Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 9 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* Erscheint Jeden Freitag pfflMIllllillM Redaktion und Administration: Wie« II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparfcassenkonto Wien; A 100,918 51. Jahrgang Wien, 1. März 1935 Nummer 9 Blamage der Judenboykotthetze. Rasiere Dldi am und billig Bundeskanzler Dr. S c h u s c h n i g g hat vor seiner Abreise nach Paris und London dem Vertreter der Agence Havas erklärt, die neue Verfassung sichere allen Staatsbürgern volle Gleichberechtigung. Zur gleichen Zeit trat mit Wissen und Billigung der Behörden eine große Versammlung des Verbandes deutscharischer Rechtsanwälte Oesterreichs zusammen, um für die staatsbürgerliche Diskriminierung der Juden Stimmung zu machen, wobei nicht zu übersehen ist, daß dieser Verband den Finanzminister Dr. Buresch und den Schöpfer der neuen Verfassung und früheren Minister Dr. Ender zu seinen Mitgliedern zählt. Der geschäftsführende Vorsitzende des Verbandes, Dr. Viktor T s c h a d e s c h, besprach die Aufgaben des Verbandes und erklärte, die christlich-deutsche Bevölkerung sei das Staatsvolk Oesterreichs, nur diese haben daher alle Rechte, die sich aus dieser Stellung ergeben. D i e arische Bevölkerung habe ein Recht darauf, sich nur durch arische Rechtsanwälte vertreten zu lassen. Wie es scheint, legt aber die christlich-arische Bevölkerung auf dieses Recht, das ihr ja von niemandem streitig gemacht wird, nur wenig Gewicht, sonst brauchte es ihr der christliche Rechtsanwalt, dessen Ariertum hoffentlich echter ist als das Deutschtum seines Namens, nicht so eindringlich in Erinnerung zu rufen. Im Dritten Reiche, wo aus dem von Dr. Tschadesch zitierten Rechte sogar, schon eine Pflicht geworden ist, verhält es sich nicht anders. Das geht aus einer sehr grotesken Affäre hervor, die sich jüngst in Magdeburg abgespielt hat. Dort kamen Nazi-Spione darauf, daß sich viele unzweifelhaft arische Rechtsanwälte in eine Liste — jüdischer Rechtsanwälte einschmuggeln ließen, um von dem großen Vertrauen, das ihre jüdischen Kollegen trotz der intensiven antisemitischen „Volksaufklärung" noch immerallgemein genießen, zu profitieren. Kann es eine größere B1 a m a g e für die ein Jahrzehnt lang betriebene Judenhetze der Hakenkreuzler geben, die sich seit Hitlers Machtergreifung nicht mehr auf geistige Argumentik allein beschränkt, sondern auch brutale Gewaltanwendung nicht verschmäht, um die Rassenpropaganda mit Erfolg zu krönen? Ein wahrhaft sensationeller Erfolg! Man könnte es begreifen, wenn in einem Lande, wo der Antisemitismus zum Staatsgrundgesetz erhoben ist, Juden sich als Arier zu tarnen versuchten. Statt dessen erlebt man das Umgekehrte! Könnte Lächerlichkeit töten, der Nationalsozialismus, dessen von den Führern erhoffte Herrschaftsdauer jüngst von Hitler höchstpersönlich eine Einschränkung von ursprünglich prophezeiten tausend Jahren aui bescheidene dreihundert Jahre erfahren hat, müßte eine noch viel empfindlichere Verkürzung seiner Lebensdauer in Kauf nehmen. Doch die Nationalsozialisten wissen schon, warum sie ausgerechnet Schiller, der als Verherrlicher der individuellen Freiheit eigentlich ihr geistiger Gegenpol ist, als einen der Ihren proklamieren: Ist er doch der Präger des Wortes: „Gegen die Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!" Aus diesem Wort schöpfen die Herren Trost und Zuversicht für sich und ihre Bewegung . . . Tut dies auch die österreichische Gefolgschaft des arischen Rechtsanwaltes, der Tschadesch heißt und daher den Deutschvölkischen posiert? Glaubt dieser Urgermane wirklich an'einen Erfolg der von ihm propagierten standeswidrigen Reklame christlicher Rechtsanwälte in „arischen Zeit weisern"? Muß er nicht eher befürchten, daß seine mit der Mentalität der Bevölkerung vertrauteren Stammes¬ und Standeskollegen es vorziehen werden, nach dem Magdeburger Muster in — jüdischen Anwaltslisten aufzuscheinen, mögen diese Listen auch — da die jüdischen Rechtsanwälte selbst keine standeswidrige Reklame machen — von Antisemiten zu Boykottzwecken angefertigt werden? Ueber das Fiasko der Judenboykottpropaganda liegen ja auch sonst sehr vielsagende Zeugnisse vor. Einer westfälischen Nazizeitung entnehmen wir folgende, in jeder Hinsicht bezeichnende Meldung: „Am Donnerstag mittags zog der „Stürmer"- Verkäufer, begleitet von einer großen Kinderschar, durch die Karlstraße. Jungen und Mädchen riefen im Chor mit dem „Stürmer"-Verkäufer: „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter!" W i e viele mußten da wohl im Bewußtsein ihrer Schuld die Augen vor unserer Jugend niederschlagen!" Ein Lehrer, der dem Nürnberger Gausaf Streicher diesen Zeitungsausschnitt zusandte, schrieb dazu: „Das ist meine Aufklärungsarbeit in der Schule!" Mag der wackere Mann auf seine pädagogischen Früchte unter der Schuljugend noch so stolz sein — der unbefangene Leser erkennt aus der zitierten Zeitungsnotiz deutlichden M i ßerfolg der antisemitischen Boykotthetze unter den E r w a c h s e n e n. Es ist auch kaum anzunehmen, daß diese ihre Augen niederschlagen. Zumindest beim Einkaufen halten sie ihre Augen sicherlich sehr gut offen, um zu erkennen, wo sie am besten und billigsten bedient werden und wenn dies in jüdischen Geschäften der Fall ist, nehmen sie die „Schuld" solchen „Volksverrats" gern auf sich . . . Trotz so wenig ermunternden Auspizien tragen die unentwegten Judenhetzer unter der glorreichen Führung Streichers ihre Boykottpropaganda auf immer neue Gebiete vor. Jetzt sind sie bereits zum größten Gaudium der ganzen Kulturwelt so weit gekommen, die medizinischen Großtaten eines Virchow, Behring, Robert Koch und anderer einst als Leuchten der deutschen Wissenschaft gepriesenen Aerzte nun als in jüdischen Diensten gestandene Volksvergiftung zu „entlar- IEure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal ■ R. Taubminn, Wien II., Nordpolstraße 2/3, Tel. A48-9-22 OesferrclcMsclics Quaiitöfs FabrlKai Ueberau erhältlich ven". Die Feinde der Nationalsozialisten — und dazu gehören naturgemäß auch wir Juden — können sich gar nichts Besseres wünschen, als daß es die Hakenkreuzler mit ihrer Warnung vor allen Errungenschaften auf dem Gebiet der Schutzimpfung ernst nähmen! Denn wenn dies wirklich der Fall wäre, würde die Hoffnung, daß der Nationalsozialismus eine Gesundung des deutschen Volkes mit sich brächte, ihren absurden Charakter tatsächlich verlieren . . . Aber leider predigen die Führer nur anderen Wasser, sie selbst lassen sich den Wein auch dann schmecken, wenn er aus angeblich verpönten Schläuchen quillt: Man erinnere sich bloß an ein gleich zu Beginn des nationalsozialistischen Terrors gegen die jüdischen Aerzte, als man soeben die nichtarischen Mediziner mit Gewalt aus den öffentlichen Spitälern Deutschlands vertrieben hatte, sich abspielendes Ereignis: Damals wurde ein schwerverletzter Würdenträger der S.-A. ausgerechnet ins Berliner jüdische Krankenhaus gebracht und mußte von einem eigens hiezu befohlenen jüdischen Meister-Chirurgen operiert werden. In der Sonntagsnummer der ..Straßburger Neuesten Nachrichten" befindet sich ein Bericht über einen ähnlichen Vortal!, der sich jüngst in einer süddeutschen Stadt zugetragen hat. Ein SA.-Mann war auf der Straße von einem Auto überfahren und in der Eile, die keine Rassebedenken aufkommen ließ, in das benachbarte j üdische Spital überführt worden. Im Krankenhaus er- Montag, den 4. März 1935, 7,8 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe Excelsior, 1., Rotenturmstraße 24 10. ordentl. DefBBierten-Vergammlungder„Union" Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht. 2. Kassabericht. 3. Bericht der Revisoren. 4. Ernennung eines Ehrenpräsidenten. 5. Statutenänderung. 6. Wahlen in den Vorstand. 7. Wahl der Revisoren und Sehiedsgerichts-Obmänner. 8. Bestimmung des Jahresbeitrages. 9. Anträge und Interpellationen. Eintritt nur auf Grund der den Delegierten zugegangenen Einladung (zugleich Legitimation).