Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 19 (10.5.1935)
- Date
- 1935-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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«äSääöiEtoäässS azEWAHRHirr Nr. 19 — 10. Mai 1935 Seite 5 der Am 15. Jänner ist Regierungsrat Dr. Bernliard \\" a c ii s t e i n, Direktor der Gcmeindebibliothek der Wiener Kultusgemeinde, gestorben. Genau drei Monate später, am 15. April, hat die jüdischnationale Majorität ihm einen Nachfolger gesetzt: in der Person des Herrrn Moses Rath. Wer war Wachstein? Das sagt uns allein schon die Tatsache, daß der Vorstand der Kultusgemeinde anläßlich seines dreißigjährigen Dienstjubiläunis ihm die höchste Ehrung erwiesen hat, die einem Gelehrten überhaupt erwiesen werden kann. Der Vorstand der Kultussemeinde hat eine Bibliographie der Schritten Waclisteins zusammenstellen lassen. Sie umiaßt ein ganzes Heft und verzeichnet sage hundertsechsundvierzig Werke, dickleibige Bände, Schriften. Broschüren und Artikel. Diese Bibliographie erschien im Juni 1933, vor knapp zwei Jahren, zu Lebzeiten Wachsteins und zur Zeit seiner aktiven Dienstleistung, also nicht etwa als Nekrolog, als Abschiedsworte, die man einem. Verstorbenen nachruft und die schön klingen, wie man nach einem Verstorbenen immer nur das Schönste und Beste nachzusagen pflegt. In dieser Veröffentlichung sagt nun der Vorstand der Kultusgemeinde, die Bibliographie solle (wörtlich) der Oeffentlichkeit ein getreues Bild der Leistungen des seit dreißig Jahren im Dienste der jüdischen Gemeinschaft stehenden, weit über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannten wissenschaftlichen Beraters unserer Gemeinde vor Augen führen. Wir lernen hier, heißt es da wörtlich, „Wachstein kennen, nicht nur als den hervorragenden Gelehrten, als Historiker und Forscher, als Philosophen und Denker, als Genealogen und Biographen, als Bibliographen und Paläographen, als Folkloristen und Humoristen, wir finden in ihm auch den mutigen Kämpfer und Verteidiger seines Volkes. Wer seine „Diskussionsschriften über die Judemrage" eingehend studiert, muß wahrnehmen, daß Wachstein im vollen Sinne des Wortes der an die Geielircen unseres Volkes gestellten Anforderung unserer Weisen „W'daa mah schethaschib" (Aboth II, 19! entspricht. W. tritt da nicht als Apologet auf. Verteidigungen gegen die Angriffe auf das Judentum pflegten in der Regel nicht viel zu nützen. Er erscheint vielmehr als Ankläger der vielen unserer sogenannten wissenschaftlichen Gegner. In sachlicher, überzeugender und unbestreitbarer Weise liefert er Stelle um Stelle den Nachweis von Fälschung, bewußter Verleumdung, Ignoranz und gedankenloser Abschreibung früherer Ignoranten. Durch diese Schrift, welche die Möglichkeit bietet, Angriffe gegen das Judentum auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen, hat sich Wachstein um die Verteidigung unseres Volkes ganz besonders verdient gemacht. Nun werden es jetzt dreißig Jahre, seitdem Beruhard YVachstein im Dienste unserer Gemeindebibliothek steht, die unter seiner Leitung zu einem erstrangigen Institute von Weltruf geworden ist. Die Gemeinde ehrt ihren Gelehrten aus diesem Anlaß damit, daß sie ihm diese Schrift widmet." So urteilte der Vorstand der Kultusgemeinde über den lebenden, noch im Dienste stehenden Wachstein. So urteilte die jüdischnationale Mehrheit einmütig mit der unior.istischen Minderheit, die, vor 32 Jahren, damals selbst noch Mehrheit, diesen Mann in den Dienst der Gemeinde aufgenommen hatte. So urteilte auch der Vorstand der Kultusgemeinde einmütig über den toten Wachstein, als er im Jänner starb, und so urteilte auch die jüdische Presse über den großen Toten, die ji'tdisclinationale einmütig mit der anionistischeu, und die „Stimme", das jüdischnationale Organ, schrieb in ihrem Nekrolog vom 18. Jänner 1935 vollkommen zutreffend, der Tod Wachsteins habe (wörtlich) „nicht nur in die jüdische wissenschaftliche Welt, sondern in einem ganz besonderen Maße in die Führung der Gemeindebibliothek eine klaffende Lücke geschlagen. Der Verlust wird um so schmerzlicher empfunden, als leider eine gleichbedeutende Persönlichkeit für die Führung ■iieser Institution picht zur Stelle ist." Ganz richtig. Jedes Wort wahr. Was hat nun die jüdischnationale Mehrheit des Kultusvorstandes getan, um diesen Verlust der jüdischen wissenschaftlichen Welt möglichst hereinzubringen, um diese klaffende Lücke-in der Führung der jüdischen Gemeindebibliöthek auszufüllen, um eine gleichbedeutende Persönlichkeit an die verwaiste Stelle zu setzen, um eine neue Leitung für dieses nach den eigenen Worten des Kultusvorstandes von Wachstein zu einem erstrangigen Institute von Weltruf gemachte Institut zu linden? Eine solche Frage kann nur ein verkalkter Unionist stellen. Denn auch der Verkalkteste muß sich dies beantworten können: Die Kultusgemeinde wird doch selbstverständlich einen Konkurs ausgeschrieben haben; dieser Posten erfordert ja die höchstdenkbare wissenschaftliche Qualifikation. Es soll doch die Stelle eines Direktors, also des obersten Führers und Leiters eines Institutes von Weltruf, des einzigen Institutes der Kultusgemeinde, das Weltruf genießt, besetzt werden, die Bibliothek der Kultusgemeinde, eine der größten jüdischen Bibliotheken Europas, soll doch einen neuen geistigen Leiter erhalten, um den erworbenen Weltruf zu bewahren und das Institut um neue Schätze jüdischer Geistigkeit zu vermehren: Alst; selbstverständlich Konkursausschreibung, selbstverständlich eine Aufforderung, an alle Fachgelehrten des ln- und Auslandes, an die wissenschaftlich befähigtesten und bewährtesten, an alle, die in geistiger, wissenschaftlicher Höchstleistung auf dem Gebiete jüdischer Kultur in Wettbewerb treten wollen. Uübrigens: Theodor Herzl hat ja ausgesprochen, daß es ein Gebot der Reinheit und S a u b e r k e i t in der Verwaltung der Kultusgemeinde sei. jede Stelle n u r im Wege einer Konkursausschreibung zu besetzen. So dachten die Mandatare der Union österreichischer Juden, aber nicht die jüdischnatiorralen Machthaber der Kultusgemeinde. Diese Herren dachten anders. Wozu eine Konkursausschreibung? Wozu in die Ferne schweifen? Sieh', das Gute liegt so nah! Es haben zehn oder zwölf jüdische Gelehrte von Namen und Klang zu Wachsteins Tode kondoliert und bei diesem Anlasse auch ohne Konkursausschreibung sich um die Stelle beworben? Auf Kondolenzen können Dankbriefe abgesendet werden und Bewerbungen sind doch nicht dazu da, um beachtet zu werden. Es sind Doktoren der Philosophie inner den Bewerbern? Jüdische Schriftsteller von Rang, Rabbiner, die Facharbeiten geliefert haben, sogar der Rabbiner von Saarbrücken, dieser tapfere Mann, der bei der Saarabstimmung so mutig aufgetreten ist. auch ein Doktor der Philosophie? Aber, lieber Freund, wo steht es denn geschrieben, daß ein Bibliotheksdirektor ein Doktor der Philosophie sein muß; es sind so viele Dummköpfe Doktoren der Philosophie. Oder schriftstellerisch tätig gewesen sein muß? Schriftsteller laufen genug in der Welt herum, sollen etwas Gescheiteres tun. als immer zu schreiben. Rabbiner von Saarbrücken? Ja, da kann man nichts machen. Abgesehen von allem anderen, du verstehst, ist er ja Ausländer. ^IHÜIIIIIllülllllllllllH IEPHRUSSI & CoJ Gegründet 1856 s | BankgesdtittHe allerAfi jj g Abteilungen für Wertpapiere und Devisen § H Wien IX., Watagasse Nr. 1 M ■■HUHMI Und so beschließt die jüdischnationale Majorität des Kultusvorstandes, Herrn Moses Rath zum Bibliotheksdirektor zu ernennen: Er ist doch selbst Mitglied des Kultusvorstandes? Macht nichts, bei der Beratung und Abstimmung entfernt er sich einfach. Niemals in der Wiener Gemeindebibliothek oder in einer anderen bedienstet gewesen? Macht nichts, dafür hat er ja eine eigene Buchhandlung. Wir geben ihm übrigens sechs Monate Frist, sie zu liquinerzu. rraaenheiutad! Tatzmannsdorfj (Bargeniand)! Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäuresprudetbäder. j! 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Verletzung des Rechtes so vieler jüdischer hoch- und höchstqualifizierter Gelehrter, sich um eine derart einzigartige Stellung zu bewerben und endlich zu Brot und zur Quelle weiterer wissenschaftlicher Tätigkeit zu gelangen? Phrase eines verkalkten Unionistengehirnes. Wir haben es einmal in unserer Parteisitzung beschlossen und bleiben dabei, da können Sie, Herr Unionist. reden, so viel Sie wollen. Und wenn Sie uns wieder und wieder auffordern, uns endlich zu Worte zu melden und unseren Standpunkt sachlich zu begründen: Wozu' Wir haben dies so beschlossen und da ist eine sachliche Begründung ganz unnötig. Jetzt sind w i r die Herren. 586 Schilling monatlich als Antangsgehalt und dazu eine weitere Zulage von 150 Schillinge monatlich als im vorhinein bewilligte Zulage für eventuelle Ueberstunden? Das sind doch 736 Schilling monatlich als erster Gehalt? Er wird doch Bibliotheksdirektor und wir werden ihm schon nahelegen, daß er, der Misrachist unter uns Jüdischnationalen mag beruhigt sein, für die Z uk u n i t den Sabbat heiligen, also nicht in sein Geschäft gehen soll. Sperren kann er ja doch nicht am Sabbat, denn er hat ja einen Kompagnon. Und so hat die jüdischnationale Mehrheit des Kultusvorstandes den Antrag der Unionisten auf Ausschreibung eines Konkurses für die durch den Tod des großen Wachstein erledigte Stelle abgelehnt. Bloß ein einziger von ihnen hat mit uns gestimmt. Die Herren wollten den Konkurs nicht ausschreiben. Mit solchen Methoden werden sie bald den Konkurs ansagen. Man hört schon heute von der Absicht, zwei andere Stellen in ähnlicher Weise zu besetzen. Die Herren sollen es nur versuchen. Dr. Maximilian S t i g 1 i t z. Die Separationsbestrebungen der Orthodoxie. Wie bekannt, hat die orthodoxe Judenschaft Schritte bei der Regierung wegen Bewilligung einer selbständigen orthodoxen Kultusgem e i n d e unternommen. Zu dieser noch in Schwebe befindlichen Frage nahm der Präsident der „Union österreichischer Juden", Herr Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim in der „N e u e n Freien Presse" in folgenden viel beachteten Ausführungen Stellung: Die „Union österreichischer .1 uden" nimmt in der Frage des Ausscheidens der orthodoxen Juden aus der Kultusgemeinde einen ablehnenden Standpunkt ein. Die „Union" stand und steht auf dem Standpunkt, daß es die Aufgabe der Kultusgemeinden ist, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse aller Richtungen im Judentum Sorge zu tragen. Dieser Gedanke hat auch dem Gesetzgeber bei der Schaffung des Gesetzes vom Jahre 1890 über die Kultusgemeinden vorgeschwebt. Solange die „Union" die Majorität im Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde Wien besaß, das war von der Schaffung der Kultusgemeinde bis zum Jahre 1932, also durch mehr als 40 Jahre, hat sie es als ihre Aufgabe betrachtet, diesen Gedanken des Gesetzgebers zu verwirklichen und es ist ihr auch tatsächlich immer gelungen, einen modus vivendi zu schaffen, der auch die Orthodoxen befriedigte und in ihnen den Wunsch nach Trennung von der Kultusgemeinde, trotz des Beispiels Ungarns und anderer Länder, nicht aufkommen ließ. Was der „Union" so lange möglich war, müßte auch jetzt bei einigem guten Willen weiter durchführbar sein. Eine Trennung der Gemeinde aus religiösen Gründen scheint uns daher schädlich und ohneSchwierigkeiten vermeidbar. Anders stünde es mit der Einheit der Gemeinde, wenn die gegenwärtige jüdischnationalzionistische Majorität der Kultusgemeinde darangehen sollte, den Beschluß des zionistischen Landeskomitees zu verwirklichen, wonach der Vorstand der Gemeinde „in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung" berufen ist, die Landespolitik der österreichischen Juden zu vertreten. Darunter verstehen die jüdischnationalen Zionisten die Bestimmung oder Mitbestimmung der Stellung der österreichischen Juden in Staat, Land und Gemeinde. Die Ausführung dieses Beschlusses des zionistischen Landeskomitees würde — abgesehen von allem — die