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Die Wahrheit · 1935-03-01 · Heft 9 (1.3.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 9 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 9—1. März 1935 DIE WAHRHEIT Ungarn und Deutschland. ii; f1' Y Mi $ i^f { I l p: I fi n w. 1 fs u m % %v w § $ •i* s 5« $ «i> iji!• <te l| jjfe 1*1 W5 f IS- Pr f:l R w f I >, Ungarn überwindet derzeit eine politische Krise, die in Bestrebunsen wurzelte, eine Neuregelung des Verhältnisses zu Deutschland herbeizuführen. Ungarn sollte der österreichfreundlichen Politik der von ihm mitunterfertigten Rompakte absagen und außenwie innenpolitisch die Angleichung an das Dritte Reich suchen. Man begreift das Bestehen solcher Tendenzen unter den magyarischen Rassenschützlern. Können sich diese doch als die Lehrmeister der nationalsozialistischen Methoden betrachten und empfinden daher zum .Teil den jetzigen ungarischen Kurs der Mäßigung und rulligen Entwicklung als eine arge Enttäuschung und angesichts der Ereignisse in Deutschland als unverzeihlichen Anachronismus. Es ist überaus erfreulich,daß Ministerpräsident Gömb ö s die moralische Stärke und politische Autorität aufgebracht hat, den Quertreibereien der radikalen Elemente, die mit der Aufputschung der kleinen Landwirte, der Studenten und anderer Stützen des christüchnationalen Kurses der innen- und außenpolitischen Friedenspolitik der Regierung Schwierigkeiten machten, erfolgreich entgegenzütreten und in einer Rundfunkrede den Hochschülern, die noch immer an den terroristischen Methoden des Judenhasses festhalten, zu erklären, sie täten besser daran, sich weniger um Politik zu kümmern. Hier springt der Gegensatz zwischen dem einstigen Rassenschützlertum in Ungarn und seinen Schülern in Deutschland, die sogar den Volksschulunterricht politisieren und schon den ABC- Schützen Rassenlehre beibringen, am krassesten in die Augen. Gömbös ist ein Vierteljahr früher zur .Regierung gelangt als Hitler, aber er hat diesen damals nicht bloß äußerlich überflügelt, sondern hielt auch innerlich schon viel weiter. Bereits als Honvedminister hatte er bewiesen, daß er sachlich zu arbeiten versteht, ohne durch Konzessionen an seine radikale Vergangenheit unangenehm aufzufallen. Man konnte also von ihm erwarten, daß er, der noch größeren Verantwortung seines höheren Amtes als Regierungschef in gesteigertem Maße Rechnung tragend, die Grenze zwischen Theorie und Praxis — der Theorie des nach Macht strebenden Politikers und der Praxis des in den Besitz der politischen Macht gelangten Ministerpräsidenten — noch strenger und schärfer ziehen würde. Gömbös hat aber diese Hoffnung noch übertroffen. Er hat den Mut aufgebracht, von seiner früher verfochtenen Rassenschützlertheorie nicht bloß stillschweigend, sondern durch eine Aufsehen erregende Erklärung in aller Form abzurücken. „Den Juden gegenüber habe ich meine Anschauungen revidiert", sagte er damals in seiner parlamentarischen Programmrede. Und dann zollte er den jüdischen Leistungen auf dem Gebiete, das ihm als Offizier und gewesenen Honvedminister besonders am Herzen liegt, ehrendste Anerkennung. Er rühmte die jüdischen Heldentaten im Kriege und die militärischen Verdienste jüdischer Anführer in der ungarischen Armee mit Ausdrücken wärmsten Lobes. Es gereicht Gömbös durchaus zur Ehre, daß er als Regierungschef keine Diskrepanz zwischen seinen Worten und seinen Taten aufkommen lassen wollte, sondern die Revision beider just in dem Moment vollzog, da der Aufstieg Hitlers eine neue Konjunktur des Antisemitismus erwarten ließ. Er ist nicht der einzige Repräsentant des magyarischen Rassenschützlertums geblieben, der diese Bekehrung durchgemacht hat. IvanHejas, einer der berüchtigsten Judenmörder in der Schreckenszeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Ungarn, sprach vor ungefähr drei Jahren bei einem Vorstandsmitglied der Budapester jüdischen Gemeinde vor und bat den Mann flehentlich um eine — Stellung. Das war doch gewiß auch eine sensationelle Revision persönlicher Einstellung zu den Juden. Aber sie vollzog sich unter den entgegengesetzten Auspizien wie bei Gömbös. Stellt sie bei dem erfolgreichen Minister den inneren Akkord zum äußeren Aufstieg zur Höhe dar, so kennzeichnete sie bei Hejas die Erniedrigung eines Fallengelassenen. Der einst gefürchtete Pogrombandenführer wurde bei der Stabilisierung der politischen Verhältnisse in Ungarn mit einem Sitz im Parlament abgespeist, nachdem er das seltsame Versprechen hatte abgeben müssen, als Abgeordneter niemals das Wort zu ergreifen. Obwohl er dieses Versprechen gewissenhaft gehalten hat, wurde er bei der nächsten Wahl nicht mehr kandidiert. So ist er existenzlos geworden und geriet ins Elend. Was tut man, wenn es einem schlecht geht? Man hält sich an die Juden. In den blutigen Tagen des weißen Terrors ließ man sich gegen ihren Willen von ihnen sanieren (Widerspruch wurde am Galgen erstickt), in den folgenden Zeiten milderer politischer Praktiken mußte man sich das Wohlwollen der Juden zu erringen suchen, um sein Leben fristen zu können. Diese Gestaltung der Dinge in Ungarn ist so lehrreich, daß sie von den reichsdeutschen Schülern der „Erwachenden Magyaren" mit Aufmerksamkeit beachtet werden sollte. Statt dessen ist das Gegenteil zu konstatieren: Gömbös hat den Judenpunkt revidiert und dafür sein restliches Programm, das auf die moralische und politische Hebung des ungarischen Ansehens in der Welt gerichtet ist, konsequent und mit nicht zu bestreitendem Erfolge verfochten. Hitler hat seit seiner Machtergreifung fast das ganze außenpolitische Programm aus seiner Oppositionszeit preisgegeben, so daß boshafte Stimmen laut wurden, er sei der einzige Deutsche, der sein eigenes Buch „Mein Kampf" noch nicht gelesen habe. Dafür hält er um so zäher am Rassenantisemitismus fest. Die magyarischen Machthaber sind von kompromittierenden Elementen ä la Hejas unzweideutig abgerückt — Hitler, der am 30. Juni deutlich genug bewiesen hat, daß auch er von störenden Sentiments gegenüber ehemaligen Freunden und Gefolgsleuten frei ist, steht unentwegt zu einem Julius Streicher, zu dessen 50. Geburtstag er jüngst eigens nach Nürnberg flog, um als Festredner zu paradieren. Hitlers Schwester war jahrelang Küchenchefin der Wiener Mensa Academica Judaica und hatte als solche über die rituelle Zubereitung der Speisenzu wachen. Ihr Bruder aber ehrt als Reichskanzler und Führer ostentativ den unentwegten Verkünder des Unsinns, daß die koschere Küche Christenblut als Genußmittel verwende und daß die bei Juden angestellten arischen Frauen ihre weibliche Würde und Tugend einbüßen ... Gömbös hat in der stolzen Stunde seines Machtantritts der Wahrheit die Ehre gegeben, Hitler erklärt auf der Höhe seiner Macht den Lügenapostel Streicher als verläßlichste Stütze seines Systems. Die deutschen Rassenfanatiker haben sich demnach als sehr schlechte Schüler ihrer magyarischen Vorbilder von einst erwiesen. Vielleicht ist die Stunde nicht mehr fern, in der sie heiß bedauern, daß es in der Schule des Lebens kein — Repetieren gibt . . . Katholiken gegen Ritualmordhetze. Die in Wien erscheinende katholische Wochenschrift „Der christliche Ständestaat" schrieb in ihrer Ausgäbe vom 10. Februar: Die „Wissenschaftlichkeit" ChristianLoges, des Verfassers des von der Grazer Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Buches „Gibt es jüdische Ritualmorde?", steht für Anton 0 r eis Zeitschrift „Das neue:Volk" außer Frage; sie wird nicht müde, im Narrien'der Wissenschaft oder gar der „Verteidigung des katholischen Glaubens" Fox-Film zeigt CHARLES BOYER LILIOM Nach dem berühmten Theaterstück von Franz Molnar Regie: FRITZ LANG Produktion: Ei ich Pommer Madeleine Ozeray — Aleover — Florelle ab heute: Schweden-Kino II als „Verteidigung des katholischen Glaubens" aufzieht, als ob irgendwo in der katholischen Dogmatik der Glaube an jüdische Ritualmorde verlangt würde! Eine Frage übrigens an diesen tapferen Verteidiger des „Glaubens": wäre es nicht besser, ehrlicher und offener, so unerhörte Pauschalbeschuldigungen wenigstens mit einem richtigen Namen zu decken, — Herr „Christian Loge"? Vielleicht weiß Herr Anton O r e 1, der das Werk so warm verteidigt, eine Antwort darauf. Es war wirklich ein trauriger Mut, dieses Machwerk herauszugebe n." „Der christliche Ständestaat" spielt hier sehr deutlich auf die mehr als wahrscheinliche I d e n t ität von „Christian Loge" mit Anton 0 r e 1 an. Auch die vom Pauluswerk herausgegebene katholische Missions-Zeitschrift „Erfüllung" nimmt in scharf ablehnender Weise gegen das Ritualmordbuch Christian Loges Stellung. gegen die Konfiskation Sturm zu laufen. Es ist in diesem Zusammenhang sicher interessant, die Stellungnahme von Möns. Dr. Alois Wurm, des verdienten Herausgebers der angesehenen reichsdeutschen katholischen Monatsschrift „Seel e", zu hören: „Zweifellos läßt sich über das .geschichtliche Material' zu dem Thema des jüdischen Ritualmordes eine wissenschaftliche, historisch-kritische Studie schreiben. Aber Loges Arbeit fehlt dieser sachlich-kritische Sinn. Man sollte auch bedenken, wie auf reizend und verbildend solche Bücher mit der restlosen Ausbreitung von Mordprozessen oder gar der bildlichen Darstellung von Scheußlichkeiten im Volk wirken müsse n." Und in seiner nächsten Ausgabe vom 17. Februar schreibt „Der christliche Ständestaat": „In Sachen Christian Loge sind uns seit Erscheinen und Konfiskation seines Ritualmordbuches zahlreiche empörte Zuschriften zugekommen, die beweisen, daß keineswegs nur „jüdischen Machenschaften" zuliebe diese Konfiskation erfolgte, sondern daß auch viele gut katholisch gesinnte, wahrhaftig der besonderen Judenfreundlichkeit unverdächtige Menschen diese unsachliche Art des Kampfes ablehnen. Mit diesen zahlreichen guten österreichischen Katholiken begrüßen auch wir es, daß ein solches Buch nicht mehr verbreitet werden darf, und weisen es zurück, wenn Herr „Loge" seine in durchaus unwissenschaftlicher Weise vorgebrachten Anschuldigungen gar noch Wie sie sich vordrängen. Julius Streichers Aktion zur Äüsmerzung aller von Juden erfundenen Heilsera aus der deutschen Medizin hat bekanntlich auch in maßgebenden deutschen Aerztekreisen entschiedenen Widerstand gefunden. Das ist kein Wunder, wie folgende unvollkommene Liste neuerer medizinischer Errungenschaften beweist: Prof. Albert N e i s s e r entdeckte 1879 den Gonokokkus (Erreger des Trippers). Prof. Albert Fraenkel entdeckte 1884 den Erreger der Lungenentzündung. Waldemar Haffkine führt als erster 1895 die Schutzimpfung gegen Cholera und Pest mit abgetöteten Kulturen ein. Prof. August Wassermann entdeckt 1906 die sogenannte Wassermannsche Reaktion (Blutprobe für Syphilis) und errang damit Weltruhm. Ernst Renak ist der Entdecker der marklosen Nervenfasern und Begründer der Elektrodiagnostik und Elektrotherapie. Prof. Paul Ehrlich entdeckte 1909 mit dem Japaner Hata das Salvarsan (1908 Nobelpreis). Gustav B u c k y ist der Entdecker der Grenzstrahlen-Therapie. Alexander Marmorek entdeckte das Streptokokkenserum gegen Scharlach. Prof. Metschnikoff entdeckte die Eigenschaft der weißen Blutkörperchen, eingedrungene Bakterien zu vernichten. (Nobelpreis 1908.) Karl Landsteiner erhielt 1930 den Nobelpreis für die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen.

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