Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 8 (22.2.1935)
- Date
- 1935-02-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 8 — 22. Februar 1935 DIE WAHRHEIT h. GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM, KORNMEHL WIEN OL, BERGGASSE NR. 19 nUBUi XVIII., WAKRINOERSTRASSE »? Telephon Nr. A 17-3-99und A 16-9-34 Uafarant für Nsllanstaltu AbteilungemorKoscherfieisch mmtrr Aateiont mhrw. Rabbinates der Isis ftultiMgemalnda Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieb Prüua-Qualität zu den billigsten Marktpreis«!! Der Großrabbiner von Rom gestorben. Der Großrabbiner von Rom, Angeio Sacerdotl, ist im Alter von 50 Jahren an einem Herzschlag plötzlich in Mailand gestorben. * Großrabbiner Angeio Sacerdoti, dessen hervorragende Persönlichkeit sich in Italien und auch darüber hinaus eines Ansehens erfreute, dau sich keineswegs auf die Judenschaft beschränkte, war ein hervorragender jüdischer Gelehrter und der Initiator der Eingliederung der Organisation der jüdischen Gemeinden in den faschistisch-italienischen Staat. Er war bei großen Kongressen eine bekannte Erscheinung; seine außerordentlich guten Beziehungen zum Vatikan und zu Mussolini sind wiederholt sehr augenfällig in Erscheinung getreten. Der Großrabbiner hat, wie erinnerlich, bei Mussolini auch für die deutschen Juden zu intervenieren versucht zu einer Zeit, da zwischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland noch die freundschaftlichsten Beziehungen herrschten — daß die Intervention erfolglos geblieben ist, lag nicht an Mussolini, dessen Wohlwollen für die in Italien durchaus gleichberechtigten Juden nicht zuletzt dem Einfluß Sacerdotis zu verdanken ist Sein frühzeitiger Tod bedeutet einen gewaltigen Verlust für das italienische und ausländische Judentum. Hangerstreik der illegalen Palästina-Einwanderer. Im Gefängnis von Akko sind die dort wegen „illegaler Einwanderung" festgehaltenen 100 jungen Juden in den Hungerstreik getreten. Sie wurden nämlich, obwohl sie zum Teil ihre Strafe bereits verbüßt hatten, zum Teil für die Zulassung zur dauernden Niederlassung empfohlen sind, trotzdem nicht freigelassen, weil man sie zur Angabe ihrer Herkunftsländer zwingen will, um sie dorthin deportieren zu können. Der Chefsekretär der Palästina-Regierung, John Hathorn Hall, hat nun dem Waad Leumi mitgeteilt, daß die 100 jungen Juden auf freien Fuß gesetzt werden sollen, falls zwei Bürgen mit einem Betrag von je 100 Pfund für jeden Gefangenen dafür Garantie leisten, daß die Beschuldigten sich zwei Monate lang zur Verfügung der Polizei halten und-sich jederzeit, wenn dies verlangt wird, bei der Polizei melden. Zu dieser Regelung habe der High Comrnissiöner Sir Arthur Wauchope seine Zustimmung erteilt. Der Waad Leumi hat eine Haifaer Delegation beauftragt, sich nach Akko zu begeben, um die im Hungerstreik befindlichen jüdischen Gefangenen von der Entscheidung der Regierung in Kenntnis zu setzen und sie aufzufordern, den Streik aufzugeben und sich bits zur Regelung der Kautionsangelegenheit zu gedulden. Die jungen Juden haben sich anfangs trotz Aufforderug seitens des Waad Leumi geweigert, den Hungerstreik abzubrechen; sie erklärten, sie hegen Mißtrauen gegen die Arrangements der Regierung. Erst nachdem der Vorsitzende des Waad Leumi Ben Zwi ihnen mehrere Stunden zugeredet iiatte, entschlossen sie sich am Samstag, ,:den 16. Februar, mit dem Streik aufzuhören und ein Sabbath-Mahl zu sich zu nehmen. Der Gesundheitszustand der Gefangenen ist im allgemeinen ein guter, die früher erkrankten haben sich inzwischen erholt. Der Waad Leumi führt die Aktion zur Herbeischaffung der Kautionssummen mit vollem Nachdruck. Nazi-Danzig will seine Verfassung ändern. Die von der nationalsozialistischen Fraktion beschlossene Auflösung des Danziger Volkst a gie s hat auch in jüdischen Kreisen stärkste Besorgnis wachgerufen, da es sich hier ganz offensichtlich darum handelt, eine Aenderung der Verfassung herbeizuführen. Dies kann aber — wie das Organ der Danziger Juden, das „Danziger Echo", betont — das Schicksal der Danziger Juden entscheidend beeinflussen. Als Auftakt zu dem Wahlkampf, der von den Nationalsozialisten mit außerordentlicher Schärfe gleich nach der Verkündung der bevorstehenden Neuwahlen einsetzte, kann ein Berufungsprozeß angesehen werden, der gegen den Herausgeber des „Danziger Echo", Theodor Loevy, von der Staatsanwaltschaft angestrengt wurde und der dieser Tage stattfinden soll. Im September 1934 ist der Herausgeber des „Danziger Echo" unter Anschuldigungen, die sich später vor dem Schnellrichter als haltlos erwiesen haben, verhaftet worden. Die ganze Art des Vorgehens gegen Loevy — er wurde zwei Tage in Haft gehalten und ist auch nach dem freisprechenden Urteil vom Polizeipräsidenten in Schutzhaft gehalten worden — deutete darauf hin, daß es sich hiebei um einen wohldurchdachten Schlag gegen das Danziger Judentum handeln sollte. Viereinhalb Monate haben die Akten Loevy im Senat gelegen, ohne daß während dieser Zeit der vom Staatsanwalt rechtzeitig eingelegten Berufung stattgegeben wurde. Erst jetzt, wo für den Wahlkampi die Leidenschaften in Wallung gebracht werden sollen, wird dieser Prozeß erneut herangezogen, um in der Person Loevys nicht nur die von ihm herausgegebene Zeitung — das „Danziger Echo" — das das e i nzige Organ der Danziger Juden ist, sondern auch die gesamte Danziger Judenschaft zutreffen. Es ist bezeichnend, daß der „Danziger Vorposten", das Organ des Senats und der Partei, — als einzige Danziger Zeitung — den Prozeß in einer Notiz ankündigt, die ganz eindeutig darauf berechnet ist, das Gericht unter Druck zu setzen. In dieser Notiz wird erklärt, daß Loevys Freispruch vor dem Schnellrichter nur dadurch möglich geworden sei, daß er damals ein Dankschreiben des früheren Leiters der Pressestelle des Senats und persönlichen Adjutanten des früheren Senatspräsidenten Rauschning, Georg Streiter, vorlegen konnte. Schon diese Formulierung allein, die den Herausgehör der jüdischen Zeitung in einen Zusammenhang mit dem inzwischen aus Danzig geflohenen Streiter bringen soll, beweist, daß es der Partei darauf ankommt, Loevys Verurteilung zu erzwingen. Im übrigen ist diese Feststellung des „Vorposten" eine glatte Erfindung, da Loevy ein solches Schreiben weder vorgezeigt, noch überhaupt besessen hat. Der „Vorposten" gibt entgegen den Gepflogenheiten nicht nur den genauen Tag des Prozesses, sondern auch den Verhandlungssaal bekannt, ganz offenbar zu dem Zweck, um auch durch die Mobilisierung von S.A.- und S.S.-Leuten im Zuschauerraum den Druck auf das Gericht und insbesondere auf die beiden Schöffen zu verstärken. Im Zusammenhang mit der in Danzig durch Zettelverteilung offen betriebenen Boykottpropaganda hat sich der Vorstand der Jüdischen Gemeinde an den Senat der Freien Stadt Danzig gewandt, um ihn unter Bezugnahme auf die wiederholten amtlichen Erklärungen des Senats über die freie Betätigung der jüdischen Gewerbetreibenden von den Boykottfällen in Kenntnis zu setzen. Die Eingabe enthält genaue Angabe über die offenbar von einer Zentralstelle aus systematisch geleiteten Boykottaktionen. Es wird beantragt gegen den Boykott einzuschreiten und Ermittlungen darüber anstellen zu lassen, von wem diese neue Boykottbewegung ausgeht Ein jüdischer Emigrant aus Deutschland namens Lachmann sandte ein Schreiben an den Danziger Hohen Kommissar, in welchem er die schwere materielle Lage der wenigen Emigranten, die sich in Danzig aufhalten, schilderte. Wenige Tage darauf wurde Lachmann von der Danziger Polizei verhaftet, und es besteht die Befürchtung, daß er ähnlich wie der Redakteur Hirschfeld von der Daiiziger Polizei nach Deutschland ins Konzentrationslager geschafft worden ist. Freunden Lachmanns, die für ihn intervenierten, wurde vorgehalten, daß sie sich selbst verdächtig machten, wenn sie für jemanden intervenieren, der sich mit einer Beschwerde an den Hohen Kommissar gewandt hat Auf welche Weise die Danziger Polizei von der Beschwerde Lachmanns an den Völkerbundkommissar erfahren hat, ist unerfindlich. Der Kommissar selbst hat in der Angelegenheit Lachmann nichts unternommen. Gegen antisemitische Propaganda in Brasilien. Im brasilianischen Parlament wurde ein Gesetzesvorschlag eingebracht, nach dem die Absicht verfolgt wird, die in letzter Zeit verstärkte antisemitische Propaganda einzudämmen. Das projektierte Gesetz-sieht strenge Strafen für die Aufreizung eines Bevölkerungsteiies gegen den anderen vor "Es enthält einei Bestimmung, durch die Kampf gegen religiösem Gruppen ^verboten v,und die Beschlagnahme, bzw. Einstellung; aüer-Zeitungen angeordnet wird, die eine derartige Propaganda treiben. 1 Pessach in Palästina I « Der Palestine & Orient Lloyd, die jüdische Weltorganisation für Palästi- ■ nareisen, Vertretung für Österreich: : £ Reisebüro City Dr. I. H. Körner, : : Wien I. Bezirk, Kohlmarkt 8, : veranstaltet auf dem beliebten italien | Ozeandampfer „Saturnia" [ : (24.000 t) eine : | Gesellschafts-Reise | I nach Palästina I [ Verlangen Sie Prospekte! j Die Göbbels-Mark rollt. Algerien. Im Zusammenhang mit den vor einiger Zeit in Algerien stattgefundenen schweren antijüdischen Ausschreitungen seitens faschistisch verhetzter Mohammedaner begibt sich laut Beschluß des Minilsterrates der Innenminister Regnier nach Algerien, um an Ort und Stelle eine Untersuchung über die Ursachen dieser antijüdischen Bewegung durchzuführen. Der Ministerrat faßte den Beschluß auf Grund des Berichtes des in Paris eingetroffenen Generalgourverneurs von Algier, Carde. Die sich immer mehr bemerkbar machende Unzufriedenheit unter den Moslems in Algier ist, wie man in unterrichteten Kreisen annimmt, in einem hohen Maße von Agitatoren aus dem Auslande inspiriert, die in der Agitation gegen die Juden ein Mittel zur Aufwiegelung der Bevölkerung gegen den französischen Staat sehen. Die Entsendung größerer französischer Truppenkörper nach Afrika zur Aufrechterhaltung der Ordnung wird, wie mitgeteilt wird, demnächst erfolgen. Irak. Aus dem Irak treffen täglich Nachrichten über andauernde Judenverfolgungen, die sich über das ganze Land erstrecken, ein. Die Irak-Presse hetzt in rücksichtsloser Weise gegen die Juden, was zur Folge hat, daß kein Tag vergeht, ohne daß es in dem einen oder dem anderen Orte zu Angriffen auf Juden kommt. Mandschukuo. Ueber Aufforderung der jüdischen Gemeinden in Charbin und in Shanghai besuchten der Vorsitzende der politischen Kommission des American Jewish Congress Dr. Stephen Wise und der Sekretär der Kommission, Prof. Harris M. Calen, den japanischen Botschafter in Washington, S a i t o, dem sie mitteilten, daß unter den jüdischen Gemeinden im Fernen Osten eine starke Beunruhigung über den Bericht herrscht, den der Agent der Geheimpolizei in der Mandschurei, Eguts, im Zusammenhang mit der Entführung und Ermordung von Simon Kaspe, Sohn eines reichen Juden in Charbin, veröffentlicht hat Eguts erklärt, die Menscheuräuber und Mörder, die russische Weißgardisten seien, hätten aus „Patriotismus"' gehandelt. „Die Angeklagten", heißt es in dem Bericht weiter, „sind überzeugt daß jüdische Kommunisten und jüdische Führer der Sowjetregierung die Schuld an dem Untergang des zaristischen Rußland und an der Ermordung des Zaren und seiner Familie tragen. Die Angeklagten haben, indem sie einen Juden entführten und ermordeten, Rache genommen für ihr Vaterland." Durch diesen Bericht, so erklärten Dr. Wise und Prof. Calen, ermutigen die japanischen Behörden, die im Dienste der mandschurischen Regierung stehen, die antisemitische Propaganda der russischen Weißgardisten, die sehr intensiv in der Presse und durch Verbreitung von antisemitischen Legenden unter der Bevölkerung betrieben wird. Der japanische Botschafter wurde daran erinnert, daß der japanische Botschafter in China und der Vizeminister für auswärtige Angelegenheiten in Tokio einer Abordnung der jüdischen Gemeinde in Shanghai die Zusicherung gegeben haben, daß die japanische Regieruns antisemitische Propaganda nicht zulassen werde. Botschafter Saito" versprach, seiner Regierung die Bitte des Congress zu übermitteln, daß sie bei der Regierung des Staates Mandschukuo interveniere, damit der antisemitischen Propaganda in Mandschukuo ein Ende gemacht wird. Jüdischer Flieger, bei Berlin tödlich abgestürzt Von der Neuen Halle des Jüdischen Friedhofes in Berlin-Weißensee fand am 18. Februar die Beerdigung des vor einigen Tagen beim Einfliegen . einer neuen Maschine aus 1500 m Höhe abgestürzten jüdischen Fliegers He in 2 Kiss in statt. Der verunglückte Flieger stand im -25. Lebensjahr. Er hatte bereits etwa 100 Flüge, darunter auch Passagierflüge über die Alpen, absolviert.