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Die Wahrheit · 1935-05-03 · Heft 18 (3.5.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 18 (3.5.1935)
Date
1935-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 18 — 3. Mai 1935 DIE 'WAHRHEIT war seither ehrlich bestrebt, ihre Auffassung von Staatszionismus und Klassengemeinsamkeit innerhalb der gesamten Zionistischen Organisation durchzusetzen. Das ist nicht gelungen. Der XVI. ZionistenkougreU hat die politische Souveränität der Bewegung an eine gemischte Jewish Agency abgetreten, die zur Hälfte aus Nichtzionisten und Gegnern des Zionismus besteht. Der XVII. Kongreß hat in der Form eines Ueberganges zur Tagesordnung das Judenstaats-Prinzip aufgegeben. Der XVIII. Zionistenkongreß hat die zionistische Bewegung ganz einer Partei u n te r wo rf en. die Klassenkampf führt und predigt und zur Klasse n d i k t a tu r strebt. Derselbe Niedergang der zionistischen Idee hatte seinen Ausdruck auf allen Arbeitsgebieten der Zionistischen Organisation. Die Alijah wurde künstlich fast in ein ausschließliches Monopol einer Partei verwandelt. Dasselbe geschah mit den vom gesamten jüdischen Volke erhaltenen Fonds. Der Jisc'huw und seine autonomen Organe stehen vor der Gefahr einer roten Herrschaft. Klassen Ii aß wird sogar in den Kinderschulen gepredigt. Eine Zeitlang herrschte im ganzen Laude eine wilde Faustgewalt gegen jede Minderheit, die den Gedanken der Gleichberechtigung aller Volksschichten vertritt. Man hat versucht, dem .politischen Gegner die Alijah-Rechte zu nehmen. Das Manifest spielt unter scharfen Angriffen gegen die linke Arbeiterbewegung auf den Stavsky-Prozeß und auf Vorgänge auf dem Präger Kongreß an und wendet sich mit der gleichen Schärfe gegen das Transfer-Abkommen Deutschland-Palästina, durch welches Palästina zu einem „Paradies des nazistischen Exports" geworden ist. Es heißt in dem Manifest weiter: Das wichtigste Gebiet, auf welchem sich der Niedergang ausdrückt, ist die zionistische Politik gegenüber dem Mandatar. Niemals trat die Ohnmacht des offiziellen zionistischen Gedankens so klar und so fatalschädlich zutage wie gerade heute. Zwei Faktoren haben den Mandatar gezwungen, die Tore Palästinas zu öffnen: einerseits die deutsche Katastrophe, andererseits die lange Kette der Massenproteste und Massenforderungen, die — wie die Geschichte einmal feststellen wird — hauptsächlich auf die Initiative der revisionistischen Union zurückzuführen ist Ein Strom jüdischer Einwanderer und jüdischen Kapitals kommt ins Land, in ein Land, wo bodenerwerb fast verboten ist und dessen größere Hälfte. Transjordanieu, ganz versperrt ist. Wo der lokalen Industrie Zollschutz versagt ist, ist auch ein Goldregen ohnmächtig.. Die ljeue Alijah hat nicht genügende Wurzeln in Landwirtschaft und Industrie, die Energie artet in Spekulation aus, es drohen uns noch bitterere Enttäuschungen als nach dem Aufschwung von 1925. Allein die offizielle zionistische Leitung hält sich an die alte Richtung der politischen Ja- Sagerei. Und obwohl sie — aus Furcht vor unserer Kritik — sich nach „Kritik" klingender Ausdrücke bediene bleibt ihre Beziehung zum Regime weiterhin eine Beziehung des Zutriedengestelltseins. Die u n v e rm e i d 1 i c h e Enttäuschung wird uns alle unvorbereitet und schutzlos treffen. In tiefer Sorge über diese Gefahr und nach einem Rettungsweg für die Volkshoffnung suchend, hat die Union der Zionisten-Revisionisten ihren Gegnern eine Friedenshand ausgestreckt und vorgeschlagen, den Klassenkampf einzustellen und nationale Arbitrage einzurühren. Sie schlug eine alhveltliche Anstrengung zur Durchsetzung der notwendigen politischen Reformen, Jerner eine Round Table-Konferenz zur Schaffung einer zionistischen Einheitsfront vor. All das ist nicht gelungen. Unsere Friedensangebote wurden abgelehnt. Das Zionistische Aktions-Komit.ee hat, sich endgültig der Diktatur einer Klassenpartei unterwerlend, den Herzlschen Volksschekel abgeschafft und ihn durch einen Parteizettel ersetzt, mit dem Ziele, es jedem Revisionisten unmöglich zu machen, weiter in der Zionistischen Organisation zu verbleiben. Verunglimpfung des Tierschutzes. In der Nummer 441 der „Stimme" erschien kürzlich unter dem Titel „Tierschutz" ein Artikel, dessen Ausführungen mich zur nachstehenden Widerlegung veranlassen. Der anonyme Schreiber knüpft au die in letzter Zeit vom Wiener Tierschutzverein gegen die Mißstände in Schönbrunn erhobenen Einwände an, um in einer geschmacklosen Art und durch völlig unangebrachte, die weiten Kreise der Tierfreunde provozierende Ironie die Tierschutzidee herabzusetzen und zu verunglimpfen. Er ironisiert die Sorge des Wiener Tierschutzvereines um die nach seinen Feststellungen vernachlässigten Tiere und beklagt sich völlig unzusammenhängend darüber, daß die antisemitischen Maßnahmen im Dritten Reich nicht das gleiche Interesse erwecken. In weitterer Folge wird gegen den Wiener Tierschutzverein der Vorwurf erhoben, daß seine Tendenzen getarnt antisemitisch sind. VIDbige Darlegung|H:^§Bfrfen - speziell von jüdischer Seite nicht unwiderlegt bleiben. Es muß zunächst darauf verwiesen werden, daß es unsinnig ist, zwischen der Tätigkeit des Tierschutzvereines und den gewiß menschenunwürdigen Maßnahmen des Dritten Reiches gegen die Juden eine Parallele zu ziehen. Es ist dies die alte Phrase, mit der man die Tierschutzidee herabzusetzen versucht, indem man ihr die weit wichtigere Frage des MenschenBchtttzes gegenüberstellt. Derartige Ausführungen sind jedoch unstichhältig, denn die Pflege der Tierschutzidee kollidiert keinesfalls mit der Verwirklichung des Menschenschutzgedankens und es müssen naturgemäß zur Verwirklichung beider Tendenzen abgesonderte Vereinigungen bestehen. Die Ironie, die sich der Schreiber des eingangs bezeichneten Artikels in diesem Belange leistet, ist daher deplaciert und nur geeignet, die Gefühle der vielen Tierfreunde zu verletzen. Ganz unbegründet ist auch der Angriff gegen den Wiener Tierschutzverein wegen seiner angeblich antisemitischen Einstellung. Als Mitglied des Vorstandes und Rechtskonsulent dieses alten, auf einer reinen Ideologie aufgebauten Vereines muß ich mit aller Entschiedenheit gegen diesen Vorwurf Stellung nehmen. Die Tendenzen des Wiener Tierschutzvereines gehen nie über die reine Tierschutzidee hinaus und auf Grund zahlreicher Beschlüsse, die bei verschiedenen' Anlässen gefaßt wurden, wird grundsätzlich und sorgfältig jede politische Färbung vermieden. In diesem Zusammenhange möchte ich noch darauf verweisen, daß im Vorstande iü,e h r e fe Mitglieder Jud e n sind, die mit den wichtigsten Agenden des Vereines betraut werden. - 'Während meiner mehrjährigen Angehörigkeit zum Vorstand habe ich nie "Baden bei Wien ROLLETGASSE 7 / HERMINE EICHNER Sehr nette Zimmer, mit und ohne Pension, streng rituelle Küche, Zentralheizung, fließendes Kalt- und Warmwasser, billige Preise, ganzjährig geöffnet. auch nur die geringste antisemitische Äußerung wahrgenommen und es wirkt daher nur aufreizend und provozierend, wenn derartige Anwürfe ganz unbegründeterweise erhoben werden. Der Vorstand des Wiener Tierschutzvereines vereinigt wahre Idealisten, die, verschiedenen Kreisen angehörend, durch Pflege derselben Ideale sich zusammenfanden; die Tätigkeit des Vereines steht auf dem höchsten kulturellen Niveau, weshalb sie respektiert und nicht herabgesetzt werden soll. Es ist daher als großer Fiehler anzusehen, wenn von jüdischer Seite derartige Angriffe publiziert werden, die keinen vernünftigen Zweck verfolgen können und nur böses Blut schaffen) zu einer Zeit, wo wir Verständigung suchen und jede Aufreizung vermeiden sollten. Dr. Jakob Rapaport. Das Christentum bedroht Mit berechtigter Sorge beobachtet die Kulturweit den wachsenden Radikalismus im Dritten Reiche, der sein eindrucksvollstes Symbol und seinen bezeichnendsten Ausdruck in dem mächtig erstarkenden] Neuheidentum findet. Hiefür ist nicht einmal so sehr die Tatsache charakteristisch, daß die offiziellen Wiedererwecker des Wotan -ikultns ihren^ Hokuspokus bereits in den größten Versammlungsraum Berlins, den Sportpalast, verlegen konnten. Noch viel wesentlicher macht sich der religiöse Nazigeist dort geltend, wo das Ritual der alten Kirchen äußerlich noch zur Anwendung kommt. Goerings Trauung wurde nach evangelischem Ritus vollzogen. Daß aber gerade an seinem Hochzeitstag die Hinrichtung der beiden ganz unschuldig wegen der Ermordung Horst Wessels Verurteilten mit dem Richtschwert vollzogen wurde, war eine sicherlich nicht unbeabsichtigte Renaissance altgermanischer Führer-Ehrung durch das Blutopfer gefangener Feinde. Wie himmelweit entfernt ist diese neudeutsche Mentalität von der des jüdischen Propheten Hosea mit sedner Forderung: „Güte, nicht Opfeir!" Die Entjudung des deutschen Gemütslebens erscheint noch viel besser geglückt als die des deutschen Wirtschaftslebens. Aber die radikale Abwendung von der jüdiscli'en „Humanitätsduselei" gefährdet weniger das Judentum selbst als dessen christliche Töchterreligionen. Zu solchen Erkenntnissen hat Hitlers Antisemitismus auch hervorragende katholische Persönlichkeiten geführt aus deren im Züricher Vitanova-Verlag erschienenen Aufsätze nachstehender Aussprucli der schweizerischen Nobelpreisträgerin Sigrid U n d s e t zitiert sei: „Der Jude, der den Glauben an den Gott seiner Väter verloren hat, wird ujj. fähig sein, der dem Chaos entgegeneilenden Alenschheit einen Dienst zu erweisen." Leider gibt es auch außerhalb Deutsclilands Staaten, die dieser Dienste entraten zu können glauben. In Oesterreich haben die Krankenhäuser nunmehr alle jüdischen Aerzte entlassen. Im Schulwesen hat Oesterreich sogar dem Herrn Goebbels zum Vorbild gedient, da dieser erst jetzt die räumliche Trennung der arischen von den jüdischen Schülern angeordnet hat. Dafür hat er die österreichische Filmindustrie unter seine Fittiche genommen und ihr den Arierparagraphen aufgezwungen. In Ungarn ist ihm dies nicht geglückt. Und das ist um so bemerkenswerter, als Ungarn auf eine Zeitlang dem Rassenwahnsinn gehuldigt hat. Es ist aber gründlich davon geheilt und dieser Tage hat der Bischof von Szekesfehervar in einem Fastenhirtenbrief eine geharnischte Absage an die Rassentheorie verlautbart: „Niemand wird es vernünftigerweise leugnen, daß das Blut eine wunderbare Kraft besitzt. Aber das Blut ist nicht die alleinige Quelle alles nationalen und gesellschaftlichen Lebens. Zur Zeit der Völkerwanderung verschwanden große und wertvolle Völker von der Bühne der Weltgeschichte, weil sie keine anderen' Gesetze als jene ihres unbezähmbaren Blutes anerkennen wollten." Die Juden sind damals nicht untergegangen. Sie leben noch und werden wohl auch die Hitlerbarbarei überleben. Daraus folgt, daß ihrem Glauben eine lebenserhaltende Kraft innewohnen mufi und daß jene Politiker auf dem Holzwege sind, die ihren Völkern dauernden Bestand. sichern wollen, indem sie sie von den Ewigkeitswerten der jüdischen Ethik „reinigen". Der Fall Moses Rath. Unsere Mitteilungen über die Bestellung des Herrn Moses Rath zum Nachfolger des Herrn Regierungsrates Dr. Bernhard W a c h s t e i n ohne jede Ausschreibung der Stelle („quasi per inspirationem") hat in den weitesten Kreisen das größte Aufsehen gemacht. Nur der „Stimme", dem sonst so beredten Organ der Allgemeinen ZIonisten, hat es die Red' verschlagen. Im „Jüdischen Weg" dagegen fühlt sich der Verband radikaler Zionisten bemüßigt, zu dem unerhörten Vorkommnis Stellung zu nehmen; und der jüdischen und zionistischen Oeffentlichkeit Aufklärung, über das Verhalten ihres Vertreters (des Herrn Doktor Plaschk e s) zn geben, der '- als einziger jüdischnationaler Vertreter mit den'; Mandataren der „Union" gegen die Bestellung;.',.^des Herrn Moses Rath ohne öffentliche Ausschreibung gestimmt hat. Der Verband' radikaler Zionisten verrät das Geheimnis, warum er schon anläßlich der Wahlen zu den, wie man sich erinnern wird, mit großer Emphase vertretenen demokratischen Grundsätzen der übrigen zionistischen Gruppen, insbesonders der Allgemeinen Zionisten, kein ""Vertrauen hatte. „Wir stellen fest," sagt der Verband radikaler Zionisten, „daß unser Mißtrauen durch verschiedene Vorfälle, unter anderem auch durch den letzten, leider allzusehr begründet ist." Es muß ferner bemerkt werden, daß der Verband radikaler Zionisten es wie selbstverständlich mit dem zionistischen Programm für unvereinbar erklärt, „daß ein zionistisches Mitglied des Vorstandes, welches durch die Wahl berufen wurde, die Interessen der Wähler in der jüdischen Gemeinde zu wahren, sein Mandat zu dem Zwecke niederlege, um einen besoldeten Posten bei derselben Gemeinde zu beziehen." Das ist deshalb wichtig, weil Gerüchte im Umlauf sind, wonach der Fall Moses Rath kein vereinzelter bleiben soll, sondern daß es auch noch anderen jüdischnational-zionistischen Vorstandsmitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde nach gut und noch besser bezahlten Posten der Gemeindeverwaltung gelüstet. Hoffentlich genügt diese Andeutung, um solche Pläne im Keime zu ersticken. Ihre Ausführung müßte ohnedies früher oder später an der berechtigten Entrüstung d;r jüdischen Oeffentlichkeit scheitern. Der polnische Außenminister Oberst Beck hat sich auf der Rückreise aus Genf auf dem Semmering aufgehalten'. Er nahm in der Pension Eckstein die Jause.

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