Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 13 (29.3.1935)
- Date
- 1935-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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- Maimonides 10× ep/1002614
- Tunis 1× ep/1048155
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Seite 4 ■Nr: 13März 1935 DIE WAHRHEIT wf •■X;? "* m.* ff-' ih W' f^t \ •* * '1 •f,' j r' t > 4 „Ma/2 hat mich in den Tod gehetzt!" Der Prager Arzt Dr. Josef Q ach, Assistent aß der deutschen chirurgischen tfohiik Professor Schlaff ers, hat sichln seiner Wohnung durch Vergiften das Leben genommen. Der Selbsimord des jungen Arztes, dem man eine große Zukunft prophezeite, erregt wegen seiner Ursachen größtes Aufsehen. Dr. Gach, der Tscheche und lüde ist, wurde nämlich durch den antisemitischen hakenkreuzlerischen Geist, der an der Präger Deutschen Universität, besonders, an der medizinischen Fakultät, und dort wieder besonders an der Klinik Prof. Schloff ers herrscht, in den Tod getrieben. Wiederholt hat sich Dr. Gach über diese Hetze bitter beklagt. Zuletzt nahm sie Formen an, die offenem Boykott gleichkamen. Dieser Aktion fühlte sich Dr. Gach nicht sewachsen, er nahm sich das Leben. Die letzten Worte, die er mit rotem Bleistift auf ein Blatt Papier kurz vor Eintritt des Todes schrieb, lauten: „Schloffer und WenzeJ haben mich in den Tod gehetzt!4' Entsetzlich ist die Leidensgeschichte Doktor Gachs, der im 32. Lebensjahre stand und seit IVi Jahren an der Klinik Schloffers tätig war, die — mit Ausnahme der orthopädischen Klinik, an der zwei oder drei jüdische Aerzle tätig sind — vollkommen „judenrein" ist. Dr. Gach war der einzige an dieser Klinik tätige Jude, der sich nur wegen seiner hohen klinischen Fähigketten Jahre an der Klinik halten konnte. An der Aktion gegen Dr. Gach beteiligte sich besonders der Assistent Dr. Wenzel, der als Zentrum des hakenkreuzlerischen Geistes an der Schloffer-Klinik gilt. Wenzel berief eine Versammlung der Aerzte gegen Gach ein, wobei die Versammelten eine Erklärung unterschrieben des Inhalts, daß sie es a b 1 e h nten, weiter mit Dr. Gach zusammenzuarbeiten. Daraufhin erklärte Prof. Schloffer gegenüber Dr. Gach, er könne ihn nicht mehr in seiner Klinik beschäftigen. Gachs Selbstmord war die Folge. Die Prager fortschrittlichen Zeitungen schildern das lange Martyrium des Dr. Gach, dessen Telephongespräche abgelauscht und entstellt wiedergegeben wurden, worauf sich die vom sterbenden Dr. Gach hingekritzelten Worte „Wenzel lügt" bezogen. Der erste Assistent der Klinik Schloffer, Dr. Wenzel, die treibende Kraft bei der Entfernung Gachs, hat nämlich Dr. Gach beschuldigt, er habe einen jungen arischen Kollegen, Dr. Marzoll, der ihm vorgezogen werden sollte, als „Hakenkreuzler" bezeichnet, was aber sowohl Dr. Gach als auch sein Gesprächspartner. Direktor Bartosek, entschieden in Abrede stellten. Trotzdem kam die erwähnte Kundgebung der 15 Aerzte der Klinik Scliloffers zustande. Ente Fakultätssitzung der medizinischen Fakultät befaßte sich mit dem Fall Gach und setzte eine 'Untersuchungskommission ein. Die Polizei hat sämtliche den Selbstmord Dr. Gachs betreffende Akten der Staatsanwaltschaft mit der Anzeige gegen den Leiter der deutschen chirurgischen KlinnV Prof. S c hl ö f f e r und seinen Assistenten Dr. Wenzel wegen Verbrechens nach § 98 St.-G. übergeben. Dieser Paragraph betrifft das Gesetz gegen Nötigung. Der Rechtsanwalt der Mutter Dr. Gachs, Dr. Emil Sc h neeberger, erstattete außerdem eine Strafanzeige gegen ProffSchloffer, Dr. Wenzel und die fünfzehn Aerzte, welche die Erklärung, mit Dr. Gach nicht zusammenarbeiten zu wollen, unterzeichnet hatten. 'x- Tausende Trauergäste am Grabe von Dr. Jose! Gach. Am Sonntag vormittag wurde Dr. Josef Gach auf dem Prager jüdischen Friedhof zu Grabe getragen. Mehrere tausend Trauergäste hatten sich eingefunden, um Dr. Gach das letzte Geleite zu geben. We.der das Rektorat der Deutschen Universität noch die deutsche chirurgische Klinik hatten einen offiziellen Vertreter entsandt, nur die Pflegerinnen der Klinik Schloffer ließen einen schlichten Kranz niederlegen. Unter Führung des Oberrabbiners Dr. Aladar Deutsch und des Obmannes der Beerdigungsbrüderschaft Prof. Dr. Lieben waren die Spitzen der Prager Synagogengemeinden erschienen. Im Namen der Lese- Soeben erschienen: KrlßS oder Frieden? 1935-ins SchicRsalsiahr Europas (Deutschland and östecreidt Im Brennpunkte der WeitpoUtik* Von Reg.-Rat J. KREPPEL P. eis S 2.- Verlag „Das Buch", Wimm, L, Postamt 9, Postfach 22 und Redehalle jüdischer Höchschüler nahm als einziger Redner JUDr. Ernst D%s£e n s y" von Dr. Gach Abschied. Er schilderte das-pflichterfüllte und an Entbehrungen reiche Leben von' Dj. Gach, der nun nach sieberieinhalbjähriger Sx^^psttf^cr. Tätigkeit. ..an der Prager deutschen chirurgischen«Klinik die langersehnte und ihm längst gebührende Stellung erhalten sollte, was aber gewisse Leute zu verhindern wußten. Die Enttäuschung über eine solche menschliche Treulosigkeit konnte Gach nicht-überleben. Wir werden, rief der Redner aus, dich nicht vergessen — aber auch nicht die, die dich in den Freitod trieben! — Mehr als zwei Stunden dauerte das Deii 1 ee der Trauernden am Grabe. Moses Maimonides. Am 30. März jährt, sich nach dem gebräuchlichen Kalender zum 800. Male der Tag, da Moses Maimonides in Cordova geboren wurde. Nach dem jüdischen Kalender fällt dieser Gedenktag auf den Vortag des heurigen Pessachfestes; an diesem Tage wird die Wiener jüdische Presse — und selbstverständlich auch unser Blatt — das Andenken dieses größten jüdischen Gelehrten und Philosophen gebührend würdigen. In dieser Woche begannen die Gedenkfeiern des jüdischen Wiens mit der imposanten Veranstaltung der „Union österreichischer Juden" im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereiris, bei der Ehrenpräsident Dr. Jakob O f n s t e i n vor einem zahlreichen Publikum, unter dem sich viele offizielle Persönlichkeiten befanden,' die hochinteressante Gedenkrede hielt, und mit der Feier des Verein s für jüdische Geschichte und Literatur, bef der die ausgezeichneten Redner Rabbiner Dr. M. Rosen mann und Dozent Doktor 1. Fischer waren, deren Referate das stärke Auditorium lebhaft fesselten. Die Wiener Kultusgemeinde ehrt das Andenken des großen Philosophen durch jene Veranstaltungen und Feierlichkeiten, über die Oberrabbiner Doktor D. Feuchtwang in der kürzlich stattgehabten Pressekonferenz berichtete. An die Spitze seines diesbezüglichen Referates stellte der Oberrabbiner eine Würdigung des Wirkens und der Bedeutung des hervorragenden Gelehrten. Wir. entnehmen dieser Schilderung folgendes: Die Bedeutung des Maimonides — wie er in der Wissenschaft gewöhnlich genannt wird — liegt darin, daß er in seinem großen Geiste die gesamte Bildung seiner Zeit mit dem großen Schatz der jüdischen Literatur und Tradition harmonisch vereinte. Aus dieser Synthese der gesamten Weltwissenschaft bis zum 12. Jahrhundert mit der jüdischen Tradition entstanden die genialen Meisterwerke des Mannes, von dem Jdas Sprichwort sagt: „Von Mose bis Mose erstand keiner wie Mose." Als Gesetzeskodifikator ist er der größte Logiker und Methodiker in der Behandlung und Ordnung des jüdischen Traditionsstoffes, niedergelegt in den talmudischen und nachtalmudischen Werken bis zu seiner, Zeit. Er ist aber auch der genialste Philosoph der Judenheit, der in seinem gewaltigen kritischen und doch tiefgläubigen Geiste die aristotelischrarabische Philosophie mit der Ueberlieferung der Bibel harmonisch vereinte und in seinem philosophischen Werke „F ü lu e r der Irrenden" zu ■ einem bewundernswerten System ausgestaltet hat. Dieses Werk gehört der Weltliteratur an. Maimonides' „Führer" ist eines derjenigen grundlegenden Werke, ohne das die Philosophie und Theologie des Albertus Magnus und des Thomas von Aquino, dieser "großen Lehrer der Kirche, kaum denkbar ist. Thomas ist geradezu ein Schuler Maimonides' geworden, dessen philosophisch-theologisches Lehrsystem er bis zu einer gewissen Grenze in sein eigenes System aufgenommen hat. Der Einfluß des Moses ben Maimon ist noch bei dem Mystiker Meister E c k h a r t und schließlich noch bei L e i bn i t z zu verspüren. Nannte man Albertus Magnus „doctor universalis" und übertrug diesen Ehrentitel auf Leibnitz, so könnte man mit Recht auch Maimonides so nennen, denn er beherrschte das ganze Wissen seiner Zeit. Durch ihn lernten die Scholastiker des Mittelalters die arabisch-aristotelische Festsaal desi Handelsmüseurns, 1X^ Btr^rgags» 16 Sonntag, den 7.April 1935 Arien« und Liederabend Oberkantor Samuel Postolow Am Klavier: Kapellmeister Kurt Fncbsgelb _ Ein Teil des Reinerträgnisses flieOt der Aasspeiseaktion des Jüd. LWitwen- und Waisenhilfsvereines des IX. Bezirkes xn Beginn 20 Dhr Entree S 3.- Pliilosophie kennen. Sein „Führer" wurde schon im Anfang des 13. Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt und aus-dieser lateinischen Uebersetzuns lernten Albertus Magnus und Thomas von Aquino seine Lehren kennen. Schließlich bildete die Scholastik mit ihrem Einfluß auf die Philosophie . der Nachzeit die Brücke zu den Philosophen der Neuzeit. So übte Maimonides' Philosophie indirekten Einfluß auf jüdische und nichtjüdische Philosophen bis an die Schwelle der Neuzeit. Man bedenke ferner, daß Thomas von Aquino, dessen Weltbild, Theologie und Metaphysik ungewöhnlich stark von Maimonides beeinflußt sind, bis zum heutigen Tage „der Philosoph" der Kirche ist, der beispielsweise auch in der berühmten päpstlichen Encyclica „quadragesimo anno" zitiert wird. Maimonides war aber auch einer der größten praktischen Aerzte seiner Zeit und vielleicht der berühmteste Theoretiker der medizinischen Wissenschaft des ganzen vorderen Orients. Aus dieser Skizze ist die Bedeutung des Maimonides für die Geisteswissenschaft ersichtlich. Kein Wunder, wenn Spanien stolz ist auf diesen Sohn Cordovas, und Regierung, Universitäten und Akademien ihn feiern. Selbstverständlich, daß die Judenheit der ganzen Welt den Anlaß der 800. Wiederkehr seines Geburtstages zu Veranstaltungen großer Gedenkfeiern benützt. Beginn der Maimonides-Feiern in Spanien. In Spanien, dem Gebürtslande des Rambam, haben die Feiern anläßlich seines 800. Geburtstages des Maimonides am 25. d. M. mit einer großen Festlichkeit in der spanischen Hauptstadt Madrid begonnen. Der Präsident der Republik hatte zu seiner Vertretung seinen persönlichen Sekretär entsandt. Das Präsidium bei der Feier hatte der Kultus.- und Unterrichtsminister inne. Das üauptthema der .Ansprachen; bildeten der..spanische Charakter von Maimonides und der. Einfluß der. spanischen Kultur aui sein Denken und Schaffen. Die Redner machten Vorschläge zur Verbreitung des Studiums der Werke des Maimonides und kündigten an, daß unter dem Protektorat der Regierung, die einen Teil der Mittel beistellt, in Madrid ein Maimonides-Institut gegründet werden wird. Die Feiern werden am 30. März, dem Geburtstage des Maimonides, mit einer großen Kundgebung, an der der Präsident der spanischen Republik teilnehmen wird, ihren Abschluß finden. Am Montag, den 25. März, fand in Cordova, der Hauptstadt des Maimonides, eine feierliche Gedächtnissitzung der Academia de Ciencias Bellas Letras y Nobles Artes de Cordova statt. Am Dienstag, den 26. März, wurde in Madrid unter der Patronanz der Philosophischen Fakultät der Universität Madrid eine Konfeienz ausländischer Philosophen abgehalten. Zu den Maimonides-Feiern sind tausende Gäste aus der ganzen Welt, insbesondere aus England, Deutschland, den Vereinigten Staaten, Ungarn, Tunis und Marokko in Spanien eingetroffen. Die Stadt Cordova zeigt sich bemüht, den Bedürfnissen besonders der jüdischen Gäste Rechnung zu tragen, so hat sie u. a. für die Einrichtung einer Koscher-Küche gesorgt. Auf spezielle Einladung der spanischen Regierung nimmt der hervorragende Londoner jüdische Gelehrte Professor J a h u d a. der mehrere Jahre Professor für hebräische Sprache und jüdische mittelalterliche Literatur an der Universität Madrid war, als einer der Ehrengäste an den Feiern in Cordova teil. Auf Einladung des Maimonides-Komitees in Cordova fungiert Professor Jahuda als einer der Patrone der Maimonides-Feiern. Das Rabbiner-Seminar in Berlin hatte vom Festkomitee zur Feier des 800. Geburtstages von Maimonides die Einladung erhalten, an den Feiern in Cordova teizunehmen. Das Rabbiner-Seminar hat in einem Antwortschreiben seinen Dank für diese Einladung ausgesprochen und seinem Bedauern Ausdruck gegeben, daß es aus technischen Gründen nicht möglich sei, einen Vertreter nach Cordova zu entsenden. (Die „technischen Gründe" sind so zu verstehen, da6 das Reichspropaganda-Ministerium es einer jüdischen Institution selbstverständlich nicht erlauben will, an einer Veranstaltung im Ausland teilzunehmen. Die Red.) * * * Der „Cherem Sefaard" nicht mehr in Kraft. Im Zusammenhang mit der vor kurzem aufgetauchten Frage, ob Juden im Hinblick auf den vor 400 Jahren ausgesprochenen „Cherem Sefaard" (der Juden bei Bann verbietet, nach Spanien zu gehen) an dien Feiertichkeiten in Cordoba anläßlich des 800. Geburtstages des Rainba m teilnehmen dürfen, haben die Warschauer Rabbiner entschieden, daß dieser Chererri nicht mehr in Kraft ist. Schon vor einigen Mona- ^^g^^gggg^^^ggg^^^gl