Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 10 (8.3.1935)
- Date
- 1935-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sdte 2 Nr. 10 — 8. März 1935 DIE WAHRHEIT « Donnerstag, den 28. März 1935 IV« 8 Uhr abends im Festsaal I" des Niederösterr. Gewerbe-Vereines Wien f., Eschenbachgasse 11 - Malmonldes-Feler der „Union" U Festredner: m Dr. Jakob Ornstein folgendes bemerkt: Das Reichsgesetz der alten österreichischen Monarchie sah mit Bezug auf städtische Schulen vor, daß die Schuldirektoren der Religion entnommen werden sollen, der die Mehrzahl der Schüler angehört. Diese Bestimmung begünstigt die Ernennung jüdischer Schuldirektoren in jüdischen Schulzentren. Anderseits haben orthodoxe Juden oft den Wunsch geäußert, daß ihre Kinder in besonderen Schulen und Klassen unterrichtet werden, damit der Stundenplan so gestaltet werden könne, daß dte Kinder am Samstag vom Schreiben und Zeichnen befreit werden können. Die Teilung von Klassen mit einer großen Schülerzahl in mehrere Parallelklassen unter Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit der Schüler sollte nicht als die Absicht gedeutet werden, für die jüdischen Schüler eint „Schul- Ghettö" zu schaffen, sondern vielmehr als der Wunsch, eine praktische Organisation aufzubauen, die auch für die jüdischen Schüler von Vorteil ist. Man darf nicht vergessen, daß wichtige (?) jüdische Gruppen eine angemessene jüdische Erziehung fordern, daß zum Beispiel die orthodoxreligiösen Schulgemeinden und der Jüdische Völksbund fürOesterreich dieSchaffung nationaler jüdischer Schulen verlangt haben. Diese und ähnliche Maßnahßiea sollten deshalb nicht als durch antisemitische Motive inspiriert beurteilt werden. Auch darf nicht übersehen werden, daß dem Büro für Volkserziehung in Wien ein Sonder-Departement angegliedert ist, das von einem Rabbiner geleitet wird und dem alles, was mit jüdischer Erziehung zu tun hat, untersteht Die Tatsache, daß die Zahl jüdischer Angesteliter in den öffentlichen Diensten sehr beschränkt ist, ist, wie bereits angedeutet, das Ergebnis historischer Entwicklung. Aber jenen Juden, t Während man in Hitler-Deutschland beflissen ist, die dort gründlich durchgeführte antisemitische Praxis durch unsinnige Beschuldigungen der Juden, ihre Pauschaldeklarierung als „Verbrecher" zu rechtfertigen, schlägt der österreichische Bundeskanzler einen Weg ein, der, konsequent zu Ende gegangen, zum entgegengesetzten Ziel: zur Diskriminierung der Judenbedrücker führen muß. Dr. Schuschnigg packt die Judenfrage historisch an und schaltet so eine Beleuchtung ein, die zwangsläufig die Schuldlosigkeit der von der Geschichte zu rein passiver Rolle verurteilten Judenschaft und die volle Verantwortung des Antisemitismus für die gegenwärtige Krisis dieser sittlich-religiösen Lehrmeisterin der abendländischen Kulturmenschheit und deren opferfreudigste Mitarbeiterin auf allen geistigen Gebieten ins hellste Licht rückt Die unerfreuliche Gestaltung des Verhältnisses zwischen den christlichen und den jüdischen Oesterreichern ist nicht etwa, wie die Antisemiten behaupten, die Folge allzu konsequenter Durchführung der Josefinischen Toleranz-Ideen, sondern ganz im Gegenteil die Wirkung ihrer teils geheimen, teils ganz offenen Sabotierung in der nachjosefinischen Zeit Wenn Bundeskanzler Doktor Schuschnigg die Teilung der Berufe in rein christliche und spezifisch jüdische in der Vorkriegszeit kennt, beweist er damit, daß es schon damals mit der Realisierung der von Josef II. gegebenen Richtlinien sehr gehapert hat Sogar unter Kaiser Franz Josef konnten Juden in bestimmte Aemter nur unter Preisgabe ihres ererbten Glaubens gelangen und die dadurch entstandene konfessionelle Teilung der Berufsgruppen hatte also äußerliche Ursachen. Dr. Schuschnigg idealisiert diese allzusehr, indem er innere Beweggründe sucht Es ist ja für uns Juden sehr schmeichelhaft, wenn er dabei zu der Konstatierung gelangt daß nur die Christen auf ihre Versorgung an der Staatskrippe bedacht waren, während die Juden den riskanteren Kampf ums Dasein in den freien Berufen vorzogen. Dr. Schuschnigg bestreitet daß die jetzige Hinausdrängung der Juden aus den unter staatlichem Einfluß geratenen Großbanken aus konfessionellen Gründen geschieht. Er will bloß das „Risiko" der Bevölkerung gegenüber nicht tragen, die altbewährten Bankleute in ihren Stellungen zu lassen. Es ist nicht recht verständlich, worin dieses „Risiko" liegen soll. Als in der Inflationszeit der christlichsoziale Professor Doktor Gürtler Finanzminister werden sollte, hat er sich zur Uebernahme dieses Risikos nur unter der Bedingung entschlossen, daß man ihm den jüdischen Präsidenten der Anglobank Rosenberg als Ratgeber an die Seite stelle. Es ist auch kein Geheimnis, daß Prälat Dr. Seipel die Anstellung in öffentlichen Diensten gefunden haben, ist die Möglichkeit gegeben, gemäß ihrer Begabung und in Ansehung der von ihnen geleisteten Dienste hohe, ja höchste Positionen zu erreichen. Es gab und gibt immer noch jüdische Ministerialräte, sogar Direktoren verschiedener Aemter, denen die wichtigsten Agenden übertragen sind. Verschiedene Kreise erheben Beschwerde über die in einem-Teil der Presse gegen Juden und Judentum gemachten Angriffe. Aber es gibt auch eine jüdische Presse, so daß die Juden die Möglichkeit haben, auf diese Angriffe in ihren Zeitungen zu antworten. Die jüdischen Parteien, Organisationen und Korporationen haben die Freiheit, öffentliche Versammlungen und Manifestationen abzuhalten und Bestimmungen zu treffen, die sie als für den Schutz ihrer Glaubenssenossen notwendig halten. Würde die Regierung alle Angriffe gegen Juden m der Presse oder bei öffentlichen Manifestationen verbieten, so würde ihr dies als Parteilichkeit ausgelegt werden, was dem Ziel, das die Regierung verfolgt, widerstreiten würde. Alle antisemitischen Zeitungen und Broschüren, die über eine zulässige Grenze hinausgehende Angriffe enthalten, werden in der Regel konfisziert. Es existieren in Oesterreich antisemitische Strömungen, wie in vielen anderen Ländern auch. Mari geht absolut fehl, wenn man Erklärungen gewisser Gruppen oder Publikationen, die keinen Zusammenhang mit der Regierung haben, als halb- oder gänzoffizielle Kundgebungen von Absichten der Regierung beträchtet Oft verfolgen diese Parteien und Zeitungen eigene politische Ziele, die mit den Absichten der Regierung nicht übereinstimmen. Dies gilt sowohl für allgemeine als auch für jüdische Fragen. " 1 . * CoTeTcns^ Pemmering Weder die österreichischen Juden noch ihre ausländischen Glaubensgenossen haben, was die Zukunft der Juden in Oesterreich betrifft, irgend einen G'rund zu Befürchtungen. Die wiederholt von der Regierung gegebene Zusicherung, daß sie keine den Rechten der jüdischen Bürger Oesterreichs irgendwie nachteilige Maßnahme erwägt, sollte ihr volles und unbedingtes Vertrauen haben. die Stabilisierung der Schillingwährung nur mit Hilfe jüdischer Bankfachleute glücklich erreichen konnte. Anderseits war die verhängnisvolle Demolierung des österreichischen Volksvermögens, die Entwertung der Vorkriegsrenten und Kriegsanleihen durch die Entscheidung „Krone ist Krone" das Werk des christlichsozialen Finahzministers Schumpeter im Ministerium Renher. Der Bundeskanzler beruft sich darauf, daß es die christliche Bevölkerung, die 95 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, als Ungerechtigkeit wertet, daß Juden angeblich zu 70 oder 80 Prozent in Berufen vertreten sind, in denen den Lebensunterhalt zu suchen die Arier früher „keinen Grund" hatten, solange sie Versorgung an der Staatskrippe finden konnten. Ist es nicht viel größere Ungerechtigkeit, zugunsten solcher Elemente, die flicht aus innerem Drange, sondern aus äußerem Konjunkturwechsel jetzt in früher verschmähten Berufen Brot suchen, andere daraus zu verdrängen, die eine durch die humanitären Gebote der jüdischen Religion entflammte, seit undenklichen Generationen ins Blut übergegangene, zutiefst seelische Inbrunst zur Heilung der Kranken, zum Beistand der Recht Suchenden, zur Belehrung der Unwissenden treibt? Am schlimmsten . sind die jüdischen Pädagogen daran. Während das Kesseltreiben gegen die jüdischen Aerzte nicht verhindern konnte, daß der arische Opernsänger Kiepura, als er vor kurzem in seiner, polnischen Heimat erkrankte, . sich ausgerechnet aus dem Wiener Röthschildspital einen jüdischen Arzt kommen ließ, deckt Bundeskanzler Dr. Schuschnigg selbst die Verschlechterung der Anstellungs- und Beförderungschancen judischer Lehrer im Vergleich zur Vorkriegszeit auf. Damals war es eine christlichsoziale Forderung, daß die Schulleiter der Konfession der Schülermehrheit an der betreffenden Anstalt angehören sollen. Auf Grund dieses Prinzips erhielten sogar in der antisemitischen Lueger- Aera einzelne Wiener Schulen jüdische Direktoren. Heute müssen selbst an solchen Anstalten, die jüdische Schülermajoritäten besitzen und — wie die Handelsschulen des Gremiums — hauptsächlich von Juden erhalten werden, bestbewährte jüdische Pädagogen arischen Anwärtern weichen. Es muß hervorgehoben werden, daß die von der gesamten Judenschaft als Diskriminierune emppfundene Absonderung der Jüdischen Schüler vom Bundeskanzler als Erfüllung zionistischer Wünsche betrachtet wird. Der Führer des von Dr. Schuschnigg in diesem Zusammenhang genannten „Jüdischen Volksbundes", Oberbatirat Stricker, gibt im „Telegraf, der Ihren DOdierDedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandinng - Antiquariat BERMAiMN IDCHNER, In Wien II., Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünite R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und gan^e Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! christlich-deutschen Abteilung des Stricker-Verlages, den Kanzlerworten folgende kühne Deutung: „Besondere Worte widmete der Kanzler an dieser Stelle den Bestrebungen des Jüdischen Volksbundes für Oesterreich im Hinblick auf die Errichtung eines nationalen jüdischen Schulwerkes." Wir bezweifeln, daß der reklametüchtige Herr Stricker mit dieser Auslegung Glück haben wird. Trotz aller Beschönigungsversuche wird die Schaffung jüdischer Sonderklassen in den öffentlichen Volksschulen von breiten jüdischen Schichten nur als die Realisierung antisemitischer Theorien aufgefaßt Es ist daher sehr begreiflich, daß die permanent gesteigerte Propaganda solcher Theorien bei der jüdischen Bevölkerung sehr böses Blut macht und es wird sie kaum befriedigen, daß der Bundeskanzler die Abwehr der Judenhetze der jüdischen Presse überlassen will. Die jüdische Presse kennt gewiß ihre hohe Pflicht und erfüllt sie getreu nach ihrem idealen Vorbild: der von Rabbiner Dr. Josef Bloch herausgegebenen „Oesterreichischen Wochenschrift". In diesem Blatte sowie in eigenen tiefgründigen Büchern ist Bloch der Talmudverleumdung des Professors Rohling in überzeugender Weise entgegengetreten. Trotzdem erscheinen in unseren Tagen immer wieder von christlichen Theologen verfaßte und ihren kirchlichen Behörden approbierte Bücher, über den Talmud, die sich auf Rohling stützen und von seinem jüdischen Widerleger nicht die geringste Notiz nehmen. Wenn dies am grünen Holze der christlichen Wissenschaft festzustellen ist, wie kann man von dem kleinen Mann aus dem Volke erwarten, daß er seine aus den antisemitischen Zeitungen geschöpften Urteile an der Hand der jüdischen Presse revidieren soll? Er wird! — den guten Willen vorausgesetzt — hierzu meist gar keine Gelegenheit haben, es sei denn, daß ein Gesetz die Leser antisemitischer Blätter verpflichtet, auch die jüdische Presse zu abonnieren .... Der österreichische Minister für Aeußeres, Berger-Waldenegg, hat in London erklärt, daß die religiösen Minderheiten in Oesterreich volle Freiheit genießen sollen, wenn sie sich zum Staat bekennen und am Staat mitarbeiten. Um so grotesker ist es, daß gegen den österreichischen Staat arbeitende Hakenkreuzler „oben" oft mehr Wohlwollen finden als die zu patriotischer Mitarbeit bereiten Juden ... Zum 800. Geburtstag Maimonides. Lieber Einladung des Präsidiums der israelitischen Kultusgemeinde Wien hat am Mittwoch, den 6. März, im Sitzungssaale der Kultusgemeinde Wien eine Pressekonferenz stattgefunden. Der Präsident Staatsrat Dr. Friedmann, begrüßte die Erschienenen. Hierauf erstattete Herr Oberrabbiner Dr. Feuchtwang anläßlich der 800. Wiederkehr des Geburtstages Maimonides ein interessantes Referat, in welchem er nach eingehender Würdigung der Persönlichkeit, des Wirkens und der Bedeutung des großen Philosophen über folgende Veranstaltungen und Feierlichkeiten berichtete, die im Rahmen der Wiener Kultusgemieinde aus Anlaß des Gedenktages stattfinden werden: 1. Herausgabe einer populär-wissenschaftlichen Gedenkschrift Leben und Wirken des Maimonides darstellend, für Erwachsene und die reifere Jugend, verfaßt von Obefrabbmer Dr. Feuchtwäng und Prof. Kräuß. 2. Herausgabe eines Gedenkblattes für die Schüler der Haupt- und Untermittelschulen. 3. Anordnung von Gedenkreden, die am ersten Tage des Pessachfestes von den Rabbiner Ufl4 Predigern in allera Synagogen Wiens gehalten werden. 4. Ansetzung einer Mitte April im großen Leopold- Städter Tempel stattfindenden allgemein zugänglichen Gedenkfeier. 5. Beauftragung der jüdischen Religionslehrer aller öffentlichen und Privatschulen, im Monat März einige Religionsunterrichtsstunden dem Andenken des Maimonides zu widmen. 6. Alle jüdischen Vereäne und Bünde wurden veranlaßt, an einem Abend Gedenkfeiern für Maimonides abzalten zu lassen. * Bekanntlich veranstaltet auch die „Union österreichischer Juden" am Donnerstag, den 28. März, H8 Uhr abends, Im Festsaal des Niederösterreichischen Gewerbevereines, I., Eschenbächg. 11, eine große M aimonides-Feier.