Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 12 (22.3.1935)
- Date
- 1935-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064567--20136-3085349- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis (fieser Nummer 40 Grosehen a In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint »eden Freitag Redaktion und Administration; Wien H., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 51. Jahrgang Wien, 22. März 1935 Nummer 12 Bückhaltlose Offenheit? Als das demokratische Deutschland der Weimarer Verfassung einmal gegen den furchtbaren Druck der ihm im Versailler Friedensvertrag auferlegten mörderischen Lasten aufzumucksen wagte, besetzte Frankreich unbarmherzig das Ruhrgebiet, über Deutschland brach eine beispiellose Inflationskatastrophe herein, die den letzten Rest des deutschen Volksvermögens entwertete, die weitere Fähigkeit der Besiegten, Reparationszahlungen zu leisten, praktisch illusorisch machte und die deutsche Volksseele mit wachsendem Mißtrauen gegen die demokratischen Ideale, deren Durchsetzung in Deutschland die Entente heuchlerisch als ihr Kriegsziel ausposaunt hatte, nach ihrem Siege aber selbst als schwindelhaften Köder entlarven half, erfüllte. Jetzt, da die Nutznießer des von den westlichen Demokratie- Staaten mit Gewalt im deutschen Volke großgezogenen Hasses gegen die Demokratie und deren innerpolitische Vertreter mit deren Einführung der allgemeinen Wehrpflicht den Versailler Friedensvertrag de facto aufgehoben haben, denken die von dieser einseitigen Vertragskündigung viel 'schmerzlicher als anno Rulirbesetzung betroffenen Westmächte an alles eher als an strafende Sanktionen. Die Sorge der Franzosen ist heute wahrlich nicht auf Einmarsch in deutsches Gebiet gerichtet, sondern im Gegenteil auf den Schutz des eigenen Landes gegen deutsche Invasionspläne. Frankreich, das so oft die ihm entgegengestreckte Freundschaftshand der deutschen Pazifisten brüskiert und damit die tragische Schuld an der Entmachtung des deutschen Pazifismus auf sich geladen hat, zittert heute vor dem antipazifisfcischen Dritten Reiche. Solange aber nicht Gerechtigkeit, sondern Furcht das Verhältnis der Staaten zueinander bestimmt, entpuppt sich der ideologische Unterbau des Völkerbundes als das, was Ibsen eine Lebenslüge genannt hat. Und daraus resultiert die unerschöpfliche Quelle permanenter Enttäuschungen für alle, die voll Vertrauen ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt hatten, also vor allem der Schwachen und Wehrlosen. Wir Juden beklagen sein Versagen gegenüber der englischen Palästina-Verwaltung, die auf Kosten jüdischen Kapitals, jüdischer Arbeitskraft und — in den Hule-Sümpfen — jüdischer Gesundheit den — Arabern eine blühende „Heimstätte" sichert; wir empfinden aufs schmerzlichste sein Katastrophales Fiasko in der Schutz- und Hilfsaktion für die jüdischen Flüchtlinge aus Hitler- Deutschland, deren Schicksal in der Emigration sich so verzweifelt gestaltete, daß sie zum Teil ihr Heil sogar in einer Rückkehr in die braune Hölle versuchten, wo sie pünktlich ins Konzentrationslager geschleppt wurden — man weiß nicht recht, ob zur Buße für ihre versuchte Auswanderung oder zur Strafe für ihre Heimkehr . . . Wäre der Völkerbund wirklich jener unbeirrbare Hort der Schutzbedürftigen geworden, als der er gedacht war, dann hätte ihm die Entrechtung der deutschen Juden einen viel plausibleren Grund zum Einschreiten geboten als seinerzeit die Ursachen, die Frankreich zur Besetzung des Ruhrgebietes veranlaßt haben. Der Einwand, daß es sich um eine innerdeutsche Angelegenheit handelt, ist nicht stichhältig. Denn erstens bildeten die deutschen Emigranten, die ihr durch ehrliche, häufig ruhmvolle Arbeit erworbenes Vermögen in den gierigen Klauen der Hakenkreuz-Regierung hatten zurücklassen müssen, eine schwere finanzielle Belastung für das Ausland, zweitens hatte Deutschland die Balfour-Deklaration mitunterschrieben, in der es ausdrücklich heißt, daß die Errichtung der famosen „jüdischen Heimstätte" in Palästina keine Beeinträchtigung der jüdischen Staatsbürgerrechte in ihren Galuth-Heimatländern mit sich bringen dürfe. Trotz diesem Passus konnte Hitler vor zwei Jahren ungestört die Entrechtung der Juden unter der Parole durchführen, daß die Juden nach Palästina gehören . . . Diese empörende Gleichgültigkeit des Völkerbundes den bedrohten Rechten der Wehrlosen gegenüber findet ein groteskes Gegenstück in dem bereitwilligen Zurückweichen der Genfer Körperschaft vor jeder Geste der Gewalt. Als die Türken sich gegen die demütigenden Härten der ihnen ursprünglich zugemuteten Friedensbedingungen mit den Waffen zur Wehr setzten und auf dem MOrgeH 8 Uhr abends Purimfeier der „Union" In den Festsälen des Handelsmuseums IX., Bergg. 16 Schlachtfeld Sieger blieben, behielten sie Recht. Bei den Ungarn genügten gut inszenierte Demonstrationsumzüge, um ihnen das deutsche, Oesterreich zugesprochene Oedenburg zu erhalten. Hitler war also kein Bahnbrecher der Gewalt-Taktik, sondern hat sich bloß die Erfahrungen anderer zu Nutze gemacht, als er jetzt die Welt vor die vollendete Tatsache der deutschen Aufrüstung stellte. Die zahmen Proteste der verblüfften Gegenseite haben ihn kalt gelassen und seinen Propagandaminister zu der Frozzelei ermutigt, die deutsche Reichsregierung habe geglaubt, daß die Welt mit sichtlicher Erleichterung die offene und rückhaltlose Darlegung der deutschen Absichten aufnehmen werde. Angesichts der Verlogenheit, mit der die Westmächte alle Ideale, für die sie angeblich in den Krieg gezogen waren und mit deren Durchführung sie beim Friedensschluß die kampfesmüde Welt zu beglücken vorgaben, aufs erbärmlichste kompromittierten, ist man tatsächlich versucht, der Hitler-Regierung wenigstens die größere Offenheit und Rückhaltlosigkeit zuzubilligen. Aber welch verhängnisvoller Irrtum dies wäre, zeigt ein Vergleich der anläßlich der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht an das deutsche Volk erlassenen Proklamation der Nazi-Regierung mit dem, was die Nationalsozialisten dem deutschen Volke Rasiere Dich gut und Milig Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal ■ R. Taubmann, Wien II., Nordpolstraße 2/3, Tel. A 48-9-22 Oesteireichisches Qualität* rabrikai Ueberau erhältlich früher einzureden bemüht gewesen sind. In der jetzigen Proklamation wird dem deutschen Volke, als es nach viereinhalbjährigem ruhmvollen Widerstand die Waffen streckte, der Glaube zugebilligt, „nicht nur der gequälten Menschheit, sondern auch einer großen Idee an sich einen Dienst erwiesen zu haben". Den früheren Regierungen gesteht die jetzige Proklamation die Ueberzeugung zu, „daß durch die Erfüllung der im Versailler Vertrag vorgeschriebenen Entwaffnungsbestimmungen entsprechend der Verheißung dieses Vertrages der Beginn einer internationalen allgemeinen Abrüstung eingeleitet und garantiert sein wird.'" Wie ganz anders klingt das als die früher von den Nationalsozialisten ausgestoßenen wüsten Beschimpfungen und Verdächtigungen der „Novemberverbrecher", die die deutsche Wehrmacht durch den sprichwörtlich gewordenen „Dolchstoß von hinten" zur Strecke gebracht hätten, und zwar durchaus nicht im vermeintlichen Dienste, einer großen Idee, sondern als bewußte und bestochene Handlanger der — „Weisen von Zion", die angeblich die Weltherrschaft der Juden anstrebten. Wenn von all diesem Unsinn, mit dem der Nationalsozialismus die Gehirne der deutschen Wähler vernebelt hat, in der Proklamation Hitlers an die von ihm wieder wehrhaft gemachten Deutschen keine Rede mehr ist, könnte man an eine Bekehrung der deutschen Staatslenker zur Einsicht und Vernunft denken. Psychologisch stellt sich ja der Antisemitismus als das pathologische Verdrängungsprodukt der unterdrückten deutschen Heldenkomplexe dar. Jetzt, da der Furor Teutonicus sich wieder ritterlich ausleben darf, benötigt er keinen Sündenbock zur Abreagierung ohnmächtigen Grimmes mehr und die Stunde zum Abbau des überflüssig gewordenen Rassenhasses scheint zu schlagen. Aber solche Hoffnungen werden durch die Tatsache desavouiert, daß die deutsche Regierung gerade jetzt eine neue Welle des Judenhasses zu erzeugen beflissen ist. Wieder einmal wird ein Vernichtungskrieg gegen die jüdischen Geschäfte vom Zaune gebrochen und die wenigen Nichtarier, die sich im deutschen Zeitungs- und Verlagsbetrieb noch einen bescheidenen Wirkungskreis hatten retten können, erhielten gerade in diesen geschichtlichen Tagen von der Reichsschriftttimkammer das Verbot weiterer Berufsausübung mit der Begründung: „Nur wer sich aus rassischer Verbundenheit heraus seinem Volk verbunden und verpflichtet fühlt, darf es unternehmen, mit einer so heiklen und folgenschweren Arbeit, wie es das geistige und kulturelle Schaffen darstellt, einen Einfluß auf das Innenleben der Nation auszuüben."