Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 20 (17.5.1935)
- Date
- 1935-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 20 — 17. Mai 1935 Seite 3 Noch einmal: eksdirektor der Jüdisch» nationalen. Selten hat eine Aifäre in der Wiener Judenschaft eine so tiefgehende Bewegung ausgelöst: die Entrüstung ist allgemein über die Art, wie die jüdischnationale Mehrheit des Kultusvorstandes den Posten des verstorbenen Regierungsrates Dr. W a c h s t e i n neu besetzt lur. Nicht bloß in den Rethen der Union österreichischer Juden, auch bei vielen Jüdischnationalen selbst und nicht zuletzt bei den Orthodoxen hat diese Glanzleistung der jüdischnationalen Mehrheit Empörung hervorgerufen. In der entscheidenden Sitzung vom 15. April hatte tlio jüdischnationale Mehrheit plötzlich die Sprache verloren. Die Herren haben bloß abgestimmt, buchstäblich kein einziger von ihnen hat sich erhoben, um auch nur ein Wort der Begründung für diese famose Art der Besetzung eines derart hervorragenden Postens vorzubringen. Sie erhoben die Hände, mit einer einzigen Ausnahme, und Herr Moses Rath war ernannt. Aber auch ihr Presseorgan, die „Stirn m e", hatte ihre Stimme verloren. Erst rund vier Wochen später, am 10. Mai, fand sie ihre Sprache wieder. Wahrhaftig, i Ii r e Sprache. „Eine widerwärtige Hetze" überschreibt sie ihren Artikel und in der Tat, was der Verteidiger der jüdischnationalen Mehrheit des Kultusvorstandes da vorbringt, verdient diese Bezeichnung: Eine widerwärtige Hetze. Jedem Wiener Juden sei empfohlen, diesen Artikel zu lesen: er wird ihm die Augen öifnen, auch dem, der bisher der jüdischnationalen -Mehrheit gutgläubig Gefolgschaft geleistet hat. Die Herren konnten sachlich nicht antworten. Also ließen sie einen Artikelschreiber los. der den Mangel an sachlichen Gründen durch ein wüstes Geschimpfe zu ersetzen suchte. Und nicht bloß durch dieses. Natürlich wendet sich die Wut des ex ofto-Verteidigers der jüdischnationalen Mehrheit zunächst gegen die „W a h r h e i t". Er findet es sonderbar, daß „dieses Blättchen noch immer die Auszeichnung genießt, von der Kultusgemeinde zur Publikation offizieller Verlautbarungen verwendet zu werden". Diese Publikationen sind zumeist Ankündigungen, welche selbstverständlich bezahlt werden. Die „Wahrheit" bringt nun auch die Veröffentlichungen der Union österreichischer Juden. Also: Wenn die „Wahrheit" weiter die Wahrheit bringt, die Artikel der Union österreichischer Juden, soll ihr das Einkommen aus den Ankündigungen der Kultusgemeinde entzogen werden. Die Wahrheit soll mundtot gemacht werden. 11.000 jüdische Wähler haben bei den letzten Wahlen für die Union österreichischer Juden gestimmt. Diese 11.000 Wiener Juden sollen nicht mehr die Möglichkeit haben, in ihrem Blatte die Ankündigungen der Kultusgemeinde zu lesen. Und diesem Blatte muß der Brotkorb höher gehängt werden, wenn es nicht kuscht. Ein Preisrätsel: Wie nennt man ein solches Vorgehen? Ein zweites: Wie machen es denn eigentlich die Nazi im Dritten Reiche mit oppositionellen Blättern? Aber es kommt noch schöner: Ich habe ja doch den Artikel in der „Wahrheit" geschrieben, und wie selbstverständlich, mit meinem Namen unterzeichnet. Das soll gerochen werden. Also vernichtet der ex offo-Verteidiger der jüdischnationalen Mehrheit mich in der „Stimme" in der Weise, daß er mir zunächst vorhält, daß ich in Czernowitz geboren und dort aufgewachsen bin und „geradezu als Interessenvertreter der Wiener Juden das Wort ergriifen habe". „Daß wir," fügt er schmunzelnd hinzu, „niemals zwischen Ost- und Westjuden einen Unterschied gemacht haben, brauchen wir nicht erst zu beweisen. Wir haben auch niemals", versichert er großherzig, „einen Menschen deshalb geringer geschätzt, weil er gewisse Eigenschaften seines heimatlichen Dialektes nicht abgelegt hat. Wenn aber jemand mit der Maske der „Bodenständigkeit" auftritt und öffentlich ein Urteil darüber abgibt, was sich die ..Wiener" Juden werden gefallen oder nicht gefallen lassen, müssen wir doch dem Herrn Dr. Stiglitz, dem wir es ansonsten sicherlich nicht verübeln würden, daß er noch immer so singt, wie ihm auf dem heimatlichen Boden von Czernowitz der Schnabel gewachsen ist, dringend empfehlen, an dem Ausbau von Gegensätzen zwischen Ost und West zumindest solange nicht mitzuarbeiten, bis gewisse Eigentümlichkeiten seiner östlichen Redeweise abgeschliffen sein werden." Dies das wörtliche Zitat. Dreimal in meinem Leben wurde mir mein Vogelnamen vorgeworfen mit der gleichen geistreichen Phrase, ich solle so singen, wie mir mein Schnabel gewachsen ist. Das erstemal war es ein Lausbub aus der dritten Gynmasialklasse, der damals, vor mehr als einem halben Jahrhundert, mein Mitschüler war. Er erhielt dafür von mir eine Ohrfeige, daß er blutete: ich dafür vier Stunden Karzer. Das zweitemal war. es ein antisemitischer Lausbub in der Vorkriegszeit. Ich wurde damals in Favoriten in den Gemeinderat kandidiert gegen den späteren antisemitischen Stadtrat Biber. In den Rosensälen fand eine nesige Wählerversammlung statt. Die Reichsratsabgeordneten Baron Hock. Kuranda und Dr. O f ner sprachen vor mir, meine Kandidatur zu empfehlen. Als ich nun selbst das Wort ergriff, schrie ein antisemitischer Lausbub mich an, ich solle doch nach Tarnopol sehen und dort singen, wie mir mein Schnabel gewachsen ist. Der Mann wurde aus dem Saale hinausgeprügelt. Das drirtemal ist es ein Stammesgenosse, der Ar- Ukelschreiber der „Stimme". Er hat aber nicht das Geringste zu befürchten. Der Arme weiß nicht, daß die Juden sich ihre Zunamen im 18. Jahrhundert nicht «wählt, sondern zugewiesen erhalten haben. Ueberdies würde er mir mein Jüdeln und Mauscheln verzeihen und mich darob nicht geringer schätzen, wenn ich nur nicht cie Frechheit besäße, unter der „Maske der Bodenständig k e i t" aufzutreten und öffentlich ein Urteil abzugeben, was sich die „Wiener" Juden werden gefallen lassen oder nicht gefallen lassen. Also, ich bitte ihn zunächst um Verzeihung, daß ich jüdle und mauschle und dennoch es wage, mich einzumischen. Das ist eben die jüdische Frechheit, die in mir unausrottbar liegt. Und ad Kapitel Bodenständigkeit: Meinem Tadler genügt es nicht, daß ich bereits zweiundvierzig Jahre in .Wien lebe und arbeite, daß ich füniunddreißig Jahre Rechtsanwalt in Wien bin und daß ich dreiunddreißig Jahre meine Kanzlei in einem und demselben Hause habe. Damit man die Bodenständigkeit in Wien erlangt und ein Wiener Jude wird, müßte ich nach Anschauung meines Tadlers vermutlich fünfhundert Jahre in Wien leben. Aber so lange langt es nicht, mein Herr. Oder verlangt der Herr von mir eine „bodenständige'* Großmutter? Für die „Stimme"-Herren bin ich eben ein „Zuasraste r". Und mit solchen Mitteln sucht die „Stimme", das Organ der führenden Jüdischnationalen, die Kritik der Protektionswirtschaft; und des Günstlingswesens, genannt Ernennung des Herrn Moses Rath, abzuwehren. * * * Was die „Stimme" sachlich sagt, ist jämmerlich wenig: Es handelt sich doch vor allem darum, daß die jüdisciinationaJe Mehrheit den unionistischen Antrag, die Ausschreibung eines Konkurses für die durch den Tod des Regierungsrates Dr. Wachstein erledigte Stelle vorzunehmen, abgelehnt und in eben derselben Sitzung Herrn Moses Rath, Parteigenossen und zudem jüdischnationalen Kultusrat, zum Bibliotheksdirektor ernannt hat, dies sogar ohne Berücksichtigung höchstqualifizierter Bewerber, die sich auch ohne Konkursausschreibung, auf die bloße Nachricht vom Tode Wachsteins, in Scharen gemeldet haben. Es war also offenkundig, daß die Jüdischnationalen in ihrer ParteisStzung beschlössen hatten, ifhren KultusratkolJegen unter allen Umständen durchzudrücken und jeden Bewerber, wer immer es sei, von vornherein auszuschließen. Die „Stimme" sagt nun, es werde den Jüdischnationalen scheinheilig ausgesetzt, daß die Stelle im Wege eines Konkurses zu besetzen gewesen wäre. Scheinheilig: Theodor Herz 1 selbst hat es ja doch als Gebot der Reinheit und Sauberkeit bezeichnet, daß der Kultusvorstand jede Stelle nur im Wege der Konkursausschreibung besetze. Herzls Forderung nach Sauberkeit und Reinheit ist also auch nur scheinheilig. 3B2 Hotel Bellevue 323 Pörtschach am Wörthersee Vornehmes Haus - unter streng rituelle! Leitung. Herrliche Lage, direkt am See. Schöne sonnige Zimmer mit Fließwasser. Vorzügliche internation. Küche. Volle Pension: Vor- und Nachsaison 6 9.— Häuptsaison........S 12.— Seebad und Garage frei. Geöffnet vom Mai bis Oktober VERLANGEN SIE PROSPEKTE! Die „Stimme" begründet die Unterlassung der Konkursausschreibung damit, daß die Bestellung des Bibliotheksdirektors sehr dringend gewesen sei. Aber die Sitzung fand doch am 15. April statt und heute, am 14. Mai, da ich diesen Artikel schreibe, hat Herr Rath seine Stelle noch immer nicht angetreten: So dringend war die Besetzung. Die Dringlichkeit ist also nur eine faule Ausrede, um so fauler, als in der Bibliothek vier Bibliotheksbeamte arbeiten, alle vier Doktoren, davon der älteste schon seit Jahrzehnten. Die weitere faule Ausrede geht dahin, daß ein Ausländer nicht in Betracht kommen konnte. Aber es haben sich ja doch schon ohne Konkursausschreibung 10 oder 12 Bewerber gemeldet, die Inländer waren; und auch in Deutschland gibt es höchstqualifizierte Anwärter, darunter Rabbiner, die unter den dortigen Verhältnissen unsäglich leiden und österreichische Staatsbürger, zum Teile sogar nach Wien zuständig sind. Weiters behauptet die „Stimme", auch die unionistische Majorität hätte seinerzeit bei Besetzung der Stelle des Chefs des Schulamtes keinen Konkurs ausgeschrieben. Dies ist einfach unwahr. Die unionistische Mehrheit hat damals, 1919, einen Konkurs ausgeschrieben. Es haben sich siebzehn hervorragend qualifizierte Bewerber gemeldet. Der damalige Oberrabbiner Dr. C h a j e s hat über diese in einer Kommission referiert und es wurde sodann aus den zwei von i h m bestqualifizierten Bewerber einer, Studienrat Prof. Dr. R e d i s c h, zum Chef des Schufamtes bestellt. Dr Redisch war damals Professor am Akademischen Gymnasium in Wien, der vornehmsten Mittelschule Wiens. Die Stellen des Leiters des Steueramtes und des Rechnungsdirektors hat die seinerzeitige unionistische Majorität allerdings ohne Konkursausschreibung besetzt: Aber auf Grund eines einstimmigen Beschlusses des Kultusvorstandes, es waren also alle jüdischnationalen Kultusräte mit diesem Modus einverstanden. Es handelte sich damals um die Akquisition zweier in gehobener Stellung im aktiven Staatsdienste gestandener bestqualifizierter Staatsbeam- Kleine Tube S — .90 Große Tube S 1.40 ten, iür Stellungen zumal, die besonderes Spezialwissen erforderten: ilofrat Dr. Goldmann und Rechnungsdirektor Weinberg. Wir können uns heute noch gratulieren, daß wir diese zwei tüchtigen, hervorragenden Männer in unserem Beamtenkörper haben. Schließlich wendet die „Stimme" ein, es gebe auch für die Berufung eines Kultttsvorstandes zu einem besoldeten Amte einen Präzedenzfall: ja, aber diese Berufung eriolgte gleichfalls einstimmig, also auch mit den Stimmen der damaligen jüdischnationalen Minderheit, und aus ganz besonderem Grunde. Es handelte sich damals um einen unserer tüchtigsten und verdienstvollsten Beamten, der etwa zwei Jahrzehnte aktiv tätig war und dann sich nicht etwa pensionieren ließ, sondern mit Vorbehalt der künftigen Geltendmachung seiner Pensionsansprüche in Ehren aus dem Amte schied. Wegen seiner außerordentlichen Kenntnisse der Verwaltung der Kultusgetneinde wurde er sodann in den Kultusrat gewählt und nach einiger Zeit einstimmig wieder zum Beamten der Kultusgenieinde ernannt, also reaktiviert zum Zwecke der unaufschiebbar gewordenen Gründung der Fürsorgezentrale, die er auch musterhaft ausgestattet hat. Es ist dies unser verdienter Vorstand der Fürsorgezentrale Emil Engel. Und mit solchen Einwendungen kommt matt uns da. Besser, die „.Stimme" wäre stumm geblieben. * * * Weiters wird mir vorgehalten, ich. hätte nur von den Zeugnissen der orthodoxen Rabbiner von Horodenka, Bochnia und Kolomea erzählt, nicht aber von denen des orthodoxen Rabbiners von Czernowitz, des Oberrabbiners Dr. Chajes und des Krakauer Oberrabbiners Dr. Thon. Das Zeugnis des mir in meiner Jugend noch bekannt gewesenen, sicherlich höchst gelehrten, ehrwürdigen orthodoxen Rabbiners Benjamin Weiß ist dem damals 19jährigen Moses Rath ausgestellt und besagt doch nur, daß er „baki b'schass uphoss'kim" ist, d. h. (wörtlich), daß er „bewandert im Talmud und Dezisoren*' ist. Ich frage: Beweist dieses Zeugnis eine derart erhöhte Qualifikation, daß es alle anderen Konkurrenten von vornherein schlägt und daher eine Konkursausschreibung unnötig macht? Ein Zeugnis, einem 19jährigen Jüngling ausgestellt und vergleichshalber etwa als Maturitätszeugnis im Talmudstudium zu werten. Das Zeugnis des gottseligen Herrn Oberrabbiners Dr. Chajes wieder besagt, daß Herr Moses Rath an dem von ersterem geleiteten hebräischen Pädagogium durch sieben Jahre als Dozent erfolgreich tätig war. Aehnliches besagt der Krakauer Rabbiner. Aber die Kenntnis des Herrn Moses Rath im Hebräischen wird doch von keiner Seite in Zweifel gezogen. Es handelt sich vielmehr darum, ob diese Kenntnisse für sich allein schon genügen, um alle Konkurrenten von Anbeginn aus dem Felde zu schlagen, so sehr, daß nicht einmal ein Konkurs ausgeschrieben wird und alle anderen Anwärter betrübten Herzens und hungrigen Magens sich sagen müssen, die jüdischnationalen Kultusräte haben uns Unrecht getan, sie sind über uns hinweggegangen, haben uns der Bewertung nicht für würdig erachtet, haben es nicht einmal für notwendig gehalten, unsere Zeugnisse auch nur anzusehen, sie haben uns um eine unserer schönsten Zukunftshoffnungen gebracht. Es handelt sich weiters darum, daß auch nicht der Anschein erweckt werden dari einer einseitigen Be- 2te*tke. an hiesigen — f&miom ic&ütyt, vok vfetycft/ 1. b«l Mrofjunlohlglicll IMVAIIDITXTI.RIMTIM t. Mf «In MfgtoMt AlUr «LIIIillHTIN a. Im AbUbcaiMte HIHTIRILIIIINSH'BIMTIN Ueber Veranlassung der jüdischen Mitglieder der Wiener polnischen Kolonie findet Sonntag, den 19. Mai, 10 Uhr vormittags, eine Trauerieier für Marschall Piisudzki statt. Die Gedenkrede hält Herr Oberrabbiner Dr. Feuchtwang. 1k ALLGEMEINE VERSICHERUNG! A.-C. PENSIONS-VEREIN WIEN, I., SCHELLINCGASSE 1