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Die Wahrheit · 1935-05-10 · Heft 19 (10.5.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 19 (10.5.1935)
Date
1935-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 19 — 10. Mai 1935 DIE WAHRHEIT Für die Mitglieder der „Union österreichischer Juden44 Beratungsstelle für kaufmännische, gewerbliche, Steuer- und Versicherungs- Angelegenheiten. Leiter: Komm.-Rat Alexius Salz er* Eingehendelnformationen für jedes Mitglied der .Union" unentgeltlich, und zwar bis auf weiteres Wien 1., Kohlmarkt 8, 1. Stock, Tür 4, täglich (mit Ausnahme von Samstag) von 10—12 Uhr vormittags. HHBMMnBOMauiutaaBHanr Klaber als Es ist in der letzten Zeit wiederholt vorgekommen, daß die Vorstände von Tempel- und Wohltätigkeitsvereinen Veranlassung hatten, über das Austreten der in die Generalversammlungen dieser Vereine entsendeten jüdischnationalen Vertreter des Wiener Kulturvorstandes mehr als ungehalten zu sein. Die Herren sehen im Gegensatz zu der bisherigen Uebung, daß die Vertreter der Kultusgemeinde die meist nur zu berechtigten Wünsche der betreffenden Vereine entgegennehmen und im Kultusvorstand nach Tunlichkeit vertreten, ihre Aufgabe darin, die Gebarung der Vereinsvorstände vor den in der Generalversammlung erschienenen Vereinsmitgliedern zu kritisieren, wodurch das Ansehen dieser um die Sache gewöhnlich eifrig bemühten Vorstände in den Augen ihrer Mitglieder nur leiden muß. Bekannt in dieser Hinsicht ist besonders der Obmann der Fürsorgekommission und — nach dem Ausscheiden des Herrn Moses Rath aus dem Kultusvorstand — präsumptive Obmann der Unterrichtskommission Herr Dr. Isidor Klaber. Er scheint sich in das ihm winkende Schulamt vor allem dadurch einarbeiten zu wollen, daß er in der Wiener jüdischen Gemeinschaft wegen ihrer Verdienste um dieselbe hochgeachtete Männer — schulmeistert. Ein besonders krasses Stückchen leistete sich Herr Dr. Klaber bei der kürzlich unter dem Vorsitze des Herrn Bundeskulturrates Hofrates Prof. Dr. S. Frankfurter abgehaltenen Generalversammlung des Vereines „Jüdisches Museum". Dieser Verein leistet unter der Führung seines dem Vereinsvorstande seit 15 Jahren angehörenden Präsidenten Hervorragendes zur Erhaltung des Jüdischen Museums, das in diesem Jahre die Feier seines 40jährigen Bestandes begeht. Dieses Jüdische Museum, das seinen kostbaren Schätzen gemäß an der Spitze aller ähnlichen Institutionen Europas stehen kann, bleibt, was seine räumlichen Verhältnisse anbelangen, weit hinter diesen Institutionen zurück, die alle — man denke nur an das herrliche Jüdische Museum von Budapest — in entsprechenden Prachträumen untergebracht sind. Unser jüdisches Museum muß sich in die engen Räume des dem Vereine „Talmud Thora" gehörenden Hauses in der Malzgasse zwängen, Versuche, es von dort in entsprechende größere Räume zu bringen, sind bisher trotz aller Bemühungen des Vereinsvorstandes und insbesondere seines um die Sache hochverdienten Präsidenten Hofrates Dr. Frankfurter gescheitert. Der recht gut besuchten Generalversammlung dieses Vereines, die mit einem interessanten Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. A. Z. S c h w a r z verbunden war, wohnte neben prominenten Persönlichkeiten des Wiener Judentums auch Herr Dr. Klaber als Vertreter des Kultusvorstandes bei. Schon zu Beginn seiner Ausführungen fand er es für richtig, an der Tätigkeit des Vereinsvorstandes Kritik zu üben, ihm mangelnde Rührigkeit vorzuwerfen, die er damit beweisen wollte, daß seiner Ansicht nach die Versammlung schlecht besucht sei, weil, wie er meinte, für dieselbe zu wenig Propaganda getrieben worden wäre. Er mußte sich vom Vorsitzenden dahin belehren lassen, daß die Versammlung in den jüdischen Zeitungen, in der „Neuen Freien Presse" und überdies in den Nachrichten der B.-B.-Logen angekündigt worden ist, in deren Räumen die Generalversammlung stattfand. Anscheinend erzürnt über diese Abfuhr benützte Herr Dr. Klaber eine Bemerkung eines Debattenredners zu heftigsten Ausfällen gegen den Vereinsvorstand und insbesondere dessen Präsidenten. Herr Dr. Oskar Teller, der als Vertreter der „Jüdischen Kulturstelle" <ier Versammlung beiwohnte, bemerkte nämlich bei Erörterung der auch von anderen Rednern andurch das Gesetz vom Jahre 1890 den Kultusgemeinden eingeräumte Kompetenz, die darin besteht, autonom für die religiösen Bedürfnisse der Juden vorzusorgen, überschreiten und den Rahmen der Kultusgemeinde sprengen. Er würde dazu führen, was gewisse jüdischnational-zionistische Kreise schon längst angestrebt haben, aus der Kultusgemeinde eine Volksgemeinde zu machen. Ein solches gesetz- und Statuten widriges Verhalten würde auf unseren schärfsten Widerstand stoßen und der Einheit der Kultusgemeinde aus politischen Gründen den Todesstoß versetzen. Erzieher. geschnittenen leidigen Lokalfrage wörtlich folgendes: „Es gibt heute auf der Ringstraße Häuser, in denen Wohungen mit 8 bis 10 Zimmern vermietet werden." Diese Mitteilung, die für keinen Kenner der Wiener Lokalverhältnisse eine Neuigkeit darstellt, brachte Herrn Dr. Klaber ganz-aus dem Häuschen. Er erblickte darin eine gehässige Anspielung auf das Kultuspräsidium, weil im Zuge der erwähnten Bemühungen um ein neues Lokal u. a. auch Räume in einem auf dem Schottenring stehenden, von der Kultusgeminde verwalteten Stiftungshause als durchaus entsprechend in Aussicht genommen sind. Die Verhandlungen bezüglich dieses Objektes schweben schon seit langer Zeit, wir wollen hier nicht untersuchen, wen die Schuld daran trifft, daß sie noch nicht zu einem Abschluß gekommen sind. Es ist aber ein ganz merkwürdiger Zustand, daß ein Privatverein ein jüdisches Museum •erhalten muß, daß die Kultusgemeinde diesem wichtigen Vereine eine mehr als bescheiden zu nennende Subvention gibt, die in gar keinem Verhältnisse zu den Subventionen für Vereine eines bestimmten politischen Charakters steht, und daß sie nicht dafür Sorge trägt, daß diese Institution in einem der der Gemeinde gehörenden Häuser passend untergebracht wird. Herr Dr. Klaber scheint auch dieser Ansicht zu sein und daraus ist wohl seine Empfindlichkeit zu erklären. In aggressiven Worten machte er seiner „Empörung" laut Luft, arrogierte sich Rechte des Vorsitzenden und verließ schließlich, weil ihm nicht „Genugtuung" geworden, mit Drohungen gegen den Vereinsvorstand und namentlich gegen dessen Präsidenten die Versammlung. Noch im Abgehen machte er gegen ein prominentes Mitglied der Versammlung einen ehrenrührigen Vorwurf. Der Versammlung bemächtigte sich große Erregung. Unter allgemeinem Beifall wurde der Antrag einer Vertrauenskundgebung für den Vorsitzenden angenommen. Wir glauben, daß es doch zweckmäßig wäre, daß das Kultuspräsidium bei der Auswahl seiner Delegierten in Hinkunft etwas mehr Rücksicht darauf nimmt, ob diese Vertreter die Kultusgemeinde auch richtig vertreten. Im Falle Doktor Klaber kann dies nicht behauptet werden. Der künftige Obmann der Unterrichts-Kommission sollte erst unterrichtet werden, wie ein Vertreter einer Kultusgemeinde aufzutreten hat. Der Kairoer Judenprozeß. Bekanntlich haben die deutschen Berichterstatter den Ausgang des Prozesses in Kairo als einen deutschen Weitstes über das Judentum auspcßaunt. obwohl die Zurückweisung der Klage des Juden Umberto Jabes gegen den Deutschen Verein in Kairo lediglich aus formalen Gründen — infolge Absprechung der Klagelegitimation — erfolgt ist. Die deutsche Berichterstattung hatte aber auch die Rede des Generalstaatsanwalts, die außerordentlich objektfv war und im übrigen die jüdische Rasse gegen Verdächtigungen in Schutz nahm, antisemitisch umgefälscht und die Person des Generalstaatsanwalts für die antisemitische Front reklamiert. Nunmehr liegt das stenographische Protokoll dieser Rede vor; danach hat der Generalstaatsanwalt, Justice Hugh O. Helmes, King's Council, indem er die Abweisung der Klage von Jabes beantragte, wörtlich ausgeführt: Die Sache der jüdischen Rasse dauert bereits zwanzig Jahrhunderte, und man kann heute sagen, daß die Geschichte definitiv ihr Urteil hierüber gesprochen hat. Während all dieser Zeit war diese Rasse Diffamierungen aller Art, sogar noch schwereren Prüfungen, unterworfen. Aber indem sie alle diese Diffamierungen verachtete und sich auf die Leistungen ihrer Mitglieder in der ganzen Weit beschränkte, bat sie vor dem allein zuständigen Tribunal, dem Tribunal der Geschichte, ein günstiges Urteil erlangt. Dieses Urteil kann nicht berührt werden durch das Pamphlet, welches zu dem Gerichtsfall hier geführt hat, auch nicht durch den Entscheid eines Tribunals von drei oder vier Friedensrichtern, gleichgültig wie hoch ihre Autorität ist. . ■ QROSSFLEISCHHAUEREI tIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht das ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Bittere Früchte. Im „Neuen Wiener T a g b 1 a 11" war am. letzten Sonntag ein sensationeller großer Artikel über „Theodor Herzl und sein Verruäcltt. uis" von Erwin Rieger zu lesen. Der Autor, der eine ausgezeichnete Feder führt. ließ zwar Herz! und seinen Bestrebungen alle Gerechtigkeit zuteil werden, er verwies aber auch in aufrichtiger Weise auf die Gefahr, die der politische Zionismus für die assimilationsbereite Judenschaft bedeutet. In dieser Hinsicht schrieb er warnend: Was Herzl gesät hat, es ist inzwischen aufgegangen, doch diese Früchte sind zum Teil eher bitteralssüß. Das jüdische Palästina selbst, das ihm freilich immer nur als eine Heimstätte für jene Juden vorgeschwebt hat, die sielt nichtassimilieren k ö n n e n o d e r w o 11 e n, es ist heute immer noch weit mehr Experiment als Erfüllung, und erst die Zukunft wird lehren, inwieweit es den zionistischen Erwartungen auf die Dauer auch wirklich zu entsprechen vermag. Anderseits hat gerade die zionistische Ideologie, die zutiefst auf dem Rassegedanken beruht, jenem extremen Nationalismus innerhalb der „Wirtsvölker" zweifellos beträchtlich Vorschub geleistet, der nun in Deutschland zu einer neuen jüdischen Katastrophe von nocii ungeahnter Tragweite geführt hat. Kein Zweifel, es ist von einer höheren, nämlich der europäischen Warte aus, tief zu beklagen, daß das neunzehnte Jahrhundert, großmütig genug, die Emanzipation zu gewähren, doch wieder nicht groß, vor allem aber nicht geduldig genug war, sie sich voll auswirken zu lassen und so den Prozeß der Assimilation, die auf gutem Wege war, einerseits durch den Antisemitismus, anderseits durch den Zionismus aufzuhalten und sehr e m pfindlich zu stören. Aber so leicht man pc litische Programme zu kritisieren vermag, so unfruchtbar ist es, mit den Leidenschaften der Massen zu rechten Und so steht denn heute dein großen Zionisteuführer Theodor Herzl der Typus des tragischen Juden gegenüber, der sich assimilieren möchte, dem man es aber von beiden extremen Lagern aus verwehren will. Dieser Typus ist gewiß im rein menschlichen und daher vornehmsten Sinne der schlechteste nicht, und ein heute sehr zu Unrecht verkannter großer deutsche: Jude, Walter Rathenau, legt dafür gültig Zeugnis ab, wenn er gelegentlich sagte: „Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes, mein Volk ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den Bekenntnissen steht . . . Für mich entscheidet über die Zugehörigkeit zu Volk und Nation nichts anderes als Herz, Geist, Gesinnung und Seele." i 00.000 polnische Juden in Palästina. Der soeben veröffentlichten offiziellen Statistik über die Einwanderung nach Palästina ist zu entnehmen, daß in den Jahren 1920 bis 1934 88.856 Juden aus Polen nach Palästina ausgewandert sind. Fast jedes neue Jahr brachte eine Steigerung der Auswanderung, die 1934 18.329 Seelen betrug. Heute sind es bereits über 100.000. * Diese Ziffern illustrieren die Richtigkeit der Behauptung in unserer kürzlich veröffentlichten kritischen Beleuchtung der Palästina-Einwanderung, wonach das Hauptkontingent dieser Einwanderung — trotz der deutschen Kataslirophe — noch immer die Juden aus Polen stellen. 300.000 beträgt rund die jüdische Gemeinschaft in Palästina, davon sind also ein Drittel Einwanderer aus Polen in den letzten 15 Jahren. Von dieser Einwanderung nehmen sie fast die Hälfte in Anspruch. Ziffern, die sprechen . ..

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