Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 19 (10.5.1935)
- Date
- 1935-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064573--20196-3085415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-^y^js^jpm^ä^: > X-v - "VxV-. ~* "TT " DIE WAHRHEIT Nr. 19 — 1Ü. Mai 1935 HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt den modernen Frühjahrs - Ulster und den feinen Maßanzug in prächtigsten Dessins für den eleganten Herrn Entschließung, wonach die Israelitische Kultusgeineinde in Wien „in ihrer derzeitigen Zusammensetzung" über die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte der österreichischen Judenschaft zu wachen, das heißt, das ausschließliche Recht haben solle, Landespolitik zu betreiben. Es ist nicht verwunderlich, daß Herr Oberbaurat Stricker darob von tiefem Groll erfaßt wurde. Eigentlich hätte er diese Entwicklung voraussehen können. Denn auch in jener verklungenen Zeit, in der es noch politische Parteien, politische Vertretungskörper und allgemeine Wahlen gab, hatte er, der unentwegt als jüdischer Listenführer kandidierte, gar oft die bösesten Erfahrungen mit jenen jüdischen Wählern gemacht, die unter der Flagge und Ordre der Allgemeinen Zionisten zur Urne gingen. Denn die Führung der Allgemeinen Zionisten, in deren Reihen sich ein so überaus großer Perzentsatz von eingeschriebenen Sozialdemokraten befand, war begreiflicherweise nicht in der Lage, eine Parole an ihre Anhänger zugunsten einer jüdischen Liste auszugeben. Um so verwunderlicher ist es, daß Herr Oberbaurat Stricker, der sicherlich über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügt, neuerdings in der letzten Nummer seines Blattes mit dem Organ der „Union" anbandelt. Unser Blatt hatte, wie erinnerlich, in der Kritik eines Vortrages, den ein Mitglied der Stricker-Partei vor der katholischen Akademikerschait gehalten hatte, darauf verwiesen, daß sich die jüdischen Wähler in der Vergangenheit bei politischen Wahlen angesichts des programmatischen Antisemitismus aller bürgerlichen Parteien in einer Zwangslage befunden hätten und daher zum Teil für die sozialdemokratische Liste gestimmt haben. Diese Tatsache war aus der seinerzeitigen Situation erklärlich und es liegt auch heute nicht der geringste Grund vor, sie zu beschönigen. Herr Oberbaurat Stricker, der gerade für derlei Dinge ein besonders gutes Gedächtnis besitzt, setzt sich mit der Wahrheit in Widerspruch, wenn er sein Organ schreiben läßt, die Herren um die „W a h r h e i t" hätten also die Sozialdemokraten wählen müssen .... Herr Stricker weiß sehr genau, daß die Herren um die „Wahr he i t" sehr zu seinem Verdrusse, aber noch mehr zum Verdrusse der Sozialdemokraten bei allen politischen Wahlen für eine freiheitliche bürgerliche Partei offen eingetreten sind, um trotz der Aussichtslosigkeit dieser Partei den bürgerlichen jüdischen Wählern die Ausrede zu nehmen, daß sie infolge der Zwangslage sozialdemokratisch wählen müßten. Herr Stricker ist den Herren um die „W a h r h e i t" noch heute bitter böse, daß sie „aus Gründen der politischen Vernunft" die von ihm jeweils geführte „Jüdische Liste" entschieden ablehnten und bekämpften. Herr Stricker meint, „die österreichische Judenschaft stünde heute besser da, wäre man ihren (der „Jüdischen Liste") Weg gegangen". Wir wagen die Behauptung, die wir leider mit Beweisen belegen können, daß die österreichische Judenschaft (und nicht nur sie) heute besser dastünde, wenn es hier und nirgends sonstwo eine „Jüdische-Liste" gegeben hätte. Ü£3 Hotel Bellevue Pörtschach am Wörthersee Vornehmes Haas unter streng ritueller Leitung. Herrliche Lage, direkt am See. Schöne sonnige Zimmer mit Fließwasser. Vorzügliche internation. Küche. Volle Pension: Vor- und Nachsaison S 9.— Hauptsaison........S 12.— Seebad und Garage frei. Geöffnet vom Mai bis Oktober VERLANGEN' SIE PROSPEKTEl Deutschland muß gereinigt werden! Die Behandlung der nach Deutschland zurückgekehrten jüdischen Emigranten. Aus unbedingt zuverlässiger Quelle erfährt der Amsterdamer JTA-Vertreter folgendes über die Behandlung der nach Deutschland zurückkehrenden jüdischen Emigranten: Im Zusammenhang mit dem seit etwa zwei Monaten in Deutschland eingetretenen neuen antisemitischen Kurs, der von besonderer Schärfe und Unbarmherzigkeit ist, ist auch die Behandlung jüdischer Rückwandererunge mein verschärft worden. Während noch bis etwa Anfang März die Rückwanderer nach ihrer polizeilichen Anmeldung lediglich einem Verhör durch die Geheime Staatspolizei unterzogen wurden und meist danach unbehelligt blieben, werden jüdische Rückwanderer und Rückwanderinnenn nunmehr nach einem solchen oft zwei Stunden dauernden Verhöre gefangen gesetzt und sodann in ein sogenanntes Schulungslager, ein besserer Name für Konzentrationslager, transportiert. Für Mädchen und Frauen ist zu diesem Zwecke ein neues Lager unweit Hannover angelegt worden. Männliche Rückwanderer werden in verschiedene Lager, oft auch in das berüchtigte Dachau, überführt. Die Rückwanderer und Rückwanderinnen, die einer so scharfen Behandlung unterworfen sind, sind solche, die sich weder vor ihrer Auswanderung noch während ihres Aufenthaltes im Auslande politisch betätigt haben. Es ist einleuchtend, daß Personen, die irgend eine Politische Betätigung ausgeübt haben, alles andere eher tun, als nach Deutschland zurückzukehren, selbst wenn sie im Auslande die größten Entbehrungen erleiden müssen. Die Rückkehrer müssen sich in den Gefängdssen gleich Verbrechern alte Unannehmlichkeiten und Erniedrigungen gefallen lassen, die ein Gefängnisaufenthalt mit sich bringt. So z. B. erhalten sie die übliche Oefängniskost, in erster Zeit nur trockenes Brot. Sie werden täglich eine halbe Stunde im Gefängnishof •spazierengeführt. Jedes Gespräch mit einander ist dabei streng verboten. Zuwiderhandelnde werden in Einzelzellen überführt. Wie die Behandlung in den Schulungslagern ist und für wie lange Zeit der Aufenthalt dort vorgesehen ist, läßt sich bei der Neuheit der ganzen Einrichtungen noch nicht sagen. Jedenfalls werden die Rückwanderer dort mit längerem Aufenthalt zu rechnen haben. Auch deutsche Juden und Jüdinnen, die nach I933 ausgewandert sind, können bei einem Besuche, auch nur vorübergehender Art, in Deutschland große Unannehmlichkeiten erfahren, sobald sie sich polizeilich melden oder die Polizei sonstwie ihren Aufenthalt erfährt. Die Polizei ladet auch solche deutsche Juden, die nur vorübergehend dort bleiben wollen, zum Verhör vor. Es sind Fälle bekannt geworden, in denen Verhaftungen vorgenommen wurden oder die Pässe beschlagnahmt wurden. In einigen Fällen hat die Geheime Staatspolizei solchen Juden eine Frist zum Verlassen Deutschlands gestellt unter der Bedingung, daß sie an der Grenzübergangsstelle ihren Paß in Empfang nehmen. Mehrere Juden sind gezwungen worden, schriftlich zu erklären, daß sie nie mehr nach Deutschland, also nach ihrem eigenen Vaterlande, zurückkehren werden. Diese Behandlung unschuldiger Rückwanderer oder Besucher hat bereits zur Folge, daß zahlreiche Reisende jüdischen Glaubens ihre Reisen nach Deutschland aufgegeben haben. Schon heute gibt es verschiedene Geschäftshäuser, die ihre jüdischen Vertreter oder Einkäufer, die früher in Deutschland wohnten, nicht mehr nach Deutschland zu geschäftlichen Zwecken entsenden. Die schweren wirtschaftlichen Nachteile, die dadurch entstehen werden, hat sich Deutschland selbst zuzuschreiben. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, zu meinen, daß es sich hier um Maßnahmen handelt, die dem in Deutschland herrschenden Antisemitismus Kleine Tube S —.90 Große Tube S 1.40 aus reiner Willkür entspringen. Hier liegt ein klares Ziel, aus dem alle diese rigorosen Maßnahmen zu erklären sind: Man will unter keinen Umständen die Zahl der Juden in Deutschland durch die Rückwanderer vermehren. Die geschilderten strengen Maßnahmen sollen Abschreckungsmittel sein für jeden ausgewanderten Juden, daß er nicht nach Deutschland zurückkehrt. Das Ziel des Nationalsozialismus ist, Deutschland völlig „von den Juden zu reinigen". Niemand dari mehr zurückkehren. Die deutschen Juden selbst sollen wirtschaftlich vernichtet werden, damit sie zur Auswanderung getrieben werden oder als ein Rest von Hungerleidern und Bettlern in Deutschland zurückbleiben. Entgleisungen? Zu dem in der letzten Nummer unseres Blattes unter diesem Titel veröffentlichten Leitartikel, der sich vornehmlich mit dem auffallenden Vermerk „Arier, erscheinet in Massen!" auf den Plakaten und Flugzetteln für eine Leopoldstädter Versammlung der „Ost märkischen Sturmscharen" befaßte, können wir heute mit Genugtuung folgendes nachtragen: Wir wurden zu der Erklärung autorisiert, daß der neben Herrn Bundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg in Aussicht genommene Redner dieser Versammlung Bundesführer-Stellvertreter der „Ostmärkischen Sturmscharen" Staatsrat Major Dr. Josef v. K i m m e 1 den erwähnten Vermerk als einen unliebsamen Verstoß eines untergeordneten Organes auf das lebhafteste bedauerte und energisch rügte. Die in Rede stehende Versa m m 1 u n g wurde im übrigen abgesagt. Wie wir weiters erfahren, wurde der Leopoldstädter Bezirksführer der „Ostmärkischen Sturmscharen" zur Verantwortung gezogen. Das englische Regierungsjubiläum. Die englische Judenheit hat anläßlich des 25jährigen Regierungsjubiläums des englischen Köniisspaares iolgende vom Präsidenten des Board oi Deputies of British Jews Neviifc Laski und dem Präsidenten der Anglo Jewish Association Leonard Monteiiore unterzeichnete Ergebenheitsadresse an den König gerichtet: Wir. das Londoner Komitee der Deputierten der britischen Juden als gewählte Vertretungskörperschaft des Britischen Reiches, und wir. die Anglo Jewish Association im eigenen Namen und im Namen unserer Zweigverbände im ganzen Britischen Reich, treten demütig an Eure Majestät heran, um unsere innigen und respektvollen Glückwünsche zu dem 25. Jahrestag der Thronbesteigung Eurer Majestät darzubringen. Wir möchten Eurer Majestät versichern, daß bei den Kundgebungen loyaler Hingabe, die dieses Ereignis von glücklicher Vorbedeutung seiteas der Millionen ergebener Untertanen jeglichen Bekenntnisses uruf jeglicher Rasse in allen Teilen der Welt veranlaßt. Eurer Majestät Untertanen jüdischen Glaubens niemandem an Tiefe ihrer Ergebenheit oder Aufrichtigkeit ihrer Gefühle nachstehen. Während der langen und schwierigen Herrschaft Eurer Majestät haben Eure jüdischen Untertanen die Anstrengungen. Leiden und Triumphe ihrer Mitbürger mit tiefer Hingabe an den Thron und die Britische- Völkergemeinschaft geteilt. Wenn sie ihre respektvollen Glückwünsche darbringen, so tun sie dies mit den übrigen Untertanen Eurer Majestät voll teilhaftig derjenigen Rechte und Freiheiten, in deren Rahmen sich die britische Völkergemeinschaft in den letzten 25 Jahren unter der weisen Führung Eurer Majestät weiterentwickelt hat. Wir beten, daß die Herrschaft Eurer Majestät fortdauern und daß Eure Majestät sich noch viele Jahre der Liebe und Dankbarkeit Eurer Untertanen erfreuen möge.