Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 19 (10.5.1935)
- Date
- 1935-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen •^^^^^^^^^m^^^m^^^^m:m^^ In Deutschland verboten! ^t't-> cnlnscnri mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" fcrsdicint ieden Freitag mKommmammaamm mmiiiiira^ Redaktion imd Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 10. Mai 1935 Nummer 19 Der Berner „Protokolle"-Prozeß. 99 Der zweite Teil des Berner Prozesses, den der Jüdische Gemeindebund der Schweiz zu dem Zwecke führt, um die „Protokolle der Weisen von Zion" als literarischen Schund und historische Fälschung zu erweisen, ist ein unübertrefflicher Anschauungsunterricht für Geschichteklitterung und Legendenbildung geworden. Mögen die weltgeschichtlichen Erklärungen des antisemitischen „Sachverständigen" Fleischhauer aus Erfurt an sich noch so langweilig und albern gewirkt haben — in einem höheren Sinne, als dieser Mann beabsichtigte und überhaupt ahnen konnte, demonstrierte er tatsächlich Geschichte: Der Werdegang einer Geschichtslüge, die perfiden Tendenzen ihrer Erfindung, Verbreitung und Nutznießung ist durch ihn für zünftige Historiker lehrreicher demonstriert worden, als es mühevolle Ausgrabungen, Textkritiken und sonstige Behelfe der wissenschaftlichen Forschung imstande sind. Nicht w a s die von den Schweizer Angeklagten aus Nazi-Deutschland zu Hilfe gerufene „Autorität" vorbrachte, war instruktiv — gab es doch dem Vorsitzenden des Gerichtshofes Anlaß zu kritischen Bemerkungen von beißender Ironie — sondern vielmehr die systematische Art, w i e aus harmlosen Tatsachen und gewaltsamen Konstruktionen die kühnsten Schlußfolgerungen gezogen wurden, eröffnete die pikantesten und aufschlußreichsten Einblicke in die Werkstätte des Antisemitismus, in die Geheimlaboratorien der politische^ Seelenvergiftung. Während er im Schweiße seines Angesichts bestrebt war, die angeblichen Geheimnisse der Juden zu entschleiern, hat er bloß die Maschinerie der judenfeindlichen Lügenfabrikation den profanen Blicken der Unparteiischen enthüllt. Vielleicht droht ihm nach seiner Heimkehr ins zünftige Nazilager ein Prozeß wegen — Werkspionage. Das wäre aber eine höchst ungerechte Einschätzung des Mannes: Er kann nichts dafür, er hat sich um das fragwürdige ..Werk", dessen Fabriksmarke das Hakenkreuz ist. das auch ihm Brot und Arbeit gewährleistet, redlich bemüht und es ist nicht «eine Schuld, sondern bloß seine Tragik, daß er sich in Bernals sin Teil jener mephistophelischen Kraft entpuppte, -die stets das Böse will und stets das Gute schafft . . ." Dieser „Sachverständige" für jüdische Weltverschwörungen wurde als blutiger Ignorant in jüdischen Dingen entlarvt, aber dafür als um so besserer Kenner des antisemitischen Weltgeschäfts deklariert. Auf die Frage des klägerischen Anwalts Brunschvig gab Fleischhauer zu, daß er der Leiter des antisemitischen U.-Bodung-Verlages «ei, ferner daß er mit dem verstorbenen Theodor Fritsch befreundet war. Auf die Frage, ob er mit Julius Streicher einig gehe, erwiderte er: „Wir wollen die Judenfrage im Sinne Theodor. Herzls lösen. Wir wünschen keine jüdischen Parasiten mehr, die nach festgelegten Plänen zum Kriege hetzen." Man kann es diesem standesbewußten Offizier nachfühlen, welch ein Greuel für ihn und seinesgleichen — Kriegshetze bedeuten muß, und daß er nicht früher Rast und Ruhe fand, bis er endlich die wahren Schuldtragenden an dieser Hetze erwischte: die jüdischen Parasiten. Nur die Lösung der Judenfrage kann dieser gequälten Seele die Möglichkeit geben, ihre pazifistischen Neigungen so ungehemmt zu entfalten, wie es bekanntlich der Veranlagung preußischer Stabsoffiziere seit jeher entsprach. Daß er diese Lösung „im Sinne Theodor Herzte" erreichen will, ist allerdings für die Zionisten eine unangenehme Ueberraschung und ein viel härterer Schlag als alles, was er zugunsten der Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion" vorbrachte . . . Nach Amerika and Hanada Koschere Küche auf der Majestic 56.000 t Berengaria 52.000 t Aquitania Cunacd H)(ütz=Siat Repräsentanz: Wien I. Kärntnerring 4 Tel. U 46-0-48 U 42-0-43 Vor ihm erhielt der vom Schweizer Israelitischen Gemeindebund und von der Kultusgemeinde Bern gestellte Gutachter Universitätsprofessor Dr. B a u m g a r t e n - Basel das Wort. Er führte u. a. aus: Die „Protokolle" widersprechen jedem gesunden Menschenverstand, denn Liberalismus und Demokratie sind doch sicher etwas anderes als teuflisches Machwerk. Die „Protokolle" sind nichts als eine Fälschung, die be- ".weckt, die Juden in den wüstesten Farben zu schildern. Eine solche Fälschung kann nur das Machwerk eines Antisemiten des 33. Hochgrades sein und nicht eines „Repräsentanten Zions des 33. Grades", wie die gefälschten „Protokolle" unterschrieben sind. Die „Protokolle" wurden von vornherein als historische Fälschung konzipiert. Man wollte die Existenz der jüdischen Geheimregierung vortäuschen, um Juden, Freimaurer, Demokraten, Liberale und Sozialisten in Mißkredit zu bringen und einer reaktionären Politik Vorschub zu leisten. Der von den Antisemiten behauptete angebliche Zusammenhang zwischen Judentum und Freimaurerei besteht nicht. Die „Protokolle" sind aber nicht nur eine Fälschung, sondern sie sind auch ein Plagiat. Sie sind zu erheblichen Teilen fast wörtlich abgeschrieben aus dem 1865 erschienenen Buche: „Dialogues aux En- Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen SENSAL A 48-9-22 R. TAUBNANM Wien, II. Bezirk, NerdpolslraB« 2/3 Reparatnrkre dite Zinsvorschfisse kulanteat Rasiere Dich m und billig Oesterreicliisciies OQaiifäts-rahrikat Ueberau erhältlich fers entre Machiavei et Montesquieu' von dem französischen nicht jüdischen Advokaten Maurice J o I y, Joly hatte sein Buch als Satire auf die Regierung Napoleon III. gedacht Außer der Schrift Jolys ist aller Wahrscheinlichkeit nach als Quelle der ..Protokolle" die französische gegen F'reimauerei und Judentum gerichtete Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu bezeichnen. In der Geschichte der „Protokolle" spielt der n ot o r i s c ii e Fälscher Ratsclikowskv eine große Rolle. Sie wurden von ihm dem berüchtigten N i I u s in die Hände gespielt. Man kann dem russischen ancien regime das Zeugnis nicht absprechen, daß die an höchster Stelle stehenden Persönlichkeiten die „Protokolle" nach ihrem richtigen Wert einzuschätzen wußten. Sie fanden keinen Glauben und wurden als „ein für die Regierung vollkommen unzulässiges Mittel der Gegenwirkung" bezeichnet. Sie hatten nur die Aufgabe, die antisemitische Agitation zu entschuldigen und die Pogromstimmung zu unterstützen Der Sachverständige nimmt sodann ausführlich Stellung zu der ihm vom Gericht vorgelegten Frage, ob die „Protokolle" unter den Begriff der Schundliteratur fallen. Der Experte bejaht diese Frage und schließt: ..Diese .Protokolle" sind eine Fälschung; die in ihnen dargelegten Pläne einer angeblich existierenden jüdischen Geheimregierung haben mit den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zielen des Judentums nichts zu tun." Fleischhauer erklärt die Weltgeschichte. Das mündliche, ebenso blödsinnige wie langatmige Gutachtem des Herrn Ulrich Fleischhauer nahm mehrere Tage in Anspruch. In seinem U.-Bodung-Verlag in Erfurt erscheinen die in der ganzen Welt verbreiteten antisemitischen Pamphlete, das dickbändige Lexikon „Sigilla Veri", mehrsprachige Korrespondenzen wie der „Welt-Dienst" mit der Bestimmung, eine pan-arische antisemitische Weltfront zustande zu bringen. Die „christlich-arische Welt-Alliance". hinter der der U.-Bodung-Verlag und sein Leiter Fleischhauer stehen, unterhält Beziehungen zu den antisemitischen Führern und Schriftstellern aller Länder. Dieser Verlagstätigkeit entspricht das Gutachten Fleischhauers. Fleischhauer polemisiert gegen das Gutachten Professor Baumgartens, der kein Talmudkenner sei. Aus seinen langen und ermüdenden Ausführungen über Talmud und Schulchan Aruch geht aber hervor, daß Fleischhauer selbst nur die antisemitischen Schriften über Talmud, deren Fragwürdigkeit die Wissenschaft festgestellt hat, kennt, während Prof. Baumgarten sich auf einwandfreie wissenschaftliche Abhandlungen gestützt hat. Tagelang beschäftigte sich Herr Fleischhauer mit der Widerlegung der gegnerischen Argumente. Die Tatsache, daß die „Protokolle" ein Plagiat von Jolys Werk sind, wagt er zwar