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Die Wahrheit · 1935-03-01 · Heft 9 (1.3.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 9 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 9 — 1. März 1935 DIE WAHRHEIT Donnerstag, den 28. März 1935. V> 8 Uhr abends im Festsaal des isiederosterr. Gewerbe-Vereines Wien!., Eschenbachgasse 11 Maimonides-Feier der „Union" Festredner: Dr. Jakob Ornstein ,^ ,j wies sich eine B1 u t.t r a n s f u s i o n als dringend notwendig, ein jüdischerBlutspender stellte sich zur Verfügung und der Nazi kam mit dem Leben davon. Bald aber zeigten sich die Folgen. Zwar nicht gesundheitlicher Art.. Der Mann gedieh prächtig, doch das Disziplinargericht der. NSDAP, hatte von der Sache Wind bekommen und lud den Pg. vor sein Tribunal. Zur Entscheidung stand, ob der minderrassig Bluttransfusionierte noch imstande und würdig genug sei, Mitglied der NSDAP, zu bleiben. Schon schien der SA.-Mann verloren, da zeigte sich den Disziplinarrichtern im letzten Augenblick ein Ausweg: Man stellte fest, daß der Blutspender des jüdischen Krankenhauses mehrfach ausgezeichneter Frontkämpfer gewesen war und so, nach den Bestimmungen des Berufsbeamtengesetzes, entschied man, daß die Lebensrettung für den SA.-Mann keine weiteren unheilvollen Folgen zu haben brauche. Er sei, sagten die Disziplinarrichter wörtlich, „in Anbetracht der besonderen Umstände ein reiner Arier geblieb e n". Vor kurzem hat Professor Wenckebach in Wien einen sensationellen Vortrag gehalten, in dem er die Zunahme der angina pectoris und anderer Herzleiden auf die Vergiftung der politischen Atmosphäre durch das Predigen von Haß gegen Andersgesinnte zurückführt. Werden sich dies die, die es angeht, zu Qemüte führen? Man gebe sich in dieser Beziehung keinen übertriebenen Hoffnungen hin! Für die Nutznießer des politischen Hasses ist die Vergiftung des öffentlichen Lebens keine Frage des Herzens (das sie meist gar nicht haben), sondern eine Magenfrage. Die Judenfresser widerlegen durch ihre Existenz die These des Professor Wenckebach, daß der Haß lebensverkürzend wirkt. Für sie persönlich wirkt der Judenhaß als lukratives Geschäft, das seinen Mann gut ernährt, durchaus lebenserhaltend. Und wenn Julius Streicher in einer seiner letzten Enunziationen es als einen erstaunlichen Akt nationalsozialistischer Qnade hinstellt, daß die zur Macht gelangten Hitlerianer sich nicht der Juden durch einen Massenmord entledigten, ist ihm zu erwidern, daß die Hakenkreuzler dies nur in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse unterließen. Die Juden dürfen nicht sterben, weil sonst die Antisemitenführer, fast durchwegs in ihren ursprünglichen Berufen gescheiterte Existenzen, nichts zum Leben hätten . . . ihren Bficherbedari decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung — Antiquariat MERMAMM TIC HIMER, In Wien II.. Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünite R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! Die Huleh-Konzession — ein Fiasko. Wir bringen auszugsweise einen kürzlich Im „Ruf" erschienenen Aufsehen erregenden Artikel Dr. Maximilian Landaus, der den durch die zionistische Huleh- Propaganda in der ganzen Welt erzeugten Freudentaumel jäh zerstört. Dr. Landau enthüllt in einer wirklich überzeugenden, von Sorge um das jüdische Qesamtwohl getragenen Betrachtung den falschen Zauber und die Hasardpolitik der zionistischen exekutive, dte aus purer Geltungssucht und Reklamebedürfnis jüdische Interessen der englischen und arabischen AusbeutungspoHtik in den Rachen wirft. Uebrigens haben inzwischen auch schon andere hervorragende jüdische und nichtjüdische Gelehrte und Sachkenner ein geradezu niederschmetterndes Urteil über diese Transaktion abgegeben, die anfangs der offizielle Zionismus als ein „historisches Ereignis", als einen „Markstein auf dem Wege zum Aufbau des Natfonalheims" suggerieren wollte. sieht in dem Vorgang ein günstiges Anzeichen für die weitere Entwicklung der Dinge und zieht daraus die Berechtigung zu einer optimistischen Beurteilung der Lage in Palästina. Sie steht nicht an, die Huleh-Transaktion' als ein Iiis torisches Ereignis zu bewerten, und spricht von einem Markstein in der Entwicklung des Jischuw. Die Erwerbung der Huleh-Konzession hat in der jüdischen Oeffentlichkeit größtes Interesse hervorgerufen. Ein großes Stück palästinensischen Bodens ist in jüdische Hände gelangt. Die Geschichte der jüdischen Kolonisation in Erez Israel ist um ein wichtiges und folgenschweres Ereignis bereichert. Die offizielle zionistische Presse feiert dieses Ereignis denn auch in allen Tönen. Sie lobt die staatsmännische Weisheit der Jewish Agency, die geschickte Hand der zionistischen Exekutive und die Großherzigkeit der Mandatsregierung. Sie In diese begeisterten Jubelgesänge können wir nicht ohne weiteres einstimmen. Die nüchterne Prüfung der Tatsache ergibt folgendes: Das von der Konzession erfaßte Huleh-Gebiet umfaßt ein Areal von 75.000 Dunam. Davon entfallen 17.000 Dunam auf den Merom-See, der nur zum kleinen Teil trockengelegt werden kann, weil er für das Rutheinbergsche Kraftwerk unentbehrlich ist, und 15.000 Dunam müssen gemäß den Konzessionsbedingungen nach erfolgter Trockenlegung unentgelüich an die arabischen Pächter abgetreten werden. Es verbleibt also für jüdische Kolonisationszwecke ein Gebiet von 25.000 bis bestenfalls 50.000 Dunam. Die Abstandssumme an die alten Konzessionsinhaber beträgt 200.000 Pfund, die Kesten der Drainage und Trockenlegung werden nach Erklärungen des High Commissioners vor der Mandatskommission, die jüngst von Professor Brodetzky bestätigt wurden, auf weit über eine Million Pfund kommen. Danach kann jeder selbst errechnen, wie hoch sich die Effektivkosten pro Dunam des erworbenen Bodens stellen werden. Die notwendigen Entsumpfungsarbeiten werden nach fachmännischer Berechnung ca. 5 Jahre in Anspruch nehmen; erst dann kann der Boden den Siedlern zugäwgig gemacht werden. Und die Zahl der dann anzusiedelnden Familien wird, soll das Gebiet nicht in lauter existenzunfähige Zwergwirtschaften aufgeteilt werden, die von offizieller Seite gegebene Ziffer 2000 wohl kaum erreichen. Man wird froh sein können", wenn es 1500 sein werden. Bei dieser Sachlage hat man sich zu fragen, wo bei diesem Geschäft eigentlich der Vorteil liegt. Es ist wohl ein beruhigender und vertrauenerweckender Umstand, daß an der ganzen Transaktion der Leiter der Chewra Haschcharath Hajischuw, Jehoschua C h a n k i n, eine der verdienstvollsten Persönlichkeiten Palästinas, führend beteiligt war. Aber auch Chankin hat schon viele Böcke geschossen und er ist nicht mehr der jüngste. Für den gesunden Menschenverstand jedenfalls sind auf der Hand liegende wirtschaftliche Vorteile in dem Huleh-Abkommen nicht zu erblicken. &euiltetowi Masaiyk und das Judentum. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur (Vorsitzender Prof. Dr. S. Krauß) hielt am 18. v. M. Prof. Julius Urbach einen Vortrag über Präsident Masaryk und das Judentum. Wann immer und wo immer über diesen herrlichen Menschen und großen Philosemiten gesprochen wird, sollten sich Juden stets zahlreich einfinden, um dankerfüllten Herzens den Schilderungen aus seinem Leben zu lauschen, auch wenn es nicht immer bisher noch Unbekanntes wäre. Als Schuljunge war Masaryk, wie der Vortragende ausführte, ein Judenhasser. so erzogen von seiner katholischen Mutter und darin von seinem Katecheten bestärkt Wankend wurde seine Judenfeindschaft erstmals, als die Realschule in Auspitz, an der Masaryk studierie, einen Ausflug machte und während alle Schüler herumtollten, der einzige jüdische Schüler Prilisauer hinter einer Scheune sein Abendgebet verrichtete. Als Masaryks Gönner, der Brünner Polizeidirektor LeMonnier, nach Wien versetzt wurde, kam mit der Familie auch Masaryk nach Wien — zum zweiten Mal, das erste Mal als Kunstschlosserlehrling, als welcher er seinem Meister durchging. Hier in Wien bezog er das akademische Gymnasium: einer seiner Mitschüler war der nachmalige berühmte Verteidiger Dr. Heinrich Steger. Obschon Hauslehrer bei Le Monnier erteilte Masaryk doch auch Privatunterricht, u. a. auch in der Patrizierfamilie Stern. Nach Le Monnier's Tod würde er Hofmeister bei dem sehr angesehenen Bankier Schlesinger mit festen Monatsbezügen. Alsbald ging er an die Wiener Universität, wo ihn insbesondere die Vorträge Theodor Gomperz' über antike Philosophie fesselten. Nach seiner Promotion zog es ihn nach Leipzig, doch hat ihm das Unterrichtsministerium sein Gesuch um ein Reisestipendium abschlägig beschieden. Da entschloß sich Bankier Schlesinger, seinen Sohn Alfred zusammen mit Masaryk zum Studium nach Leipzig ziehen zu lassen. Hier befreundete er sich alsbald mit seinem um 9 Jahre jüngeren Landsmann Edmund Husserl aus Proßnitz, dem nachmaligen berühmten Philosophen, mit dem er bis auf den heutigen Tag im brieflichen Verkehr steht Als er später, als Privatdozent — das Thema seiner Habilitationsschrift war: „Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der Gegenwart" — infolge Erkrankung seine Privatstunden verlor, geriet er in eine mißliche Lage, in der ihm außer seinem Freund O e 1 z e 11 - Nevin auch die Witwe Moritz Hartmanns, die Mutter Ludo Hartmanns, half: sie versammelte einen Zirkel junger Damen um sich, denen Masaryk zwei Jahre hindurch philosophische Vorlesungen hielt. Einen ähnlichen Kurs hatte er auch in der Familie Gomperz. Zu seinen Hörern gehörten u. a. auch Siegmund Münz (aus Leipnik), Flesch (aus Brünn) und Penizek (aus Tabor), die ihm auch nach Prag folgten, als er 1882 dorthin zum außerordentlichen Professor berufen wurde. Flesch, der Melancholiker war, beging später (1884) in Berlin Selbstmord und hinterließ Masaryk sein sechzigtausend Gulden betragendes Vermögen. Masaryks Biographen bezeichnen Penizek als denjenigen, der ihm den Weg zu seiner Berufung an die neubegründete Tschechische Universität in Prag geebnet hat. Siegmund Münz hingegen war einer jener Hörer, die mit ihrem Lehrer Masaryk im Wiener Stadtpark und in Wiens Umgebung diskutierend zu lustwandeln pflegten. Siegmund Münz war auch derjenige, der 20 Jahre später zu Masaryks Hervortreten in der Hilsner Affäre den Anstoß gab. Noch vor diesem Prozeß, und zwar 1896, war es ein polnischer Jude, der Bibliothekar der Wiener Parlamentsbibliothek, Siegfried Li piner, der wesentlich zu Masaryks Ernennung zum ordentlichen Universitätsprofessor beitrug. Dieser hat nämlich eines Tages den tschechischen Dichter I. S. Macbar, Beamter der Wiener Bodenkreditanstalt, für vier Uhr nachmittags dringend zu sich erbeten. Dort haben beide bis Mitternacht den vom Minister Gautsch gewünschten Bericht über Masaryk ausgearbeitet, worin sie an Hand vieler Zitate aus Masaryks Werken die böswilligen Behauptungen widerlegten, daß Masaryk ein Nihilist, ein Jugendverderber und Prediger des Selbstmordes sei. Diesen Bericht legte Gautsch am nächsten Tage dem Kaiser vor und als dann Fürsterzbischof Graf Schönborn diesem einen Vortrag gegen Masaryk halten wollte, erklärte der Kaiser kurz, er sei besser unterrichtet und — unterzeichnete den Antrag zu Masaryks Ernennung. So also hat Masaryk die Psyche der vielverlästerten Juden kennen und — schätzen gelernt Als dann 1899 die Polnaer Ritualmord-Affäre auftauchte und von ihr das ganze tschechische Volk durchseucht wurde, war es der hochgesinnte unerschrockene Masaryk — damals noch nicht als Gelehrter und Abgeordneter —, der mit seinem scharfen Geist und umfassenden Wissen sich dem Einbruch des Mittelalters in seinem Heimatland aui das Energischeste widersetzte. Darob von den Klerikalen und Antisemiten heftigst angegriffen, schloß er im Wiener Parlament eine diesbezügliche Rede mit den lapidaren Worten: „Ich werde keine Vorlesung über Juden, Antisemitismus usw. halten, denn ich bin überzeugt wer Jesum zu seinem Führer in der Religion hat, kann kein Antisemit sein. Das ist mir so klar, nicht weil Jesus selbst ein Jude war, weil die Apostel Juden waren, nein, aber wenn ich Jesum annehme, kann ich nicht Antisemit sein: Eines oder das andere, Christ oder Antisemit." Und Masaryk wich nicht und wankte nicht, trotz aller erbärmlichen Schmähungen. Er schrieb zwei Broschüren über den Polnaer Prozeß. In der ersten unterzog er die Gerichtsverhandlung einer ebenso scharfsinnigen wie wissenschaftlich exakten Kritik. Darauf erfolgte eine Antwort seitens der Polnaer Gerichtsärzte. Masaryk replizierte darauf mit einer zweiten Broschüre. Aus dieser seien einige Stellen hier wiedergegeben: „Das Polnaer Verbrechen ist kein Ritualverbrechen, im Gegenteil, ist ein schlagender Beweis darauf, daß der Ritualaberglaube in der Tat im vollsten Sinne des Wortes Aberglaube ist, eine Schmach der Zeit, eine brennende Anklage des offiziellen Christentums, die offene Tür alles übrigen Aberglaubens, die hohe Schule nationaler und sozialer Verblendung und Gewalttätigkeit" „Und es ergibt sich schließlich auch die Frage: Haben wir es am Ende nicht mit einer S i m i1 i e r u n st des Ritualmordes zu tun?" „Leichen, mit dem vollen oder nur teilweisen Ritualzeichen ausgestattet, sind immer verdächtig uriff sprechen immer für die Niedertracht eines christlichen Individuums. Die Polnaer Untat widerspricht allen Suppositionen des Ritualaberglaubens." „Die stark verbreiteten Broschüren, in denen das Polnaer Verbrechen mit Zuhilfenahme der Schriften Rohlings als Ritualmord geschildert wird, haben sämtlich Priester zu Autoren." „Das ganze luftige Gebäude des Polnaer Prozesses ist auf dem Sand-, vielmehr Sumpfboden einer vorgefaßten Meinung aufgebaut — In diesem Sumpfboden mußte es darum zusammenstürzen."

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