet, eioen Kampf zur Eroberung der Berliner Gemeindestube heraufzubeschwören. Bei den letzten, noch vor Hitlers Machtantritt durchgeführten Kultusvorstandswahlen haben sich die Berliner Juden nach einem kurzen zionistischen Interregnum sehr eindeutig für die Vertreter des Assimilationsgedankens entschieden. Die damals mit großer Mehrheit Gewählten taten in schwerster Zeit ihre jüdische Pflicht. So ist das Schu 1w e s e n der Berliner Jüdischen Gemeinde seit dem Jähre 1933 unter liberaler Führung erweitert worden, durch Erhöhung der Schülerzahl um 2400 Kinder, durch Eröffnung von 59 neuen Klassen, durch Einstellung von 135 neuen Lehrkräften. Das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gelillililiillil nieinde hat unter liberaler Führung in den Jahren 1933 und 1934 Monat für Monat im Durchschnitt 19.000 Menschen betreut. Die Wirtschaft sh i 1 f e der Jüdischen Gemeinde hat seit Bestehen durch Kredithergabe über 2000 wirtschaftliche Existenzen, erhalten oder geschaffen, hat 4000 jungen Menschen die berufliche Umstellung ermöglicht und erst jetzt wieder zum Schillentlassungstermin zirka 1000 Kinder in Berufen untergebracht. Der beruflichen Fortbildung, der sportlichen und geistigen Ertüchtigung der Jugend, gleichviel ob sie liier ihre Tätigkeit sucht oder nach Palästina oder anderen Ländern auswandert, hat die Gemeinde ihre. vollste Unterstützung zuteil werden lassen. Die Altersheime und das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde sind erweitert worden. Die Zionisten hätten also allen Grund zur Zufriedenheit mit der Art, wie die liberale Vorstehung die Gemeindegeschäfte führt. Tatsächlich hat diese eine Anerkennung dadurch gefunden, daß die Amtsdauer der Gemeindekörperschaften durch einstimmigen VorstandsbescbJaß und mit einer Mehrheit von 38 zu 3 Stimmen in der Repräsentantenversammlung erst vor wenigen Monaten für die Jahre 1935 und 1936 verlängert wurde. Was veranlaßt nun plötzlich die Zionisten, von dieser loyalen Haltung zu kriegerischer Eroberungspolitik überzugehen und mitten im automatisch regierten Dritten Reiche einen Wahlkampt heraufzubeschwören, der zu einem leidenschaftlichen Bruderkampf ausarten müßte, den zu vermeiden das Judentum niemals mehr Anlaß hätte als eben jetzt? Die Antwort auf diese Frage ist grotesk genug. Während die Hitlerianer vor dem Berner Gericht sich eifrigst um den mißglückten Nachweis bemühten, daß das offizielle Basler Zionistenprogramm nur der Tarnung jüdischer Weltherrschaftspläne diene und daß die eigentlichen Tendenzen des Zionismus in den famosen „Protokollen der Weisen von Zion" zum Ausdruck kämen, haben sie aus dem Verlauf des Prozesses immerhin so viel gelernt, um zu erkennen, daß der Zionismus in Wirklichkeit nicht so verschrobene, sondern mehr realpolitische Ziele verfolge. Und diese Ziele fanden sie auf einmal sehr sympathisch, allerdings weniger das positive Ziel der Errichtung eines Jtidenstaates als das negative, das die Vonaussetzuns für jenes bildet: die jüdische Emigration aus den „Wirtsländern". Und so dekretierten sie, während noch ihr „Sachverständiger" in Bern auf verlorenem Posten den Kampf gegen den Zionismus weiterführen mußte, die Zionisten in Deutschland als die „oben" favorisierte jüdische Partei, weil sie den Juden die Auswanderung empfiehlt. Den Vertretern der anderen Richtungen, die den Juden Treue zum Vaterland predigen, wurde das Recht, öffentlich zu reden und zu schreiben, kurzer Hand entzogen. Da so die Assimilanten mundtot gemacht sind, glauben die Zionisten ihre große Stunde gekommen, in der sie mühelos ihre keineswegs bescheidenen Ansprüche durchzusetzen hoffen. Formuliert wurden diese Forderungen in folgender Resolution, die auf einer in Gegenwart der aus Palästina herbeigeeilten Führer Blume nfe 1 d und Ben Gurion abgehaltenen Arbeitstagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gefaßt wurde: Der Verein „Ost. Seehospiz in örado (Präsidentin Sofie Grünfeld) sendet Anfang Juli zarte, zu Katarrhen und Blutarmut neigende Alittelstandskinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, unter ärztlicher und pädagogischer (männlicher und weiblicher) Aufsicht, in sein eigenes Heim nach Grado (Italien). Ein 30rägiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (koscher) kostet S 5.— täglich, Der unter dem gleichen Präsidium stehende Verein „Ferienheim" entsendet in sein eigenes, rituell geführtes Heim nach BadVÖSlail (Mühlhof) erholungsbedürftige Kinder in obigem Alter, Verpflegskostenbeitrag S 3—4 täglich. Anmeldungen im Vereinsbüro. IX.. Türkenstraße 17, von 10—13 Uhr, Tel. A 51-5-63.