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Die Wahrheit · 1935-05-10 · Heft 19 (10.5.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 19 (10.5.1935)
Date
1935-05-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 19 — 10. Mai 1935 DIE WAHRHEFT HOTEL ELISAB ETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang nicht mehr anzufechten. Dafür hilft er sich durch den Ueberraschungstrick, daß er Joly als — Juden deklariert, indem er an Hand einer Photographie Jolys Aehnlichkeit mit Karl Marx zu beweisen sucht. Das ist das Rassenerkennungssystem Günthers, das im Dritten Reiche genügen würde. In der Schweiz muß sich Fleischhauer aber außerdem doch auch noch zu geistigen Argumenten aufschwingen. Er tut dies, indem er Joly, der bei Lebzeiten wegen Beleidigung Napoleon III. eine mehrmonatige Gefängnisstrafe abzusitzen hatte, nachweist, daß er weniger an Napoleon, als an die Herausarbeiiung jüdischer Weltherrschaftspläne gedacht habe. Deuäich seien diese Pläne allerdings erst in den „Protokollen der Weisen von Zion" geworden. Diese Protokolle seien echt, weil die Geschichte der letzten Jahrzehnte ihren Inhalt bestätigt habe. Viel Mühe wendet Fleischhauer an den Nachweis, daß die Protokolle von einem Juden verfaßt seien, er weiß bloß nicht ganz sicher, von welchem. Für die Autorschaft Theodor Ii e r z 1 s spreche es, daß der Name des Helden des Herzl-Romans „Alt-Neuland" an den Namen Joly anklinge. Man brauche bloß einige Buchstaben wegzulassen . . . Doch komme immerhin auch Achad Haara als Autor in Betracht. Ebenso Creraieux, der Gründer der Alliance Israelite. Mit alten, längst widerlegten Fabeln, die Fleischhauer aufwärmt, wechseln funkelnagelneue, überraschende Entdeckungen. So geht das tagelang fort, bis der Gerichtspräsident resigniert äußert, er möchte noch selbst das Urteil fällen und es nicht gern seinen Enkeln überlassen. Fleischhauer verspricht Entgegenkommen und sucht dieses zu beweisen, indem er zu intuitiven Methoden übergeht und eine Auseinandersetzung über arischen und nichtarischen, germanischen und semitischen Geist folgen läßt. Die Juden haben, sagte Fleischhauer, eine doppelte Moral. Eindeutig und groß aber stehe die Moral der ..Arier" da. Unerwartet erhebt sich da der G e ri c h t spräsident und führt aus: Da wir soeben von dem Herrn Gutachter gehört haben, welche Unterschiede zwischen dem arischen und dem jüdischen Geist bestehen, so möchte ich mir gestatten, Ihnen aus einem Artikel, der sich in der nationalsozialistischen Zeitung „Der Alemanne", amtlichen Verkündigungsorgan der Behörden, das in Lörrach im Badisclien erscheint, befindet, einige charakteristische Stellen über unsere Verhandlungen vorzulesen. Der „Alemanne" schreibt in seiner Nummer vom 1. Mai über den Berner Prozeß u. a.: „Die beklagten Judengegner hatten verlangt, daß, bevor der Prozeß weitergeführt würde, die von ibnen einzureichende Klage wegen falschen Zeugnisses vom Gericht zu beurteilen sei. Was tut aber der judenhörige Dr. Walter Meyer von Bern? (Damit ist der Gerichtspräsident, der die Verhandlungen im Berner Prozeß führt, gemeint. D. Red.) Er erklärt seelenruhig, dies sei Sache der Staatsanwaltschaft und habe mit dem Judenprozeß nichts zu tun!! So etwas wäre selbst im Deutschland der Eben, Scheide- und Stresemänner bestimmt nicht möglich gewesen und paßt wunderbar zur „freien Schweiz". Man stelle sich vor, ein Gericht stützt sich auf Aussagen von Zeugen, die bereits des falschen Zeugnisses überführt sind (die zuständige Schweizer Staatsanwaltschaft hat inzwischen die Anzeige wegen falschen Zeugnisses, die von nationalsozialistischer Seite eingereicht wurde, abgewiesen. D. Red.), und wird auf Grund der Aussagen solcher Subjekte seinen Spruch fällen zu haben. In Bern scheint eben die Binde der Justitia gleich über beide Augen heruntergerutscht zu sein, oder »der Gott Jakobs" nimmt selber die berühmte Waage in die Hand, wobei er nicht verfehlen wird, ein wenig nachzuhelfen, wenn es den Juden diesmal an den Kragen gehen sollte." Der Gerichtspräsident schließt mit erhobener Stimme: „Wenn das arischer Geist ist, dann bedanke ich mich, Arier zu sein." (Große Bewegung im Gerichtssaal.) Fleischhauer zieht die Konsequenzen aus dieser überraschenden Wendung zugunsten der Juden, indem er erklärt, es gäbe sehr viele Juden, die die Authentizität der „Protokolle der Weisen von Zion" anerkennen. Geht es nicht mit den Antisemiten, vielleicht geht es mit den Juden . . . Das Gutachten Loosli's. Nach Fleischhauer kam der gerichtlich bestellte Sachverständige C. A. L o o s 1 i, Schriftsteller in Bern-Bümpliz, zu Wort. Der berühmte Publizist verneint in seinem Outachten kategorisch, daß die zionistischen Führer jemals das Bestreben hatten, irgendeine revolutionäre oder sonstige politische Tätigkeit in den Ländern der jüdischen Diaspora zu entwickeln. Die ganze zionistische Bewegung geht ausschließlich darauf aus, zugunsten einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina zu werben. Eingehend erörtert der Sachverständige die bekannten Divergenzen, die zwischen den verschiedenen Ausgaben der „Protokolle" bestehen. Das 1864 erschienene Buch des Nichtjuden Maurice Joly „Dialogues aux Enfers entre achiave et Montesquieu" bildet das wichtigste Beweisstück zur Beurteilung der Hauptfrage nach der Fälschung der „Protokolle". Die Schrift von Joly bildet eine Kritik gegen die, in einem Buche von Machiavelli vertretene Politik Napoleons III. Die „Protokolle", welche 1897 hätten erscheinen sollen, weisen für jeden Leser eine unbestreitbare Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit dem Buche Jolys auf. Alle wesentlichen Gedanken der „Protokolle" sind, und zwar in genau derselben Reihenfolge, dem Buche Jolys entnommen, dann aber je nach Bedarf erweitert, erklärt und, nur ausnahmsweise selbständig, sinnentstellend und zweckbewußt fälschend erörtert. Nicht weniger als rund 170 Stellen sind daraus wörtlich abgeschrieben. Die Fälschung verrät die Hand eines gewissenlosen, oberflächlichen Plagiators und Fälschers, der sich nicht einmal die bescheidenste Mühe gibt, die Spuren seines schrifttümlichen Diebstahls zu verwischen. Die Hauptfälschung besteht darin, daß überall da, wo Joly in seinen „Totengesprächen" Napoleons III., seine Regierung und seine Politik meint, ohne sie zu nennen, in den sogenannten „Protokollen" die Judenschaft der ganzen Welt an Stelle der von Joly gemeinten Personen und Verhältnisse unterschoben wird. Seit dem Zusammenbruch des zaristischen Rußland besteht der Zweck der „Protokolle" darin, die Oeffentlichkeit aller Länder zu überzeugen, die gesamte Judenheit unterstehe einer geheimen, nichts weniger als die Weltherrschaft mit allen, auch den verwerflichsten, Mitteln anstrebenden Oberleitung. Diese Anklagen sind so ungeheuerlich, daß man voraussetzen dürfte, diejenigen, die sie erheben, seien davon restlos überzeugt, und auch namentlich in der Lage, die Beweise der Echtheit der „Protokolle" zu erbringen. Dieser Mühe unterziehen sich die Herausgeber nicht. Caie Pension Eckstein Semmering Die Frage, ob Beweise vorliegen, daß die „Protokolle" aus politischen Motiven gefälscht worden sind, muß bedingungslos bejaht werden. Der Sachverständige stellt in Uebereinstimmung mit einer im Jahre 3921 von der großen englischen Zeitung „Times" durchgeführten Untersuchung fest, daß die „Protokolle" judenfeindlichen und anderen politischen Zwecken dienten. Sie boten den Anlaß zu Judenpogromen und schürten im Volke, namentlich im nationalsozialistischen Deutschland, den Haß gegen das Judentum. Die Verbreitung dieser Schrift hat also überall, wo sie sich auswirkte, furchtbare Folgen gehabt. Baumgarten ergreift wieder das Wort. Am 6. Verhandlungstag im Berner Prozeß um die „Protokolle". Samstag, den 4. Mai, ergriff der von der jüdischen Seite gestellte Gutachter, Professor der Rechtsphilosophie an der Universität Basel, Dr. Baumgarten, wieder das Wort zu folgenden Ausführungen: Es gibt keine jüdische Geheimregierung. Wir alle spüren, daß in der Welt nicht alles in Ordnung ist. Aber alle Krisen dadurch zu erklären, daß dahinter eine jüdische Geheimregierung stehe, sei der Ihren Blidierbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung - Antiquariat HERMANN TUCH WER, In Wien 11, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiouarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünlte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! denkbar untauglichste Versuch, eine Lösung zu gewinnen. Wie bei allen üblichen Erscheinungen des Mittelalters wolle man auch heute das Judentum für die Krisen dieser Zeit verantwortlich machen. Aber die Judenverfolgungen, die wir erleben, helfen auch nicht um ein Jota über die Not hinweg. Das jüdische Volk soll diese abscheulichen „Protokolle" fabriziert haben? Ich studiere die Kulturleistungen des jüdischen Volkes seit grauer Vorzeit. Ja, das jüdische Volk hat „Protokolle" hervorgebracht: die ,.B i b e 1". Das Volk, das die Bibel geschaffen hat, kann nicht das Volk sein, das mit Theodor Fritschs „Protokollen" etwas zu tun hat. Wollten wir uns nach Zitaten richten, dann könnten wir jedes Volk moralisch in Grund und Boden verurteilen: denn über alle Völker ist viel Schlechtes gesagt worden Die Methoden, Aussprüche aus dem Zusammenhang zu reißen, um die „Unmoral" des Talmud zu erweisen, müssen verworfen werden. Es ist dies eine unsittliche Methode. Baumgarten schloß: Dem Judentum ist der Vorwurf gemacht worden, es betrachte sich als das auserwäiilte Volk. Gewiß habe das jüdische Volk einen stark religiös fundierten nationalen Stolz. Aber gäbe es nicht anderswo ähnliche Erscheinungen, z. B. in Deutschland? Dort stellt man heute den nordischen Menschen allen anderen voran. Vielfach wird behauptet, daß der nicht-nordisclie Mensch auf einer Mittelstufe zwischen Mensch und Tier stehe. Prof. Baumgarten fragt Fleischhauer: „Sind das etwa Greuelmärchen?" Fleischhauer sagt laut: „Ja!" (Allgemeine Heiterkeit.) Und noch einmal Fleischhauer. Am 7. Verhandlungstag, am 6. Mai, erhält Ulrich Fleischhauer neuerlich das Wort zur Erwiderung auf das Gutachten des Universitätsprofessors Doktor Baumgarten, Basel. Zwar versichert der Gutachter Fleischhauer Prof. Baumgarten ' seine Anerkennung, er müsse ihm auch zugestehen, daß er (Baumgarten) sei» Guiachten nach bestem Wissen und Gewissen gemacht habe, in Wahrheit aber läßt Fleischhauer mehr oder minder durchblicken, daß eigentlich Baumgarten von den Dingen nichts oder verzweifelt wenig verstehe. Ich bin Fachmann, so sagt er, ich kenne die Dinge, so wiederholt er. Mit erhobener Stimme wendet er sich zum Auditorium und ruft: „Herr Prof. Baumgarten legen Sie die Brille ab! Wir haben eine W e 11 r e v o 1 u t i o n." Prof. Baumgarten beurteile alles von seinem subjektiven Standpunkt aus. Baumgartens Gesichtskreis sei eng, der F 1 e i s c h h a u e r s ist weit, weil eine Weltorganisation hinter ihm stehe. „Ich (Fleischhauer) habe alle Geistesheroen hier zur Sprache gebracht. Wir beide (Bumgarten und er) rechnen uns allerdings nicht zu den Geistesheroen." Welchen Eindruck der „Geistesheros" Fleischhauer, der selbst zugibt, keiner zu sein, auf den das Urteil sprechenden Berner Gerichtshof machte, werden wir hoffentlich in unserer nächsten Nummer berichten können. ff Von Volk zu Volk SS Dieser Phrase begegnet man in der letzten Zeit gar häufig in jüdischnationalen Zeitungen, Aufsätzen und Reden. Sie bezieht sich auf die ziontstisch-nationaljüdische Forderung, daß in wichtigen Fragen, die die Stellung und die Rechte der österreichischen Judenschaft berühren, von Volk, zu Volk, das heißt vom „jüdischen Volke" zum christlich-deutschen Volke verhandelt werden solle. Das christlich-deutsche Volk soll hiebei von der Regierung und deren Organe repräsentiert werden. Darüber besteht unter den Jüdischnationalen der verschiedenen gegnerischen Lager keine Meinungsverschiedenheit. Wohl aber, wie bekannt, über die etwas heiklere Frage, wer als verantwortlicher Wortführer des „jüdischen Volkes" in Oesterreich aufzutreten und zu handeln das Recht haben soll. Noch im vorigen Jahre schien es, als hätten sich die verschiedenen nationaljüdischen Parteien dahin geeinigt, daß die von Oberbaurat Strikk e r gegründete „Jüdische Volkspartei" (gegenwärtig „Volksbund" genannt) die alleinige Trägerin der sogenannten jüdischnationalen Landespolitik zu sein habe. Durch mächtige Wandplakate, auf denen der Name Strickers mit den Namen des Präsidenten Dr. Friedmann, Dr. Löwenherz. Dr. Grünbaum (des Obmannes des Zionistischen Landeskomitees) brüderlich vereint war, wurde das „jüdische Volk von Wien" aufgefordert, in Massen der „Jüdischen Volkspartei" beizutreten, um ihr hiedurch das entsprechende Gewicht und Ansehen gegenüber den Regierungsfaktoren zu verschaffen. Der Zulauf der jüdischen Massen scheint recht spärlich gewesen zu sein und um die Völkspartei (alias Volksbund) wurde es recht stille. Geräuschlos machten sich auch die Herren Friedmann, Löwenherz und Grünbaum aus dein Staube und überließen Herrn Stricker seinem Schicksale. Nur in den Spalten seines Blattes, der „Neuen Welt", meldete sich der Volksbund noch gelegentlich zum Worte. Und auch der Regieruns gegenüber gab er hie und da, so in der Frage der Errichtung nationaljüdischer Schulen, ein Lebenszeichen von sich. Um ihm aber ganz das Lebenslicht auszublasen, faßte die zionistische Landesorganisation (der Herr Oberbaurat Stricker nicht angehört) unter Führung der Herren Friedmann, Löwenherz und Grünbaum jene bekannte

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