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Die Wahrheit · 1935-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 16-17 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 16/17 — 17. April 1935 DIE WAHRHEIT Sil;' » t i\ t-, üti '?> I *l ' \ Vi Oie cSsterreicliisctie Molkerei Union S. <& G. PISK, Wien XX-, Nordwestbannslradae VI Gegründet 1885 bringt Telephon A. 42-0-58 die unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinats der ADAS J1SROEL (SCHIFFSCHUL) erzengte garantiert verlfiBiiche KOSCHERMILCH wahrend des ganzen Jahres und speziell für PESSACH nOS nnter Anwendung aller rituellen Vorschriften seit mehreren Jahren in sämtlichen Bezirken Wiens in geschlossenen Kannen und Flaschen zum Verkauf. Jedes Gefäß ist mit der Marke (Plombe) der Adas Jisroel (Schiffaehol) versehen. — Wenn daher die Kunden auf verlSBIiohef einwandfreie Kosohermilch reflektieren, empfehlen wir unsere Bezugsquellen, in welches diese unsere Milch zum Ausschank gelangt w. 14. Nissan 5695 Wien, am M ÄprU im gesinnten — arabischen Gelehrten gesessen war und die Vorlesungen dieser, deren Namen uns überliefert worden ist, gehört hatte. Was er dort über die Gottesidee vernehmen konnte, mußte auf Maimons empfänglichen Geist um so mehr einwirken, als er einerseits unzählige Anklänge hieran im jüdischen Schriftturne vorfand und anderseits damals im Judentume eine grobsinnliche Auffassung der Gottheit überhandzunehmen drohte, so daß in einem anonym erschienenen Büchlein „Schiur Koma" von den Händen und Füßen Gottes nach ihrer Länge und Breite sowie vom Ausmaß seines Bartes geschrieben wurde. Pfeil auf Pfeil entsandte der jugendliche Denker dagegen und stellte die These auf, daß, wer die Körperlichkeit Gottes nach irgend welcher Seite hin annehme, ein „Kaufer", ein „Gottesleugner" und „Min", ein „Sektierer" sei, eine Behauptung, gegen die allerdings Abraham ibn Daust (Rawed) in seinen „Einwendungen" Verwahrung einlegte. Diese lodernde Gedankenflamme der Vergeistigung der Gottesidee und also auch der Religion zog Maimonides durch sein ganzes Leben voran und diese war es auch, welche die späteren jüdischen und auch nicht jüdischen Gelehrten lockte, seinen Spuren zu folgen, ohne hiedurch die Grundfesten ihrer religiösen Ueberzeugung irgendwie erschüttern zu müssen. Gewiß hatten noch andere vor und neben ihm die Philosophie in den Bannkreis des Judentums eingeführt, so namentlich Saadja. Und dennoch weist schon der Titel seines Buches „Emunoth we — Deoth" „Glaube und Wissen" darauf hin, daß beide für ihn Gegensätze waren, die er zu versöhnen versuchte; Maimonides stellte dagegen die Identität von Religion und Wissen auf, und zwar Wissen von Gott als Geist. Ueberall bemühte sich Maimuni, diese Anschauung von -der reinen Geistigkeit der Religion zur Geltung zu bringen, selbst dort, wo scheinbar die Philosophie weniger oder gar nicht betont werden sollte. So ergriff er die Gelegenheit, um zum Abschnitt von Sanhedrin: Chelek, die Unsterblichkeit der Seele und das Jenseits von einem höheren Standpunkte aus zu behandeln. Fünf Gruppen führt er an, die die zukünftige Welt grobsinnig auffassen, darunter eine, welche diese als „einen Ort, woselbst man ohne Mühe und Arbeit maßlos essen und trinken kann", annimmt. Mit aller Kraft wendet sich Maimuni dagegen und meint, gleichwie die Fische, die im Wasser sich befinden, das Wesen des Feuers nicht verstehen, so auch wir sinnlichen Menschen die geistige Art des Jenseits nur zu ahnen, aber nicht zu erfassen vermögen. Im Anschlüsse an diese Ausführungen stellte er jene berühmten 13 Grundsätze auf, von ihm zuerst Jessodot, später I k k a r i m genannt, die nunmehr die Gedankenwelt des ganzen Mittelalters beherrschen sollten, in unser Gebetbuch als „Jfigdal" Eingang fanden und deren Kernpunkt der dritte Absatz ist: „Ich glaube unerschütterlich, d a ß de r S ch ö p f e r, g e 1 o b t s e i e r, keinen Körper hat. ihm keine körperlichen Eigenschaften zukommen und irgendeineVorstellungvonihm nicht gegeben ist." — Die gleichen Gedanken der geläuterten Auffassung leiteten ihn in seiner Stellungnahme zur jüdischen Ethik. Den zumeist praktische Lebensregeln enthaltenden „Sprüchen der Väter" schickte er seine „Schemona Perakin" (acht Abschnitte) voran, in denen er sich mit den Tugenden und Untugenden des Seelenlebens und ihrer Einflußnahme auf die Handlungen befaßt und im fünften Abschnitt sich zur kühnen Behauptung aufschwingt, daß „wer die oberste Stufe der intellektuellen und ethischen Eigenschaften erreicht hat nicht geringer einzuschätzen sei als die Propheten". Gleichwie aber bei einem Vulkan wohl einzelne Flammen an verschiedenen Steilen hervorbrechen, die ganze Feuersglut erst durch den Krater selber entsendet wird, also fanden die umwälzenden Anschauungen Maimunis ihre Vereinigung und ihren Höhepunkt in dem Meisterwerke „More Nebuchim" (Führer der Irrenden), das gleichfalls, in arabischer Sprache geschrieben, allen jenen den richtigen Weg weisen sollte, die zwischen: den Satzungen der Religion und den Lehren der Philosophie hin und her schwanken, ohne Beruhigung und Festigkeit erlangen zu können. Die Wertung, die dieses Buch gefunden hatte, ist daraus zu ersehen; daß es noch zu Lebzeiten Maimunis zweimal ins Hebräische, sodann im Mittelalter und der Neuzeit mehrmals ins Lateinische, weiters ins Spanische, Italienische, Französische, Englische, Ungarische und Deutsche übersetzt wurde. Es ist nicht etwa die überquellende Fülle der philosophischen und rabbinischen Materien, welche die Anziehungskraft auf die denkenden Köpfe aller religiösen Bekenntnisse ausübte, sondern der Tenor ist es vielmehr, derindiesem grandiosen Buche vernehmbar ist. Drei Teile weist es auf; der erste, aus 76 Kapiteln bestehend, wäre am treffendsten mit der Ueberschrift zu versehen: „V e r- Catt Budisbaum IL, Kleine Pfaxrgasse 21 Kaffee, Milch, Schokolade Prima Weine und Mete nos'fra -ws geistigung der Anthropomorphisimen und Anthropopathien", d. h. der in der Bibel der Gottheit beigelegten Eigenschaften und Affekte menschlicher Art, wie z. B. „Und siehe, Gott steht über ihm" (Gen. 28, 13), „ es entbrannte der Zorn Gottes" (Ex. 4. 14) u. a. Maimonides erklärte das Vorgehen der Bibel, daß sie „die Sprache des gewöhnlichen Menschen gebraucht habe", um sich verständlich zu machen, und meinte, „alle Aussprüche der Thora nach dem einfachen Wortsinne verstehen zu wollen, würde zu falschen Vorstellungen von Gott führen und sogar zur vollständigen Negierung der Grundlehren der Religion Veranlassung geben". Der zweite Teil des „More", 48 Kapiteln zählend, befaßt sich hauptsächlich mit der Vergeistigung der Gottesideee, mit den Beweisen für die Existenz Gottes sowie mit der Ueberbrückung der zwischen dem Berichte über die Erschaffung der Welt und der Annahme des Aristoteles von der Ewigkeit derselben bestehenden Kluft, der er dadurch zu entgehen versucht, daß er zum Neuplatonismus in dieser Hinsicht hinübergreift und die Welt als eine Emanation der Gottheit ausgibt, gleichwie Strahlen von der Sonne ausgehen. Der abschließende dritte Teil, aus 54 Kapiteln sich zusammensetzend, versucht zumeist eine Vergeistigung des Zeremonialgesetzes durchzuführen. ..Es gibt Menschen", schreibt Maimonides im 31. Kapitel, „denen es schwer fällt, bei! irgend einem Gebote eine Begründung anzunehmen und die es für das Beste halteni, daß jedem Gebote oder Verbote der vernünftige Sinn fernbliebe. Es 'st wohl nur ein seelischer Defekt, der bei ihnen diese Anschauung hervorruft." Zur Erklärung der biblischen Vorschriften, so namentlich hinsichtlich der levitischen Reinheit, der Keuschheit, der Speisen zieht Maimonides seine weitreichenden medizinischen Kenntnisse heran, wie er auch das rituelle Schlachten im 48. Kapitel damit begründete, daß g Die bestrenommierte ■ ■ Orth. ItW orth. g 5 reinwuTslu. Seldnvaren-Erzengiing ■ ■ EISEN & »ÖNBGSSER K 3 Inhaber: JL EISEN g g bringt auch für Pessach ihre Spezialitäten £ ■ Erhältlich in allen ihren Verkaufsstellen ■ ™ B ■ Alleinige Erzeugiingsstätte und Versand ■ ■ III., Rabengasse 13, Telephon U 14-1-68 ■ die heilige Schrift für die als notwendig sich erweisende Tötung der Tiere die am wenigsten quälende Art vorgeschrieben habe. Mit diesem von Maimonides in jahrelanger Mühewaltung vorgenommenen Aufbau seines religionsphilosophischen Systems war seine Lebensarbeit keinesfalls erschöpft. — Ein englischer Denker verglich einst die Welt mit einer Uhr, die zwei Zifferblätter, Form und Stoff genannt, aufweist. Dasselbe Gleichnis könnte auf Maimonides Anwendung finden. Seine geniale Persönlichkeit besaß zwei Seiten: nach der einen war ein großer Philosoph,.nach der anderen ein Talmudheros. Schon in der Kindheit, im Hause seines Vaters, des Rabbinatsassessors Maimon, der ein Schüler des Rabbi Josef ibn Migasch Halevi gewesen ist, welch letzterer den Kodifikator Isak Alfasi zum Lehrer hatte, wurde Maimonides sicherlich eingehend mit den Quellen der jüdischen Tradition: Talmud babli und jeruschalmi, Sifre, Sifra, Mechilta, Tosefta und den Werken der Gaonim vertraut gemacht. Die Methoden der Halacha im Sinne des Alfasi beherrschend, ging Maimuni bald daran, auf diesem Gebiete seine Kräfte zu messen. Er kommentierte zunächst drei Sedarim des Talmud in arabischer Sprache und erst 23 Jahre alt, fühlte er sich geistig souverän, um über die laniganidauernden Diskussionen der Amoräer und Saboräer der Gemara hinweg zur Mischnah selber zu schreiten, um so, an die Tanaiten anknüpfend, zu erklären, daß wenn jemand seinen Mischnahkommentar gebrauche, derselbe eine Berücksichtigung der Auseinandersetzungen in der Gemara nicht mehr benötigen werde. In diesem Sinne fügte Maimonides fast immer jeder Abhandlung die religiöse Entscheidung hinzu. Dieser Mischnahkommentar, für dessen Abfassung nicht weniger als 10 Jahre verbraucht wurden, bedeutete eine gewaltige Leistung <tnd bildete doch nur den Anlauf für ein noch riesigeres Werk, den Gesetzeskodex, Mischne Thora (Wiederholung der Thora) auch Jad Chasaka (starke Hand) nach der Anzahl seiner 14 Bücher genannt. Es schwebte dem Verfasser sicherlich das Werk Rabbi Jehuda Hanassis vor, zu dem er sich vejcS gleichen zu dürfen glaubte. Das Werk enthält alle religiösen, juridischen, ethischen Vorschriften des Talmud ohne Angaben der Quellen, aus welchen sie geschöpft wurden und ohne beson: dere Bedachtnahm e auf Anschauungen, selbst der Gaonim, insoferne sie ihm nicht als zutreffend erschienen. Was Maimonides mit dieser Kodifikation beabsichtigte, ist aus den Worten seiner Einleitung klar zu ersehen. Er sagt in derselben: „Dieses Werk soll alle mündlichen Traditionen, Verfügungen, Anordnungen und Gebräuche, angefangen von Moses, sich erstreckend bis zur Abfassung des Talmud und den Erklärungen der Gaonim, in sich aufnehmen. Deshalb nannte ich das Werk: Mischneh Thora (Wiederholung der Thora), weil, so jemand zuerst die Bibel und sodann mein Werk liest, er alle dazwischenliegenden Bücher entbehren kann." Aber auch bei der Abfassung dieses scheinbar rein talmudischen Kompendiums konnte und wollte sich Maimonides nicht versagen, die ihn erfüllenden und leitenden reJgionsphilosophischen Gedanken der Vergeistigung zum Ausdrucke zu bringen. Seinem Gesetzeskodex baute er schon zu Beginn das „Sefer Hammada", das Buch des Wissens ein, in welchem er bereits im fünften Absatz des ersten Abschnittes von jedem frommen Juden fordert, daß er wisse, daß Gott der „Beweger" des Alls sei, und zwar „ohne Hand und Körper", und bezeichnet dieses Wissen als eine ..Mizwoli". — Ein Sturm der Begeisterung, aber auch der Anfeindung umtobte, bald beide Werke. Nicht bloß der bereits angeführte Rabbi Abraham ibn Saud bäumte sich gegert den „Rambam" auf; es m^fum^mmm - •^»^•"y^s-i*^

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