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Die Wahrheit · 1935-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1935) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 16-17 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 16/17 — 17. April 1935 Seite 9 Der verkannte Maimonides ■ Von Rabbiner Dr. Emantiel Enten. Eduard Lamparter schreibt auf der 96. und 97. Seite seines sonst sehr wertvollen und interessanten Werkes „Das Judentum in seiner Kultur- und religionsgeschichtHchen Erscheinung", Gotha 1928, über Maimonides unter anderem folgendes: „Seine Bedeutung liegt einmal auf national-jüdischem Gebiet. Er wollte dem über die ganze Welt zerstreuten und von allen Seiten bedrohten Judentum einen festen Halt geben und es zu einem lebendigen, in sich geschlossenen Gefüge gestalten. Dies hoffte er durch sein erstes großes Werk zu erreichen, das er Mischne-Thora, das heißt Wiederholung des Gesetzes, nannte. Im Gegensatz zu den Talmudisten, welche die Auslegungskunst auf die Spitze trieben und im Kleinen und Kleinsten sich verloren, will er in den tieferen Sinn und Geist der Mischna oder der bis zu Ende des 2. Jahrhunderts von den maßgebenden Schriftgelehrten aufgestellten Erläuterungen zum Gesetz und in die praktische Bedeutung desselben einführen. Aber sein Kommentar enthält nicht bloß eine Wiederholung und Systematisierung der Gesetze, sondern er schickt auch den einzelnen Teilen dogmatische Einleitungen voraus, in welchen er die religiösen Grundfragen des Judentums behandelt. Er bekämpft darin eine unvernünftige Religiosität und grobsinnliche Vorstellung von Gott und seinem Verhältnis zur Welt und zu den Menschen . . . Mit seinem Kommentar wollte er nach seinen eigenen Worten „ein lückenloses Kompendium der mündlichen Lehre samt allen seit der Zeit unseres Meisters Moses bis zum Abschluß der Gemara angehäuften Verordnungen, Bräuchen und Gesetzen schaffen, damit jeder, ohne ein anderes Buch (also auch den Talmud) gelesen zu haben, die Kenntnis der gesamten mündlichen Lehre daraus schöpfen könne." Lamparter verrät hier Unorientiertheit bezüglich der literarischen Tätigkeit Maimunis. Er hält die Mischne-Thora, die auch Jad Chasaka genannt vird, für einen Kommentar zur Mischna, weiß nicht, daß das erste große Werk Maimunis nicht die in hebräischer Sprache geschriebene, im Jahre 1180 vollendete, aus 14 Teilen bestehende Mischne- Thora, die de facto „ein Kompendium der mündlichen Lehre" ist, war, sondern sein in arabischer Sprache verfaßter und im Jahre 1168 vollendeter Kommentar zur Mischna, welcher arabisch „Sirag", hebräisch „Hamaor" (das Licht) genannt wird. Die Lamparterische Charakterisierung der Mischne-Thora ist nur teilweise richtig. Den Lamparterischen Fehler begeht auch Dr. Severin Grill, Professor der Theologie, in seinem tendenziösen Büchlein: „Der Talmud und Schulchan Aruch" (Graz, 1934). S. 16 steht folgendes: „Der jüdische Philosoph Maimonides gab in den Jahren 1170—1180 einen Kommentar zur Mischna und Gemara heraus: Die Mischne Thauro und die Jad Chasakka". Mischne- Thora und Jad Chasaka sind nicht zwei Werke, sondern, wie erwähnt, ein Werk. Mischne-Thora ist kein Kommentar, weder zur Mischna noch zur Gemara. Maimuni schrieb auch keinen Kommentar zur Gemara. Schon Rabbiner Dr. B. Murmelstein macht uns in seinem Büchlein, „Einige Fragen an Prof. Dr. P. Severin G r i 11", Wien 1935, S. 8., auf die mehrfachen groben Irrtümer aufmerksam, welche dem Herrn Professor nur in diesen vier Zeilen unterliefen. Em ungarischer antisemitischer Schriftsteller, Zimandy, schreibt in seinem pornographischen Buche, Hiteles Zsido Kate (Authentischer jüdischer Katechismus), Török—Balint 1883, S. 38., über Maimonides folgendes: „Moses Maimonides oder Rabbi Rambam (Mosche ben Maimon) ist einer der gelehrtesten, schlauesten, verstocktesten und hartnäckigsten Juden des Mittelalters. Wurde in Kordova, Spanien, im Jahre 1135 geboren. Schüler des berühmten Averroes, Hauptverursacher der solch gräßlichen Gestaltung und Erstarrung des spitzfindigen Rabbinismus. Nach vielen Widerwärtigkeiten, Glaubenswechseln und Herumlaufen ließ er sich in Tiberias nieder, wo er gegen 1209 starb und auch beerdigt wurde. Die fanatischen Talmudjuden halten sein Andenken in großer Ehre. In seinem ganzen Leben spielte* er die Rolle des ewigen Juden. Seine Hauptwerke: More Rebochim (sie!) (Der Lehrer der Verirrten). Die Erklärung der Mischna, Jad Chasaka etc. erheben ton zu einem der Helden des fanatischen Rabbinismus." Wir halten es für ganz überflüssig, zu betonen, daß die Worte Zimandys gar keinen wissenschaftlichen Wert haben, nur große Unwissenheit und unverständlichen grimmigen Haß gegen Maimonides verraten, der nicht nur der größte jüdische Geist des Mittelalters war, sondern auch zu den edelsten Charakteren der Menschheit gehört.. Luzsenszky, den ich den ungarischen Rohling nennen möchte, nennt Maimonides in seiner Schmutzschrift, „Der Talmud", konsequent den „Rasenden" (örjöngö). Ich weiß nicht, warum Herr Luzsenszky (und auch Zimandy) rast, wenn er den Namen Maimonides aufs Papier setzt, warum die antisemitischen „Talmudisten" toben, wenn sie über Maimonides sprechen. Vielleicht deshalb, weil sie wissen, daß Maimonides mit seinem religionsphilosophischen Werke, dem More Nebochim, auf christliche Denker und Philosophen einen bedeutenden Einfluß ausübte, daß Albertus Magnus, der heilige Thomas von Aquino, Roger Bacon, Reuchlin den Rabbi Moyses Aegyptius gerne und oft zitieren, daß Leibniz sich in den „ausgezeichneten" More vertiefte und aus dem Brunnen der Maimunischen Philosophie schöpfte und trank. GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL VIEH IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE) XVIII., VAHRIHGERSTRASSE 9? Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für HeUanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch Hnter Aufsicht des «hrw. Rabbinatea der Isis KuKnsQemeiiide Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Wir wollen aber nicht rasen ob dem Rasen der Herren Antisemiten, sondern sprechen mit Heine: „Daß du rasest, dulde ich" und wollen stolz darauf sein, daß Moses Maimonides, der zu den größten Geistesheroen der Menschheit gehört, unserem kleinen, aber in der Geschichte der Kultur, Wissenschaft, des Fortschrittes stets eine große Rolle spielenden Stamme entsprossen ist. Der Arzt Maimonides. Richtige Ernährung, Diät, steht heute im Mittelpunkt der modernen Krankheitsbetrachtungen und Heilbestrebungen. Die Aerzte unserer Zeit sind der Ueberzeugung, daß ihr Einfluß auf den Körper in vieler Hinsicht entscheidend ist. Kern modern gesinnter Arzt wird es daher versäumen, dieser Frage seine größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Maimonides, der große Religionsphilosoph, war ein bedeutender Arzt und schon zu Lebzeiten als solcher anerkannt. Er hat uns eine Reihe medizinischer Schriften hinterfassen, die er namentlich als Leibarzt und Berater der Sultane von Kairo verfaßt hat. Auf den ersten Blick fällt auf. daß Ernährung und Diät im Mittelpunkt seiner Behandlung stehen. Und erstaunlich ist es. wie viele seiner Gedanken heute noch Gültigkeit haben, nach nahezu 800 Jahren, ja wie sie Zu vermieten 2 sonnige, möblierte, große Gassenzimmer mit Telephon. (Schlaf- und Speisezimmer.) Sieder, Wien 11-, Am Tabor 13, Tür 28 geradezu mit parallel laufen. So ist eine modernen ärztlichen Ueberlegungen seiner Hauptregeln: jede Uebersättigung zu vermeiden. Jeder Mensch, der gesunde wie der kranke, soll zu essen aufhören, solange er noch Appetit hat; Ueberfüllung und Ausdehnung des Magens sind von Uebel. Kern Mensch würde seinem Tier Futter ohne Maß hinwerfen, sondern das Tier bekommt eine überlegte Menge Futter, die es wohl vertragen kann. Würde der Mensch sich selbst so leiten, wie er seine Haustiere leitet, dann würdb er vor vielen Krankheiten bewahrt sein: aber bei seinem Essen .glaubt er nur zu oft, das zuträgliche Maß überschreiten zu können, und das rächt sich. Sehr notwendig erscheint es ihm. auf die Beschaffenheit der Speisen zu achten. Verdorbene Nahrungsmittel machen krank. Niemand soll eine Speise zu sich nehmen, deren Verschlechterung begonnen hat, auch nichts Trübgewordenes oder sonst Verdächtiges. Sie sind <fie Grundquellen des Fiebers und wirken wie Gifte. Die Rolle der Gewohnheit in der Ernährung ist Maimonides klar. Auch beim Essen soll sich niemand von den eingefahrenen Gewohnheiten plötzlich trennen. Auch wenn jemand eine gesundheitlich schlechte Gewohnheit hat, so soll er sich zum Richtigen nur langsam und stufenweise hinwenden. Diese Art der Umstellung und Umgewöhnung nennen wir heute: „Einschleichen." Maimonides kümmert sich wie der moderne Diätarzt um das Kleine. — denn das ist das Wichtige. So gibt er genaue Anleitung zur Herstellung eines bekömmlichen Brotes. Das Brot soll kleiehaltla sein. — eine Forderung, die wir heute wieder betonen. Gutes Brot gilt ihm als beste Speise, während er ungesäuertes Brot und auch igekochten Teig wie Fadennudeln und Teignudeln nicht für zuträglich hält. Fleisch gilt am besten, wenn es nicht fett ist, wie das des ein- und zweijährigen am Berghang weidenden Schafes oder beim Wild das der Gazelle. Das Fleisch des Hasen wird bei Nervenkrankheiten gegeben, sein Gehirn bei Nervenzittern empfohlen. Das Verbot, Fleisch und Milch zusammen zu genießen, wird außer aus religionsgeschichtlichen Gründen auch damit erklärt, daß es eine zu üppige Nahrung ist und Uebersättigung herbeiführt. Von Fischen werden nur jene mit kleinem Körper und weißem Fleisch empfohlen, also die nichtfetten Arten. Milch ist eine gute Speise; Maimonides weiß aber, daß sie von manchen nicht vertragen wird. Von Käse werden gleichfalls nur die nichtfetten Arten empfohlen. Honig hält Maimonides namentlich für ältere Menschen für sehr wertvoll, ja im „More Nebuchim" Moderne Gedanken bei einem alten Meister. wird er als angenehmste aller Speisen bezeichnet. Von Kräutern und Gemüsen werden verschiedene nicht günstig beurteilt, nämlich Knoblauch, Zwiebel, Kresse, Rettich und Kohl. Frische Früchte werden verschieden beurteilt. Besonders gelobt werden Feigen und Trauben. Man muß bedenken, daß man dem irischen Obst früher immer etwas mißtrauisch gegenüberstand, da es vielfach zum Ueberträger von Typhus und anderen Infektionskrankheiten wurde. Wein im Jünglingsalter sollte nicht getrunken werden, dagegen ist er für ältere Menschen und besonders Greise wertvoll. Sehr gerühmt wird das „Hydromel", ein Trank, der entweder aus Honig und Weißwein oder aus Zucker und Weißwein hergestellt wird. Dieser Trank stärkt Magen und Herz, hebt die Verdauung, regt den Darm an und erhöht die Gemütsstimmung. Von den Diätkuren, die Maimonides schildert, sind vor allem jene zur Darmanregung bemerkens- Maimonides: Morgengebet eines Arztes. „Laß mich beseelen die Liebe zur Kunst und zu Deinen Geschöpfen. Gib es nicht zu, daß Durst nach Gewinn, Haschen nach Ruhm oder Ansehen sich in meinen Betrieb mische; denn diese Feinde der Wahrheit und Menschenliebe können leicht sich täuschen und der hohen Bestimmung, Deinen Kindern wohl zu tun, entrücken. Stärke die Kraft meines Herzens, damit es gleich bereit sei, dem Armen und Reichen, dem Guten und Schlechten, dem Freund und Feind zu dienen. Laß' im Leidenden mich stets nur den Menschen sehen; möge mein Geist am Bett des Kranken stets Herr seiner selbst bleiben und kein fremder Gedanke ihn zerstreuen, damit alles, was Erfahrung und Forschung ihn lehrten, ihm stets gegenwärtig sei; denn groß und selig ist die sinnende Forschung in der Stille, die der Geschöpfe Wohl und Leben erhalten soll. Verleihe meinen Kranken Zutrauen zu mir und zu meiner Kunst und Befolgung meiner Vorschriften und Weisungen. Verbanne von ihrem Lager alle Quacksalber und das Heer ratgebender Verwandten und überweiser Wärterinnen; denn es ist ein grausames Volk, das aus Eitelkeit die besten Absichten der Kunst vereitr't und Deine Geschöpfe oft dem Tode zuführt, wenn Unkundige mich tadeln und verspotten, so möge die Liebe zur Kunst wie ein Panzer meinen Geist unverwundbar machen, damit er, auf Ruf, Ansehen und Alter seiner Feinde nicht achtend, beim Wahren verharre. Verleihe, o Gott, mir Milde und Geduld mit verletzenden, eigensinnigen Kranken; gib mir Mäßigung in allem, nur nicht in der Erkenntnis; in dieser laß mich unersättlich sein, und ferne bleibe der Gedanke, daß ich alles wüßte und könnte. Gib mir Kraft, Muße. Willen und Gelegenheit, mein Wissen stets mehr zu erweitern; mein Geist kann heute Irrtümer in seinem Wissen erkennen und entdecken, die er gestern nicht ahnte. Die Kunst ist groß aber auch des Menschen Verstand dringt immer weiter."

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