Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 19 (10.5.1935)
- Date
- 1935-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 19 — 10. Mai 1935 DIE WAHRHEIT Eine selten edle Menschenblüte ist vom rauhen Sturm des Lebens hinweggefegt. Paul Raumann ist nicht mehr. Namenloser Schmerz, unzähmbare Trauer ergreift alle, die ihm nahestanden, die ihn liebten. Und es liebte ihn jeder, der den warmen Pulsschlag seines Herzens fühlte. Seines Herzens, das er buchstäblich verschenkte an alles Hehre und Schöne, das er selbstlos darbrachte auf dem Altar der Menschen-, der Nächstenliebe. Es war ein wahrhaft jüdisches Herz, das erzitterte und bebte ob der Leiden, Mühen und Sorgen seiner Brüder, das in sich barg den jüdischen Weltschmerz. Taten der Liebe, Güte und Milde erfüllten seinen, ach so kurzen Lebensweg. Einem jüdischen Patrizierhause entstammend, wandte er sich gleich seinem in hohem Ansehen stehenden Vater dem Bankier-Berufe zu. Seine berufliche Tätigkeit verlieh ihm nur das äußere Gepräge. Ernst, sachlich, karg an Worten trat er dem Besucher entgegen. Ruhig und aufmerksam blickte sein kluges Auge in das seines Gegenüber. Nur selten unterbrach er den Sprecher. Er verstand zuzuhören. Wenn er dann sprach, erhellte er mit wenigen klaren, offenen Worten die Situation, fixierte er entschieden seine Stellungnahme, geholt aus dem reichen Schatz seiner Begabung, seiner Erfahrung und Kenntnisse, gegründet auf dem festen Grund seines stetigen Charakters, seiner in sich geschlossenen, festgefügten, unbeirrbaren Persönlichkeit. So sahen wir ihn im Berufe, wie im Rate der „Union" und im Kultusvorstande. Wie anders erlebten wir ihn im Kreise seiner Schützlinge, im Kreise der Knaben und Mädchen des Waisen-Vereines, der mit ihm seinen aufopfernden Präsidenten verliert. Als sein Vorgänger, der unvergeßliche Präsident Petschek, dahingegangen war, da richteten sich aller Augen hilfesuchend auf Paul Raumann. Vereinigte doch er wie kein anderer all die hohen Tugenden in sich, die ihn zum Nachfolger eines Petschek prädestinierten. Die Kinderherzen flogen dem Kinderfreunde zu, der seine karg bemessene Freizeit nun auch noch ihrer Obsorge widmete. Er wurde der besorgte, warmfühlende, ratschaffende Vater seiner Waisenkinder. Zu diesem ver-s antwortungsvollen, schweren Amte führte ihn seine hervorragende, beispielgebende Wirksamkeit im Rahmen seiner Bene-Brith-Loge, deren wahren, echten, altjüdischen Friedensgeist er — wie selten einer — erfaßte. Was Paul Raumann uns Unionisteu bedeutete, wie sehr er all unsere an ihn geknüpften großen Erwartungen übertraf, was er uns bisher war und uns noch werden konnte — das läßt sich nicht in arme Worte kleiden, das mußte miterlebt, das kann nur gefühlt werden. Nur zögernd trat er im Jahre 1932 an den Gedanken heran, für den Kultusvorstand zu kandidieren. Sein ganzes Wesen war auf sachliche Arbeit, auf Hilfeleistung und Friedensliebe eingestellt, abhold jeder Phrase, jedem Schein, jeder Ehrsucht — und jedem Kampfe. Doch unser Appell an sein jüdisches Pflichtgefühl trug den Sieg davon. Unser Ruf: „Die Wiener Judenschaft braucht heute mehr denn je Männer wie Sie!" — entwaffnete ihn, rang seine Hemmungen, sich öffentlich politisch zu betätigen, nieder. Und dann konnten wir bewundernd miterleben, wie er sich der Arbeit in der Kultusgemeinde geradezu bemächtigte, wie er, getragen und geleitet von tiefernstem Verantwortungsbewußtsein, die Führung des unionistischen Klubs des Kultusvorstandes übernahm, wie er sich dieser unter den gegenwärtigen Umständen so schweren, gar oft unangenehmen Aufgabe entledigte, wie er hingebungsvoll seine Funktionen als Obmann-Stellvertreter im Finanzressort und in den verschiedenen Kollegien und Kommissionen versah. Der tiefe Schatten der todbringenden Krankheit lagerte bereits auf seinem Antlitz, erfüllte seine Verehrer und Freunde mit ernster, stets wachsender Sorge, doch er wich — trotz all unseren Bitten — erst vom Platze, als ihn ein Stärkerer niederzwang. Er blieb sich bis zum letzten Augenblicke treu... Es starb uns mit ihm ein zuverlässiger Freund, ein stets hilfsbereiter Berater und nimmermüder Mitarbeiter. Es ging dahin ein prächtiger Mensch, ein edler Jude ... Die Welt ist um einen prachtvollen Mann ärmer geworden. Wir trauern um ihn, wir fühlen innigst mit den Schmerz, den unersetzlichen Verlust, den seine Familie erlitten. Wir werden seiner nie vergessen. Dr. Lenk. Notland für Juden in Afrika. Von Spero. Die wirtschaftliche Not der Juden ist in einigen Ländern ein Problem geworden, dessen Lösung keinen Aufschub duldet. Selbstmorde sind an der Tagesordnung, Hunderte sterben vor Hunger. Das Emigrantenelend, soweit noch Einwanderung zugelassen wird, spottet jeder Schilderung. Die Hilfsmittel erschöpfen sich zusehends von Tag zu Tag. Palästina kommt als Zufluchtsstätte nur für einen verschwindenden Bruchteil in Betracht. Die vom Völkerbund eingesetzte Kommission sieht sich zu durchgreifenden Maßnaltmen außerstande. Massenzuwanderung bedroht die eigene Bevölkerung mit Katastrophen. Diese neugeschaffene Situation zwingt unabweisiieh zu einer neuartigen Lösung. Von jeher waren Bevölkerungsüberschuß und wirtschaftliche Not Antriebe zur Gründung von Kolonien. Erst kürzlich hat der ehemalige österreichische Landwirtschaftsminister Thaler eine Gruppe von Tiroler Bauernsöhnen nach Brasilien geführt. Diese Ansiedlühg schafft nicht nur den Auswanderern eine Existenzmöglichkeit. Sie dient zugleich der neuen Heimat sowie dem Mutterlande. Für eine Massenübersiedlung, wie die der notleidenden Juden, kommt aus den verschiedensten Gründen nur ein Gebiet in Frage: Afrika, und nur e i n Kolonisator-: v der V ö 1 k e-T b u n d. Schon vor 45 Jahren hat Theodor H e r t z k a in seinem „Freiland" die Blicke der Welt auf Afrika als Kolonisationsgebiet gelenkt. Die durch ihn hervorgerufene Bewegung versandete. Es galt damals nur, ein sozialpolitisches Experiment zu unternehmen: tn der Judenfrage liegt aber heute eine wirtschaftliche und humanitäre unbedingte Notwendigkeit vor. Das Uganda-Angebot der englischen Regierung wurde von den Zionisten abgelehnt, nicht nur aus ideologischer Konsequenz, sondern auch darum, weil eine solche Massenansiedlung auf einem Territorium einer einzelnen Macht sich politisch ungünstig auswirken kann. Auch hatte die Judennot damals noch nicht die heutigen katastrophalen Formen und Dimensionen angenommen. Nun haben sich neuerdings zwei gewichtige Stimmen für Afrika als Kolonisationsgebiet und damit in gewissem Sinne als Rettungsanker für das notleidende Europa erhoben. In „Paneuropa", Februar 1929, schrieb Coudenhove-Kalergi: „Die Wandlung Afrikas in die Plantage Europas würde die gesamte Wirtschaftslage un- Der Klub der unionistischen Mitglieder des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gibt im eigenen Namen sowie auch im Namen der „inion osterreiiliisciier Juden" tief erschüttert davon Kenntnis, daß sein hochgeschätzter und verehrter Obmann, Herr Dr. Paul Raumann heute nachts nach längerem schweren Leiden verschieden ist Der so früh Verstorbene, dessen Wesen von Liebe und Güte erfüllt war, ist uns vermöge seiner ausgezeichneten Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und Kenntnisse ein stets bereiter, aufopferungsvoller Berater, Helfer und Freund gewesen. Sein Tod bedeutet für uns einen unersetzlichen Verlust, er wird uns und allen, die ihn kannten, unvergeßlich bleiben. Wien, am 9. Mai 1935. seres Erdteiles heben: den Wohlstand aller seiner Völker und aller seiner Individuen." Und in der Zeitschrift „Der Ausweg" (Zürich), verficht der bekannte Kolonialfachmann Guernier den Gedanken, daß die Kolonisation Afrikas nur mit vereinten europäischen Kräften möglich ist und die Rettuns; Europas bedeuten würde. Er weist auf ein gesundes Hochplateau mit Ansiedlungsmöglichkeiteu für 10 bis 15 Millionen Menschen hin, wo weder Grenzstreitigkeiten noch Rassenkämpfe, noch eine Erschütterung von Zivilisationen entstehen können. Daß er hierbei auch an Palästina und Birobidschan denkt, bedari keines besonderen Hinweises. Für die jetzt aktuelle Judenfrage ist keine andere Lösung als auf diesem Wege ersichtlich. Sollen die Hunderttausende notleidender Juden am Leben erhalten und einer geradezu an jeder Aussicht für die Zukunft verzweifelnden jüdischen Jugend ein Rettungsseil zugeworfen werden, dann bleibt nur die einzige Möglichkeit, ei;! unverzüglicher Antrag an den Völkerb und: „Der Völkerbund wolle beschließen, den notleidenden oder aus politischen Gründen zum Verlassen der Heimat entschlossenen Juden in Afrika ein geschlossenes Ansiedlungsgebiet mit entsprechendem Klima unter seinem Protektorat zuzuweisen. Die Mittel hiezu werden von den im Völkerbund vereinigten Staaten aufgebracht und als Darlehen an die Ansiedler betrachtet, das diese nach einem bestimmten System, vor allem durch den Import unter gewissen Bedingungen, zu amortisieren haben." („Paneuropa", Wien.) Der Verein „Ost Seenospiz In Grado" (Präsidentin Sofie Grünfeld) sendet Anfang Juli zarte, zu Katarrhen und Blutarmut neigende Mittelstandskinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, unter ärztlicher und pädagogischer (männlicher und weiblicher) Aufsicht, in sein eigenes Heim nach Qrado (Italien). Ein 30tägiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (koscher) kostet S 5.— täglich» Der unter dem gleichen Präsidium stehende Verein „Ferienheim" entsendet in sein eigenes, rituell geführtes Heim nach BadföSlau (Mühlhof) erholungsbedürftige Kinder in obigem Alter, Verpflegskostenbeitrag S 3—4 täglich. Anmeldungen im Vereinsbüro. IX., Türken* Straße 17. von 10—13 Uhr, Tel. A 51-5-63.