Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 10 (8.3.1935)
- Date
- 1935-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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niE WAHRHEIT Nr. 10 — 8. März 1935 Seite 3 § Zu (fessath $dkmidl-Jllazzoth £tn Versucft roird We fl6eneunen! ■ Erzeugt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberj| rqbhiner Babad J JiatHtm (Brodetefin S Xenfrafe: Wien, 2. föexirfz. Jfcopofdsgasse 43 5 Telephone: A 46-1-90, A 48-4-48, A 60-2-63 ■ Die ftfkmidl-Jllaxxotfk und das Fabrikat ..3Iitor4fce ScfkmtdtJl. $B." " (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäflen. 5 JA Q. Jiasaufi — 85 Jahve. „Der größte Europäer" — so nennt R. N. Coudenhove-Kalergi in einem Huldigungsartikel den Mann, der gestern, beglückwünscht von der ganzen Kulturwelt und bejubelt von seinem eigenen Volke, das ihm so viel verdankt, in geistiger und körperlicher Frische und Rüstigkeit den 85. Geburtstag feierte. R. N. Coudenhove-Kalergi beginnt seinen Aufsatz mit folgernden Worten: 85 Jahre mit reinem Herzen zu durchleben, ist eine große Gnade des Himmels. 85 Jahre mit reinen Händen zu vollenden, utrbefleckt durch verschwendetes Blut und Gut, ist eine seltene Leistung für einen Staatsmann. In der Gestalt Masaryks verbindet sich jene rlimmelsgnade mit diesem Menschenwerk zu einem großartigen Lebensbild, zu einer einzigartigem Persönlichkeit. Voilä une viel — Voilä un homme! Eine einzigartige Persönlichkeit — ja das ist Th. GL Masaryk. Einzigartig ist auch seih Verhältnis zum Judentum. Wir besaßen und besitzen wenigp Männer in unserer christlichen Umwelt, die so wie er vom Anfang ihrer politischen Laufbahn an dem Judentum Gerechtigkeit widerfahren ließen und auch hochgekommen Gerechtigkeit allein als Grundlage ihrer Einstellung zur >,Judenfrage" ansahen. Wie sich diese humane Gesinnung in seinen Taten im Interesse von einzelnen Juden und der jüdischen Gesamtheit auswirkte, das ist aHgernem bekannt und bleibt unvergeßlich; erst jüngst war in diesen Blättern von Masaryks Eintreten in jüdischen Dingen und seinem Verhältais zu, jüdischen Menschen, unter denen er viele zu seinen besten persönlichen Freunden zählte und zählt, ausführlich die Rede. „Unbefleckt durch verschwendetes Blut" — das ist er, das sollte aber auch sein geliebtes Volk sein und deshalb wandte er sich mit so viel Mut und Energie gegen die Ritualmordlüge, als sie in seinem Lande frischrfröhliche Auferstehung in Polna feierte. Damals machte er sich bei seinen Landsleuten, dfe ihn heute so innig verehren, unpopulär, wir Juden aber werden ihm diesen wie seine vielen anderen Akte der Gerechtigkeit für unsere verfolgte Gemeinschaft nie vergessen. Delegiertenversammlung der „Union". ••■»■■•■»••••«• Montag, den 4. März, fand im Großen Klubsaal des Cafe Excelsior die 10. ordentliche Delegiertenversammlung der „Union" unter stärkster Beteiligung der Vertrauensmänner aus allen Wiener Bezirken und Vertreter der Unterorganisationen, insbesondere der „Jugend-Union" statt. In seiner Eröffnungsansprache führte der Vorsitzende, Vizepräsident Dr. Tic ho u-a. aus: Sturmjahre sind über uns hinweggegangen, in denen wir oft beinahe verzweifeln mußten, ob es uns gelingen wird, jene Ideen hochzuhalten, die seit Jahrzehnten das Panier der „Union" gebildet haben, ob es uns gelingen wird, für diese Ideen mit Erfolg einzutreten. Es hat sich aber gezeigt, daß unsere Ideen nicht nur festen unverbrüchlichen dauernden Bestand haben, sondern daß sie üher unsere Gemeinschaft hinaus sogar zum Leitmotiv, zum führenden Grundsatz auch aller anderen in diesem Staate geworden sind; denn wir können feststellen, daß unsere beiden Hauptprogrammpunkte, an denen wir unverbrüchlich festgehalten haben, Religion und Vaterland, nunmehr die Grundpfeiler bilden, auf denen die Führung in diesem Staats ruht. Wir nehmen nicht etwa für uns in Anspruch, daß wir deshalb, weil wir diese Ideale seit jeher zu den unsrigen gemacht hatten,, irgendwie besonders bevorzugt werden sollten, sondern wir leitsfl daraus nur den berechtigten Wunsch ab. die Erkenntnis möge endlich allgemein Platz greifen, 4ajJ die Juden zu jeder Zeit treu zu ihrem Vaterland gestanden sind, daß sje stets bereit wargn, aMes für das Vaterland zu opfern und daß sie auch in Zukunft Gut und Blut für das Vaterland hinzugehen, immerdar bereit sejn werden. Wo immer wir Juden auch leben, in welchem Staate auch immer wir als Bürger uns befinden, da leben wir nicht nur im Staate, wir leben mit dem Staate. So sind denn auch wir österreichischen Juden mit diesem Boden, auf dem wir leben und leben wollen, fest verwurzelt und bekennen uns rückhaltslos zu dem Staatswesen, dessen Bürger wir sind. Für uns aber, für jeden einzelnen von uns erwächst die ernste Verpflichtung, alle Energien aufzubringen, um für jene Ideen einzutreten und zu kämpfen, die die unseren sind. die wir zum Wohle des Judentums hochhalten, die sich bis zum heutigen Tage bewährt und dem Judentum dauernden Bestand gegeben haben. (Lebhafter Beifall.) Nun erstattete Sekretär Oskar Hirschteld den mit großer Spannung aufgenommenen Rechenschaftsbericht, mit dessen Wiedergabe wir an anderer Stelle unserer heutigen Nummer beginnen. Nachdem Kassier Ernst Feldsberg den von den Revisoren A. H. D a v i d und Komm.-Rat Adolf Unger geprüften Kassabericht vorgelegt hatte und derselbe ebenso wie vorher der Rechenschaftsbericht von der Versammlung einstimmig gebilligt worden war, brachte Doktor Tic ho folgendes ihm vor Beginn der Versammlung zugekommenes Schreiben des Herrrn Präsidenten Dr. Jakob Ornstein zur Verlesung: Zum ersten Male in meiner nunmehr 27]ährigen Zugehörigkeit zum Zentralvorstand werde ich bei einer Delegiertenversammluns: unseres Vereines nicht anwesend Sehl. Der Grund meiner Abwesenheit ist im 4. Punkte der Tagesordnung gelegen; denn es ist unvermeidlich, daß Sie, verehrter Herr Kollege, bei Begründung des Antrages meiner Tätigkeit in der Leitung der „Union" in einer freundschaftlichen und alter Wahrscheinlichkeit nach a$zu wohlwollenden Wejse Bedenken werden und daB Ihre Würdigung das durch mein Wirken selbst gegebene Maß überschreiten wird: ich darf wohj auch welters voraussetzen, daB Ihre' Rede mancherlei Ovationen auslösen wird, uad dies um so mehr, als es mir doch zur höchsten Freude gereicht, daß ich unter unseren Mitgliedern zahlreiche persönliche Freunde besitze. Sie und alle Mitglieder wissen aber auch, daB es meiner Individualität widerstrebt, die Anerkennung und das Lob meines Tuns in meiner Gegenwart selbst entgegenzunehmen. Ich habe dies wohl zur Genüge gezeigt, indem ich meinen 70. und meinen 75. Geburtstag einsam außerhalb Wiens begangen habe und so alten mir zugedachten Huldigungen aus dem Wege gegangen bin, und diese meine Naturanlage drängt mich um so mehr, heute nicht in dem mir so lieben Kreise unserer Mitglieder zu erscheinen, als doch meine voraussichtliche Ernennung schon im April des vorigen Jahres in einer mich so überaus ehrenden und geradezu rührenden Weise gefeiert wurde, daß ich diesen Abend für immer dankbar in den Schatz meiner Erinnerungen aus meinem Leben aufgenommen habe; und so glaube ich, geehrter Herr Kollege, daß Sie und die ganze Versammlung meine Bitte, meine Abwesenheit gütigst zu entschuldigen, wohlwollend aufnehmen werden. Ich bitte Sie und alle Mitglieder der Delegierten- Versammlung, auch weiter meinen tiefgefühlten, aufrichtigen und herzlichen Dank für die mir zugedachte Ehrung entgegennehmen zu wollen, ledern einzelnen drücke ich im Geiste dankend die Hand. Genehmigen Sie deq Ausdruck altgewohnter Hochachtung Ihres ergebenen Dr. Ornstein. An die Verlesung des Schreibens, der die Versammlung mit gespanntester Aufmerksamkeit folgte, knüpfte Vizepräsident Dr. T i c h o eine längere Erklärung, in der er u. a. sagte: Es ist nicht richtig, wenn Präsident Dr. Ornstein in seinem Schreiben erklärt, daß ich irgendwelche Worte wählen könnte, die das Maß seiner Verdienste übersteigen würden. Ich glaube, daß wir, die wir ihn bei seiner Tätigkeit sahen und bewunderten, gar nicht in der Lage sind, für all das, was er uns war, was er uns ist und was er für uns immer bleiben wird, die entsprechenden Worte des Dankes zu finden. Wenn Dr. Ornstein mit Rührung jener Sitzung des Zentralvorstandes gedenkt, in der seine Designierung zum Ehrenpräsidenten erfolgt war, so bereitete er uns damit eine wahre Freude, denn wir ersehen daraus, daß er selbst empfunden hat, wie sehr unsere damaligen Worte uns aus dem Herzen kamen. Worte, die aus dem Herzen kommen, finden, wie ein altes jüdisches Wort sagt, den Weg zum Herzen. Und so kommen auch heute meine Worte, die ich zugleich in Ihrem Namen spreche, aus der Tiefe meines Herzens. (Die Versammelten erheben sich von ihren Sitzen.) Unsere Liebe für Dr. Ornstein, unsere Verehrung für ihn, unsere uneingeschränkte Dankbarkeit, sie werden so lange bestehen, so lange wir selbst bestehen werden, so lange die „Union" bestehen^ wird, deren Führer und Leiter er in schweren Tagen gewesen ist. Dr. Ornstein eignet eine besondere Bescheidenheit; sie war es auch, die ihn veranlaßte, unserem heutigen Abend fernzubleiben, zum erstenmal, seitdem er dem Vorstande der „Union" angehört. So gestatten Sie mir denn, daß ich hier, wenn auch in seiner Abwesenheit, in der allerfeierlichsten Form, als Ihr Dolmetsch Ausdruck verleihe den Gefühlen tiefster Dankbarkeit und Verehrung für unseren Dr. Ornstein. (Lang anhaltender stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Obwohl Ihr überaus reicher Beifall mich der Einhaltung jeder Formalität entheben würde, so ist es denn doch meine statutarische Pflicht, den Antrag des Zentralvorstandes zur Abstimmung zu bringen, Herrn Dr. Jakob Ornstein zum Ehrenpräsidenten der „Union" zu ernennen. (Die Versammlung bricht in minutenlang anhaltende begeisterte Zustimmungskundgebungen aus.) Dr. T i c h o dankt herzlichst der Versammlung und teilt mit, er werde gelegentlich der feierlichen Ueberreichung des Ehrendiploms Herrn Ehrenpräsidenten Dr. Ornstein die eben stattgefundenen Ovationen zur Kenntnis bringen. Vizepräsident Dr. Karl Steider beantragte nun einige im Laufe der letzten Jahre notwendig gewordenen Statutenänderungen, die einstimmig angenommen wurden. Ebenso einstimmig wurden die Wahlen in den neuen Zentralvorstand vorgenommen. Der Obmann des Wahlkomitees, Dr. Julius G r ü aw a 1 d, legte eine diesbezügliche Liste vor, die per Akklamation gebilligt wurde. Demgemäß erscheinen in den Zentralvorstand gewählt die Herren Dr. Ernst Feldsberg, Baurat Dir. mg. Wilhelm Kempler, Dr. Alfred Lederer, Reg.-Rat Dr. Max Lenk, Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, Kommerzialrat Alexius Salzer, Dr. Karl Steiner, Prot. Dr. Hugo Stern, Dr. Josef Ticho und Eduard Widricn. Zu Revisoren wurden gewählt die Herren A. H. David und DiF. Alp» Donaebaum; zu SteUvertreiejn die Herren Deszö Friedraann und Felix Waehsberger. Nach Erledigung der Tagesordnung erbat sich Zentralvorstandsmitglied Kommerzialrat Alexius S a I z e r das Wort, um im Namen der versammelten Delegierten den Herren des bisherigen Zentralvprstandes den Dank für ihre mühevolle Tätigkeit auszusprechen und der neuen Leitung das Gelöbnis treuer Gefolgschaft abzulegen. (Lebhafter Beifall.) Der Vorsitzende Dr. Ticho dankte im Namen der Vereinsleitung für die neuerliche Vertrauenskundgebung und richtete am Schluß der eindrucksvoll verlaufenen Tagung an die Versammelten den ernsten Appell, in noch höherem Maße als bisher ihre Pflichten im Dienste des Judentums zu erfüllen, zum Wohle der österreichischen Judenschaft und zur Ehre der „Union" und ihrer hohen Ideale.