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Die Wahrheit · 1935-03-08 · Heft 10 (8.3.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 10 (8.3.1935)
Date
1935-03-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 10 — 8. März 1935 DIE WAHRHEIT Der österreichische Film „gleichgeschaltet"? Die österreichische Filmindustrie ist unter ein kaudinisches Joch gekrochen und hat, wie man hört, mit Hitler-Deutschland einen unglaublichen Versklavungsvertrag geschlossen. Die österreichische Filmindustrie, in der Majorität jüdische Produzenten, soll durch ihre Vertreter mit den; hitlerdeutschen Filmbehörden vereinbart haben, daß sie von jetzt ab keine Filmemehrherstellen wird, die sich gegen die jetzige Regierung der Deutschen Reiches richten oder die der deutschen Gesetzgebung nicht entsprechen. Das bedeutet, wenn wir richtig interpretieren, nicht mehr und nicht weniger, als daß Juden im österreichischen Film überhaupt nicht mehr beschäftigt werden dürfen. Bis jetzt blieben nur jene Filme vom deutschen Markt ausgeschlossen, in denen de facto Juden beschäftigt waren. Jetzt hat sich dieser Irrsinn, wie anzunehmen ist, zu efnem noch irrsinnigeren Prinzip gesteigert: es scheint, daß man Filme von Firmen, welche überhauptJudenbeschäftigen und sei es auch in irgendwelchen anderen Filmen, die garnicht für Deutschland bestimmt sind, in Deutschland nicht einlassen will1. Selbst angenommen, daß man der Ariergesetzgebung irgendeinen Sinn unterlegen will, etwa den, das deutsche Volk „vor jüdischen Machwerken) zu schützen", selbst unter dieser Voraussetzung hat die neue Wendung keinen gesunden Verstand mehr, es ist einfach blinde und verrückte Rachsucht. Nicht nur, daß emigrierte jüdische Schauspieler, darunter allererste Kräfte wie Wall bürg und Bressart, nicht in Filmen auftreten dürfen, die nach Deutschland kommen --sie müssen und sollen überhaupt verhungern, so weit die Macht des deutschen Filmimportgeschäftes das zu erpressen vermag. Denn, wenn sie nun auch in Wien nicht filmen düfen — wo solleni sie es? Wo werden denn noch deutschsprachige Filme in größerer Zahl hergestellt? Die Wiener Filmherrschaften, die da zu Kreuze gekrochen sind, haben kein schlechtes Geschäft damit gemacht Der neue Filmhandelsvertrag mit Hitler-Deutschland beruht auf einem Schlüssel, der wirklich ungewöhnlich vorteilhaft ist. Den Juden unter ihnen dürfte dieser Verrat beträchtliche Summen einbringen. Die österreichischen Filmherrschaften mögen sich mit ihrem „guten: Geschäft" aber nur nicht schneiden. Die Wiener Kinobesitzer in den inneren Bezirken sagen es jedem offen, der es hören will, daß die miserablen Kassenerfolge der deutschen Filme vor allem auf die natürliche und begreifliche Antipathie des jüdischen Publikums gegen diese Filme zurückzuführen sind. So mag es denn für unsere Leser interessant sein, zu wissen, daß vielleicht in kurzer Zeit die österreichischen Filme den reichsdeutschen in jeder Beziehung gleichzusetzen sein werden.. Tätigkeitsbericht der „Union". In der am 4. d. M. stattgehabten Delegiertenversammlung der „Union", über deren eindrucksvollen Verlauf wir an anderer Stelle berichten, erstattete Sekretär Oskar Hirschfeld den folgenden Rechenschaftsbericht: Wir Dianen bald nach den Kultuswahlen des Jahres 1932 ein neues Instrument geschaffen, das der Aufrechterhaltung des Kontaktes mit den an unseren Arbeiten besonders interessierten Mitgliedern unserer Organisation dienen soll. Im Februar des Jahres 1933 wiirde nämlich über Initiative unseres hochverehrten Zentralvorstandsmitgliedes Prof. Dr. Hugo Stern der Parteirat der „Union" gegründet, der bereits einige Male zusammengetreten ist und auf diesen seinen Tagungen wichtige Beschlüsse prinzipieller Natur gefaßt hat Wir erwähnen gleich hier zu Beginn unseres Berichtes die von dem am 28. März 1934 zusammengetretenen Parteirat einstimmig gefaßte Resolution, in der esita. hieß: Die „Union" stellt mit berechtigter Genugtuung fest, daß sie unbeirrt von allen Zeitströmungen ihren vor nun fünfzig Jahren statutarisch festgelegten Grundsätzen, das ist Pflege der angestammten heiligen Religion und unerschütterliche Verbundenheit mit dem heimatlichen Boden und Vaterlande Oesterreich, unentwegt treu geblieben ist. Diesen Grundsätzen wird die „Union" auch in aller Zukunft folgen. Für unser Vaterland Oesterreich, mit dessen christlichen Mitbürgern uns Sprache, Kultur und innige Vaterlandsliebe verbinden, wollen wir, jede wie immer geartete Sonderstellung entschieden ablehnend, als treue Bürger unser Bestes geben. Wir haben die Resolution, die neuerdings unsere nun fünf Jahrzehnte alten Grundsätze bekräftigt deshalb an die Spitze dieses Berichtes gestellt weil wir — was sicherlich nicht besonders zu betonen ist — auch Jn den Berichtsjahren uns in unserer Arbeit nur von diesen Grundsätzen leiten ließen. Es waren schwere Jahre, die an unsere Kräfte die höchsten Anforderungen stellten. Die Machterringung Hitlers in Deutschland hat, wie nicht anders zu erwarten, auch in unserem Vaterlande sich unheilvoll ausgewirkt, seihe antisemitischen Gesinnungsgenossen in unserem Lande drängten nun mit aller Macht auch hier zur Eroberung der Gewali. Als ihnen diese Eroberung mit friedlichen Mitteln nicht gelang, griffen sie zu Mitteln des Terrors und der Verhetzung. Das erste Opfer dieses grausamen terroristischen Wütens war ein Jude, Norbert Futterweit die ersten Anschläge jener furchtbaren Zeit galten 99' jüdischen Geschäften und Orten, an denen Juden besonders zahlreich verkehrten. In jener Zeit mußten wir sehr düster in die Zukunft sehen. Da erstand dem österreichischen Volke ein Mann, der richtig erkannte, daß nur die Wahrung der Unabhängigkeit Oesterreichs dieses Land vor seinem drohenden Untergange retten Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II., Taborsfraße 12, Tel. R 46-5-57 m,m>m> Ausgiebige Braten-Menus S 1.60 sm»! -> „ OeflUgel- „ S 2.20 \WJ Vorzügliche Zubereitung — Schwecnater Piere — Naturweine Großer Saal muBühce lür eranstaltungenu.Hochzeiten abzugeben könne, Bundeskanzler Dr. Engelbert D o 11 f u ß. Mit kühnem Mut stellte er sich dem wütenden Ansturm der im Solde des Dritten Reiches arbeitenden Zerstörer entgegen und sammelte um die rot-weiß-rote Fahne all jene, die es ehrlich mit unserem Vaterlande meinen. Nicht deshalb, weil die braunen Feinde des großen Bundeskanzlers auch unsere Hasser sind, bejahten wir von allem Anfang an das heroische Beginnen dieses Mannes, unser stets bewiesener Patriotismus ließ uns die Richtigkeit seiner Pläne erkennen. Die „Union" hat deshalb bald den Anschluß an die „Vaterländische Front" vollzogen und an allen Aktionen lebhaften Anteil genommen, die im Interesse des Wiederaufbaues unseres vielgeprüften Vaterlandes gelegen waren. Gewaltig war auch in unseren Reihen die tiefe Trauer und Bestürzung, die alle wahrhaften Oesterreicher befiel, als sie die Schreckensnachricht von der ruchlosen Ermordung des großen Kanzlers Dollfuß erreichte. (Die Versammlung erhob sich von den Sitzen.) An der Bahre, des Mannes, der für Oesterreich sein Herzblut vergossen, stand auch tief erschüttert die österreichische Judenschaft, stand insbesondere die „Union österreichischer Juden", die ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren wird. Das große Werk des hingemeuchelten Bundeskanzlers Dr. Dollfuß fortzuführen, hat sein Nachfolger Dr. Schuschnigg übernommen. (Lauter Beifall) Und wir sehen tatsächlich, daß die Unabhängigkeit Oesterreichs trotz dem wiederholten Ansturm jener, denen diese Unabhängigkeit nicht in das nationale Konzept paßt, gewahrt bleibt und immer gesicherter wird. Das entsetzliche Martyrium, das unsere deutschen Glaubensbrüder heute durchmachen müssen, läßt uns erschauern bei dem Gedanken an die Möglichkeit einer Einflußnahme dieser braunen Gewaltherrscher auf unser österreichisches Geschick. Unser patriotisches Fühlen und die unerschütterliche Hoffnung, daß mit der Abweisung der Angriffe aus dem Dritten Reich auch die Rechtslage der österreichischen Juden unangetastet bleibt, lassen' uns den heute von unseren Staatslenkern eingeschlagenen Weg der Wahrung österreichischer Unabhängigkeit als den einzig gangbaren erkennen und wir begrüßen in diesem Sinne die wiederholten, im In- und Auslande abgegebenen Erklärungen der Führer unseres Landes, daß die Gleichberechtigung der österreichischen Juden unverletzt bleiben wird. In der neuen österreichischen Verfassung hat diese Zusicherung ihre Bestätigung erhalten, in der Praxis gibt es zweifellos manche Erscheinungen, die eine antisemitische Tendenz gewisser Verwaltungsbehörden unverkennbar bekunden. Diese 'Erscheinungen, die zu bekannt sind, als daß sie hier im einzelnen angeführt werden müßten, haben die „Union" wiederholt in Aktion treten lassen. Es kann nicht Sache dieses Berichtes sein, über die Interventionen, die wir in dieser Hinsicht entweder allein oder in Gemeinschaft mit anderen Organisationen unternommen haben, ausführlich zu sprechen; dia Natur dieser Dinge verbietet eine solche Darstellung. Unsere Freunde können und werden aber dessen sicher sein, daß die „Union" getreu ihrem Programm in diesen kritischen Zeiten auf der Wacht gestanden ist; alle antisemitischen Presseerzeugnisse bis herab zum berüchtigten „Arischen Wegweiser" und den übrigen Boykott- und Hetzschriften, so dem Ritualmordbuch von Christian Loge, haben uns ebenso wie alle sonstigen Aktionen unserer Gegner beschäftigt und, wenn nötig, auf den Plan gerufen und wir können mit Genugtuung auf manche Erfolge in diesem unserem rastlosen Bemühen im Kampfe gege» unsere Widersacher hinweisen. Wir haben insbesondere auch eine Broschüre „Einige Fragen an Prof. Dr. P. Severin Grill", verfaßt von Dr. M u rmels'teiirt, veröffentlicht, welche allgemeine Zustimmung und Verbreitung fand. Haben wir uns bei dieser unserer Abwehrtätigkeit stets von dem einen Grundgedanken der „Union" leiten lassen, alles zu tun, was im Interesse der österreichischen Judenschaft gelegen ist, so ließen wir uns bei der Beobachtung des zweiten, nicht minder wichtigen Programmpunktes der „Union", der Einflußnahme auf alle Angelegenheiten im jüdischen Gemeindeleben von jenen fundamentalen jüdisch-religiösen Gesichtspunkten leiten, die seit jeher unsere Organisation erfüllt haben. Die von diesen Gesichtspunkten aus bezogene Stellungnahme der „Union" in der Kultussrube mußte uns leider wiederholt in Konflikt mit den Jüdischnationalen bringen und tatsächlich hat die Oeffentlichkeit in den abgelaufenen Jahren gar oft das Schauspiel jüdischer Uneinigkeit in ernster Zeit mitansehen müssen. An den divergierenden Erörterungen dieser Art trifft uns gewiß kein Verschulden. Wir waren zu einer entsprechenden Antwort an die Jüdischnationalen gezwungen, wenn sie sich als die alleinbefugten Sachwalter des Judentums gerieren wollten. Sie leiten dieses ihr angebliches und von uns nie anerkanntes Recht aus dem Umstände ab, daß die unter den ungünstigsten Voraussetzungen stattgehabten Kultuswahlen vom Jahre 1932 eine jüdischnationale Majorität in der Wiener Kultusstube erbrachten. Abgesehen davon, daß diese Majorität auf eine sehr merkwürdige Art zustande kam, weil nämlich die sich im Wahlkampf aufs heftigste befehdenden vier jüdischnationalen Parteien nach ihrem Eil: zug in die Kultusstube auf einmal einig waren in der Majorisierung der Nichtzionisten, kann und darf der Umstand, daß im Momente die Kultus? gemeinde unter jüdischnationaler Führung steht nicht politisch dahin ausgewertet werden, als ob auch die Mehrheit der österreichischen Judenschaft jüdischnational denkt und fühlt. Dies ist, wie wir überzeugt sind, nicht der Fall, trotz aller Anstrengungen der Jüdischnationalen, welche mit: unter sogar die traurige Situation, in die die deutschen Juden durch Hitlers Schreckensherrschaft geraten sind, für ihre parteipolitischen Zwecke auszuschroten bemüht sind. Die österreichische Judenschaft kann solche Propagandamittel keinesfalls zulassen. Sie muß erkennen, wie recht wir mit unserer bei1 den letzten Kultuswahlen leider zu wenig beachteten Warnung vor den politischen Aspirationen der Jüdischnationalen hatten. (Schluß folgt)

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