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Die Wahrheit · 1935-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 16-17 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 16/17 — 17. April 1935 DIE WAHRHEIT DIE Schach den Hetzblättern! < S-i Ä- I *ir» Gewaltig ist die Macht der Presse. Stark und nachhaltig sind die Wirkungen, die von ihr ausgehen. Sie belehrt und betört, sie reinigt und vergiftet. Eine gewissenhafte Presse ist sich ihrer Wirkungen bewußt und handeR im Vollgefühle ihrer Verantwortung. Selbst dort, wo uneingeschränkte Preßfreiheit besteht, übt eine verantwortungsvolle Presse ihre Macht strenge innerhalb der Grenzen aus, die ihr Gesetz, Vaterlandstreue, Sitte und Anstand ziehen. Im Gegensatze zu dieser anständigen Presse steht jene, die keine Hemmungen in Bezug auf Sitte und Anstand, keine Achtung vor der Ehre des Nebenmenschen, ja keine Achtung selbst vor dem Achtungs wertesten, der Religion, kennt. Sie handelt ohne jede Verantwortung, oft nur getrieben von niedrigem Hasse, von reiner Sensationssucht und bloßer Geschäftemacherei. Insbesondere uns Juden gegenüber tobt sich suche, rassenfeindliche und antireligiöse Propaganda zu treiben, verboten werden, unterzeichnet, womit das Gesetz in Kraft getreten ist. Uebertretungen des Gesetzes werden mit Haft von drei Monaten bis zu drei Jahren oder durch Geldstrafen von 200 bis 5000 Dollar oder durch beides geahndet. Diese hervorragenden gesetzgeberischen Taten könnten Vorbilder sein für alle jene Staaten, in welchen „Marodeure der Pressefreiheit" ihr Unwesen treiben. Auch unsere Regierung, die den Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze in der Verfassung verankert hat und die nach dem Geiste der Verfassung und nach wiederholten Erklärungen von Regierungsmitgliedern den Staat nach christlichen Grundsätzen geleitet wissen will, sollte im Interesse der inneren Befriedung allen Hetzblättern rücksichtslos Schach ansagen und sie ausnahmslos matt setzen. und nicht von gestern. In der Sitzung des Budgetausschusses vom 11. Februar 1928 hat der damalige Finanzminister Dr. Kienböck erklärt, er sei tief überzeugt davon, „daß die Mißstände auf dem Gebiete des Preßwesens einen Grad erreicht haben, der es nahezu unbegreiflich erscheinen läßt, daß das Parlament nicht schon im Wege der Gesetzgebung eingegriffen hat. . . Wir müssen endlich dazu kommen, daß das öffentliche Rechtsbewußtsein sich zur Geltung bringt und durch wirksame Bestimmungen die jetzt herrschenden unerhörten Mißstände auf dem Gebiete des Preßwesens ein Ende nehmen." Alle Einsichtigen sind sich der Gefahren einer gewissenlosen Presse selbst für den Bestand des Staates bewußt und jetzt, da unser Staat neu aufgebaut werden soll auf Grund einer Verfassung, deren Präambel sich auf Gott beruft, von dem alles Recht ausgeht, wäre die Zeit gekommen, hier gründlich Wandel zu schaffen, wie es in einzelnen Kantonen der Schweiz geschehen ist, damit nicht die öffentliche Ordnung und die Eintracht zwischen den verschiedenen Teilen der Bevölkerung be- Die unhaltbaren Zustände in einem Teile der seitSerTTten^^^ österreichischen Presse stammen nicht von heute droht werden. Dr. KarlSt einen hemmungslose Preßbestie aus. In Wort und Bild ■■■■"■■«■■•■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■«■■■■■■■■■■■■ Der Rambam als Symbol. Die großen Genies der Menschheit sind nicht nur als Persönlichkeiten, als Vollbringer spezieller Leistungen verehrungswürdig, sondern zu der Bewunderung ihrer individuellem Qualifikation, der sie die Unsterblichkeit ihres Namens verdanken, gesellt sich das Gefühl, daß sie über das Einzigartige, das Einmalige ihrer begnadeten Erscheinung hinaus in höherem Sinne irgendwie typisch geworden sind für soziologische Entwicklungsformen. Wäre diet AchthundertjahrSeäer von Maimonides' Geburtstag um; ein Menschenalter früher fällig gewesen, er wäre uns spätgeborenen Nachfahren als ein leuchtendes Symbol jüdischer Universalität im Reiche des Wissens und der Forschung erschienen und zugleich als ein lebendiger Beweis für die Vereinbarlichkeit weltlicher Bildung mit Gottesgelehrtheit, faustischen Erkenntnisdranges mit frommem Gottsuchen. Der Ruhm dieser spirituellen Totalität" oleibt ihm unbenomwird gehetzt und verleumdet, besudelt und beschimpft. Oft bewegen sich solche Angriffe hart an der Grenze, die das Gesetz zieht, öfters werden diese Grenzen straflos überschritten. Man betrachtet das Judentum als vogelfrei, seine Religion und ihre Lehre als willkommene Angriffsobjekte. Die Seelen der großen Masse — die Presse spricht ja zu Tausenden — werden auf solche Art mit Haß und Verachtung infiziert und haßerfüllte Menschen sind zu Haßausbrüchen leicht geneigt Was heute der einen Konfession geschieht, kann morgen schon einer anderen geschehen, und keine ist sicher, einem gleichen Schicksale zu entgehen. Eine Presse des nackten Hasses gegen Andersgläubige und Andersgesinnte, eine Presse, die schrankenlos aufreizt, verhetzt und verleumdet, bedeutet zweifellos eine Gefahr für den inneren Frieden, ja selbst für den Bestand eines Staates. Darum ist es eine der vornehmsten Pflichten jeder Regierung, Mißständen auf dem Gebiete des Preßwesens rechtzeitig ein Ende zu setzen. In der letzten Zeit hat die Regierung des Kantons Genf, wie dies vorher die Regierungen der Kantone Baisei und Solot h u r n bereits getan haben, „in der Erwägung, daß gewisse Zeitungen und Zeitschriften durch gegen Juden gerichtete öffentliche Angriffe und Erklärungen nicht nur den religiösen Frieden, sondern auch die öffentliche Ordnung und die Eintracht zwischen den verschiedenen Teilen der Bevölkerung bedrohen, daß sie durch diese Angriffe und Erklärungen bei der Mehrheit der Bevölkerung gegenüber einer Minderheit Haß und Abscheu wegen Aires Glaubens und wegen ihrer Rasse zu erregen suchen, in Anbetracht dessen, daß sowohl die Bundesverfassung als auch die Genfer Kantonalverfassung die Wahrung des religiösen Friedens verlangen und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz gewährleisten, daß zwecks Sicherstellung der Beachtung dieser Verfasisungsbestimmungen in allgemeiner Weise jede Beleidigung, Schmähung oder Verunehrung insbesondere der religiösen Gefühle eines Bevölkerungsteiles oder einer Gruppe von Personen, die einem Teile der Bevölkerung angehören, verboten werden muß", verfügt: „Allen Zeitungen und Veröffentlichungen, d. h. den für die Redaktion, den Druck, den Verlag und den Vertrieb verantwortlichen Personen, wird jeder gemeine Angriff, jeder beleidigende, schmähende oder verunehrende Ausdruck, sei es in Wort oder Bild, insbesondere gegen die religiösen Gefühle eines Bevölkerungsteiles oder einer Gruppe von Personen, die einem Teile der Bevölkerung angehören, ihres Glaubens, ihrer Religion oder ihrer Herkunft wegen verboten." Für den Fall der Nichtbefolgung dieser Verordnung werden die Exemplare der Zeitungen oder Veröffentlichungen sofort konfisziert und die Schuldigen polizeilich bestraft werden. Zur gleichen Zeit wird folgendes bekannt: Der Gouverneur des Staates New Jersey, Hoffmann, hat das vom Parlament des Staates New Jersey angenommene Gesetz, durch das Ver- HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt den modernen Frühjahrs - Ulster und den feinen Maßanzug in prächtigsten Dessins für den eleganten Herrn men. Aber der heutigen Judengeneration erscheint er schicksalhaft nahegerückt auch durch die äußere Gestaltung seines Lebens: Er war Emigrant — religiöse Unduldsamkeit vertrieb ihn als Dreizehnjährigen aus seiner Heimat. Dieses Los wäre uns vor kurzem noch als ein mittelalterliches Kuriosum erschienen, mit dem unsere Vorstellungskraft nicht \iel anzufangen gewußt hätte. Heute rührt es an verwandte Saiten verständnisvollen Miterlebens. Emigration als jüdische Massenerscheinung, bewirkt durch religiöse und rassische Unduldsamkeit, ist eine aktuelle Zeiterscheinung geworden. Die Tragik physischer Entwurzelung aus dem Heimatboden, mit dem sich das deutsche Judentum Jahrhunderte lang verwachsen gefühlt hatte, droht auch dem jüdischen Geiste die Sicherheit stabiler Verankerung auf festem Wissensgrund zu rauben. Und diese spirituelle Exilierung erscheint viel gefährlicher als die leibliche Emigration. Wenn der Jude durch religiöse Intoleranz seiner Landsleute expatriiert wurde, blieb ihm bisher immer die Flucht! ins Geistige offen. Heute sind aber Kräfte am Werke, ihm auch diesen Weg zu versperren. Zum ersten Male seit Jahrtausenden sieht sich der Jude sozusagen auch metaphysisch' entwurzelt Das ist ja dües besondere Grausamkeit des nationalsozialistischen Verfolgungssystems, den Juden gerade aus den geistigen Positionen zu verbannen, in denen er sich seit jeher, unbekümmert um seine jeweilige staatsrechtliche Geltung, immer hatte zu Hause fühlen dürfen. Heute findet der nationalsozialistische Kampf gegen den jüdischen Intellektualismus merkwürdige Bundesgenossen im jüdischen Lager, die als neueste Heilsbotschaft für das Judentum die — Abkehr vom Geiste und die Umschichtung der jüdischen Intelligenzler zu Handwerkern und Bauern fordern. Es soll nichts gegen ein jüdisches Bauerntum uttd nichts gegen das jüdische Handwerk gesagt sein. Aber dem jüdischen Bauernleben im alten Kanaan war durch die ständige Beschäftigung mit der Thora ein hohes geistiges Leben verbürgt und Handwerker ist auch Spinoza gewesen, doch hat er nicht bloß Brillen geschliffen, sondern auch den „Theologisch-politischen Traktat" und die „Ethik"-geschrieben. . Und-vi< leicht hat er gerade durch diese Trennung dt geistigen Schaffens vom Gelderwerb, in dessen Dienst er das Handwerk stellte, die ideale Richtschnur für das jüdische Leben geboten. Diejenigen aber, die heute den jüdischem Spiritualismus an sich als das Uebel deklarieren, dem so radikal wie möglich ein Ende gesetzt werden muß, wollen das Kind mit dem Bade ausschütten. Diesen Irrenden sollte Maimonides einl symbolischer Führer sein. Auch er hat nicht in der Beschaulichkeit friedlicher Zeitläufte wirken können, sondern schon in zatter Jugend das harte Los der Glaubensverfolgung gespürt und das bittere Brot der Emigranten essen müssen. Trotzdem ist er zur geistigen Leuchte seiner Zeit auf dem Wissensgebiet aller vier Fakultäten geworden. Mohammedanische Fürsten haben seine ärztliche Kunst und seine juristischen Ratschläge in Anspruch genommen, die größten christlichen Theologen seine philosophischen und theologischen Werke abgeschrieben. Ihre auf diese Weise entstandene „Verjudung" hat der katholischen Scholastik keinen Abbruch getan — ebensowenig wie das Dritte Reich heute vor der „Verjudung" zurückschreckt, wenn es auf leitenden Posten der Devisenzentrale, also an einer der empfindlichsten Stelle der deutschen Wirtschaft, einen Juden schalten und walten läßt und He(rr Göring, der ungekrönte König von Preußen, als seinen intimsten Ratgeber den Herrn Milch konsultiert den er erst mit dem ganzen Nachdruck seiner Autorität zum „Arier" ernennen mußte. Hitlers Kampf gegen die „Verjudung" tobt sich neuestens gegen die Apotheker aus. In diesem Zusammenhang ist es pikant daß des Rambams großer Zeitgenosse auf dem deutschen Kaiserthrone, der Hohenstaufe Friedrich IL, als er den Giftmord fürchtete, einen jüdischen Apotheker zu seinem Hofkoch machte. Dieser Friedrich hat den Juden den1 gelben Fleck aufgenötigt aber ihre persönlichen Dienste vertrauensvoll in Anspruch genommen und vor allem ihre wissenschaftlichen Neigungen sehr gefördert. Mit dem von Maimonides neu entdeckten Aristoteles ließ Friedrich von jüdischen Mitarbeitern die deutsche Wissenschaft befruchten.

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