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Die Wahrheit · 1935-03-22 · Heft 12 (22.3.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 12 (22.3.1935)
Date
1935-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 12 — 22. März 1935 .DIE WAHRHEIT Donnerstag, den 28. März 1935 7» 8 Uhr abends im Festsaal des Niederösterr. Gewerbe-Vereines Wien I., Eschenbachgasse 11 Maimonides-Feier der „Union" Festredner: Dr. Jakob Ornstein Da darf man um so neugieriger sein, in welchem Ausmaß und in welcher Form die deutschen Juden zu der noch viel heikleren und folgenschwereren Arbeit der Vaterlandsiverteidigung mit der Waffen herangezogen werden sollen. Wie wenig diese heroische Aufgabe durch die Voraussetzung „rassischer Verbundenheit" mit dem Volksganzen beschränkt erscheint, erhellt aus den Worten Dr. Ernst Fraenkels in der Heldengedenktagsnummer des „Schild": „Wenn auch im lauten Lärm des Tages vergessen war, was einst auch deutsche Männer aus Judas Stamm für ihre und ihrer Almen deutsche Heimat taten, wenn auch das Wort von Art- und Rassefremdheit uns immer wieder zuruft: .Fremdlinge seid ihr im deutschen Land, artfremd und schädigend des deutschen Namens Ehre und Ansehen' — heute wissen wir es mehr als je: Nie haben sich deutsche jüdische Soldaten vorn an der Front als Söldlinge gefühlt, n i e haben wir, beim Sturme nicht und nicht im eingetrommelten Graben, jemals das Bewußtsein der Fremdheit gegenüber unseren christlichen Kameraden gehabt, n i e haben wir in jenen Jahren, da eines Herzens Schlag Deutschland ergriffen hatte, daran denken müssen, daß wir keinen Anteil haben würden an dem, wofür auch unsere Leiber sanken . . ." Wenn die Juden gezwungen wären, in Zukunft je mit solchen Gedanken belastet zu kämpfen, wäre dies für das eben begonnene Werk des Wiederaufbaues der deutschen Wehrfähigkeit äußerst verhängnisvoll. Leider hatte Hitler im Weltkrieg als Stabsordonnanz keine Gelegenheit, die Schützengrabenverbundenheit von Juden und Christen selbst mitzuerleben, und das droht sich jetzt zu rächen, besonders wenn die „Neue Züricher Zeitung" mit ihrer Meldung Recht behält, daß in den Ausführungen der neuen deutschen Wehrpflichtbestimmungen betreffend Einführung der allgemeinen Wehrpflicht ein Artikel enthalten ist, der die Militärdienstleistung durch Nichtarier ausschließt. Gleichzeitig kündigt der Korrespondent des Blattes einen neuen Nichtarier-Erlaß an, der an diskriminierender Schärfe alle bisherigen übertreffen würde. Diese Taktik wäre ganz unbegreiflich in einem Moment, in dem die Hitler-Regierung laut ihrer eingangs zitierten Proklamation von dem alten nationalsozialistischen Standpunkt abrückt, daß die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages im Auftrag jüdischer Welt Verschwörer erfolgt sei. Die Organisatoren der allgemeinen Wehrpflicht werden jedenfalls nicht vergessen dürfen, daß es nicht genügt, einem Soldaten, er sei Jude oder Christ, ein Gewehr in die Hand zu geben. Mit der äußeren Bewaffnung muß auch die innere Aufrüstung Schritt halten. Wenn der Jude sein Vaterland mit opferfreudiger Hingabe von Blut und Leben verteidigen soll, muß er es erst wieder als gleichberechtigter Volibürger lieben lernen. ihren DOOieröedari decken Sie am besten und billigsten In der Dachhandlung - Anliqoarlat HERMANN TB CM WEB, 10 Wien II., Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! 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Murmel- Cafe Pension Echsiein Semmering stein macht es sich leicht und schwer zugleich. Leicht, weil es .ijcht schwer war, die Kenntnisse des katholischen Theologen auf einige populäre Literatur zurückzuführen und ihm grobe Irrtümer nachzuweisen." Es folgt nun mein Nachweis, daß Grill ein. grundlegendes Werk, welches unter:zwei Titeln bekannt ist, als zwei, verschiedene Werke angesehen hat. Es ist das gute Recht des Berichterstatters, aus meiner Schrift das hervorzuheben, was ihm besonders bezeichnend dünkt. Es wäre also nichts zu sagen gewesen, wenn der Bericht mit diesem Beispiel geschlossen hätte. Denn jeder Leser hätte dann die Möglichkeit gehabt, sich ein Urteil zu bilden, dahingehend, daß die Ausführungen Grills durch derartige Hinweise gründlich erschüttert werden, so daß seinem Urteil über das jüdische religiöse Schrifttum keinerlei Bedeutung beizulegen sei. Dies ist leider nicht geschehen. Der Bericht wird mit folgender Bemerkung fortgesetzt: „Der edle und versöhnliche Geilst von Grills Schrilit wird dadurch in keiner Weise berührt". Auch diese Bemerkung wäre schließlich zu rechtfertigen, aber nur dann, wenn ich Grill nichts anderes als das vom Berichterstatter angefühlte vorgehalten hätte oder wenn zumindest meine anderen Ausführungen von derselben Art wären. Es Ust nämlich kl'ar, daß das Verkennen eines Buchtitels noch lange die Richtigkeit der angeführten Stellen und des auf ihnen begründeten Urteils nicht ausschließt. Wie verhält es sich aber in Wirklichkeit mit den Vorwürfen, die icli gegen Grill erhoben habe? Wie der Bericht ausführt, habe ich in meiner Schrift gezeigt, daß Professor Grill nicht die wissenschaftliche Eignung besitzt, über Texte zu schreiben, die er nicht versteht, ja höchstwahrscheinlich nicht einmal lesen kann. Er ist daher auf sekundäre Quellen angewiesen, aber nicht „auf einige populäre Literatur", wie es im Berichte heißt. Diie Werke, auf die sich G. stützt, wurden nicht nur von jüdischer, sondern auch von christlicher Seite als Fälschungen entlarvt. Das Werk Eckers, von G. als besonders maßvoll und verläßlich bezeichnet, ist nach Ansicht des katholischen Gelehrten Bickel das Machwerk eines Ignoranten, „welcher gar nichts vom Talmud versteht". Der Beschaffenheit dieser Quellen entsprechen die angeführten Belegstellen. G. zitiert aus dem Schulchan Aruch Vorschriften, die vom Sklavenkauf handeln, als Beleg für die Minderbewertung freier Nichtjuden. Bestrafung jüdischer Ketzer soll beweisen, daß „es ein verdienstliches Werk ist, einen Nichtjuden aus dem Leben zu schaffen". Eine Talmudstelle, die über mangelndes Entgegenkomme.! nichtjüdischer Nachbarn klagt und behauptet: der Heide hält sich nicht an das Wort der Schrift: „Du Purim in Tel-Aviv. Von Harry Toch, Jerusalem. Der Autor, ein junger Arbeiter in Palästina, •beschreibt hier den vorjährigen Purim in Tel-Aviv. Wenn sich hier in Jerusalem vor einiger Zeit Bekannte aui der Straße trafen, war das erste, was sie sich nach der Begrüßung zu fragen hatten: „Was machen Sie zu Purim?" Es stellte sich bald heraus, daß sich alle in Tel-Aviv treffen würden. So kam es, daß jeder, der nur irgendwie die Möglichkeit hatte, sich auf ein bis zwei Tage von den Sorgen, des Alltags zu befreien, die Gelegenheit ergriff, um nach Tel-Aviv zu fahren und dieses Fest der Freude in der jungen Stadt unter Jugend zu verbringen. Die Züge und Autobusse brachten aus ganz Palästina, aus jeder Kolonie Leute, die sich so ein Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Aber nicht nur aus dem Lande selbst, sondern aus Europa und sogar aus Amerika kamen Touristen zum Feste. Es galt nun vorerst, sich um einen Platz umzusehen, wo man seine müden Glieder hinlegen konnte. Jetzt war natürlich der im Vorteil, der in Tel-Aviv einen Bekannten besaß. Vorsichtshalber hatte man sich einige Tage vorher bei diesem angemeldet; so klug waren aber auch andere und mit einem Male standen zur gegebenen Zeit gleich einige Leute vor einer Türe, um womöglich auf die zweite Hälfte eines Bettes Anspruch zu erheben. Schlechter erging es denen, die auf die Gnade oder Ungnade eines Hoteliers angewiesen waren, denn solchen Strapazen war nicht jeder Geldbeutel gewachsen. Mittwoch abends nahm das Fest mit dem Vorlesen der Megillath-Esfher seinen Anfang. Vor dem großen Tempel, der in der Rechov Allenby liegt, war ein Lautsprecher angebracht, um allen Leuten das Anhören der Megflla zu ermöglichen. Es war das erste Mal, daß ich Gelegenheit hatte, einer jüdisch-religiösen Zeremonie, durch Lautsprecher übertragen, unter freiem Himmel beizuwohnen. So oft der Vorleser den Namen Harn a n aussprach, ging ein Höllenlärm los. Von Chuz laaretz sind wir gewöhnt, bei diesen Stellen mit den Füßen zu stampfen, .hier jedoch gaben die Leute Salven aus Stoppelrevolvern in die Luit ab. Nach der religiösen Handlung setzte sich die Menge in der Richtung zur Opera Mograbi, die sich in der Nähe des Strandes befindet, in Bewegung, um die Darbietungen auf der eigens zu diesem Zwecke erbauten Freiluftbühne gegenüber der Oper, die nun programmgemäß folgten, in Augenschein zu nehmen. Da dort aber schon Menschen standen, war es ganz unmöglich, weiter nach vorne zu gelangen, so sahen wir, die wir weiter rückwärts standen, nur das Abbrennen eines Feuerwerkes. Gegen 10 Uhr abends begannen in den verschiedenen Lokalitäten die Bälle, nichtsdestoweniger dauerten die Unterhaltungen auf den Straßen unvermindert weiter an. Am sogenannten „Potsdamerplatz", wie ihn die Deutschen nennen, dort, wo die Nachlath-Benjamin in die Allenby mündet war die Straße von über 1500 elektrischen Birnen taghell erleuchtet und dort wurde von der Jugend, teils nach der Musik aus Lautsprechern, teils aber auch nach eigenen Gesang bis in die frühen Morgenstunden „Hora" getanzt Für Donnerstag nachmittags war der Festzug angesetzt, aber schon Vormittag überfluteten nahezu die Hauptstraßen vor Leben. Fast alle Kinder, aber auch einzelne Erwachsene waren maskiert, darunter einige so geschmackvoll und einfallsreich, daß viele Passanten die Kinder ersuchten,, einen Augenblick still zu stehen, um sie zu knipsen. Vor Beginn des Aufmarsches mußten Ordner auf Motorrädern einen freien Weg bahnen, da die Menschen immer wieder wie durch Wogen auf die Straße gespült wurden. Die Feuerwehr spielte den Eröffnungsmarsch, worauf der Bürgermeister von Tel-Aviv, Dizengoff und der erste Kolonist Palästinas Schapira an der Spitze des Festzuges an uns vorbeiritten. Der erste Teil des Zuges hieß: „Die Stimme der Juden in früherer Zeit." Da marschierten alle 12 Stämme, von Rüben bis Binjaroin, in ihrer damaligen Tracht auf. Bevor unser Stammvater Jakob starb, rief er seine 12 Söhne an sein Bett, um sie zu segnen. Beispielsweise sagte er: „Ein junger Löwe ist Juda." Zu Dan sagte er: „Du wirst wie eine Schlange auf dem Wege sein . . :" Oder: „Binjamin ist ein reißender Wolf . . ." Hier nun auf der Straße führte jeder „Stamm" seinen „S e g e n" in Ueberlebensgröße plastisch verkörpert, auf einem Traggestell in seiner Mitte. Z. B.: Juda einen, Löwen, Dan eine sich windende Schlange, Binjamin einen Wolf usw. Der zweite Teil war: „Die Völkerstämme in unserer Zeit" benannt. Die Russen in ihrer Kosakenuniform ritten auf Pferden. Die Polen in schwarzen Anzüger. und Käppchen, mit aufgepicktem Bart und Peioth, spielten jüdische Weisen. Am lebhaftesten w-urde die Idee der Darstellung Deutschlands vom Publikum mit Beifall belohnt. Ein zirka 15 m langer und 4 m honet giftgrüner Lindwurm mit drei Köpfen kam mit Sirenengeheul angefahren. Auf seinem Rücken saß ein Nazi in voller Uniform und hielt die Zügel in den Händen, um das sich bäumende Ungeheuer im Zaume zu halten. Hinterher schritten in langer Reihe die in Deutschland verbrannten Bücher mit dem Namen des Autors. A m erika war als überdimensionale Figur dargestellt, die sich nach allen Seiten drehte und — die leeren Hosentaschen zeigte. Auch die Verkörperung Englands löste allerseits großen Beifall aus, da sie eine Anspieluir,' an den Gewinnanteil Englands an den Erzeugnissen des Landes war. Auf einem anderen Wagen waren gerade Leute im Begriffe, Briefe in einen Postkasten zu werten. Daneben war auf einem Transparent zu lesen: „Wann bringt Ihr uns die Amnestie?" Eine Gruppe, stellte ..die Juden Chuz laaretz" — aber nur einseitig beleuchtet — bei Jazz und Tanz, bei Schweinskopf und Sekt, dar. Nicht zuletzt war auch eine Gruppe im Zuge, die die Bevölkerung Palästinas darstellte. Hier waren vom Arbeiter am Bau bis zu den Juden in Kaftan und Stramel die meisten vertreten. Auch die Leute, die ihre Zimmer zu horrenden Preisen vermieten, wurden verulkt. Da stand in einem kleinen Raum ein Bett, eine Badewanne und ein Klosett; darüber stand: „Zimmer mit größtem Komfort billig abzugeben. 3 Pfund Sterlins im Monat; auf ein Jahr im voraus zu bezahlen." Es gab noch viel zu sehen und zu hören, aber über alles .zu schreiben, das wäre fast unmöglich. Eines kann ich aber sagen: Purim in Tel-Aviv — ein Erlebnis. Noch bis: Samstag nachts hörte' man an allen Ecken der Stadt'das Krachen der Revolver und sali das Aufsteigen von Leuchtraketen: if: i.-^'j MMIWr -,«Otf »VWIi I IT—

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